World Council of Churches

Eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen auf der Suche nach Einheit, gemeinsamem Zeugnis und Dienst

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Bericht des Vorsitzenden

13. Februar 2008

ÖRK-Zentralausschuss, 13.-20. Februar 2008

"Wir habe den festen Willen, beieinander zu bleiben."[1]

BEHARRLICHKEIT IM STREBEN NACH EINHEIT

Einleitung

1. Gleich zu Beginn meiner Ausführungen möchte ich darauf hinweisen, dass mein Bericht dieses Jahr ein bisschen anders ausfallen wird als in früheren Jahren. Bei der Auswertung auf der ersten Volltagung des Zentralausschusses im August/September 2006 wurde vorgeschlagen, nach dem Bericht mehr Zeit für Diskussionen untereinander einzuplanen. Ich stimme diesem Wunsch voll zu. Der Zentralausschuss tagt nicht oft und wenn er zusammenkommt, hat er immer ein sehr dichtes Programm. Man erwartet von uns, dass wir gemeinsam unsere Programmarbeit aufbauen, einschließlich der Visionen und Hoffnungen, die ihr ihren Sinn geben. Diese Rede, die kürzer ist als sonst, versteht sich deshalb als Einladung zum Austausch und zum Gespräch.

2. Dies ist die zweite volle Tagung des Zentralausschusses. Seit der Vollversammlung sind zwei Jahre vergangen und bereits sind erste Vorbereitungen für die nächste Vollversammlung im Gange. Auf unserer letzten Tagung habe ich ausgeführt, dass wir am Anfang eines Weges stehen, den wir "gemeinsam in Dankbarkeit für Gottes wunderbare Gabe der Einheit" gehen werden. Ich erwähnte auch, dass unser gemeinsamer Weg aus "einer schönen, wenn auch schwierigen ökumenischen Verpflichtung" erwächst, die uns trotz der vielen Unterschiede, die zwischen uns bestehen, zusammengebracht hat. Ich leitete unsere leidenschaftliche ökumenische Verpflichtung aus der Hoffnung ab, die gestützt auf Christi Auferstehung unseren Glauben und unsere Liebe stärkt.

Unser Auftrag gemäß unserer Verfassung

3. Auf dieser Tagung feiern wir das 60-jährige Bestehen des ÖRK. Jubiläen sind eine Gelegenheit, zurückzublicken und schöne Erinnerungen wieder aufleben zu lassen. Aber wir feiern gewiss nicht, um die Existenz des ÖRK zu beklatschen, sondern um uns an das Erbe zu erinnern, das uns unsere Vorgänger hinterlassen haben. Wir tun dies, damit wir in einer Welt - die ganz anders aussieht als diejenige, die sich den Delegierten präsentierte, als sie sich 1948 in Amsterdam versammelten, um einen Ökumenischen Rat der Kirchen zu gründen - mit größeren Engagement voranschreiten können.

4. Es ist allseits bekannt, aber immer wieder nützlich, sich daran zu erinnern, dass unsere Verfassung in ihrer Basis bekräftigt: "Der Ökumenische Rat der Kirchen ist eine Gemeinschaft von Kirchen, die den Herrn Jesus Christus gemäß der Heiligen Schrift als Gott und Heiland bekennen und darum gemeinsam zu erfüllen trachten, wozu sie berufen sind, zur Ehre Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes." (I) Unter III, Ziele und Funktionen, finden wir als Erstes, dass "der Ökumenische Rat der Kirchen [...] von den Kirchen gebildet [wird], um der einen ökumenischen Bewegung zu dienen". Das heißt einerseits, dass der ÖRK sich nicht mit der einen ökumenischen Bewegung identifiziert, sich aber als Teil einer breiteren ökumenischen Bewegung versteht. Andererseits sieht er seine Aufgabe nicht darin, sich selbst zu dienen, sondern er will ein Werkzeug sein, um der ökumenischen Bewegung zu dienen, die - wie gesagt - breiter ist als der ÖRK und zu der auch der Rat gehört. Wenn wir also auf unsere Geschichte zurückblicken und gleichzeitig in die Zukunft schauen, stellt sich als wichtigste Frage nicht, wie stark der ÖRK geworden ist, sondern wie nützlich sein Dienst an der ökumenischen Bewegung war und ist. Natürlich gehen wir dabei davon aus, dass dieser Dienst sehr bedeutsam war und bleibt. Wenn ich an dieser Stelle die Dimension des Dienstes an der ökumenischen Bewegung hervorhebe, tue ich das nicht, weil es diesbezüglich Zweifel gäbe, sondern weil diese Dimension entscheidend ist, um uns immer wieder daran zu erinnern, weshalb der ÖRK gegründet wurde und was er als Organisation immer bleiben muss.

5. Im gleichen Abschnitt der Verfassung wird auch gesagt: "Das Hauptziel der Gemeinschaft der Kirchen im Ökumenischen Rat der Kirchen besteht darin, einander zur sichtbaren Einheit in dem einen Glauben und der einen eucharistischen Gemeinschaft aufzurufen, die ihren Ausdruck im Gottesdienst und im gemeinsamen Leben in Christus findet, durch Zeugnis und Dienst an der Welt, und auf diese Einheit zuzugehen, damit die Welt glaube". Ich habe die Betonungen hinzugefügt, um den holistischen Ansatz des ÖRK als Werkzeug für den Dienst an der einen ökumenischen Bewegung hervorzuheben. Weiter wird im Text dargelegt, wie die ÖRK-Mitgliedskirchen dieses Ziel, ihr "Streben nach koinonia im Glauben und Leben, Zeugnis und Dienst" verfolgen, nämlich durch:

  • "das im Gebet getragene Streben nach Vergebung und Versöhnung",
  • "das gemeinsame Zeugnis an jedem Ort und überall",
  • die Umsetzung der "Verpflichtung zur diakonia [...], indem sie Menschen in Not dienen",
  • durch Bildungs- und Lernprozesse, die "dazu beizutragen, dass sich ökumenisches Bewusstsein entfaltet",
  • die gegenseitige Unterstützung in ihren Beziehungen zu und mit Menschen anderer Glaubensgemeinschaften",
  • die Förderung von "Erneuerung und Wachstum in Einheit, Gottesdienst, Mission und Dienst".

6. Ich habe hier aus verschiedenen Gründen die ÖRK-Verfassung umfassend zitiert. Erstens, weil sie die Überzeugungen und Verpflichtungen aller Kirchen und Organisationen, die zusammen den ÖRK bilden, angemessen darlegt, da alle Kirchen, "die den Beitritt zum Ökumenischen Rat der Kirchen beantragen, ihre ausdrückliche Zustimmung zur Basis (Artikel I der Verfassung), auf die der Ökumenische Rat gegründet ist, zum Ausdruck bringen und ihre Verpflichtung auf die Ziele und Funktionen des Rates (Artikel III der Verfassung) bekräftigen [müssen]. Deshalb besteht über diesen Artikel eine grundlegende und umfassende Übereinstimmung unter den ÖRK-Mitgliedskirchen und ich würde sagen, dass diese Übereinstimmung sogar über die ÖRK-Mitgliedschaft hinausgeht. Zweitens spiegeln diese Formulierungen sehr genau die Geschichte der ökumenischen Bewegung wider, die mit ihren verschiedenen Strömen zur Gründung des ÖRK geführt hat: Mission, Praktisches Christentum, Glauben und Kirchenverfassung sowie christliche Erziehung. Drittens sind all diese Elemente grundlegend für unsere Vision der Oikoumene und in ihr integriert. Durch die Kombination all dieser Ströme in den Formulierungen anerkennt die Verfassung sie als spezifische Dimensionen des einen ökumenischen Wegs und möchte ihnen die ihnen zustehende Bedeutung innerhalb eines holistischen Verständnisses von Heil und Nachfolge verleihen. So wird jegliche Kontroverse darüber, welche Dimension wichtiger ist oder vorgezogen werden sollte, durch die Verfassung von Anfang an aus dem Weg geräumt. Es ist möglich, dass der eine oder andere Strom unter besonderen Umständen gelegentlich mehr Aufmerksamkeit auf sich gezogen hat, sei es außerhalb oder sogar innerhalb des ÖRK. Von ihrem Wesen her sind jedoch alle miteinander verbunden und sollten auf "integrative" Art und Weise, wie wir das heute in der regel nennen, verstanden und behandelt werden.

7. Ich möchte hier noch einen Kommentar anbringen: Obwohl die ökumenische Verpflichtung verschiedene Dimensionen beinhaltet, haben alle diese einen gemeinsamen lebendigen Kern, den Aufruf zur sichtbaren Einheit. Auch dieser kann auf unterschiedliche Art und Weise ausgedrückt werden, z. B. als "gemeinsame Berufung", "gemeinsames Leben in Christus", "gemeinsames Zeugnis" von dem "einen Glauben" und als Streben nach gemeinsamer Teilnahme an "einer eucharistischen Gemeinschaft". Kurz gesagt: Das Geschenk der Einheit von Gott zu erhalten und in der koinonia

Der Aufruf zur Einheit auf den wichtigsten ökumenischen Versammlungen

8. Als die Delegierten 1948 in Amsterdam zusammenkamen, waren sie sich der zerstörten Weltordnung bewusst. Drei Jahre nach dem zweiten Weltkrieg sahen sie sich einer Situation voller  "hoffnungsloser Verzweiflung" gegenüber. "Millionen von Menschen leiden Hunger, Millionen sind ohne Obdach, ohne Heimat, ohne Hoffnung." (Auszug aus der Botschaft der ersten ÖRK-Vollversammlung, Amsterdam 1948). Aber sie erklärten dies nicht einfach, um anzuprangern; sie erkannten die Notwendigkeit, Buße zu tun: "Wie oft haben wir versucht, Gott und dem Mammon zu dienen, wie oft haben wir über die Bindung an Christus andere Bindungen gestellt! Wir haben die frohe Botschaft verfälscht, indem wir sie mit unseren eigenen wirtschaftlichen, völkischen und rassischen Interessen gleichsetzten, und wir haben mehr Furcht vor dem Krieg gehabt als Abscheu."

9. Doch die Vollversammlung war davon überzeugt, dass die "Welt in der Hand des lebendigen Gottes ist", dass Gott in Jesus Christus "die Macht des Bösen ein für allemal gebrochen und für jedermann das Tor zur Freiheit und zur Freude im Heiligen Geist aufgetan" hat. Die missionarische Perspektive war klar: Wir "bitten Gott, Er möchte Seine ganze Kirche dazu aufwecken, dass sie Seine frohe Botschaft der ganzen Welt bekanntmacht und alle Menschen aufruft, an Christus zu glauben, in Seiner Liebe zu leben und auf Sein Kommen zu hoffen". Genauso klar zeigte sich die diakonische und prophetische Dimension: "Wir müssen wieder aufs neue miteinander lernen, mutig im Namen Christi zu unseren Völkern zu sprechen und zu denen, die Macht über sie haben. Wir müssen lernen, dem Terror, der Grausamkeit, dem Rassenhass zu widerstehen, dem Gefangenen, dem Flüchtling zur Seite zu sein und die Kirche überall zum Mund zu machen für die Stummen und zur Heimat, in der jeder ein Zuhause finden kann."[2]

10. Die Erfahrung der Gabe der Einheit und die gemeinsame Verpflichtung auf dem Weg zur Einheit dienten als Grundlage und stärkten Mission diakonische Berufung: "Wir sind darin einig, dass wir Ihn [Christus] als Gott und Heiland anerkennen. Wir sind voneinander getrennt, nicht nur in Fragen der Lehre, der Ordnung und der Überlieferung, sondern auch durch unseren sündigen Stolz: Nationalstolz, Klassenstolz, Rassenstolz. Aber Christus hat uns zu Seinem Eigentum gemacht, und in Ihm ist keine Zertrennung. Wo wir Ihn suchen, finden wir einander. Hier in Amsterdam haben wir uns von Ihm und damit voneinander aufs neue in Pflicht nehmen lassen, und deshalb haben wir diesen Ökumenischen Rat der Kirchen gebildet. Wir haben den festen Willen, beieinander zu bleiben. Wir rufen die christlichen Gemeinden allenthalben auf, diesen Zusammenschluss zu bejahen und Ihn auch in ihrem eigenen Leben miteinander Wirklichkeit werden zu lassen. So danken wir Gott und befehlen Ihm getrost die Zukunft." Sechzig Jahre nachdem sie verkündet wurden, betrachten wir diese Worte heute als unsere eigenen Worte.

11. Das Verständnis des ÖRK von der Kirche, den Kirchen und ihren Beziehungen zum Ökumenischen Rat der Kirchen war Thema der berühmten Erklärung des Zentralausschusses in Toronto 1950. Darin wird erst festgehalten, was der ÖRK nicht ist, nämlich: eine Über-Kirche, ein Instrument, um Unionsverhandlungen zwischen den Kirchen in die Wege zu leiten, eine Organisation, die eine besondere Auffassung von der Kirche vertritt. ÖRK-Mitglied zu sein bedeutet auch nicht, dass eine Kirche ihre eigene Auffassung von der Kirche relativiert oder dass sie eine bestimmte Lehre über das Wesen der kirchlichen Einheit annimmt. Die Erklärung befasst sich danach mit den positiven Voraussetzungen, auf die der ÖRK aufgebaut ist: "Das gemeinsame Gespräch, die Zusammenarbeit und das gemeinsame Zeugnis der Kirchen, die auf der gemeinsamen Anerkennung dessen beruhen müssen, dass Christus das göttliche Haupt des Leibes ist";[3] der Glaube, dass "die Kirche Christi eine ist"; dass "die Mitgliedschaft in der Kirche Christi umfassender ist als die Mitgliedschaft in [der] eigenen Kirche"; dass er ein Forum für ein gemeinsames Gespräch über die Beziehung der Kirchen zu "der Heiligen Katholischen Kirche, die in den Glaubensbekenntnissen bekannt wird" ist, ohne dass dies bedeutet, dass "jede Kirche die anderen Mitgliedskirchen als Kirchen im wahren und vollen Sinne des Wortes ansehen muss"; sondern dass die Mitgliedskirchen "in anderen Kirchen Elemente der wahren Kirche anerkennen"; und schließlich die praktischen Auswirkungen des gemeinsamen Gespräches, der Solidarität einander gegenüber, der geistlichen Beziehungen untereinander, um voneinander zu lernen und einander zu helfen. Dies sind grundlegende Definitionen, aber vielleicht noch wichtiger dabei ist die geistliche Erkenntnis zur Einheit, die der ganzen Erklärung zugrunde liegt: "Die Einheit erwächst aus der Liebe Gottes in Jesus Christus, die, indem sie die einzelnen Kirchen an Ihn bindet, sie dadurch auch aneinander bindet. Zutiefst wünscht der Rat, dass die Kirchen enger mit Christus und daher auch enger miteinander verbunden werden. Durch Seine Liebe vereinigt, werden sie bestrebt sein, ohne Aufhören füreinander zu beten und einander im Dienst und in der Verkündigung zu stärken, indem sie einer des anderen Last tragen und so das Gesetz Christi erfüllen."

12. Die Überzeugung, dass wir in Christus eins sind, und der ernsthafte Wunsch nach Einheit unter den Christen und den Kirchen stellte auch die treibende Kraft der großen ökumenischen Versammlungen dar, die zur Gründung des Ökumenischen Rates der Kirchen führten: Die Weltmissionskonferenz in Edinburgh 1910, die Weltkonferenz für praktisches Christentum in Stockholm 1925, die erste Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung in Lausanne 1927.

13. Im Gegensatz zur Gründungszeit des ÖRK, 1948, war die Stimmung auf der Weltmissionskonferenz in Edinburgh voller Optimismus und Vertrauen in eine positive Entwicklung der Beziehungen unter den Nationen und im Blick auf die Zukunft der Menschheit. Der erste Weltkrieg stand zwar bevor, doch die Delegierten konnten ihn nicht vorhersehen. In der Konferenzbotschaft, die zwei Teile aufwies, einen an "die Mitglieder der Kirche in christlichen Ländern" und einen zweiten an "die Mitglieder der christlichen Kirche in nichtchristlichen Ländern", wurde im Hinblick auf die folgenden zehn Jahre die Erwartung geäußert, dass "wenn sie [...] richtig verwandt werden, [...] sie zu den glorreichsten Jahren der Geschichte des Christentums gehören [können]". Es folgte ein energischer Aufruf zur Evangelisation aller Völker und Nationen, "die allen und jedem innerhalb der christlichen Familie [aufgetragen ist]... Wir brauchen letztlich ein tieferes Gefühl der Verantwortung gegen den allmächtigen Gott dafür, dass er uns das große Vertrauen bewiesen hat, uns die Evangelisation der Welt aufzutragen." An die Christen in den "nichtchristlichen Ländern" gerichtet, bekräftigte man, dass "nichts mehr Freude verursacht [hat], als das aus allen Gebieten kommende Zeugnis von dem steten Wachstum der jungen christlichen Kirche in neu erwachenden Ländern, einem Wachstum an Zahl, Eifer und Kraft." Wir mögen gute Gründe haben, dem triumphierenden Ton in diesem Satz (und auch in anderen Passagen der Botschaften) skeptisch zu begegnen, aber das sollte unsere eigene Freude über die Einheit, die die Delegierten verspürten und anstrebten, um die frohe Botschaft glaubwürdig zu verkünden, nicht trüben: "[Wir] haben eine größere Einheit in gemeinsamer Aktion erreicht, als dies seit Jahrhunderten in der christlichen Kirche der Fall gewesen ist" und "Wir danken Gott für das Verlangen nach Einheit, welches unter euch so hervorragend vorhanden ist und welches auch bei uns heute zu dem tiefsten Verlangen gehört." Es ist auch in uns, dieses tiefe Verlangen, das uns aufruft, als Zentralausschuss des ÖRK zusammenzukommen.

14. Die Weltkonferenz für praktisches Christentum in Stockholm (1925) beschäftigte sich mit einer sehr konkreten, aber enormen Herausforderung: "Auf seinen Ruf hin: ‚Folge mir nach!' haben wir unter seinem Kreuz die Pflicht anerkannt, sein Evangelium auf allen Gebieten des menschlichen Lebens zu der entscheidenden Macht zu machen - im industriellen, sozialen, politischen und internationalen Leben." Sie erklärte, dass "die Seele der höchste Wert ist" und deshalb "als ihr Grundrecht das Recht auf ihre Rettung beanspruchen kann". Weiter setzte sie sich für einen "für die internationalen Beziehungen massgebenden christlichen Gedanken" ein und anerkannte die "dringende Notwendigkeit einer Erziehung", um "die Schrecken des Krieges, wie auch [...] seine Unzulänglichkeit für die wirkliche Lösung internationaler Streitfragen" auszudrücken." Unter anderem richtete sich die Konferenz besonders an die jungen Menschen und an die "Arbeiter": "Wir teilen ihr Streben nach einer sozialen [und brüderlichen] Ordnung." "Einheit" wird hier ebenfalls als Schlüsselkonzept erwähnt. Während die Konferenz als solche als "der bisher umfassendste Ausdruck der Gemeinschaft und Zusammenarbeit der Kirchen über die Grenzen von Nation und Konfession hinaus" anerkannt wurde, nannten die Delegierten als ihr Ziel, "sich in gemeinsamer praktischer Arbeit zu betätigen" und fügten hinzu: "Die Konferenz ist bei alledem, so weithin sichtbar sie auch in die Erscheinung trat, ein erster Anfang." Einmal mehr war die Einheit nicht nur ein Verlangen, nicht einfach ein praktisches Ziel, sondern auch eine geistliche Erfahrung: "Wenn wir alle zusammen, ein jeder in seiner Muttersprache, das Gebet des Herrn beteten, dann wurden wir unseres gemeinsamen Glaubens froh und erlebten wie nie zuvor die wahre Einheit der Kirche Christi." Auf dieser Grundlage und durch die Bildung eines Fortsetzungsausschusses brachte die Konferenz ihre Hoffnung für die Zukunft zum Ausdruck: "Sollten wir nicht hoffen dürfen, dass durch die Arbeit dieser Körperschaft und durch die wachsende Gemeinschaft und Zusammenarbeit der Christen aller Völker in Einem Geiste unsere Einheit in Christus der Welt mehr und mehr im Leben und im Wirken offenbar werde? Nur soweit wir, jeder Einzelne, durch Innerlichkeit zur Einheit gelangen, werden wir zur wahrhaften Geistes- und Gesinnungseinheit vordringen. Je näher wir dem gekreuzigten Christus kommen, um so näher kommen wir einander, wie verschieden auch die Farben sein mögen, in denen unser Glaube das Licht widerstrahlen lässt. Unter dem Kreuze Jesu Christi strecken wir einander die Hände entgegen, denn der gute Hirte starb dafür, dass er die zerstreuten Kinder Gottes zusammenführe. In dem gekreuzigten und auferstandenen Herrn allein liegt die Hoffnung der Menschheit."

15. Die Einheit oder der Ruf zur Einheit wurde auf der Ersten Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung (Lausanne 1927) eingehender und ausdrücklicher als je zuvor diskutiert. Gleich im ersten Satz der Präambel zu den Berichten, die die Konferenz zur "Überweisung an die Kirchen" entgegennahm, heiβt es: "Als Vertreter vieler christlicher Gemeinschaften in der ganzen Welt, einig in dem gemeinsamen Bekenntnis des Glaubens an Jesus Christus, unsern Herrn und Heiland, und in der Gewissheit, dass der Geist Gottes mit uns ist, sind wir hier versammelt, um das, was uns gemeinsam ist und was uns trennt, zu bedenken." (Hervorhebung durch den Verfasser). Weiter heiβt es: "Wir danken Gott und freuen uns über die Übereinstimmung, die wir erreicht haben; darauf wollen wir weiter aufbauen. Wo aber die Berichte Differenzen verzeichnen, da möge man - und wir rufen die ganze christliche Welt dazu auf - die widerstreitenden Meinungen, wie sie zur Zeit vertreten werden, einer ernsten Prüfung unterziehen und nicht müde werden, Gottes Wahrheit zu finden, auf welche sich die Einheit der Kirche gründen muss." 

16. Eines der Dokumente war eben diesem Thema, nämlich dem "Ruf zur Einheit" gewidmet.[4] Hier heiβt es: "Gott will die Einheit. Unsere Anwesenheit auf dieser Konferenz legt Zeugnis davon ab, dass wir unsern Willen unter seinen Willen beugen wollen. Wie immer wir die Anfänge der Entzweiung rechtfertigen mögen, wir beklagen, dass sie weiterdauern und anerkennen es als unsere Pflicht, fortan in Buβe und Glauben dafür zu wirken, dass die zerstörten Mauern der Christenheit wieder aufgebaut werden. Gottes Geist ist in unserer Mitte gewesen. Er war es, der uns hier zusammengerufen hat. Dass er unter uns war, wurde in unsern Gottesdiensten, unsern Beratungen und in unserer Gemeinschaft offenbar. Er hat uns geholfen, uns gegenseitig zu entdecken. Er hat unsern Horizont erweitert, unser Verständnis vertieft und unsere Hoffnung vermehrt. Wir haben ein Wagnis unternommen, und Gott hat unser Wagnis gerechtfertigt. Wir können niemals wieder dieselben sein, die wir bisher waren. Unsere Dankbarkeit muss sich darin zeigen, dass wir unablässig darum bemüht sind, die Einsichten, die uns hier geschenkt worden sind, in unseren Heimatkirchen, zu denen wir gehören, zu teilen."[5] Doch auch die missionarische Perspektive wurde angesprochen, als es darum ging, das Wesen des Evangeliums zu bestimmen: "Das Evangelium ist der prophetische Ruf an die Sünder, zu Gott umzukehren, und es ist die Freudenbotschaft der Rechtfertigung und Heiligung für die, die an Christus glauben. Es ist der Trost der Leidenden, und für die Gebundenen die Bürgschaft der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Das Evangelium bringt Frieden und Freude in die Herzen; es wirkt in uns Selbstverleugnung (und) Bereitschaft zu brüderlichem Dienst und zu barmherziger Liebe."[6]

17. Erlauben Sie mir, in diesem Zusammenhang daran zu erinnern, dass die Sehnsucht nach Einheit auch in der orthodoxen Kirchenfamilie und in der römisch-katholischen Kirche zum Ausdruck kam. So hatte das Ökumenische Patriarchat bereits 1920 ein vom Heiligen  Synod verfasstes Sendschreiben "an die Kirchen allenthalben" veröffentlicht, das zu einer "höchst erwünschten und notwendigen [...] Annäherung der verschiedenen christlichen Kirchen (und zu) Gemeinschaft zwischen ihnen" aufrief. Es sei an der Zeit, "überholte Vorurteile, Praktiken und Anmaβungen" zu überwinden, und es gehe darum, "die Liebe der Kirchen zueinander wieder anzufachen und zu stärken, damit sie [...] einander [...] als Mitglieder des Haushaltes Christi und als ‚Miterben' betrachten, die ‚zu seinem Leib gehören und Mitgenossen der Verheiβung in Jesus Christus sind' (Eph 3,6)". Konkret wurde unter anderem vorgeschlagen, "panchristliche Konferenzen einzuberufen, um Fragen zu erörtern, die für alle Kirchen von Interesse sind". 

18. Im Jahre 1965 verabschiedete die römisch-katholische Kirche auf dem Zweiten Vatikanum das Ökumenismus-Dekret Unitatis redintegratio, das die ökumenischen Bemühungen um Einheit mit aller Deutlichkeit und allem Nachdruck unterstützte. Es erkannte die Gläubigen aus anderen Kirchen als Schwestern und Brüder in Christus an und unterstrich das Wirken des Heiligen Geistes, der Einheit schafft: "Der Heilige Geist, der in den Gläubigen wohnt und die ganze Kirche leitet und regiert, schafft diese wunderbare Gemeinschaft der Gläubigen und verbindet sie in Christus so innig, dass er das Prinzip der Einheit der Kirche ist" (UR, 2). Weiter heiβt es dort: "Die Sorge um die Wiederherstellung der Einheit ist Sache der ganzen Kirche, sowohl der Gläubigen wie auch der Hirten, und geht einen jeden an, je nach seiner Fähigkeit, sowohl in seinem täglichen christlichen Leben wie auch bei theologischen und historischen Untersuchungen" (UR, 5). Abschlieβend brachte das Konzil den "dringenden Wunsch" zum Ausdruck, es möge "den Wegen der Vorsehung (kein) Hindernis in den Weg (gelegt) und den künftigen Anregungen des Heiligen Geistes (nicht) vorgegriffen werden" (UR, 24).

19. Um auf den ÖRK zurückzukommen - es ist an dieser Stelle nicht notwendig (und auch nicht möglich), im Einzelnen auf alle die Texte einzugehen, die sich in den sechs Jahrzehnten seit der Gründung des ÖRK mit der "Einheit, die wir suchen" befasst haben. Die Grundsatzerklärung "Auf dem Weg zu einem gemeinsamen Verständnis und einer gemeinsamen Vision des Ökumenischen Rates der Kirchen", das so genannte "CUV-Dokument", das 1997 vom ÖRK-Zentralausschuss angenommen wurde, fasst verschiedene Vollversammlungen so zusammen (CUV 1.13 und 1.14): "Die Vollversammlung in Neu-Delhi (1961) [...] nahm die erste formelle Erklärung zur ‚Einheit der Kirche' an: ‚Wir glauben, daß die Einheit, die zugleich Gottes Wille und seine Gabe an seine Kirche ist, sichtbar gemacht wird, indem alle an jedem Ort, die in Jesus Christus getauft sind und ihn als Herrn und Heiland bekennen, durch den Heiligen Geist in eine völlig verpflichtete Gemeinschaft geführt werden ...'". "Die Vollversammlungen in Uppsala (1968), Nairobi (1975), Vancouver (1983) und Canberra (1991) vertieften dieses gemeinsame Verständnis weiter, indem sie das Streben nach Einheit in seiner universalen Dimension entfalteten und dabei sowohl die menschliche Gemeinschaft als auch die Kirche in den Blick nahmen. Sie untersuchten Konzepte wie Konziliarität und konziliare Gemeinschaft (Uppsala und Nairobi), eine eucharistische Vision (Vancouver) und ‚Die Einheit der Kirche als Koinonia: Gabe und Berufung' (Canberra)." In dieser Erklärung, die von der Siebten Vollversammlung des ÖRK in Canberra abgegeben wurde, finden wir auch diese wichtige Definition: "Die Einheit der Kirche, zu der wir berufen sind, ist eine Koinonia, die gegeben ist und zum Ausdruck kommt im gemeinsamen Bekenntnis des apostolischen Glaubens, in einem gemeinsamen sakramentalen Leben, in das wir durch die eine Taufe eintreten und das in der einen eucharistischen Gemeinschaft miteinander gefeiert wird, in einem gemeinsamen Leben, in dem Glieder und Ämter gegenseitig anerkannt und versöhnt sind, und in einer gemeinsamen Sendung, in der allen Menschen das Evangelium von Gottes Gnade bezeugt und der ganzen Schöpfung gedient wird."

20. Die Achte Vollversammlung des ÖRK, die 1998 in Harare stattfand, feierte anlässlich des 50-jährigen Bestehens des ÖRK einen Gottesdienst, in dem sie sich erneut auf die ökumenische Vision verpflichtete. Diese Vision wurde mit den folgenden Worten umrissen: "Wir sehnen uns nach dem sichtbaren Einssein des Leibes Christi, wenn die Gaben aller anerkannt werden, der Jungen und Alten, Frauen und Männer, Laien und Ordinierten. Wir erwarten die Heilung menschlicher Gemeinschaft und das Wohlergehen von Gottes ganzer Schöpfung. Wir vertrauen auf die befreiende Kraft der Vergebung, die Feindschaft in Freundschaft verwandelt und den Teufelskreis der Gewalt durchbricht. Wir öffnen uns für eine Kultur des Dialogs und der Solidarität im Zusammenleben mit Fremden und der bewussten Begegnung mit Menschen anderen Glaubens." Die Delegierten erklärten ihren Willen, "beieinander zu bleiben" und nicht davon abzulassen, "zusammen zu wachsen in der Einheit", und sie erklärten auch ihre feste Überzeugung, dass "weder Fehlschläge noch Unsicherheiten, weder Ängste noch Bedrohungen unseren Willen schwächen (können), weiterzugehen auf dem Weg zur Einheit".    

21. Die Neunte Vollversammlung schlieβlich, die 2006 in Porto Alegre stattfand, nahm eine Erklärung mit dem Titel "Berufen, die eine Kirche zu sein" an, eine "Einladung an die Kirchen, ihre Verpflichtung zur Suche nach Einheit zu erneuern und ihre Dialog zu vertiefen". Die Erklärung unterstreicht die Verpflichtung zur "vollständigen sichtbaren Einheit", die "Einheit in reicher Verschiedenheit" und die Bedeutung der Verkündigung des Evangeliums; sie betont, dass wir durch die Taufe "zueinander gehören" und dass "die Mission fester Bestandteil des Lebens der Kirche (ist)", und sie stellt sodann eine Reihe von Fragen, die auf der Tagesordnung der Kirchen stehen sollten. Abschlieβend heiβt es: "Im Dialog und im gemeinsamen Handeln sind unsere Kirchen gemeinsam unterwegs, in der Gewissheit, dass der auferstandene Christus sich auch weiterhin zu erkennen geben wird, wie er es beim Brechen des Brotes in Emmaus tat, und dass er die tiefere Bedeutung von Gemeinschaft und Communio enthüllen wird (Lk 24, 13-35). Angesichts der in der ökumenischen Bewegung erzielten Fortschritte ermutigen wir unsere Mitgliedskirchen, diesen beschwerlichen und dennoch freudigen Weg weiterzugehen, im Vertrauen auf Gott den Vater, Sohn und Heiligen Geist, dessen Gnade unser Ringen um Einheit in Früchte der Gemeinschaft verwandelt. Hört, was der Geist den Gemeinden sagt! (Hervorhebungen im Original)

Schlussbemerkungen: Lasst uns beharrlich sein     

22. Sie werden sich sicher fragen, weshalb ich so ausführlich auf die groβen Texte unserer Geschichte eingegangen bin, auf die Texte über Vision und Verpflichtung. Nun, über unsere gemeinsame Pilgerreise sind so viele Fragen gestellt und Zweifel zum Ausdruck gebracht worden, und zwar sowohl innerhalb als auch auβerhalb unserer Kreise. Wie gemeinsam ist unsere Pilgerreise denn in Wirklichkeit? Inwieweit haben wir uns in unseren konfessionellen oder institutionellen Grenzen verschanzt und sind nicht mehr offen für Beiträge von anderen? Ist es nicht so, dass wir Erklärungen über Erklärungen abgeben, zugleich aber nicht oder nur kaum bereit sind, diese Erklärungen mit Leben zu füllen? Zügeln wir nicht das heilige Drängen der Laien weiterzugehen? Sind wir in der Lage, theologisch weniger vorgebildeten Menschen die teilweise recht subtilen Nuancen unserer theologischen Überlegungen zu vermitteln? Sind wir nicht zu häufig nur mit uns selbst beschäftigt und somit unfähig, anderen den Dienst des Zeugnisses und der Liebe zu erweisen? Ist unsere prophetische Stimme nicht schwächer geworden? Haben wir nicht das ökumenische Engagement so weitgehend "professionalisiert", dass es seine ursprüngliche Leidenschaft verlieren könnte? Hören wir wirklich, was uns der Heilige Geist bezeugt und offenbart, oder wiederholen wir nur das, was wir schon immer gesagt haben?

23. Es sind viele, viele Fragen. Und es kommt hinzu, dass sich die religiöse Landschaft überall in der Welt permanent und tiefgreifend verändert. Länder, die man früher "christliche" Länder nannte, säkularisieren sich zunehmend. Andere, nichtökumenische Kirchen und Bewegungen wachsen und breiten sich aus. Besitzen sie eine Vitalität, die uns verloren gegangen ist? Ist ihr missionarischer Eifer gröβer als unserer? Gelingt es ihnen besser als uns, die diakonische Arbeit mit dem Kern des Glaubens zu verbinden? Haben sie die Zeichen der Zeit erkannt und gehen auf sie ein, während wir blind sind? Das sind Fragen, die an die Substanz gehen. Es ist sogar behauptet worden, die ökumenische Bewegung sei gescheitert und gehe ihrem Ende entgegen.

24. Liebe Brüder und Schwestern, bevor ich Sie vollends verstöre, wenn ich als Vorsitzender des ÖRK-Zentralausschusses solche Fragen stelle - seien Sie beruhigt, es sind nicht wirklich meine eigenen Fragen, zumindest nicht in dieser radikalen Form. Doch ich bin sicher, auch Sie haben diese Fragen schon mehr als einmal gehört. Es sind zu viele Fragen, und sie werden zu oft gestellt, als dass wir sie einfach ignorieren könnten mit der Begründung, es handele sich lediglich um die Vorurteile anderer. Sie alle enthalten ein Körnchen Wahrheit. Und wir sollten sie aufmerksam anhören und als Herausforderung begreifen.

25. In diesem Zusammenhang ist es hilfreich, wenn wir uns auf unsere Geschichte besinnen und uns erneut auf die ökumenische Vision und die gemeinsame Pilgerreise zur Einheit verpflichten. Betrachten wir unsere Geschichte, dann könnten wir reuevoll erkennen, dass wir trotz deutlicher Fortschritte auf unserer ökumenischen Reise auch immer wieder versagt haben - zumindest insofern, als wir unfähig waren, den Weg zu erkennen, den uns der Heilige Geist weist. Dennoch: Wir dürfen nicht aufgeben. Denn damit würden wir unsere Berufung verraten.

26. Wir bekräftigen von Neuem, dass theologischer Dialog, Mission und Diakonie integraler Bestandteil des Kircheseins sind. Die Tatsache, dass der "ganzheitliche" Ansatz heute von allen Kirchen vertreten wird, sogar von Evangelikalen und Pfingstlern, die nicht Mitglieder des ÖRK sind, ist an sich schon ein wichtiger Erfolg der ökumenischen Bewegung. Wir bekräftigen von Neuem, dass die Suche nach sichtbarer Einheit ein zentrales und unverzichtbares Element unserer Pilgerreise ist. Auch hier ist es so, dass die Notwendigkeit der Einheit heute nicht nur von unseren Kirchen, sondern auch von evangelikalen und Pfingstkirchen anerkannt wird, wie auf dem Globalen Christlichen Forum deutlich wurde, das im November 2007 in Limuru (Kenia) stattfand. Dies ist ein zweiter bedeutender Erfolg der umfassenderen ökumenischen Bewegung. Ich halte diese Entwicklung für viel versprechend und vom Geist geleitet. Auf dem ersten Globalen Christlichen Forum teilten die Teilnehmer/innen ihre Glaubenserfahrungen miteinander, lernten sich besser kennen und erkannten gegenseitig ihre Glaubens- und spirituellen Werte an. Ein künftiges Forum könnte sich mit der Frage befassen, wie wir aus unserer jeweiligen konfessionellen Tradition heraus den Heiligen Geist verstehen und wie er in unserem Leben, unseren Kirchen und unserer Welt wirkt.

27. Bei der Niederschrift dieser Ansprache las ich auch die einschlägigen Passagen in der Bibel. Es gibt viele, wie Sie alle wissen. Sie sind uns Anregung, Trost und Forderung. Ich möchte an dieser Stelle nur auf den Vers eingehen, der die erste Gemeinde in Jerusalem beschreibt: "Sie blieben aber beständig in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet" (Apg 2,42). Die folgenden Verse erzählen vom Leben dieser Gemeinschaft, die alle Dinge gemeinsam hatte und alles mit den Armen teilte. Es ist die Beschreibung einer Gemeinschaft, die ein ganzheitliches Verständnis von der Kirche und der Nachfolge hatte. Aus der Apostelgeschichte wissen wir, dass diese Gemeinschaft nicht immer uneingeschränkt verwirklicht war, dass jedoch diese Art von Einheit im Glauben und in der Liebe angestrebt wurde und sich alle dieser Berufung widmeten. Man könnte diesen Text auch folgendermaβen übersetzen: "Sie waren beharrlich in der Lehre der Apostel und in der Gemeinschaft und im Brotbrechen und im Gebet". Auf unserer ökumenischen Pilgerreise brauchen wir die Gabe der Beharrlichkeit, der Ausdauer. "Wir haben den festen Willen, beieinander zu  bleiben."

28. Manche sind der Meinung, die ökumenische Bewegung sei irrelevant geworden. Wir müssen sie respektieren. Dann gibt es diejenigen, die grundsätzliche und kritische Fragen stellen. Wir müssen ihnen zuhören und ihre Fragen als Herausforderungen verstehen. Was die ökumenische Bewegung jedoch am meisten benötigt, sind diejenigen, die zur Beharrlichkeit fähig sind. Der Heilige Geist möge uns die Gabe der Beharrlichkeit und den festen Willen schenken, unseren Weg weiterzugehen.

Schlussbemerkung

Damit wäre ich am Ende meiner Ansprache. Lassen Sie mich jedoch eines hinzufügen. Auf dieser Tagung kommen wir erst zum zweiten Mal als Plenum zusammen. Wir befinden uns also noch im Anfangsstadium des Kennenlernens und haben erst begonnen, eine Gemeinschaft zu werden. Wir werden sowohl in öffentlichen als auch in geschlossenen Sitzungen wichtige Beschlüsse zu fassen haben. Möge uns der Heilige Geist in allen Sitzungen den Geist der Gemeinschaft verleihen, der die ersten Christen beseelte.

Walter Altmann


[1] Botschaft der ersten ÖRK-Vollversammlung 1948 in Amsterdam. Dieser berühmte Satz stammt von Kathleen Bliss, der einzigen Frau unter den Hauptrednern der Vollversammlung. (Michael Kinnamon, The Vision of the Ecumenical Movement and How it has been Impoverished by its Friends, St. Louis, Missouri, 2003, S. 139. Dort findet sich auch der vollständige Text der Botschaft (wie auch in den vom ÖRK herausgegebenen offiziellen Berichtsbänden,.Anm. d. Übers.).

[2] Es ist erst seit einigen Jahrzehnten üblich, integrative Sprache zu verwenden.

[3] Der Text bezieht sich ausdrücklich auf die Erklärung der orthodoxen Delegierten 1937 in Edinburgh (Zweite Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung): "Trotz aller unserer Verschiedenheiten ist unser gemeinsamer Herr und Meister einer - Jesus Christus, der uns zu stets engerer Zusammenarbeit für die Auferbauung des Leibes Christi zusammenführen wird."

[4] Weitere Dokumente befassten sich mit Schlüsselfragen, mit denen wir uns auch heute noch auseinandersetzen: Die Botschaft der Kirche an die Welt: Das Evangelium; Das Wesen der Kirche; Das gemeinsame Glaubensbekenntnis der Kirche; Das geistliche Amt der Kirche; Die Sakramente; Die Einheit der Christenheit in Bezug zu den existierenden Kirchen.   

[5] Interessant ist die durchaus kritische Selbsteinschätzung im Hinblick auf die mangelnde Inklusivität einer Konferenz, die sich doch mit Lehrfragen beschäftigte: "Manche von uns, die Pioniere dieser Arbeit, sind über dem Streben nach Einheit alt geworden. Auf die Jugend richten wir unseren Blick: Möge sie die Fackel hochhalten! Viel zu lange haben die Männer sie allein getragen: den Frauen muss hinfort ihr Teil an der Verantwortung zugewiesen sein. So wird die gesamte Kirche erreichen, was keine Teilkirche jemals zu vollbringen hoffen kann." 

[6] Auf der Zweiten Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung (Edinburgh 1937) stand "Einheit" wiederum im Mittelpunkt Erörterungen. Die Delegierten bekannten, dass "unsere Spaltungen gegen den Willen Christi sind", und erklärten: "Unsere Einheit ist eine Einheit des Herzens und des Geistes. [...] Diese Einheit besteht nicht in der Übereinstimmung in unserm Denken oder unserem Wollen. Sie ist in Jesus Christus selbst gegründet, in ihm, der lebte, starb und wieder auferstand, um uns zum Vater zu bringen, und der durch den Heiligen Geist in seiner Kirche wohnt. Wir sind eins, weil wir alle der Gegenstand der göttlichen Liebe und Gnade sind und weil wir von ihm gerufen sind, von seinem Evangelium in der ganzen Welt Zeugnis abzulegen."