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„Säkulare Realität“ Ostdeutschlands ist neue Herausforderung für reformatorische Tradition

„Säkulare Realität“ Ostdeutschlands ist neue Herausforderung für reformatorische Tradition

Halle-Neustadt, entworfen als neue „sozialistische Stadt“ in Ostdeutschland ohne eine Kirche.

30. Mai 2016

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 03. Juni 2016

Von Stephen Brown*

Ostdeutschland ist das Heimatland der protestantischen Reformation nach Martin Luther – gleichwohl sei es heute eine der am stärksten säkularisierten Gegenden der Welt, meint die deutsche Soziologin Monika Wohlrab-Sahr.

„Ostdeutsche sind häufig stur säkular“, sagte sie in einer Rede anlässlich einer internationalen Konferenz zum Thema „Reformation – Bildung – Veränderung“, die vom 18. bis 22. Mai in Halle/Saale stattfand.

„Wir müssen diese säkulare Haltung ernstnehmen“, sagte Wohlrab-Sahr, Professorin für Kultursoziologie an der Universität Leipzig.

Halle liegt im Zentrum einer Region mit einer reichen reformatorischen Tradition. Wittenberg ist nur eine gute Stunde entfernt – die Stadt, in der Luther der Überlieferung nach am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen gegen Missstände in der Kirche an die Schlosskirche nagelte. Noch näher ist Eisleben, wo Luther 1483 geboren wurde und 1546 starb.

Ebenfalls in der Nähe liegt Leipzig, wo Luther 1519 seine Ideen in einer theologischen Disputation verteidigte, und wo zwei Jahrhunderte später Johann Sebastian Bach an der lutherischen Thomaskirche als Organist und Kantor wirkte.

Gleichwohl handele es sich bei dieser Region heute um eine der am wenigsten religiösen Gegenden der Welt, so Wohlrab-Sahr.

Bei einer 2012 durchgeführten internationalen Studie mit dem Titel Der Glaube an Gott im Zeit- und Ländervergleich gaben 52 % der Befragten in Ostdeutschland an, sie würden nicht an Gott glauben; das war der höchste Anteil in allen untersuchten Regionen, verglichen mit 18 % in Großbritannien und 10 % in Westdeutschland.

Wohlrab-Sahr verwies auf die Zeit der kommunistischen Herrschaft von 1949 bis 1989 als wichtigsten Grund für die weitreichende Säkularisierung Ostdeutschlands. Der Staat habe systematisch eine atheistische, „wissenschaftliche Weltsicht“ gefördert und den Einfluss der Kirchen aktiv zurückgedrängt.

Allerdings sei die hochindustrialisierte Region um Halle und Leipzig ab dem 19. Jahrhundert auch eine Bastion säkularer sozialistischer Überzeugungen gewesen, so Wohlrab-Sahr.

Taufe und Konfirmation sind in Ostdeutschland weit weniger beliebt als in Westdeutschland. Stattdessen nehmen viele junge Erwachsene im Osten an der säkularen Jugendweihe teil, die in der Zeit des Kommunismus als Alternative zur Konfirmation angeboten wurde, und die das Ende des Kommunismus überlebt hat.

Außerdem nehme die Zahl säkularer Beerdigungen laut Wohlrab-Sahr zu; 45 % der Ostdeutschen entschieden sich für eine „anonyme Beisetzung“, bei der es kein rituelles Erinnern an die verstorbene Person gibt.

„Die anonyme Bestattung ist zu einem säkularen Ritual geworden, dass jetzt der wichtigsten Bastion der Kirchen - der christlichen Beerdigung – den Rang streitig macht“, sagte sie.

Dieses Bild steht im scharfen Kontrast zur Zeit der friedlichen Revolution in Ostdeutschland 1989. Die Kirchen als einzige Institutionen von Bedeutung, die nicht in den Staatsapparat integriert waren, waren voll, als sie ihre Türen für Ostdeutsche öffneten, die den kommunistisch regierten Staat verändern wollten.

Aber mit dem Fall der Berliner Mauer und der Wiedervereinigung 1990 wurden die Kirchen nicht länger als Ventile für die aufgestaute Frustration benötigt, und das Ausmaß der fehlenden Religiosität der Ostdeutschen wurde deutlich.

„1990 war eine große Enttäuschung für die Kirchen“, sagte Bischöfin Ilse Junkermann von der Evangelischen Kirche in Mitteldeutschland, zu der auch Halle gehört, auf einer Podiumsdiskussion während der Konferenz „Reformation – Bildung – Veränderung“.

Jetzt „sind wir auf dem Weg, eine völlig andere Kirche zu werden.“

In vielen Wortbeiträgen wurde betont, dass die Bevölkerung Ostdeutschlands dem Christentum nicht zwangsläufig feindlich gesinnt sei oder misstrauisch gegenüberstehe, sondern ihre Haltung eher durch Gleichgültigkeit geprägt sei.

„Nicht-Religiosität wurde über viele Generationen vererbt“, erklärte Professor Michael Domsgen, Theologe an der Martin-Luther-Universität Halle.

Reinhard Feuersträter, der als römisch-katholischer Diakon in einem Hallenser Krankenhaus arbeitet, berichtete, wie die Kirchen der Region mit einer neuen „Lebenswende-Feier“ experimentierten - als Angebot für Jugendliche, die weder Konfirmation noch Jugendweihe wollten.

Dieses Jahr hätten über 650 Jugendliche an solchen Feiern teilgenommen, die „Gottseidank ökumenisch organisiert waren“.

Trotzdem sei es nötig, eine neue Sprache zu finden, um junge Menschen zu erreichen. „Sie müssen das, was ich sage, für glaubwürdig halten“, sagte Feuersträter. „Mit meiner Kirchensprache werde ich einfach nicht verstanden.“

Die Teilnehmenden der Konferenz in Halle bekräftigten in ihrer Abschlusserklärung, sie wollten „von den Erfahrungen unserer Schwestern und Brüder in dieser Region lernen, wie sie die Tradition der Reformation in ihrer heutigen Gesellschaft auslegen“. Solche Erfahrungen könnten auch für andere Orte Einsichten bringen, wo sich die Menschen immer weniger mit religiösen Institutionen identifizierten.

Laut Daniel Cyranka, Professor für interkulturelle Theologie an der Universität Halle, müsse das Fehlen der Religiosität in Ostdeutschland als Kontext für die dortigen Kirchen akzeptiert werden, anstatt diese Realität als anormal anzusehen.

„Die Kirchen müssen sich in einem sozialen Kontext mit Aufgaben identifizieren und diese annehmen, die nicht der Kirche selbst dienen, sondern den Menschen und der Gesellschaft“, so Cyranka. „Das bedeutet nicht, dass den Nichtreligiösen eine real existierende Religiosität zugeschrieben wird. Es bedeutet eher, mit Anderen zu kommunizieren, auch wenn das beinhaltet, sie auf religiöse Art anzusprechen.

Und das kann eine neue Erfahrung sein – sowohl für die Sprechenden als auch für die Angesprochenen, sei es durch eine prophetische Warnung, Ermutigung oder sogar einen Segen.“

Die Konferenz zum Thema „Reformation – Bildung – Veränderung“ ist ein gemeinsames Projekt von Brot für die Welt, des Evangelischen Missionswerkes in Deutschland, Faculdades EST São Leopoldo, den Franckeschen Stiftungen und der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg in Kooperation mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen, dem Lutherischen Weltbund, der Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen und der Evangelischen Kirche in Deutschland sowie weiteren Partnern.

*Stephen Brown ist freier Journalist und Autor zahlreicher Publikationen über die Kirchen in Ostdeutschland ohne eine Kirche.