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Pfingstbotschaft 2015

Botschaft der Präsidentinnen und Präsidenten des ÖRK zu Pfingsten 2015

12. Mai 2015

Botschaft der Präsidentinnen und Präsidenten des ÖRK zu Pfingsten 2015

Liebe Brüder und Schwestern im Glauben,

zu dieser Jahreszeit erinnern wir uns an die folgenden Worte aus der hebräischen Schrift:

Bittet für den Frieden Jerusalems! Es gehe wohl denen, die dich lieben! Friede sei in deinen Mauern und Glück in deinen Palästen! Um meiner Brüder und Freunde willen sage ich: Friede sei in dir! (Ps 122,6-8)[1]

Und aus dem Neuen Testament:

Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander. (Apg 2,1)

„Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden“ lautete das Thema der 10. Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen (Busan, Republik Korea, 30. Oktober – 8. November 2013). Diese ÖRK-Vollversammlung rief uns dazu auf, uns gemeinsam mit allen Menschen guten Willens auf einen Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens zu begeben.

Der Frieden, den die Welt bringen kann, besteht bloß aus leeren Worten, denn sie sagt „‚Friede! Friede!‘, und ist doch nicht Friede“ (Jer 6,14). Kann Gerechtigkeit herrschen, wo kein Friede ist? Kann Friede herrschen, wo keine Gerechtigkeit ist? Allzu oft streben wir nach Gerechtigkeit auf Kosten des Friedens, nach Frieden auf Kosten der Gerechtigkeit. Shalom (שָׁלוֹם) ist mehr als nur ein Ausdruck der gegenseitigen Begrüßung. Wenn wir zueinander sagen: „Der Friede des Herrn sei mit dir“, wünschen wir einander damit Zufriedenheit, Vollständigkeit, Ganzheit, Wohlbefinden, Gesundheit, Wohlergehen, Sicherheit, Unversehrtheit, Ruhe, Gedeihen, Perfektheit, Fülle, Erholung, Harmonie und das Fehlen von Unruhe oder Uneinigkeit. Für unseren Frieden, für unser Shalom hat unser Herr Jesus Christus am Kreuz auf dem Kalvarienberg den vollen Preis bezahlt.

Dadurch werden alle, die an Christus glauben, dazu befreit, die Stimme zu erheben, wenn Frieden angestrebt, aber Gerechtigkeit vernachlässigt wird, oder wenn das Streben nach Gerechtigkeit sich in einer Spirale der Gewalt verfängt. Wie schon die alten Worte des Psalmisten bezeugten, so ist der Status von Jerusalem auch heute noch das schwierigste Thema in den Verhandlungen zwischen Israeli und Palästinensern. Solange die Besetzung andauert, herrscht in Jerusalem kein Frieden. Die heiligen Stätten für Juden, Christen und Muslime sind noch immer weit davon entfernt, zu Symbolen für Frieden und Versöhnung unter den verschiedenen Gemeinschaften zu werden.

In der Apostelgeschichte lesen wir: „Und als der Pfingsttag [ten hemeran tes pentekostes] gekommen war, waren sie alle an einem Ort beieinander“ (Apg 2,1). Der „Pfingsttag“ wurde nach dem griechischen Wort pentekostos benannt; es bedeutet „fünfzigster“ und bezieht sich auf das „Wochenfest“, fünfzig Tage nach dem Passahfest und nach Ostern. Die ersten Menschen, die Jesus nachfolgten, befanden sich alle an einem Ort ... Nicht nur die Apostel, sondern alle 120 Jüngerinnen und Jünger waren zusammen, beteten und warteten auf den auferstandenen Christus. Das griechische Wort bedeutet uns, dass sie alle einmütig waren. Dann erfüllte plötzlich ein mächtiges Brausen (griechisch pneuma) das Haus. Der Wind war ein physisch spürbares Zeichen für die Gegenwart des Heiligen Geistes. Alle Anwesenden wurden vom Heiligen Geist erfüllt und predigten in den Sprachen aller Länder, aus denen fromme Juden in großer Zahl gekommen waren, um Pfingsten zu feiern.

Der Heilige Geist wird von Gott all denjenigen, die an den auferstandenen Christus glauben, als Geschenk des Glaubens gespendet. Christinnen und Christen aller Zeiten hatten und haben Teil an der inneren Verwandlung, für die Pfingsten steht. Am Morgen des Pfingsttages trat Petrus aus dem Obergemach, in dem sich die Jünger versammelt hatten, um öffentlich zu verkünden, dass Gott diesen Jesus zum Leben auferweckt hatte und sie alle Zeugen davon geworden waren. Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Unser Erlöser bezwang Sünde, Tod und Grab. Petrus verkündigte die rettende Gabe Jesu Christi an die Welt (Apg 2,1-41). Er trat hinaus an die Öffentlichkeit, um zu verkündigen, dass Jesus wahrhaftig der Fürst des Friedens (Sar shalom) ist.

Seit zwei Jahrtausenden feiern die Christen den „Geburtstag der Kirche“ – wie das Pfingstfest oft genannt wird –, und sie treten an die Öffentlichkeit, um Jesus als Herrn aller Menschen zu verkündigen. Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass dies in der Vergangenheit oft mit einem Geist der Überlegenheit, ohne Respekt für die Würde aller Menschen, unabhängig von ihrer Religion, Rasse, ihrem Geschlecht oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit, erfolgte. Diese Art von Arroganz entstammte nicht dem Heiligen Geist, der sich an Pfingsten ergoss, nicht dem Geist Christi, der die trennenden Mauern der Feindschaft überwindet und die reichhaltige Vielfalt allen Lebens bekräftigt. Der Geist von Pfingsten ruft uns auf den Weg der Gerechtigkeit und des Friedens, und zwar als Jüngerinnen und Jünger, die Christus nachfolgen und sich den anderen Pilgerinnen und Pilgern anschließen.

Daher vertrauen wir:

Der dreieinige Gott wird uns Frieden schenken im Anblick des Todes und der zukünftigen Welt; Frieden inmitten der Stürme und Gewitter des Lebens. Geliebte Brüder und Schwestern, betet um Frieden, Gedeihen und den Segen Gottes, nicht nur für Israel, nicht nur für Jerusalem, sondern um Frieden für die ganze Welt; nicht nur für eure Kirche, Konfession, Nachbarschaft oder euer Land, sondern betet um Frieden in Israel und Palästina, um Frieden in der Zentralafrikanischen Republik, der Demokratischen Republik Kongo, in Ägypten, Libyen, Mali, Nigeria, Somalia, im Sudan und im Südsudan, in Afghanistan, Myanmar, Pakistan, auf den Philippinen, in Thailand, in der Ukraine, im Irak, in Syrien, Jemen, Kolumbien und Mexiko. Mehr als 10 000 Menschen werden jedes Jahr in bewaffneten Konflikten auf der ganzen Welt getötet. Bittet um den Frieden unserer Welt! Frieden ist eine Frage von Leben und Tod für die Menschen, die sich danach sehnen. Bittet um den Frieden der Welt. Der Fürst des Friedens sendet uns in die Welt hinaus, um zu bezeugen, was wir im Obergemach gesehen und gehört haben, damit daraus in der Öffentlichkeit das wird, was wir an Pfingsten gehört und erlebt haben, als Segen in und für Gottes geliebte und gebrochene Welt.

Möge der Segen des allmächtigen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes uns alle begleiten.

Die Präsidentinnen und Präsidenten des Ökumenischen Rates der Kirchen

  • Pastorin Dr. Mary-Anne Plaatjies van Huffel, Reformierte Unionskirche im südlichen Afrika
  • Pastorin Prof. Dr. Sang Chang, Presbyterianische Kirche in der Republik Korea
  • Erzbischof Anders Wejryd, Kirche von Schweden
  • Pastorin Gloria Nohemy Ulloa Alvarado, Presbyterianische Kirche von Kolumbien
  • Bischof Mark MacDonald, Anglikanische Kirche von Kanada
  • Pastorin Dr. Mele'ana Puloka, Freie Wesleyanische Kirche von Tonga
  • Seine Seligkeit Johannes X., Patriarch der Griechisch-Orthodoxen Kirche von Antiochien und dem gesamten Morgenland
  • Seine Heiligkeit Karekin II., Oberster Patriarch und Katholikos aller Armenier

[1] Schlachter-Bibel 1951