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Dorfgemeinschaft in Papua spricht mit ÖRK-Pilgerteam über ihre Wunden

Dorfgemeinschaft in Papua spricht mit ÖRK-Pilgerteam über ihre Wunden

Frauen und Kinder sind in Paupa die ersten Opfer von Waldrodung und Umweltschäden. Alle Fotos: Marion Unger/ÖRK

14. März 2019

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 19. März 2019

Von Marion Unger*

Der Empfang ist überwältigend. In dem kleinen Dorf von Kaliki sind Männer, Frauen und Kinder auf den Beinen. Begleitet von Tänzen und Trommelwirbel wird die Gruppe des internationalen Pilgerteams des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) zum Ortseingang geleitet. Die Pilgerinnen und Pilger werden mit kunstvoll geflochtenen Kronen aus Gräsern und Blumen ausgestattet und ihre Gesichter mit traditionellen Mustern bemalt. Höhepunkt der bewegenden Zeremonie, die sich in andächtigem Schweigen vollzieht, sind neue Namen für alle, die so poetisch klingen wie „Spross der Betelnuss“.

Dem Pilgerweg nach Kaliki haftet ein Hauch von Abenteuer an. Drei Stunden dauert die Fahrt von Merauke, in der indonesischen Provinz Papua, durch die flache Landschaft, wo sich ein Reisfeld an das andere reiht. Es geht flott voran bis etwa fünf Kilometer vor dem Dorf. Dann versinken die Autos im Schlamm und brauchen eine Stunde, um die kurze verbleibende Distanz zu überwinden. Nach dem überaus warmherzigen Empfang beschreibt das Dorfoberhaupt Mateus Kaeze nüchtern die Situation der indigenen Papua, die hier leben.

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Kurz vor dem Dorf Kaliki versinkt die Straße im Schlamm.

Kurz und prägnant listet er die Probleme auf: Landgrabbing, Umweltzerstörung, mangelnder Zugang zu Gesundheitsversorgung und Bildung, Hunger. „Unsere Wälder werden beschädigt und verschwinden mehr und mehr“, sagt er. „Aber die Natur ist unsere Lebensgrundlage und wir sind dafür verantwortlich, sie zu beschützen.“

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In Kaliki wird die Delegation des ÖRK in einer Zeremonie nach traditionellem Brauch empfangen

Außerdem macht er sich Sorgen um die Bildung für die Kinder, und schließlich die Fertigstellung der Straße zum Dorf. Seine Worte enthalten keine Schuldzuweisungen, aber am Ende steht ein dringlicher Appell um Hilfe an die ÖRK-Delegation. Nicht zuletzt auch an seine Kirche, die GKI-TP (Evangelisch-Christliche Kirche in Tanah Papua): Vor elf Jahren sei mit dem Bau einer Kirche begonnen worden, aber es ist kein Geld vorhanden, um sie fertigzustellen.

George Pelasula, der die Delegation begleitet, wird deutlicher. Er ist Pastor in Baidub, einer Gemeinde mit 46 Familien, die sich auf zwei Dörfer verteilen. „Wir sind eingeklemmt zwischen zwei Palmöl-Plantagen“, berichtet Pelasula. „Dafür wurde der Wald abgeholzt.“ Über jeweils hundert Hektar erstrecken sich die Anlagen, von denen eine von einer Firma aus Malaysia betrieben wird. „Die andere gehört dem Polizeichef von Indonesien“, erklärt der Pastor.

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Kaliki hat vor elf Jahren mit dem Bau der Kirche begonnen – doch es ist kein Geld da, um den Bau fertigzustellen.

Seine Gemeindeglieder sind Jäger und Sammler. Bevor die Palmöl-Industrie in ihr Leben eingriff, kultivierten sie Sandelholz und verarbeiteten Krokodilhaut zu Taschen. Das Mehl der Sagopalme war ihr wichtigstes Grundnahrungsmittel. Dann kauften ihnen die Unternehmen ihr Land zu Dumpingpreisen ab. „Die Leute wissen gar nicht, was sie unterschreiben, wenn ihnen ein Vertrag vorgelegt wird“, lautet die Einschätzung von George Pelasula. Die Verkäufer erhalten nicht einmal eine Kopie des Vertrages. Wie soll man da juristisch gegen einen vermuteten Betrug vorgehen?

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Pastor George Pelasula (3. von links) tut sein bestes, um seine pastorale Betreuung der Kirchengemeinde wahrzunehmen und gegen die gedrückte Stimmung in der Gemeinschaft anzukämpfen.

Darum lassen sich die Menschen anwerben, gegen extreme Niedriglöhne den Wald zu roden und in den Fabriken zu arbeiten. Die multinationalen Konzerne bauen in Kaliki eine Agrarindustrie und Produktionszentren für Öko-Kraftstoff auf und betreiben in Baidub die  Palmölplantagen. Sie benutzen ein perfides System der Einschüchterung und Versprechungen, die am Ende nicht eingelöst werden. Stammesälteste erhalten Geschenke, damit sie die Menschen gefügig machen, zugesagte Schulen werden nicht gebaut und – das wiegt am Schwersten – die Menschen dürfen streng genommen den Wald nicht mehr betreten.

„Unser Wald ist kein Wald, er ist ein Politikum“, sagt Pastor Jimmy Sormin von der Kirchengemeinschaft in Indonesien. Das Verbotsgesetz stammt aus der Regierungszeit  des Diktators Suharto, der den Wald kurzerhand als Staatsbesitz reklamierte. Es darf dort nicht mehr gejagt werden und das Fischen verbietet sich ohnehin, denn Flüsse und Seen sind durch die Abwässer der Fabriken stark verschmutzt oder sogar vergiftet.

Die indigenen Papua sehen ihre Chancen auf ein menschenwürdiges Leben schwinden. Sie sorgen sich um die Zukunft ihrer Kinder. Sollte eine Schule im Dorf vorhanden sein, mangelt es an Lehrkräften. Zudem sind diese Staatsbedienstete.

„Manche Kinder können nach sechs Jahren Grundschule noch nicht schreiben und lesen“, sagt Pelasula. Kein Wunder, so resümiert er, dass sich seit Jahren eine tiefe Depression unter den indigenen Papua verbreitet.

Georges Pelasula erlebt deren Folgen Tag für Tag, wenn er als Seelsorger gegen die zunehmende häusliche Gewalt unter seinen Gemeindegliedern ankämpft. Er stellt fest: „Sie sind einfach verzweifelt und wissen nicht wohin mit ihrer Wut.“

*Marion Unger arbeitet als freiberufliche Journalistin in Deutschland.

Rassismus, Klimawandel und wirtschaftliche Gerechtigkeit stehen im Mittelpunkt der Tagung der ÖRK-Kommission für Internationale Angelegenheiten in Indonesien (ÖRK-Pressemitteilung vom 27. Februar 2019)

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Kommission der Kirchen für internationale Angelegenheiten

Fotos des Pilgerteam-Besuchs in Java und West Papua