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Ukrainische Flüchtlinge erhalten eine warme Mahlzeit in einem AIDRom-Stützpunkt am Grenzübergang von Sculeni zwischen Rumänien und Moldawien, 17. März 2022.  Der Grenzübergang bei Sculeni in der Nähe von Iasi in Rumänien dient als Anlaufpunkt für ukrainische Geflüchtete, die den Grausamkeiten des Krieges und der russischen Invasion der Ukraine im Februar 2022 entkommen konnten. Der Grenzübergang an der Ostgrenze Rumäniens ist das Ziel der Geflüchteten, die nach ihrer Reise durch Moldawien in das Land wollen.

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Versorgungsketten für Nahrung und Medikamente sind zerstört. Ein Großteil der Gesellschaft  wurde wegen der militärischen Reaktion mobilisiert, und viele Bereiche der Gesellschaft, wie Landwirtschaft und Industrie, sind zum Stillstand gekommen. Alle Häfen am Schwarzen Meer (inklusive des Asowschen Meeres) haben für den Handel geschlossen. Dieser Konflikt bedeutet ernste Herausforderungen für die Gesundheitsversorgung, Lebensmittelsicherheit und weitere Wirtschaft der Ukraine und darüber hinaus.

Herausforderungen zu Gesundheit und Wohlergehen

Tausende Zivilisten wurden verletzt und getötet, neben tausenden von Soldaten auf beiden Seiten, die verwundet oder getötet worden sind. Der Level der Verwüstung und des physischen und psychischen Traumas, das Gemeinden in der Ukraine erfahren, ist nicht abschätzbar. Zwischen dem 24. Februar und dem 17. März hat die Weltgesundheitsorganisation 43 Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen verifiziert, bei denen 12 Menschen getötet und 34 verletzt wurden, darunter auch Mitarbeiter des Gesundheitswesens. Sauerstoff und medizinischer Nachschub, u.a. für die Behandlung von Schwangerschaftskomplikationen, ist gefährlich gering. Bei mehr als 4.300 Geburten in der Ukraine seit Beginn des Krieges und 80.000 erwarteten Geburten in den nächsten drei Monaten können die katastrophalen Folgen für ein Angriffen ausgesetztes Gesundheitssystems gar nicht überbetont werden. Der Konflikt verstärkt auch die Auswirkungen der COVIID-19-Pandemie in der Ukraine, wo nur ein drittel der erwachsenen Bevölkerung vollständig geimpft ist, was das Risiko vergrößert, dass große Zahlen von Menschen schwer erkranken könnten.

Dieser Konflikt ist auch deshalb so gefährlich, weil Osteuropa und Zentralafrika noch immer Heimat der am schnellsten wachsenden AIDS-Epidemie der Welt sind. In der Regionen leben 1,6 Millionen Menschen mit HIV (davon 70% in Russland), und es gibt 146.000 Neuinfektionen jedes Jahr. Drogenmissbrauch ist für rund 50% der Neuinfektionen verantwortlich, aber es wird prognostiziert, dass ungeschützter Geschlechtsverkehr in den nächsten Jahren die Hauptursache werden wird. Die Ukraine ist eines der erfolgreichsten Länder in der Region in der Bekämpfung der Epidemie. Im vergangenen Jahr vergab sie antivirale Medikamenten an 146.500 Menschen, und sie ist ein bemerkenswerter Champion in Sachen Schadenbegrenzung, mit  Opioid-Agonist-Therapie und Austauschprogrammen für Spritzen. Die Ukraine meldet auch ungefähr 30.000 neue Fälle von Tuberkulose jedes Jahr und hat eine der höchsten Raten von multiresistenter Tuberkulose in der Welt. Wie wir auf der Krim und in den Regionen Donetsk und Luhansk im Osten der Ukraine in 2014 gesehen haben, ist das Risiko groß, dass Menschen, die in den Regionen, die unter die Kontrolle Russlands kommen werden, mit Tuberkulose und HIV leben, Zugang zu HIV- und Tuberkulosemedikamenten, Pflege und Unterstützung verlieren werden. Dieser Konflikt zerstört schnell die Erfolge, die in Sachen Behandlung und Prevention in den letzten zehn Jahren erreicht worden sind, und ist verheerend für die HIV- und Tuberkulosekontrolle in Osteuropa, was die große öffentliche Gesundheitstragödie noch verstärkt.

Herausforderungen an Lebensmittelsicherheit und die Wirtschaft

Die weitreichenden Folgen für die Gesellschaft in allen Teilen des Landes und die Zerstörung von Infrastruktur und Produktionskapazität wird das Land im weiteren Verlauf des Krieges voraussichtlich in eine tiefe Rezession führen. Selbst wenn die Kampfhandlungen sofort enden würden, sind die Kosten für Erholung und Wiederaufbau bereits massiv. Die ökumenischen Folgen der Krise haben Auswirkungen auf den Rest der Welt. Die tiefgreifensten sind höhere Preise für Nahrungsmittel und Rohstoffe. Russland ist ein bedeutender Erzeuger von Erdöl und Erdgas und hat infolge der harten Sanktionen, die gegen Exporte des Landes verhängt worden sind, bereits die Preise für Brennstoffe auf Rekordhöhen hochgetrieben. Höhere Brennstoffpreise treiben die Kosten für Nahrungsmittel hoch und tragen zum Steigen von Transport-, Nahrungsmittel- und Düngemittelproduktionspreisen bei.

Der Konflikt bedroht auch Millionen von sehr kleinen Frühlingssprösslingen, die in den kommenden Wochen von den Halmen inaktiven Winterweizens sprießen sollten. Wenn die Bauern diese Pflanzen nicht bald nähren können, wird es viel weniger dieser Sprösslinge geben, was eine nationale Weizenernte gefährdet, auf die Millionen Menschen in Entwicklungsländern angewiesen sind. In 2021 waren Russland und die Ukraine unter den drei weltweit größten Exporteuren von Weizen, Mais, Raps, Sonnenblumenkernen und Sonnenblumenöl. Die Ukraine und Russland produzieren ein Drittel allen in der Welt produzierten Weizens. Mit 13%  der weltweiten Produktion war die russische Föderation der größte Exporteur von Stickstoffdüngern und der zweitgrößte Exporteur von Kali- und Phosphordüngern. Viele Länder, die auf den Import von Nahrungs- und Düngemitteln in hohem Maße angewiesen sind, einschließlich einiger, die in die Kategorie der am wenigsten entwickelten Länder und die Gruppe der Niedrigeinkommensländer mit Ernährungsdefizit fallen, sind auf Nahrungsmittellieferung aus der Ukraine und Russland angewiesen, um ihre Bedürfnisse zu decken. Viele dieser Länder hatten bereits vor dem Konflikt mit den negativen Auswirkungen hoher weltweiter Preise für Lebensmittel (die höchsten seit 2008) und Dünger zu kämpfen.

In einer Welt, die versucht, sich von zweit Jahren Pandemie zu erholen, werden diese massiven Bewegungen in den Rohstoffpreisen — die Rohmaterialien, die uns nähren, wärmen und fortbewegen — gerade den ärmsten Menschen in der Welt, die einen signifikanten Anteil ihres Einkommens darauf verwenden müssen, sich bloß zu ernähren, noch mehr Leiden und Armut bringen.

Bedrohungen für Frieden und Entwicklung

Konflikte und bewaffnete Offensiven bringen mehr Unsicherheit, Hass und Krieg. Trotz der COVID-19-Pandemie sind die militärischen Gesamtausgaben auf 1.981 Milliarden Dollar in 2020 gestiegen, ein Anstieg von real 2,6% seit 2019. Alle Zeichen deuten auf einen weiteren signifikanten Anstieg in diesem Jahr. Am Beginn des russisch-ukrainischen Konflikts verkündete Deutschland, dass es dem Militär weitere 100 Milliarden Euro zur Verfügung stellen werde. Dies brachte die Militärausgaben über 2% des Bruttoinlandsproduktes und bedeutete einen Wendepunkt in der deutschen Politik. Die rückläufige Friedensdividende seit dem Ende des Kalten Krieges scheint zu einem abrupten Ende gekommen zu sein. Steigende Angst vor Krieg und Unsicherheit und ein Anstieg in Militär- und Verteidigungsinvestitionen reduzieren die Beachtung und Mittel, die für Entwicklung und zur Bekämpfung der Klimakrise aufgebracht werden.

Die Notwendigkeit von Frieden und die Beendigung der Kriegshandlungen

Die Notwendigkeit der sofortigen Beendigung der Kampfhandlungen und der Stiftung von Frieden könnte deutlicher nicht sein. Diese tragischen Zeiten sind auch Momente in der Geschichte, die tiefe Eruierung verlangen sowie Verwandlung aller. Der heilige Johannes Chrysostomus (344 – 407 n. Chr.) erinnert uns in seiner 50. Homilie über das Evangelium nach Matthäus an die unzerbrechliche Verbindung von Eucharistie und Solidarität mit den Ärmsten und denen, die notleiden. “Willst du also Christi Leib ehren? Derselbe, der da gesagt hat: ‘Dies ist mein Leib’ […], derselbe hat auch gesagt: ‘Ihr habt mich hungern gesehen, und habt mich nicht genährt’ und: ‘Was ihr einem, von diesen geringsten nicht getan habt, habt ihr auch mir nicht getan’. […] So erweise auch du ihm die Ehre, die er selbst verlangt hat, und verwende deinen Reichtum zugunsten der Armen.” Wir können dies auf alle existenziellen Situationen, denen sich die Menschheit derzeit ausgesetzt sieht — Krieg, Gewalt, Tot, Zerstörung und Vertreibung — ausweiten. 

Unser Handeln als Christen ist zutiefst mangelhaft, wenn wir die Äußeren Zeichen und Bräuche unseres Glaubens beibehalten, aber abgekoppelt sind von dem Leiden, das Menschen durchmachen, und nur zusehen oder die Gewalt gar befördern. Möge Gott unsere prophetische Stimme und unser Handeln stärken, um Frieden zu bringen und alle Konflikte zu beenden!

Und es soll durch dich wieder aufgebaut werden, was lange wüst gelegen hat, und du wirst wieder aufrichten, was vorzeiten gegründet ward; und du sollst heißen: “Der die Lücken zumauert und die Wege ausbessert, dass man da wohnen könne”.       
— Jesaja 58, 12

About the author :

Dr Manoj Kurian is the coordinator of the WCC-Ecumenical Advocacy Alliance.

He is a Malaysian medical doctor, trained in Community Health and Health Systems Management. After working for seven years in mission hospitals in diverse rural regions in India, from 1999, he headed the health work at the WCC for 13 years. From 2012, for two years, he worked at the International AIDS Society as the senior manager, responsible for the policy and advocacy work.

He is an adjunct faculty at the College of Public Health, Kent State University, USA. Manoj is married and has two children.