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Kirchen gegen Kindesmissbrauch

08. November 2004

Von Ruth Lee (*)

Können Sie sich daran erinnern, wann Sie die Wörter "Kindesmissbrauch" und "Kirche" zum letzten Mal zusammen in einem Satz gelesen haben, in dem nicht von einem öffentlichen Skandal die Rede war, wo ein leitender Kirchenvertreter Kinder sexuell missbraucht hat? Es ist umso schwieriger, ein solches Beispiel zu finden, als es in den letzten Jahren eine Flut von Meldungen über den sexuellen Missbrauch von Kindern im kirchlichen Umfeld gegeben hat. Das Ergebnis ist, dass die Schwachpunkte in den Strukturen der Kirche zum Schutz der ihr anvertrauten Kinder ins Visier der Öffentlichkeit geraten sind und generelle Schuldvorwürfe gemacht werden. Kirchlichen Institutionen wird angelastet, dass sie bei internen Fällen von Kindesmissbrauch ein Auge zugedrückt oder sogar versucht haben, diese zu vertuschen.

Als Reaktion darauf haben viele Kirchen sich selbst darin übertroffen, in allen Bereichen ihrer Arbeit mit Kindern Schutzmaßnahmen zu ergreifen. Das geht so weit, dass eine Mutter, die im Sommerlager ihres Kindes mithelfen will, lange und komplizierte Fragebögen ausfüllen und gründliche polizeiliche Nachfragen über sich ergehen lassen muss, bevor sie als geeignet erklärt wird, die Kinder in die Geheimnisse des Knotenknüpfens einzuweihen und mit ihnen Lieder am Lagerfeuer zu singen. Natürlich gehen diese Maßnahmen zum Schutz der Kinder, bei denen es sich in den meisten Fällen um wichtige Schritte handelt, in die richtige Richtung. Zweifellos sind Kinder in einer Sonntagsschule oder im Kirchenchor sehr viel sicherer, wenn die Kirche Maßnahmen zu ihrem Schutz ergriffen hat. Und es ist von entscheidender Bedeutung, dass alle Kirchen ihre Selbstgerechtigkeit ablegen und zugeben, dass Kinder von einem System missbraucht worden sind, das häufig mehr daran interessiert war, sich selbst zu schützen als die Kinder, und dass sie strenge Richtlinien zum Schutz der Kinder einführen und umsetzen.

All das ist gut und schön. Aber es bleibt der nagende Zweifel, ob die Kirchen tatsächlich bereit gewesen wären, den Schutz von Kindern ernst zu nehmen, wenn die Medien nicht so umfassend und negativ über den Kindesmissbrauch berichtet hätten. Auf jeden Fall stellt sich die Frage, ob die anschließende Aufmerksamkeit und Konzentration der Kirche auf Schutzmaßnahmen tief genug geht, um unsere Kinder wirklich vor Missbrauch zu schützen? Oder trägt sie in gewisser Weise dazu bei, die wirklichen Ursachen für den Kindesmissbrauch in unseren Kirchen und Gemeinschaften zu vernachlässigen?

An dieser Stelle müssen wir uns vor Augen halten, dass allzu oft die Tendenz besteht, "Kindesmissbrauch" mit "sexuellem Kindesmissbrauch" gleichzusetzen und zu vergessen, dass dieser Begriff sehr viel weiter definiert ist: "körperliche oder seelische Gewalt, Verletzung oder Missbrauch, Verwahrlosung oder Vernachlässigung, Misshandlung oder Ausbeutung, einschließlich sexuellen Missbrauchs". In der ganzen Welt sind Tausende von Kindern jeden Tag unterschiedlichen Formen des Missbrauchs ausgesetzt. Sie werden als Arbeits- oder Sexsklaven verkauft, zur Arbeit in gefährlichen Bergwerken und Fabriken gezwungen oder müssen als Kindersoldaten in Armeen kämpfen, sie erleben die Schrecken des Krieges, müssen auf der Straße leben oder werden durch Krieg oder HIV/AIDS von ihren Familien getrennt, sie sind in ihrer eigenen Familie oder Schule Gewalt ausgesetzt, und diese Liste ließe sich beliebig fortsetzen … Dies sind Fälle von Missbrauch, über die im Verhältnis zu der Häufigkeit, mit der sie geschehen, selten berichtet wird und die die Medien kaum interessieren. Die meisten dieser Kinder leiden im Stillen vor sich hin, aber die Gewalt hinterlässt deutliche Spuren in ihrem Leben: sie führt zu Tod oder Selbstmord, zu körperlicher und psychischer Krankheit, zu Heimatlosigkeit, zur Entfremdung von Familie und Freunden, zu schwierigen oder missbräuchlichen Beziehungen als Erwachsene oder zu einem Gefühl der Hoffnungslosigkeit.

Vielleicht möchten Sie einige der Erfahrungsberichte hören, die in jüngster Zeit auf mehreren Konsultationen in Asien zu diesem Thema ausgetauscht wurden? Vielleicht die Geschichte eines traumatisierten Jungen aus Afghanistan, der nach seiner Ankunft im Rehabilitationszentrum in Kabul, in dem Nijabat Khan arbeitet, mehrere Jahre lang kein Wort sprach und stark zitterte, weil er mit angesehen hatte, wie seine Eltern bei einem Bombenangriff auf ihr Haus ums Leben gekommen waren. Oder die Geschichte eines Mädchens aus Kambodscha, das jetzt Zuflucht in Marie Cammals Heim "Sok Sabay" gefunden hat? Dieses Mädchen war von ihrem Onkel an ein Bordell verkauft und täglich mindestens 20mal vergewaltigt und, wenn sie sich wehrte, geschlagen worden. Oder die Geschichte, die Pater Damien aus Jaffna, Sri Lanka, von einem 14-jährigen Mädchen erzählt, das von drei bewaffneten Männern, die eines Nachts in das Haus ihrer Familie eindrangen, vergewaltigt wurde und das er jetzt betreut, damit sie ihre schrecklichen Erinnerungen verarbeiten kann. Oder wie wäre es mit dem Fall, den Pater K. U. Abraham erlebt hat: zwei Kinder in seiner Diözese in Indien wurden auf Druck ihrer Gemeinschaft von der Schule verwiesen, weil ihre Eltern beide an AIDS gestorben waren. Oder mit den Erfahrungen der Hauseltern eines Kinderheims in einem beliebten Badeort in Thailand, die viele Kinder von sexueller Ausbeutung durch ausländische Touristen befreien?

Oder würden Sie lieber gar nichts davon hören? Denn obwohl diese Geschichten größte Empörung bei uns auslösen, machen sie uns doch auch bewusst, dass Anstrengungen zur Verhinderung von Kindesmissbrauch allzu oft auf Widerstand stoßen, und zwar auf allen Ebenen der Gesellschaft, von der Regierung über Verantwortliche in Gemeinschaften/Kirchen bis hin zu den Eltern. Der Grund dafür ist, dass Kindesmissbrauch zumeist im privaten Umfeld geschieht und mit Kriminalität und Korruption einhergeht. Es ist eine traurige Tatsache, dass dieser Missbrauch allzu oft öffentlich verurteilt, aber privat toleriert wird. Heutzutage gibt es zahlreiche Mechanismen zum Schutz von Kindern auf internationaler, nationaler und lokaler Ebene, aber die Kluft, die zwischen Gesetzen und den täglichen Erfahrungen von Kindern besteht, ist nach wie vor sehr tief.

All dies wirft auf die Frage "Tun die Kirchen genug zum Schutz der Kinder vor Missbrauch?" ein ganz anderes Licht. Auch wenn Schutzbestimmungen, so wichtig sie auch sein mögen, eingeführt worden sind, so bedeutet das doch nicht, dass Kindesmissbrauch verhütet wird. Ein Vergleich der Konzepte "Vorbeugung/Verhütung" und "Schutz" lässt deutlich werden, dass bei diesen beiden eng zusammenhängenden Ansätzen zur Beendigung des Kindesmissbrauchs zwei verschiedene Aspekte zum Tragen kommen: letzterer hat eher heilenden Charakter, wohingegen ersterer eine intensivere Auseinandersetzung mit den eigentlichen Ursachen für den Kindesmissbrauch erfordert. Neben der Ergreifung umfassender Schutzmaßnahmen haben die Kirchen auch die wichtige Aufgabe, zu untersuchen, welche Faktoren das Risiko des Kindesmissbrauchs verstärken, egal ob es sich dabei um gesellschaftliche Strukturen handelt, die von der Geschlechts-, Kasten-, Klassenzugehörigkeit oder wirtschaftlichen Faktoren abhängen, um andere kontextspezifische Probleme, Krieg und Konflikte, Diskriminierung, Familiensituation (Fehlen eines Elternteils oder beider Eltern, z.B.), Beziehungsprobleme, Depressionen oder psychische Probleme oder um den Stellenwert von Kindern in der Gesellschaft im Allgemeinen. Dieser letzte Punkt ist vielleicht der wichtigste von allen. Kinder sind besonders durch Gewalt, Ausbeutung und Missbrauch gefährdet, weil sie von Erwachsenen abhängig und ihnen ausgesetzt sind. Zum Missbrauch von Kindern durch Erwachsene kommt es, wenn die äußeren Bedingungen einen solchen Missbrauch begünstigen und die Erwachsenen sich den Kindern gegenüber in einer Machtposition befinden.

Ich schreibe diesen Artikel zum "Internationalen Tag der Prävention von Kindesmissbrauch", der am 19. November begangen wird und dessen Ziel es ist, zur Schaffung einer Kultur der Prävention von Kindesmissbrauch beizutragen. Es ist eine Koalition von Nichtregierungsorganisationen (NROs) gebildet worden, die Aktionen für den 19. November planen soll, um Aufklärungsarbeit zu leisten, die öffentliche Meinung zu mobilisieren und zu öffentlichen Aktionen anzuregen, und um über Programme zur Vorbeugung von Kindesmissbrauch zu informieren. Das breite Spektrum von Präventionsinitiativen, für das diese Koalition steht, erinnert zum einen an die hervorragende Arbeit, die einige Kirchen und andere zivilgesellschaftliche Gruppen bereits leisten, zum anderen macht es uns bewusst, wie viel mehr die Kirchen potenziell tun könnten und sollten, und zwar sowohl in den Kirchen selbst als auch in den Gemeinschaften, in denen sie tätig sind.

Als Mitglied dieser Koalition sollte der ÖRK es als eine seiner zentralen Aufgaben ansehen, Mittel und Wege zu finden, wie er seine Mitgliedskirchen kreativ dabei begleiten könnte, für das Recht von Kindern auf ein Leben in Frieden einzutreten. Zwei Beispiele für bereits laufende Initiativen in dieser Richtung sind:

- die Kampagne "Auf den Flügeln einer Taube", die vom 25. November bis zum 10. Dezember 2004 laufen wird und das Ziel verfolgt, auf das Problem der Gewalt gegen Frauen und Kinder aufmerksam zu machen;

- das Programm "Würde der Kinder" in Asien, das ein Forum schaffen will, in dem die Mitgliedskirchen gemeinsam mit anderen zivilgesellschaftlichen Akteuren darüber nachdenken können, was sie zur Stärkung der Würde von Kindern tun können.

In den zwei Jahren, die ich im ÖRK gearbeitet habe, habe ich vor allem in der zweiten Initiative mitgearbeitet. Ich habe festgestellt, dass die damit verbundene Netzwerkarbeit zu neuen spannenden Initiativen führen kann, die das Engagement der Kirchen für die Anliegen von Kindern stärken können. Es gibt so viele Kirchen in ganz Asien, die sich konkret der täglichen Bedürfnisse von Kindern in ihren Gemeinschaften annehmen, indem sie Waisenhäuser, Jugendzentren, Heime für Straßenkinder, Sonntagsschulen etc. betreiben. Für solche Kirchen und kirchennahen NROs ist die Möglichkeit, mit anderen in Kontakt zu treten und Erfahrungen auszutauschen, von unschätzbarem Wert. Genauso wichtig ist es, dass sie sich mit ihren Anliegen an die größere Kirchengemeinschaft und an leitende kirchliche Verantwortliche wenden und sie dazu aufrufen können, sich ernsthaft der Probleme von Kindern anzunehmen.

Regionale, subregionale und nationale Netzwerkkonsultationen haben den Kirchen in Asien geholfen, die Lage von Kindern in ihren Gemeinschaften aus verschiedenen theologischen und kulturellen Perspektiven heraus tiefer zu analysieren und sich aktiv für Veränderungen in den gesellschaftlichen Strukturen einzusetzen, die die Würde von Kindern untergraben - Strukturen, die unbestreitbar auch die Kirchen selbst einschließen. Einige der nationalen Netzwerke haben sich gezielt auf Fragen im Zusammenhang mit der Vorbeugung von Kindesmissbrauch konzentriert:

- Das Netzwerk in Indonesien hat sich mit der Frage des Schutzes von Kindern befasst und vor kurzem ein Buch mit dem Titel "Richtlinien für Kirchen zum besonderen Schutz von gefährdeten Kindern" in der Landessprache Bahasa veröffentlicht.

- Als Ergebnis einer nationalen Konsultation, die 2002 zum Thema "Würde und Schutz von Kindern" in Malaysia stattfand, wurde ein "Lehrplan für Sonntagsschulen zur Frage des Kinderschutzes" zum Gebrauch in Ortsgemeinden entworfen, der ein doppeltes Ziel verfolgt: Kinder über ihre Rechte aufzuklären und ihnen praktische Verhaltensregeln für den Fall von sexuellem Missbrauch an die Hand zu geben sowie Kirchenleiter/innen zu helfen, bei Enthüllungen von Kindesmissbrauch angemessen zu reagieren und sowohl dem Opfer und seiner Familie als auch dem Täter im Heilungsprozess beizustehen.

Solche Initiativen sind kleine, aber wertvolle Schritte auf dem Weg zu einer Kultur des vorbeugenden Kinderschutzes. Vielerorts sind Richtlinien zum Kinderschutz integraler Bestandteil des notwendigen Maßnahmenpakets, aber wir sollten uns nicht allein auf rechtliche Bestimmungen verlassen. Langfristige Ergebnisse können nur erzielt werden, wenn entsprechende Initiativen in der kulturellen und gesellschaftlichen Wirklichkeit verwurzelt sind und als Teil eines Prozesses der ganzheitlichen Verwandlung von Gesellschaft und Welt verstanden werden. Die Aufgabe, die den Kirchen - und anderen Religionsgemeinschaften - in diesem Zusammenhang zukommt, ist von entscheidender Bedeutung und sie müssen sich dieser Aufgabe dringend stellen.

Wenn wir diese Herausforderung aufgreifen, dann werden die Wörter "Kindesmissbrauch" und "Kirchen" eines Tages vielleicht ein positiveres Bild vor unserem inneren Auge entstehen lassen, als das heute der Fall ist…[1881 Wörter]

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(*) Ruth Leearbeitet seit zwei Jahren im ÖRK-Asienreferat im Programm "Würde der Kinder" mit. Im Dezember 2004 wird sie ihre neue Stelle als Referentin für Sozialpolitik in der Mothers' Union im Vereinigten Königreich antreten.

Weitere Informationen zur Kampagne "Auf den Flügeln einer Taube" finden Sie unter:

www.gewaltueberwinden.org

Weitere Informationen zum ÖRK-Programm "Würde der Kinder" finden Sie unter:

http://www.wcc-coe.org/wcc/what/regional/index-g.html

Weitere Informationen zum Internationalen Tag der Prävention von Kindesmissbrauch finden Sie unter:

http://www.woman.ch

Die Meinungen, die in den ÖRK-Features zum Ausdruck kommen, spiegeln nicht notwendigerweise die Position des ÖRK wider. Das Material ist zum Wiederabdruck unter Angabe des Autors freigegeben.