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Pater Jacques Mourad, ein vom ‚Islamischen Staat‘ entführter Priester, berichtet über die Lehren aus seinen Erlebnissen

Pater Jacques Mourad, ein vom ‚Islamischen Staat‘ entführter Priester, berichtet über die Lehren aus seinen Erlebnissen

Padre Jacques Mourad. Fotografía: Grégoire de Fombelle/CMI

07. Februar 2020

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 11. Februar 2020

* von Grégoire de Fombelle

Pater Jacques Mourad ist Mönch und Priester der Klostergemeinschaft Mar Moussa in Syrien. Er engagiert sich besonders für den islamisch-christlichen Dialog und gehört zur Diözese Homs der syrisch-katholischen Kirche. 2015 wurde er von Mitgliedern desso genannten  islamischen Staates gefangen genommen und als Geisel festgehalten, bevor er mit Hilfe muslimischer Freunde fliehen konnte. In der Adventszeit besuchte Pater Mourad des Ökumenische Zentrum und leitete dort ein besonderes Mittagsgebet für Frieden in Syrien und im Nahen Osten.

Können Sie uns etwas über Ihre Gemeinschaft und Ihr Leben erzählen, bevor sie gefangen genommen wurden?

Pater Mourad: Ich habe diese Gemeinschaft zusammen mit Pater Paolo Dall‘Oglio gegründet, einem italienischen Jesuiten, der schon 2013 von Daesh entführt wurde und von dem bisher jede Spur fehlt. Pater Paolo kam 1982 nach Syrien und entdeckte dort das verlassene Kloster Mar Moussa, das im 6. Jahrhundert gegründet worden war. Während einer Klausur ließ der liebe Gott in ihm den Wunsch entstehen, Sein Haus wieder aufzubauen. Anfang 1984 fing Pater Paolo in den Sommermonaten mit der Restaurierung des Klosters an, wobei ihm eine Gruppe junger Menschen aus unterschiedlichen Gemeinden in Syrien zur Hand ging. 1991 haben wir unser klösterliches Leben hier aufgenommen. Im Laufe der Zeit segnete uns der Herr mit immer neuen Mitbrüdern. Zurzeit gibt es sieben Mitglieder unserer Gemeinschaft, die in Syrien, im Irak und in Italien tätig sind. Im Jahr 2000 hat uns unser Bischof ein weiteres verlassenes Kloster anvertraut, das aus dem 5. Jahrhundert stammende Kloster Deir Mar Elian in  al-Karjatain, außerdem auch die örtliche Gemeinde. Für uns bot sich hier die gute Gelegenheit, unserer Berufung gemäß einen Dialog mit der muslimischen Bevölkerung zu führen. 15 Jahre lang haben wir dort gearbeitet.

 

Dann hat sich mit Ankunft des so genannten islamischen Staates alles verändert. Wie wurden Sie gefangen genommen?

Pater Mourad: 2015 wurde die Lage in der Region schwierig. Im Mai drang eine Gruppe Dschihadisten des Daesh in das Kloster ein und nahm mich als Geisel. Vier Monate und 20 Tage lang hielten sie mich gefangen. Ich war bereits drei Monate ihre Geisel, als der islamische Staat die Kontrolle über die gesamte Region übernahm, in der die Stadt al-Karjatain liegt, und auch 250 meiner Gemeindemitglieder in Geiselhaft nahm. Danach brachten sie mich von Raqqa aus, wo ich in einer Toilette gefangen gehalten wurde, nach Palmyra, wo alle Menschen christlichen Glaubens den Dschihadisten ausgeliefert waren: Kinder, Menschen mit Behinderungen, Frauen und ältere Menschen.  Es war eine fürwahr schockierende und schmerzhafte Begegnung. Für die Menschen dort war es aber auch ein Anlass der Freude, denn sie hatten geglaubt, dass ich bereits tot sei. Das war ein Zeichen der Hoffnung. Nach 25 Tagen ermöglichte uns eine Erklärung des Kalifats, nach al-Karjatain zurückzukehren. Trotzdem waren wir in unseren eigenen Häusern im Prinzip Gefangene. Jeden Tag wurde die Stadt von syrischen und russischen Flugzeugen bombardiert. Mit Hilfe eines muslimischen Freundes konnte ich mit ihm auf einem Motorrad flüchten, die Wüste durchqueren und sicher in Homs ankommen. Dort gab es eine gesamte Gruppe muslimischer Männer und Frauen, die uns in dieser Zeit unterstützt haben. Ihnen, die ihr Leben riskiert haben, verdanken wir unsere Flucht. Die meisten der Christinnen und Christen befinden sich jetzt in zwei Dörfern in der Nähe von Homs, und wir unterstützen sie weiter.  Gott sei Dank sind sie wohlauf.

Welche Auswirkungen hatte dieses Erlebnis auf Sie, und an was denken Sie in besonderer Weise zurück?

Pater Mourad: Ich wünsche niemandem die Erfahrung, wie man sich als Gefangener fühlt. Es ist das bedrückendste Erlebnis, das man sich vorstellen kann. Ich lasse es aber nicht zu, dass ich deswegen in einer Art Schockstarre verharre. Ich betrachte diese Erfahrung inzwischen als ein Geschenk, das Gott mir gegeben hat und das mir erlaubt nachzuvollziehen, wie wichtig der Dialog und ein intensiveres Zusammenleben sind. Dank diesem Zeugnis christlicher Liebe und Freundschaft mit der muslimischen Gemeinschaft und unserer gemeinsamen guten Taten wurde mein Leben gerettet. Das ist ein wichtiger Teil meiner Erfahrung. In den Jahren vor meiner Gefangennahme konnten wir vielen vertriebenen muslimischen Familien, Armen, jungen Studierenden und Kranken helfen. Wir haben zahlreiche Häuser wieder aufgebaut, die muslimischen Familien gehören. Das hat während meiner Gefangenschaft Früchte getragen, denn diese Zeugnises haben die Dschihadisten des Daesh davon abgehalten, mich zu töten. Aus diesem Grund hat ein muslimischer Freund sein Leben riskiert, um mir zu helfen.

Für mich war das auch eine Gelegenheit, den so genannten islamistischen Staat kennenzulernen. Ich habe meine Meinung also nicht auf die Bilder gegründet, die ich im Internet oder den Medien gesehen habe, sondern auf Menschen. Gott hat mir zwei Gaben geschenkt – Freundlichkeit und Stillschweigen. Das hat mir sehr geholfen, auf die Dschihadisten zuzugehen, die zu mir ins Gefängnis kamen um mich zu erniedrigen. Es war eine Gelegenheit, mit diesen Menschen zu reden und herauszufinden, wer sie sind. Letztendlich sind sie normale Menschen wie wir auch. Aber ihre verrückten Ideen sind eine Reaktion auf die Ungerechtigkeit und das Böse, das wir auf dieser Welt erfahren.

Sie haben die Menschen hinter dem ‚islamischen Staat‘ kennengelernt. Welche Lehren können wir daraus ziehen?

Pater Mourad: Der ‚islamische Staat‘  ist als Bewegung ein sehr interessantes Studienobjekt. Wir müssen verstehen lernen, warum er existiert und dass er sich in anderer Form wiederholen kann. Wir müssen aus dieser Erfahrung lernen, dass die Menschen die Möglichkeit haben, sich gegen anhaltende Übel, Gewalt und Ungerechtigkeit zu wehren. Wenn wir uns nicht selbst öffnen, wenn wir nicht denjenigen zuhören, die am meisten leiden und die in Bedrängnis leben, können wir diese Krise nicht überwinden. Frieden kann nicht etwas sein, das in einem Land für sich allein und unabhängig von den Nachbarländern erreicht wird. Es gibt ein Sprichwort in Syrien: „Wenn es deinem Nachbarn gut geht, dann geht es auch dir gut.“ Wenn es Syrien nicht gut geht, dann kann es den Nachbarländern auch nicht gut gehen.

Nach Ihrer Flucht sind Sie nicht in Homs geblieben. Was ist in der Zeit nach Ihrer Gefangenschaft geschehen?

Pater Mourad: Nach ein paar Monaten habe ich beschlossen, Syrien zu verlassen. Ich bin nach Sulaymaniya im Irak gegangen, um meinen Bruder, Pater Jens Petzold, zu unterstützen, der sich auch um unserer Mission dort kümmert und der seit 2014 fünfzig Flüchtlingsfamilien aus Karakosch in der Ninive-Ebene aufgenommen hat.

*Grégoire de Fombelle arbeitet als Kommunikationsprojekt-Assistent für den Ökumenischen Rat der Kirchen.