World Council of Churches

Eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen auf der Suche nach Einheit, gemeinsamem Zeugnis und Dienst

28-06-01 "Dient Gott, nicht Mammon"

28. Juni 2001

BOTSCHAFT DER GEMEINSAMEN KONSULTATION ÜBER DIE GLOBALISIERUNG IN MITTEL- UND OSTEUROPA: REAKTIONEN AUF DIE ÖKOLOGISCHEN, WIRTSCHAFTLICHEN UND SOZIALEN FOLGEN, 24.-28. JUNI 2001, BUDAPEST

47 Vertreter und Vertreterinnen orthodoxer, protestantischer und römisch-katholischer Kirchen in Mittel- und Osteuropa sowie eine Reihe von Sachverständigen kamen vom 24.-28. Juni in Budapest zusammen. Der Rat der Europäischen Bischofskonferenzen hatte einen Redner entsandt. Darüber hinaus nahmen 30 Gäste und Mitarbeiter/innen regionaler und internationaler ökumenischer und zivilgesellschaftlicher Organisationen aus aller Welt teil. Eingeladen zu dem Treffen hatten der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK), der Reformierte Weltbund (RWB), die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) und der Europäische Gebietsausschuss des RWB. Auch der Lutherische Weltbund (LWB) begleitete den Prozess. Die Konsultation ist Teil des gemeinsamen Prozesses zur Globalisierung, den die genannten Organisationen nach dem Aufruf der RWB-Generalversammlung 1997 in Debrecen, Ungarn, zum "Bündnis für Gerechtigkeit in Wirtschaft und Umwelt (Processus Confessionis)" sowie im Anschluss an die Empfehlungen zur Globalisierung der Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen 1998 in Harare angeregt hatten. Die Konsultation ist die zweite in einer Reihe von regionalen Tagungen, die mit einem Symposium in Bangkok begann und mit Kirchentagungen im pazifischen Raum, in Westeuropa, Lateinamerika, Afrika und Nordamerika fortgesetzt werden wird. Gastgeberin und Förderin der Konsultation war die Reformierte Kirche in Ungarn, die als Tagungsort das Reformierte Theologische Seminar (Raday) in Budapest zur Verfügung gestellt hatte.

Wachsamer sein

Vor etwa zehn Jahren entdeckten wir, die Menschen und Kirchen in Mittel- und Osteuropa, mit Begeisterung unsere neu gewonnene Freiheit. Wir fühlten uns, als wäre ein dunkler Schatten vorbeigezogen und wir stünden wieder im Sonnenlicht.

Rückblickend wird klar, dass damals sowohl die Kirchen als auch die Regierungen die Größe und Natur der Probleme erheblich unterschätzt hatten. Aus den Erzählungen der am stärksten Betroffenen geht hervor, dass nicht alle Schwierigkeiten auf die Ereignisse von vor mehr als 10 Jahren zurückzuführen sind. Das bedeutet, dass wir wachsamer sein müssen, wenn wir den Frauen und Männern in Mittel- und Osteuropa wirklich zur Seite stehen wollen.

Die Länder in dieser Region haben sehr unterschiedliche kulturelle und religiöse Traditionen. Die verfügbaren Daten zeigen, dass einige Länder wirtschaftliches Wachstum, eine verbesserte Beschäftigungslage und verstärkte Bemühungen im Umweltschutz verzeichnen. Insgesamt gesehen kann man jedoch sagen, dass in dieser Region Millionen von Frauen und Männern aufgrund der steigenden Arbeitslosigkeit und des Wertverlust von Renten und Löhnen verarmen. Den Statistiken des Berichts des UN-Entwicklungsprogramms zufolge (cf. United Nations Development Programme, Human Development Report for Central and Eastern Europe and CIS [Bericht über die menschliche Entwicklung in Mittel- und Osteuropa und der GUS], New York 1999)  

  • lebten 1989 rd. 14 Millionen Menschen in den ehemaligen Ostblockstaaten mit weniger als 4 Dollar pro Tag. Mitte der 90er Jahre war ihre Zahl auf 147 Millionen angestiegen;
  • zeichnete sich gleichzeitig im krassen Gegensatz dazu ein neues Phänomen ab: exzessiver Reichtum für eine kleine Minderheit;
  • ist die Lebenserwartung in einigen dieser Länder heute deutlich niedriger;
  • ist das Niveau im Gesundheits-, Schul- und Bildungswesen gesunken;
  • hat die Handelskriminalität rapide zugenommen.

Suche nach Erklärungen

Angesichts dieser Fakten fühlten wir uns moralisch verpflichtet, nach zusätzlichen Erklärungen für die vorherrschende Enttäuschung und das Gefühl des Verrats zu suchen. In kleinen Arbeitsgruppen untersuchte die Konsultation die ökologischen, kulturellen, wirtschaftlichen und sozialen Auswirkungen der Globalisierung auf die Region. Die daraus entstandenen Berichte enthalten Analysen, Auswertungen und Vorschläge für alternatives Handeln, die Eingang in die vorliegende Botschaft gefunden haben. Die Gruppen stellten zwei Hauptgründe für die heutigen Schwierigkeiten in der Region heraus.

Zunächst die Art und Weise, wie die meisten Regierungen nach 1989 mit der Transformation der Gesellschaft umgegangen sind. Wo der Kommunismus sich bis dahin auf eine uneingeschränkte staatliche Planung gestützt hatte, optierten die Politiker nun für eine ungezügelte Marktwirtschaft als Weg in eine bessere Zukunft. Sie erkannten nicht, dass eine Marktwirtschaft ohne sozialen, kulturellen und institutionellen Rahmen das gesellschaftliche Gefüge zerreißen würde. Auslandsanleihen und Finanzhilfen wurden nun im Namen des wirtschaftlichen Wachstums abhängig gemacht von Privatisierung, Liberalisierung und Deregulierung. Diese neoliberale "Schocktherapie" mit ihrem Gebot der Beschränkung staatlicher Eingriffe setzte die bestehenden Sozialleistungen für die Durchschnittsbürger schlicht und einfach außer Kraft.

Zweitens eine neue Dynamik, die durch die Einführung globaler Informations- und Kommunikationstechnologien und die außerordentliche Ausweitung der neuen 'globalen‘ Märkte in Gang gesetzt wurde. Sie wird häufig als 'Globalisierung‘ bezeichnet, doch ist 'Globalisierung‘ ein viel komplexerer Begriff. Wenn es bei der Globalisierung um zunehmende Möglichkeiten für eine echte Zusammenarbeit zwischen Staaten und Völkern und um Gelegenheit zu Kommunikation und gemeinsamem Handeln geht, dann wird sie mit positiven Konnotationen verbunden. So hat z.B. unsere Konsultation davon profitiert, dass Christen aus vielen Kontinenten daran teilnehmen konnten.

Globalisierung bekommt aber einen negativen Beigeschmack, wenn man darunter die Vorherrschaft einer Ideologie versteht, die das uneingeschränkte Handeln der sog. 'Players‘ auf den Weltmärkten rechtfertigt und fördert und einer noch nie dagewesenen Machtkonzentration in den Händen selbsternannter "Herrscher" aus Wirtschaft, Medien und anderen Bereichen das Wort redet. Der ungehemmte Kapitalfluss wird zum Maßstab dafür, ob menschliches oder politisches Handeln wirtschaftlich gut oder schlecht ist. Auf unserer Konsultation haben wir klar unterschieden zwischen diesem neoliberalen Projekt, das einige 'Globalismus‘ nennen, und dem bereits angesprochenen historischen Prozess der 'Globalisierung‘. Hinter dem Projekt stehen mächtige wirtschaftliche Eigeninteressen. Es kommerzialisiert zwischenmenschliche und institutionelle Beziehungen wie auch die natürlichen Lebensgrundlagen - Erde, Wasser, Luft - und sogar den menschlichen Körper. Die Ideologie, Machtstrukturen und Praktiken, die mit diesem Projekt einhergehen, haben dramatische Veränderungen in den Volkswirtschaften und Gesellschaften in Mittel- und Osteuropa bewirkt. Unmittelbare Folge ist, dass die Regierungen auf allen Ebenen unter Druck geraten, ihre Sozial-, Gesundheits-, Bildungs- und Umweltausgaben zu reduzieren, um für das 'globale‘ Kapital 'attraktiver‘ zu werden. Frauen und andere anfällige Bevölkerungsgruppen sind am stärksten von einer solchen Politik betroffen.

Diese Ideologie der Privatisierung um jeden Preis hat die bestehenden Infrastrukturen ausgehöhlt. Sie hat die Rolle des Staates auf ein Minimum beschränkt, so dass die Armen ohne ausreichenden Schutz und angemessene Unterstützung da stehen, und sie hat der Kriminalität und Spekulation Tür und Tor geöffnet. Verantwortungslose Unternehmensbesitzer, denen das Los von Unternehmen und Angestellten gleichermaßen gleichgültig ist, haben viele der frisch privatisierten Unternehmen und Banken aufgekauft. Alternative Zugangsmöglichkeiten zum Eigentum wurden kaum in Betracht gezogen, genauso wenig wie der Umstand, dass ein solcher Besitz auch soziale Verpflichtungen mit sich bringt.

Gerechtigkeit für die Armen

Diese Verwirrung über den Begriff der 'Globalisierung‘ wird häufig als Alibi benutzt, und das nicht nur von wichtigen internationalen Einrichtungen wie dem IWF, der WTO und der Weltbank, sondern auch von einer wachsenden Zahl von Regierungen. Sie verlangen dem Normalbürger große Opfer ab. Und dies trotz vorliegender Belege dafür, dass wirtschaftliches Wachstum die menschliche Entwicklung nur dann fördert, wenn

  • Arme, Arbeitslose und andere schwache Bevölkerungsgruppen unterstützt werden;
  • die Umwelt geschützt wird;
  • Transparenz und Rechenschaftspflicht in den Regierungsgeschäften herrscht; und die Zivilgesellschaft (einschließlich Gewerkschaften) effektiv beteiligt wird.

Angesichts dieser Situation sind wir einmütig zu folgendem Schluss gekommen: Keine Regierungsgewalt innerhalb oder außerhalb der Region darf sich jemals unter Berufung auf die Unvermeidbarkeit der Erfordernisse der Globalisierung ihrer Verantwortung entziehen, den Armen und den Notleidenden Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Eine Politik, die auf diese Weise gerechtfertigt wird, widerspricht sowohl wissenschaftlichen Erkenntnissen als auch dem Kern des christlichen Glaubens. Eine solche Politik muss unverzüglich und bedingungslos eingestellt werden. Wie es so zutreffend in dem Dokument "Grundlagen des sozialethischen Konzepts der Russischen Orthodoxen Kirche" heißt, das unlängst veröffentlicht wurde:

"... die Gefahr von Differenzen zwischen dem Willen des Volkes und den Beschlüssen internationaler Organisationen darf nicht unterschätzt werden. Denn diese Organisationen könnten zu Instrumenten werden für die ungerechte Herrschaft starker über schwache Länder, reicher über arme sowie der technologisch und informationstechnisch entwickelten Länder über den Rest der Welt. Sie könnten ferner doppelte Standards einführen und das Völkerrecht im Interesse der einflussreichen Staaten anwenden. All dies veranlasst die Orthodoxe Kirche, die Obrigkeiten sowohl auf nationaler als auch auf internationaler Ebene zu strenger Verantwortlichkeit aufzurufen" (cf. The Foundations of the Social Concept of the ROC.)

Es ist daher äußerst wichtig für die Christen, sich klar zu machen, dass eine Abhängigkeit von dieser neoliberalen Ideologie weit reichende geistliche Implikationen hat. Sie zwingt jeden, der sich daran beteiligt, seinen Glauben auf den Mammon zu setzen. Uns stellt sich die einfache Frage: Wem vertrauen wir und an wen glauben wir? Der Glaube an den Gott des Lebens befreit uns aus der Beherrschung durch den Mammon. Dies ist nicht nur ein Thema, zu dem die Kirchen ihre Stimmen erheben können, vielmehr müssen sie sich dazu äußern. Dieser Glaube, umgesetzt in geeignetes Handeln, begründet die Hoffnung, die jener Verzweiflung entgegengesetzt werden kann, die bis heute die Situation charakterisiert - und nicht allein in dieser Region.

DIENT DEN MENSCHEN, NICHT DER MACHT

APPELL AN DIE REGIERUNGEN UND DIE ÖFFENTLICHKEIT IN DER REGION

Die Globalisierung verändert nachhaltig das Wesen der Macht. Demokratisch gewählte Regierungen und ihre Vertreter in internationalen Organisationen verlieren ihre Macht an zunehmend einflussreiche internationale Bürokratien, transnationale Konzerne, Medienbesitzer und Akteure in der Welt des 'globalen‘ Kapitals. Wir stellen diese Machtstrukturen in Frage und fordern dazu auf, sie transparenter, in höherem Maße rechenschaftspflichtig und repräsentativer zu machen. Die Völker der Welt müssen die Kontrolle über globale politische und wirtschaftliche Prozesse übernehmen. Die Demokratie muss wieder neu in die Entscheidungsbildung auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene eingeführt werden.

Zahlreiche politische und wirtschaftliche Prozesse erfordern die eine oder andere Form von Regulierung auf internationaler Ebene. Der Staat darf jedoch den notwendigen Schutz schwacher Bevölkerungsgruppen nicht der Notwendigkeit internationaler Übereinkommen opfern.

Die wirtschaftliche Globalisierung in ihrer heutigen Form bedroht Werte wie Gerechtigkeit, Nächstenliebe, Frieden und Mäßigung, die in christlichen Traditionen verankert sind. Sie ersetzt diese Werte mit denen eines ungezügelten Konsumismus und einer zunehmenden Kommerzialisierung der Gesellschaft. Bildungswesen, Gesundheitsversorgung, Kunst, Sport, Medien, Umwelt und sogar Sicherheit werden mehr und mehr von finanziellen Erwägungen bestimmt. Die Kultur der wirtschaftlichen Rivalität drängt sich an die Stelle der Kultur der sozialen Zusammenarbeit mit entsprechenden Folgen für die schwachen und anfälligen Glieder der Gesellschaft.

Der Leitgedanke bei allen unseren Empfehlungen ist das biblische Motiv des Erlassjahres (3. Mose 25, 5. Mose 15, Neh 5, Jes 61, Lk4). Alle Menschen haben ein Anrecht auf die wichtigsten Lebensgrundlagen und die öffentliche Vorsorge, die ihnen ein Leben im Haushalt (oikonomia) der Schöpfung Gottes ermöglichen. Volkswirtschaften müssen daher immer auf verantwortliche Haushaltsführung abzielen.

Diese Erkenntnis führt uns zu folgenden Empfehlungen.

Empfehlungen

  • Globale Finanzinteressen sollten in der nationalen und regionalen Wirtschaft nicht den Ausschlag geben dürfen, weil sonst eine übermäßige Abhängigkeit von ausländischen Direktinvestitionen und Spekulationskapital entsteht. Wir empfehlen nachdrücklich, dass sich die Regierungen um die Entwicklung ihrer einheimischen Wirtschaft bemühen und dabei vor allem den mittleren und kleinen Unternehmen Rechnung tragen. Wir warnen ferner davor, diese durch eine Bevorzugung der Exportorientierung zusätzlich zu belasten.

  • Lokale Wirtschaftsinitiativen müssen unterstützt werden. Das setzt voraus, dass Kommunalverwaltungen gestärkt werden.

  • Öffentliche Verwaltungsstrukturen auf allen Ebenen sollten auf der Erhaltung von angemessener sozialer Unterstützung der Armen und auf hohen Umweltstandards bestehen und dem internationalen Finanzdruck zu deren Abbau Widerstand leisten.

  • Wir fordern die Regierungen zur Unterstützung der internationalen Maßnahmen von Regierungen und zivilgesellschaftlichen Organisation auf, die zur Demokratisierung des internationalen Währungssystems eine Regulierung des internationalen Spekulationskapitals anstreben. In gleicher Weise sollten - vor allem von den reichen Industrieländern - die internationalen Bemühungen (wie Rio und Kyoto) für den Umweltschutz unterstützt werden.

  • EU-Beitrittskandidatenländer sollten ihre Wählerschaft in die Lage versetzen, auf der Grundlage einer präzisen und transparenten Einschätzung der Auswirkungen auf die soziale Sicherheit und andere wichtige Interessen der Bürger fundierte Entscheidungen zu treffen.

  • Die Regierungen sollten kulturelle Werte, die Würde und Rechte aller Frauen und Männer sowie deren ungehinderte Entwicklung schützen.

  • Öffentliche Ressourcen, die aus christlicher Sicht dem Gemeinwohl dienen, sollten weder im Namen einer bestimmten Ideologie, noch unter dem Druck externer Geldgeber rücksichtslos privatisiert werden.

  • Wir fordern die Regierungen dazu auf, im Sinne ihrer Bevölkerung zu handeln, damit diese in Würde leben kann. Macht darf kein Selbstzweck sein.

WÄHLT DAS LEBEN, NICHT DEN TOD

Ein Aufruf an die Kirchen

Wir sehen uns heute mit der Verherrlichung von Wettbewerb, Konsum und Bequemlichkeit konfrontiert. Die christliche Auffassung von oikonomia, der Welt als Gottes Haushalt, beinhaltet die Beziehungen zwischen den Menschen und Gott, soziale Eintracht und ein friedliches Zusammenleben der Menschen mit der ganzen Schöpfung. Daraus ergibt sich für Kirchen und Christen die Aufgabe, der Welt ein Leben nach den tief im dreeinigen Glauben verwurzelten Grundsätzen des Zusammenwirkens, der wechselseitigen Abhängigkeit und der Mitmenschlichkeit vorzuleben. Wir bitten den Heiligen Geist um die Gabe der Erkenntnis, damit wir die Zeichen unserer Zeit lesen und die ‘Geister unterscheiden' können.

Bei der Auseinandersetzung mit der wirtschaftlichen Globalisierung muss sich die Kirche mit den Worten Jesu beschäftigen: "Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon" (Mt. 6:24). Werden die Kirchen den Mut aufbringen, es mit den 'Werten‘ einer profitorientierten Lebensform aufzunehmen, oder werden sie sich in die 'Privatsphäre‘ zurückziehen? Auf diese Frage müssen unsere Kirchen eine Antwort geben, wenn sie glaubwürdig bleiben wollen.

Die Botschaft des Evangeliums und unsere Traditionen lehren uns, uns weder mit den herrschenden Mächten der Welt abzufinden, noch uns durch die Flucht in das private Glaubenserlebnis der Verantwortung zu entziehen. Christliche Gemeinschaften sollten Liebe, Freude und Frieden ausstrahlen und so andere für eine neue Lebensweise gewinnen. Wir bitten die Kirchen eindringlich, ihre prophetische Stimme zu erheben, so dass für jeden einzelnen Menschen in jeder Region der Erde Veränderungen spürbar werden. Unsere Aufgabe ist es, das Leben um uns herum zu verwandeln und auf die Bedürfnisse aller Menschen einzugehen, insbesondere auf die Not derer, die leiden, unterdrückt werden oder ausgegrenzt sind. Wenn wir dies tun, verkündigen wir Christus.

Die Kirchen müssen sich ernsthaft mit den folgenden Fragen auseinandersetzen:

  • Welche Prozesse in der internationalen Politik und Wirtschaft sind auf die natürliche Weiterentwicklung von Handel, Informationsfluss, kulturellem Austausch usw. zurückzuführen und welche sind das Ergebnis einer 'forcierten globalen Transformation‘, die die Sicherung der Hegemonie der reichsten Länder sowie der Interessen wirtschaftlicher und politischer Gruppen zum Ziel hat?
  • Welches sind die positiven Aspekte der wachsenden internationalen Zusammenarbeit, die für die Förderung des christlichen Auftrags in Wort und Tat genutzt werden können?
  • Wie können christliche Werte, Traditionen und Kulturen bewahrt werden und sich im Kontext der Globalisierung weiter entfalten?

    Die globale Wirtschaft und die globalen Machtstrukturen müssen von einer globalen zivilen Gesellschaft zur Rechenschaft gezogen werden, die in der Lage ist, soziale Errungenschaften zu verteidigen. Die negativen sozialen Auswirkungen der Globalisierung müssen durch eine effektive Berücksichtigung der Bedürfnisse der Armen, Schwachen und Machtlosen aufgewogen werden. Internationale christliche Organisationen können Ausgangspunkt sein für eine Zusammenarbeit, die für andere - wie Forschungseinrichtungen, Gewerkschaften, Umweltbewegungen und Gemeinschaften von Anhängern anderer Weltreligionen - offen ist und auf sie eingeht.

Empfehlungen

Wir rufen die Kirchen auf,

  • sich einer sozial kontraproduktiven Politik, insbesondere Sozial- und Steuerdumping, entgegenzustellen und die Würde der Arbeit zu schützen;
  • wirtschaftliche und kulturelle Initiativen zu fördern, die einer Gleichschaltung entgegenwirken - z.B. Kleinunternehmen, lokale Darlehens- und Sparkassen sowie unabhängige Systeme des Informationsaustausches -, wie auch Bemühungen, durch Toleranz und Dialog nationale Kulturen und Identitäten zu erhalten und zu neuem Leben zu erwecken;
  • einen Prozess der 'Lokalisierung" zu fördern, indem die Erwartungen, Traditionen und Lebensweisen der Menschen an ihrem Ort berücksichtigt und ihre Initiativen unterstützt werden;
  • ihre Arbeit im karitativen Bereich und als Verteidiger des sozialen Besitzstandes zu intensivieren;
  • das Bewußtsein dafür zu stärken, dass Integration in manchen Teilen der Welt mit wachsenden ethnischen und religiösen Spannungen einhergeht und in anderen zu Spaltungen führt; und nach den Ursachen dieser Konfliktsituationen zu suchen, die nicht nur in der spezifischen Region, sondern auch in der internationalen Politik und Wirtschaft zu finden sind;
  • nicht zu vergessen, dass sie auf der Familie gründen und diese deshalb erhalten müssen. Die Krise, die eine forcierte Industrialisierung und heute die Globalisierung in der Familie ausgelöst haben, erfordert eine Wiederbelebung moralischer Werte, der Bindungen zwischen den Generationen, der Achtung vor den Eltern sowie der Rolle der Frau in Familie und Gesellschaft;
  • den Umweltschutz zu einer der Prioritäten der christlichen Sozialethik zu machen. Es kommt weniger auf die Wirtschaft an als auf die 'zukunftsfähige Gesellschaft‘ und 'bestandfähige Gemeinschaften‘. Das Europäische Christliche Umweltnetz kann hierbei ein wertvoller Kontaktpartner sein.

    Wir fordern die Kirchen in der Region dazu auf, das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die Globalisierung und deren Auswirkungen auf die Bevölkerung zu schärfen. Die Menschen müssen darüber informiert werden, welcher Art die Entscheidungen sind, die ihre Regierungen in bezug auf internationale Einrichtungen treffen, und sie müssen in der Lage sein, auf diese Entscheidungen Einfluss zu nehmen. Die Kirchen können den Bürgern und Bürgerinnen als Sprachrohr dienen, wenn sie deren Anliegen bei den öffentlichen Stellen vorbringen.

    Die Kirchen und ökumenischen Gruppen in der Region werden dazu ermutigt, die Sachkenntnis und die Kontakte von kirchlichen Einrichtungen in Anspruch zu nehmen, die sich in Wirtschaftsfragen auskennen, wie z.B. das Zentrum für Vernetzung, Ausbildung und Entwicklung, das gemeinsam von der Europäischen Kontaktgruppe, dem Kontaktnetz Arbeit und Wirtschaft und der Evangelischen Akademie in Prag eingerichtet wird.

    Wir bitten die Kirchen in unserer Region, aktiver auf die Einladung des ÖRK zu reagieren, über die Globalisierung nachzudenken und nach Alternativen zu suchen, sich aktiver am Studienprozess der KEK zur Rolle der Kirchen in der europäischen Integration zu beteiligen und auch den RWB-Aufruf von Debrecen zu beherzigen, sich für einen Prozess der Anerkennung, der Bewusstseinsbildung und des Schuldbekenntisses im Zusammenhang mit wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und Umweltzerstörung (processus confessionis) zu engagieren.

    Wir rufen die Kirchen des Westens dazu auf, sich den zerstörerischen Kräften der wirtschaftlichen Globalisierung entgegenzustellen und für eine weltweite soziale Gerechtigkeit einzutreten.

    Wir bitten die Kirchen und die Menschen im Westen, Einfluss auf die öffentliche Meinung zu nehmen und die Entscheidungsträger in Politik, Wirtschaft und anderen Bereichen der Gesellschaft von der Notwendigkeit zu überzeugen, der Ausbeutung und Ausgrenzung des größten Teils der Weltbevölkerung und der Zerstörung der Erde durch die "goldene Milliarde" - die Bevölkerung der westlichen Industrieländer - ein Ende zu setzen.

    Wir bitten die Kirchen, ihren Mitgliedern zu helfen, traditionelle christliche Werte wie Selbstbeschränkung und Askese (einfache Lebensführung) wiederzuentdecken, und diese Werte in ihrer Gesellschaft als eine Antwort auf Individualismus und Konsumdenken und als alternative Basis für wirtschaftliche und soziale Entwicklung zu propagieren.

    Wir unterstützen nachdrücklich die Botschaft an die Kirchen des Nordens, die von den Teilnehmern am Symposium über die Auswirkungen der wirtschaftlichen Globalisierung (Bangkok, Thailand, 12.-15. November 1999) formuliert wurde und mit der wir uns bei unserer Begegnung beschäftigt haben.

    Wir versichern den Kirchen der südlichen Hemisphäre unserer Solidarität. Unser Teil Europas trägt einen erheblichen Teil der Verantwortung für viele der positiven und negativen Entwicklungen in südlichen Ländern.

    Unsere Völker stehen heute vor vielen ähnlichen Problemen und Herausforderungen, und bei der Suche nach Lösungen sind wir aufeinander angewiesen. Im Geist der ökumenischen Partnerschaft rufen wir den ÖRK und andere ökumenische Organisationen dazu auf, die Zusammenarbeit und die Bildung von Netzwerken zwischen Kirchen in Mittel- und Osteuropa und Kirchen der südlichen Halbkugel insbesondere durch Konsultationen zum Thema Globalisierung zu unterstützen.

    Es besteht ein dringender Bedarf an weltweiten Netzwerken zum Thema Globalisierung, in denen Christen und Andersgläubige zusammenarbeiten können - vor allem zwischen Gemeinden, Forschergruppen oder z.B. zwischen einem reformierten Radiosender in Ungarn und einer katholischen Zeitung in Indonesien und einem muslimischen Fernsehstudio in Kasachstan. Ökumenische und interreligiöse Organisationen werden beim Aufbau dieser Netzwerke eine Schlüsselrolle spielen. Wir sollten uns nicht vom Geist dieser Welt spalten lassen. Die schwierige Realität, mit der wir zu kämpfen haben, macht eine Antwort erforderlich, die wir nur gemeinsam geben können.

    Wir würdigen die Arbeit der anglikanischen, katholischen, orthodoxen und protestantischen Kirchen sowie der internationalen christlichen Organisationen, die sich mit den Problemen der Globalisierung beschäftigen und entsprechend handeln. Der vom ÖRK und dem Reformierten Weltbund ins Leben gerufene Prozess muss gefördert, fortgesetzt und ausgeweitet werden.

    Wir verpflichten uns, für einen wirksamen Prozess der Weiterbehandlung der Themen dieser Konsultation in Mittel- und Osteuropa zu sorgen.