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„Nicht nur eine Seite in einem Buch“ – Ökumenische Begleitpersonen hören sich im Dorf Ma‘alul palästinensische Berichte an

„Nicht nur eine Seite in einem Buch“ – Ökumenische Begleitpersonen hören sich im Dorf Ma‘alul palästinensische Berichte an

Jad Saba Yusef Salem ist in Ma‘alul geboren und hat dort gelebt bis alle Bewohnerinnen und Bewohner 1948 aus dem Dorf fliehen mussten. Alle Fotos: Albin Hillert/ÖRK

27. März 2019

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 28. März 2019

Von Albin Hillert*

Mitte März haben ökumenische Begleitpersonen das palästinensische Dorf Ma‘alul besucht, das 1948 im arabisch-israelischen Krieg komplett zerstört wurde.

„Ich hätte sie hier gerne in einem echten Zuhause begrüßt, nicht als Flüchtling“, sagt Jad Saba Yusef Salem als er die Gruppe ökumenischer Begleitpersonen in dem Dorf in Empfang nimmt.

Der heute 95-Jährige ist einer der wenigen noch lebenden Überlebenden der 75 Familien, die bis 1948 hier im Dorf gelebt haben.

„Mein Gedächtnis ist inzwischen nicht mehr sehr gut, aber alles, was ich früher in der Schule gelernt habe, weiß ich noch“, sagt Salem scherzhaft und erzählt dann die Geschichte einer Gemeinschaft von rund 800 Menschen, die hier früher das Land kultiviert und Getreide und Mais angebaut und die im Überfluss vorhandenen Apfelbäume bewirtschaftet haben.

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Eine Gruppe ökumenischer Begleitpersonen steigt den Hügel in Ma‘alul hinauf. 1948 wuchsen hier noch viele Apfelbäume, die Nahrungs- und Einkommensquelle für die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner waren. Als das Gebiet besetzt wurde, wurden die Obstbäume durch einen Kiefernwald ersetzt.

„Es gibt hier in der Gegend zwei Brunnen – einen hier und einen dort drüben auf dem Berg“, erzählt Salem. „Bis 1948 haben wir uns diese mit unseren jüdischen Nachbargemeinden geteilt. Wir waren Freunde und kamen gut miteinander aus.“

Aber der Frieden in Ma‘alul war nicht von Dauer. 1948 wurde das Land besetzt und alle Gebäude im Dorf dem Erdboden gleichgemacht.

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Die Bewohnerinnen und Bewohner des Dorfes waren mehrheitlich palästinensische Christen und Muslime; die religiösen Kultstätten stehen heute noch oben auf dem Hügel.

Das einzige, was heute noch von dem alten Dorf übrig ist, sind zwei Kirchengebäude, eine Moschee und ein Mausoleum aus der Römerzeit.

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An den Hängen in Ma‘alul grasen Kühe. Eine Beduinen-Familie hat gerade die Erlaubnis erhalten, ihr Vieh auf den Hügeln zu weiden und die alten Kirchengebäude kurzzeitig als Ställe zu benutzen.

„Das entscheidendste Ereignis, das dazu geführt, dass wir weggegangen sind“, erzählt Salem, „war, dass eine Frau unseres Dorfes, die in der Tür ihres Hauses stand und nur zu den Besatzern hinübersah, einfach erschossen wurde. Das hat uns gezeigt: Unsere Nachbarn sind nicht mehr unsere Freunde.“

Die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner von Ma‘alul sind aber nicht alle an denselben Ort geflohen – einige sind ins nahegelegene Nazareth und Jaffa geflüchtet, andere nach Syrien oder in den Libanon gezogen.

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„Am Anfang dachten wir noch, es wäre vorübergehend, ein paar Wochen vielleicht. Tatsächlich aber konnten wir nie hierher zurückkehren“, berichtet Salem.

„Die Menschen von Ma‘alul sind zu Vertriebenen geworden, haben ihr Land verloren, ihr Zuhause, und hatten dann gar nichts mehr“, erzählt Diana Bisharat. Die in den USA geborene 33-Jährige, die 2011 nach Israel geheiratet hat und dorthin gezogen ist, ist eine Nachfahrin von Dorfbewohnern Ma‘aluls.

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Diana Bisharat und Jad Saba Yusef Salem heißen die ökumenischen Begleitpersonen in dem katholischen Kirchengebäude von Ma‘alul willkommen.

„Ma‘alul war nicht nur einfach eine Dorfgemeinschaft, es war eine richtige Familie“, schildert Bisharat. „Daran erinnern wir uns heute noch und sind stolz darauf. Jedes Jahr an Ostern holen wir eine Erlaubnis der israelischen Regierung ein und kommen hier als Gemeinschaft zusammen, um gemeinsam zu feiern und die heilige Messe zu feiern und um in Erinnerungen zu schwelgen.“

„Meine Frau und ich haben im Juni 1947 geheiratet“, erzählt Salem abschließend. „Mir geht es gesundheitlich gut und ich genieße das Leben. Ich kann mir mein Frühstück selbst zubereiten und wir helfen uns gegenseitig bei der Hausarbeit. Genauso mag ich mein Leben, ich bin stark und nichts kann mich stoppen.“

Der Schutzschild eines Buches

„Wenn ich jemanden wie Salem kennenlerne, möchte ich mich einfach nur viel länger unterhalten. Ich habe so viele Fragen!“, erinnert sich eine der ökumenischen Begleitpersonen als die Gruppe das Dorf wieder verlässt.

„Ich weiß nicht genau, ob ich die richtigen Worte finde, um über diese Erfahrungen hier jetzt zu sprechen“, sagt er weiter; fährt dann aber einen Moment später fort. „Als ich meinen letzten Job aufgegeben haben, wollte ich etwas Neues ausprobieren. Und dann habe ich dieses Programm entdeckt und festgestellt, dass es etwas Wichtiges ist, an dem ich mitwirken wollte.“

Das Ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) stellt mit 25 bis 30 ökumenischen Begleitpersonen eine kontinuierliche internationale Präsenz in der Region sicher. Die Begleitpersonen begleiten lokale Gemeinschaften für jeweils 3 Monate und bieten durch ihre Anwesenheit Schutz, dokumentieren was hier geschieht und erleben die täglichen Herausforderungen und Hoffnungen der Menschen.

„Anfang der 1990er Jahre habe ich die Friedensverhandlungen in Madrid in den Nachrichten verfolgt. Sie waren jeden Tag rund 20 Minuten Thema in den Sendungen und es wurde umfassend berichtet. So habe ich begonnen, mich für dieses Thema zu interessieren und Bücher dazu zu lesen – natürlich aus der sicheren Entfernung meines Wohnzimmers“, erzählt die Begleitperson weiter.

„Jetzt haben wir 2019, ich bin hier und es ist kein Buch mehr, es ist nicht mehr nur eine von hunderten Seiten in einem Buch“, sagt er. „Die Männer und Frauen, denen ich in den südlichen Hebrabergen begegne, wo ich stationiert bin. Dieser Mann hier. Er ist 95 Jahre alt und kein Buch.“

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„Jetzt haben wir 2019, ich bin hier und es ist kein Buch mehr, es ist nicht mehr nur eine von hunderten Seiten in einem Buch“, sagt eine der Begleitpersonen.

Und dann kommt er zu dem Schluss: „Wenn man die Menschen hier wirklich besucht, wird einem klar, welchen Schutzschild die Bücher bieten. Man liest und lernt, aber es ist... selbst bei den schlimmsten Dingen bringen Bücher dich nicht zum Weinen. Mich jedenfalls nicht. Aber das hier, das schon. Dieser starke, alte Mann, dessen Augen funkeln.“

Ökumenisches Begleitprogramm in Palästina und Israel (in englischer Sprache)

Sabbatmahl „hilft, beiden Seiten ein Gesicht zu geben“ (ÖRK-Pressemitteilung vom 27. März 2019)

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Morgens am Checkpoint: Resilienz und Begleitung in Zeiten der Besatzung (ÖRK-Featureartikel vom 9. Oktober 2018)

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*Albin Hillert arbeitet für den Kommunikationsdienst des Ökumenischen Rates der Kirchen.