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"Wir müssen unserer Berufung dienen" Interview mit dem Patriarchen Abune Paulos von Äthiopien

04. September 2006

Silke Fauzi (*)

Seine Heiligkeit Abune Paulos ist Patriarch der Äthiopischen Orthodoxen Tewahedo Kirche, der 40 Millionen Gläubige angehören. Er spielt eine wichtige Rolle bei der Förderung des interreligiösen Dialogs in Äthiopien und hat an zahlreichen internationalen Tagungen teilgenommen, so dem Weltwirtschaftsforum und dem Weltgipfel religiöser und geistlicher Persönlichkeiten bei den Vereinten Nationen. Er engagiert sich für Jugend- und Frauenfragen sowie für die AIDS-Problematik und ist Schirmherr des staatlichen HIV/AIDS Programms.

In Anerkennung seines herausragenden Beitrags zum Schutz und der Wohlfahrt von Flüchtlingen wurde ihm im Jahr 2000 von der Hohen Kommissarin der Vereinten Nationen für Flüchtlinge die Nansen-Medaille für Afrika verliehen. Abune Paulos war Mitglied des Zentralausschusses und der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung und hat an der Vollversammlung in Nairobi teilgenommen.

Wann sind Sie zum ersten Mal mit der ökumenischen Bewegung in Berührung gekommen? Und wann sind Sie auf den ÖRK aufmerksam geworden?

Ich war schon als Jugendlicher fasziniert vom ÖRK. Wenn wir die grossen Konfliktherde der Vergangenheit betrachten: den eisernen Vorhang oder das Apartheitsregime in Südafrika zum Beispiel, dann stellen wir fest, dass der ÖRK in all diesen Fragen engagiert war. Der ÖRK war da, wo er gebraucht wurde. 1968 bekam ich die Möglichkeit, unsere Kirchenführer zur ÖRK-Vollversammlung nach Uppsala zu begleiten. 1975 wurde ich auf der Vollversammlung in Nairobi in den Zentralausschuss gewählt. Direkt nach dieser Wahl wurde ich in Äthiopien verhaftet. Ich war sieben Jahre in Haft und danach ein Jahr unter Hausarrest. Dann habe ich einen Antrag gestellt, in die USA ausreisen zu dürfen, um meine Studien zu beenden und zu meiner Überraschung wurde mir das erlaubt. Ich war zehn Jahre lang im Exil in den USA Schliesslich kam die Einladung an mich und andere Bischöfe im Exil, nach Äthiopien zurück zu kehren. Der Patriarch unserer Kirche war umgebracht worden, so beschlossen wir, eine neue Synode zu gründen und einen neuen Patriarchen zu wählen. Ich war schliesslich derjenige Kandidat, auf den die Wahl gefallen ist, und so bin ich nun seit 14 Jahren Patriarch der Äthiopischen Orthodoxen Tawahedo Kirche.

Welchen Eindruck haben Sie von der ökumenischen Bewegung heute?

Wir leben in einer Welt voller Probleme. Die Form der Probleme mag unterschiedlich sein, aber Konflikte gibt es überall. Junge Leute fragen: welche Funktion hat der ÖRK in diesen Problemen? Wir müssen für sichtbare, konkrete Handlungen sorgen. Ich habe im Augenblick die grosse Hoffnung auf einen neuen Anfang. Unsere Ziele müssen sein: für Versöhnung zu sorgen, Hoffnung und Ermutigung zu bringen. Es geht ja nicht nur um die Christen. Es geht um alle Menschen. Wenn wir es nicht schaffen, eine friedliche Welt zu schaffen, dann kann niemand ruhig leben. Wir alle brauchen eine friedliche Zukunft. Und dazu brauchen wir den ÖRK.

Wie verstehen Sie ihre Rolle als Präsident des ÖRK?

Ich bin bereit, dem ÖRK zu dienen. Was immer die Leitung sagt oder von mir verlangt - ich bin bereit, es zu tun.

Können Sie uns ein wenig über die Situation in Äthiopien berichten?

Wir haben eine 3000jährige Geschichte des jüdisch-christlichen Erbes. Unmittelbar nach der Kreuzigung Christi hat sich der erste Äthiopier taufen lassen, das können sie im achten Kapitel der Apostelgeschichte nachlesen. Seitdem gibt es eine christliche Kirche in Äthiopien. Wir haben 45 Millionen Gläubige, 50.000 Kirchengebäude und 500.000 Geistliche. Und 1.500 Klöster. Das Klosterleben ist auch während der marxistisch-kommunistischen Herrschaft intakt geblieben, es sind weiterhin Schüler und Studenten in die Klöster gekommen und viele haben sich für das Klosterleben entschieden.

Wie schätzen sie den Einfluss der Kirchen auf die Politik in Äthiopien ein?

Äthiopien hatte in seiner langen Geschichte verschiedene Regierungsformen, aber die Demokratie ist in meinem Land erst 15 Jahre alt. Um die Demokratie zu geniessen, müssen die Menschen nicht nur ihre Rechte, sondern auch ihre Pflichten verstehen. Dieser Zeitraum war nicht einfach und es gab Missverständnisse und Konflikte. Ich rufe die Menschen dazu auf, das zu tolerieren, womit sie nicht einverstanden sind und Geduld zu haben. Und ich glaube, Äthiopien macht Fortschritte und ich hoffe, dass die Meinungsverschiedenheiten eine Zusammenarbeit nicht verhindern werden.

Was ist ihre Botschaft als Präsident des ÖRK?

Wir müssen ehrliche Botschafter unserer Berufung sein. Jede Kirche, jeder Mitarbeiter, jeder Präsident hat eine Berufung, der wir dienen müssen. Wir sind nicht hier, um einen Teil der Welt besser zu machen - wir müssen die ganze Welt besser machen für jedes Geschöpf Gottes. Und wer von der Arbeit der ökumenischen Bewegung enttäuscht ist, soll doch herkommen und mitmachen.

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(*) Silke Fauzi, evangelisch-lutherisch, ist stellvertretende Pressesprecherin der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Hochauflösende Fotos können von der Internetseite des Zentralausschusses heruntergeladen werden