World Council of Churches

Eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen auf der Suche nach Einheit, gemeinsamem Zeugnis und Dienst

Predigt von ÖRK-Generalsekretär Kobia

Predigt von ÖRK-Generalsekretär Samuel Kobia anlässlich der Tagung des Plenums der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung, 7. Oktober 2009, Kreta, Griechenland.

07. Oktober 2009

Psalm 135; Epheserbrief 2, 19-22; Johannes 15, 1-8

 

Tagung des Plenums der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung

 

7. Oktober 2009, Kreta, Griechenland

 

 

 

Die dritte Auflage des Oxford Dictionary of the Christian Church definiert Ekklesiologie als "Die Wissenschaft vom Gebäude und von der Ausstattung von Kirchen."1 Und sie fährt fort mit der Erläuterung des Wortes, das im 19. Jahrhundert aufgekommen ist, als sich ein neues Interesse an Kirchengebäuden entwickelte! Der Artikel endet mit der Bemerkung, "der Begriff bezieht sich in unserer Zeit für gewöhnlich auf die Theologie der Kirche."2 Das ist eine entschiedene Verbesserung gegenüber der zweiten Auflage von 1974, in der es heißt, "der Begriff (Ekklesiologie) steht manchmal auch für die Theologie der Kirche." Die erste Auflage von 1957 sagt über die Theologie nichts aus.

Der erste Ekklesiologe, der Apostel Paulus, hatte kein Interesse an ekklesiologischen Gebäuden oder ihrer Ausstattung, denn es gab damals noch gar keine. Er war auch kein akademischer Theologe. Er war Apostel, der dem Wesen und Auftrag der Kirche in ihrem täglichen Lebensvollzug auch inmitten von Streit und Spaltung verpflichtet war. Der Brief an die Ephe­ser gehört zu den zentralen Texten im Neuen Testament, die von der Theologie der Kirche und ihrer Einheit handeln. Darin spielt Paulus mit verschiedenen Bildern und Metaphern. Zunächst bezeichnet er sich als einen Fremdling und Außenstehenden, dann aber auch als Bürger und Mitglied der Familie oder des Haushalts Gottes; für Haushalt steht hier im Griechischen das Wort oikeioi, das die Wurzel des Wortes "Ökumene" ist. Haushalt wird so zu einem Haus mit Fundamenten und mit einem Eckstein: den Aposteln und Propheten und Christus Jesus, dem Eckstein, der das ganze Gefüge zusammenhält. Die christliche Gemeinschaft ist demnach ein heiliger Tempel, in dem Gott wohnt.

Paulus sieht in der Kirche einen Teil des Heilsplanes Gottes, die eine neue Gemeinschaft bauen soll, in der die Mauern zwischen Religion und Kultur niedergerissen werden. Paulus' Theologie von der Kirche ist untrennbar mit der Einheit der Kirche verbunden. Im Epheserbrief ist das Werk der christlichen Einheit nicht Sache des Paulus, der Apostel oder der Gemeinschaft. Sie ist das Werk Gottes in Christus Jesus. In ihm wird die Grunderfahrung der gespaltenen Menschheit aufgehoben. Er ist unser Friede. Er ist unser Eckstein.

Johannes legt uns im seinem Evangelium ein konkreteres Bild, eine andere Metapher für Einheit vor: das Bild des Weinstocks und seiner Reben. Wir sind miteinander verbunden, weil wir zuallererst mit Christus verbunden sind, wie die Reben des Weinstocks untereinander verbunden sind, weil sie mit dem Weinstock verbunden sind. Herzstück der ökumenischen Pilgerreise ist das gemeinsame Sein in Christus.

Heute ergibt sich die wichtigste und elementare Arbeit an der Ekklesiologie aus dem ökumenischen Dialog: am multilateralen Tisch von Glauben und Kirchenverfassung ebenso wie an den vielen Tischen des bilateralen Dialogs. Nach den Lehren des Paulus über die Kirche hat die Ekklesiologie ihre Wurzeln in einer Vision von der vollkommen sichtbaren Einheit der Kirche, die heute aus der Erfahrung des Gespaltenseins erwächst. In diesem Sinne erklärt Glauben und Kirchenverfassung in dem Papier Wesen und Auftrag der Kirche, "die Kirche ist eine, weil Gott der eine Schöpfer und Erlöser ist, der die Kirche durch Wort und Geist an sich bindet und sie zu einem Vorgeschmack und einem Instrument der Erlösung aller geschaffenen Wirklichkeit macht."3

Fragen nach der Kirche, Fragen nach der Ekklesiologie beschäftigen die besten Köpfe in Theologie, Kirchenleitung und Ökumene. Dr. Geoffrey Wainright, ein herausragendes Mitglied dieser Kommission, schrieb im Jahre 1983: "Den ekklesiologischen Ort einer bestimmten Gemeinschaft zu suchen und zu bekennen, ist ein Akt der Erforschung und der Verkündigung des Evangeliums selbst."4

Die Texte "Wesen und Auftrag der Kirche" und "Berufen, die eine Kirche zu sein"" sprechen von Ekklesiologie im Sinne von koinonia oder Gemeinschaft und nennen zugleich "Attribute" der Kirche nach dem Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel: die Kirche ist eins, heilig, katholisch und apostolisch. Andere Zeiten und unterschiedliche Traditionen haben unterschiedliche Akzente gesetzt: sie haben Apostolizität mit Mission, Katholizität mit der Lehre, Heiligkeit mit Frömmigkeit und ethischem Leben, Einssein mit Einheit verknüpft. Alle diese Akzente haben in der modernen ökumenischen Bewegung ihren Ort, und sie alle waren und sind das vertraute Arbeitsfeld der Bewegung von Glauben und Kirchenverfassung seit der ersten Weltkonferenz im Jahre 1927 bis heute, bei dieser Tagung der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung. In dem Text Gemeinsam den einen Glauben bekennen" hat Glauben und Kirchenverfassung formuliert, "… die Kirche (kann) ihren Sendungsauftrag gegenüber der Welt nur erfüllen, solange sie selbst als die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche ständig erneuert wird"5. Bei dieser Erneuerung geht es immer um das Sein in Christus, und dabei berühren wir das Feld des Gebets und ökumenischer Spiritualität, die ebenso wichtig sind wie die ökumenische Theologie.

In der Gebetswoche für die Einheit der Christen 2009, die die Grundlage für unser tägliches Gebet bei dieser Kommissionstagung bildet, hören wir Worte aus den hebräischen Schriften des Propheten Hesekiel, die im Zusammenhang mit christlicher Einheit ungewöhnlich sind. "Sie sollen eins sein in Gottes Hand" (Hes. 37, 19). Die Wahl dieser Worte, die den Untertitel unserer Tagung in dieser Woche bilden, sind wahrhaft ein Geschenk der Kirchen von Korea an die ökumenische Bewegung; sie haben der Kommission des ÖRK für Glauben und Kirchenverfassung und dem Päpstlichen Rat für die Einheit der Christen diesen Text für die Gebetswoche für die Einheit der Christen in diesem Jahr vorgeschlagen. Diese Auswahl kommt aus der koreanischen Erfahrung des Lebens in einem zweigeteilten Land und findet ihren Widerhall in ähnlichen Situationen in allen Teilen der Welt; Glauben und Kirchenverfassung ist zutiefst dankbar für die Hilfe des Landes, aus dem unser verehrter Vorsitzender Vasilios stammt, nämlich Zypern. Der Prophet Hesekiel verkündigt Hoffnung nicht nur für geteilte Na­tionen , sondern auch für gespaltene Kirchen; sie sollen in Gottes Hand eins werden. Die Verkündigung des Heilsplans Gottes für die Einheit gilt nicht nur der Einheit der Kirche, sondern darüber hinaus der Einheit der ganzen Menschheit. Sie ist eine starke Resonanz auf den Bericht der Vierten Vollversammlung des ÖRK in Uppsala, 1968, mit dem Titel "Der Heilige Geist und die Katholizität der Kirche" und auf eine spätere Publikation der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung, Kirche und Welt: Die Einheit der Kirche und die Erneuerung der menschlichen Gemeinschaft, die auf die tiefgreifende Verbindung zwischen der Einheit der Kirche und der Einheit der Menschheit hinweist, die niemals voneinander getrennt werden dürfen.

Die Vision von der Einheit ist das Herzstück von Glauben und Kirchenverfassung, deren Hauptziel darin besteht, "die Einheit der Kirche Jesu Christi zu verkündigen und die Kirchen zur sichtbaren Einheit in dem einen Glauben und der einen eucharistischen Gemeinschaft aufzurufen, die ihren Ausdruck im Gottesdienst und im gemeinsamen Leben in Christus findet, … damit die Welt glaube." Diese Vision der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung von der Einheit der Kirche ist das gemeinsame Ziel des Ökumenischen Rates der Kirchen und von Anfang an fester Bestandteil unserer Verfassung.

Es gibt einen weiteren Bibeltext und darin eine andere Sicht vom Wesen und Auftrag der Kirche, die auf andere Weise den Kern der Sache trifft und ähnlich wie der Hesekieltext keinen Eingang in den Kanon der verabredeten ökumenischen Bibeltexte gefunden hat. Ebenso wie die heutige Lesung aus dem Evangelium des Johannes entstammt auch der Text dem Bericht vom letzten Abendmahl am Abend vor Christi Leiden und Tod. Viele unserer Kirchen lesen diesen Text in der Karwoche am Gründonnerstag; ich denke, wir täten gut daran, wenn wir ihn auch bei allen kirchlichen Tagungen und in der Gebetswoche für die Einheit der Christen lesen würden:

Ein neues Gebot gebe ich euch, dass ihr euch untereinander liebt, wie ich euch geliebt habe, damit auch ihr einander lieb habt. Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt (Johannes 13, 34-35).

Die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung kann nur zum Konsens finden, wenn sie sich in ihrer Arbeit von Liebe leiten lässt. Sie können in dieser Woche Einverständnis über die Quellen der Autorität und den Platz der Lehrer und der frühen Zeugen der Kirche erzielen. Sie können sich in dieser Woche auch darüber verständigen, wie man in den Kirchen in Fragen ethisch-moralischer Urteilsfindung am besten vorgeht. Sie können in dieser Woche klare, neue Vorstellungen darüber entwickeln, wie wir an der Ekklesiologie weiterarbeiten sollen. Wenn das alles jedoch ohne Liebe geschieht, dann zeigt es lediglich Gewandtheit. Das Gespräch und die Einigungen, die hier zustande kommen, werden aber das geknickte Rohr nicht wieder aufrichten; sie kommen nicht aus dem Sein in Christus, dem Rebstock, dem Eckstein. Sie werden nicht zur Einheit hinführen, damit die Welt glaube; niemand wird erkennen, dass ihr seine Jünger seid, wenn ihr euch nicht untereinander liebt, wie Christus jede und jeden einzelnen von euch liebt.

Wie wird diese Liebe bei einer Plenartagung der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung erkennbar? Sie zeigt sich nicht daran, dass es keinerlei Uneinigkeit oder Differenzen gibt; diese dürfen jedoch nicht im Geiste des Streits oder des Neides ausgetragen werden. Liebe fordert einen Geist der gegenseitigen Achtung, der Toleranz, der Vergebung und der Fürsorge für die anderen. Sie bedeutet, aufeinander zu hören. Wenn ihr von hier aufbrecht und einander nicht vermisst, dann habt ihr euch untereinander nicht geliebt. Dann seid ihr euch fremd und unbekannt geblieben, und es fehlt euch an der Vision vom Haushalt Gottes, der auf dem Fundament der Apostel und Propheten beruht und dessen Eckstein Jesus Christus ist.

Was die Vollversammlung des ÖRK 2006 in Porto Alegre in ihrer Erklärung zur Ekklesiologie "Berufen, die eine Kirche zu sein" formuliert hat, gilt gleichermaßen für diese multilaterale theologische Kommission von Vertreterinnen und Vertretern aus den Kirchen, die hier versammelt sind:

… getrennte Kirchen (verleihen) der gegenseitigen Rechenschaft und Aspekten ihrer Katholizität bereits Ausdruck, indem sie füreinander beten, Ressourcen miteinander teilen, einander in Zeiten der Not beistehen, Entscheidungen gemeinsam treffen, sich gemeinsam für Gerechtigkeit, Versöhnung und Frieden einsetzen, einander Rechenschaft ablegen in der Nachfolge, die in unserer Taufe impliziert ist, und den Dialog trotz der Unterschiede aufrechterhalten und sich weigern zu sagen: "Ich brauche dich nicht" (1. Kor. 12, 21). Wir verarmen, wenn wir voneinander getrennt sind.6

Wenn eines dieser Dinge fehlt, werden Wesen und Auftrag der Kirche verraten. "Daran wird jedermann erkennen, dass ihr meine Jünger seid, wenn ihr Liebe untereinander habt." Dieses Gebot möge während dieser Tagung der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung und in eurem ganzen Leben mit der Hilfe unseres gütigen Gottes tief in euren Herzen Wurzeln schlagen.

Amen.


1 Cross & Livingstone, Hsg., Oxford Dictionary of the Christian Church, Dritte Auflage (Oxford: OUP, 1997), S. 526.

2 Ebenda.

3 Nature and Mission of the Church, Faith and Order Paper 198, Genf, 2005, S. 14 (im deutschen Dokument S. 7, Punkt 12 – Anm. d. Übers.).

4 Geoffrey Wainwright, The Ecumenical Moment (Grand Rapids, 1983), S. 190.

5 Gemeinsam den einen Glauben bekennen - Eine Ökumenische Auslegung des apostolischen Glaubens wie er im Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel(381) bekannt wird. Lembeck/Bonifatius, 1991, S. 95.

6 Text zur Ekklesiologie: Berufen, die eine Kirche zu sein