World Council of Churches

Eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen auf der Suche nach Einheit, gemeinsamem Zeugnis und Dienst

Sie sind hier: Startseite / Dokumentation / Dokumente / ÖRK-Programme / Einheit, Mission, Evangelisation und Spiritualität / Gerechte, integrative Gemeinschaften / Theologische Perspektiven zur Diakonie im 21. Jahrhundert

Theologische Perspektiven zur Diakonie im 21. Jahrhundert

erarbeitet auf der gemeinsam von den Programmen Gerechtigkeit und Diakonie, Gerechte und integrative Gemeinschaften und Mission und Evangelisation

06. Juni 2012

Theologische Perspektiven zur Diakonie im 21. Jahrhundert

erarbeitet auf der gemeinsam

von den Programmen Gerechtigkeit und Diakonie, Gerechte und integrative Gemeinschaften und Mission und Evangelisation

des Ökumenischen Rats der Kirchen organisierten Tagung

2.-6. Juni 2012, Colombo, Sri Lanka

 

Die vorliegende theologische Reflexion ist bewusst induktiv – sie ist kontextbezogen und beruht auf Erfahrungen. An der Tagung nahmen 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus unterschiedlichen diakonischen Initiativen in rund 25 Ländern teil. Durch ihre Arbeit mit ausgegrenzten Menschen brachten sie einige schwierige Fragen, aber auch Ideen für neue Möglichkeiten mit. Sie trugen einige der Herausforderungen zusammen, die in diese Reflexion über Diakonie im 21. Jahrhundert aufgenommen wurden, darunter: Die Institutionalisierung von Ungerechtigkeit, insbesondere im gegenwärtigen System der neoliberalen ökonomischen Globalisierung; die Realität des Klimawandels und dessen Auswirkungen; Kriege und Konflikte und die dadurch entstehenden Zerstörungen, Traumata und zerbrochenen Beziehungen; die Zersplitterung von Gemeinschaften aufgrund aggressiver Durchsetzung von religiösen und ethnischen Identitätsansprüchen; die Enteignung und Vertreibung verletzlicher Menschen; die Gewalt gegen zahlreiche Teile der Gesellschaft, insbesondere gegen Frauen, Kinder, Menschen mit Behinderungen und ältere Menschen; Unterernährung, Krankheit und die HIV/Aids-Pandemie; die Ausgrenzung ethnischer und religiöser Minderheiten, indigener Völker, Gemeinschaften von Menschen afrikanischer Abstammung, der Dalits in Südasien und anderer Gruppen, die aus unterschiedlichen Gründen diskriminiert werden.

Die Tagung fand in Sri Lanka statt, einem Land, das durch langjährigen Krieg und Konflikte zerstört wurde und das verzweifelt nach Wegen für Heilung und Hoffnung sucht. Gastgeber war der Nationale Christenrat von Sri Lanka. Er steht für das Zeugnis von Kirchen, die klein sind, am Rande der Gesellschaft stehen und nur wenig Raum für öffentliches Engagement haben; Kirchen die alle eine eigene Identität aufweisen, aber in ihrem Zeugnis für Heilung und Versöhnung geeint sind. Die Konferenz beschloss deshalb, das Thema Diakonie aus drei spezifischen Blickwinkeln zu betrachten:

Erstens: Für die Vertiefung der Reflexion wurde Diakonie als primärer Ausdruck des Mitwirkens der Kirchen an der fortlaufenden Mission Gottes angesehen. Mit Hilfe dieses Blickwinkels sollte bekräftigt werden, dass die Kirchen keine ausschließende, nach innen gerichtete religiöse Gemeinschaft sein sollen, sondern dass sie eine Berufung haben, sich in der Welt zu engagieren. Damit reagierte die Konferenz zudem auf die gemeinhin übliche Tendenz, Diakonie über Institutionen zu betrachten und umzusetzen und dabei nur diejenigen Herausforderungen anzugehen, die die jeweiligen Institutionsformen erlauben.

Zweitens: Man versuchte, Diakonie aus dem Blickwinkel derjenigen neu zu bestimmen, die in vielen Fällen traditionell als Empfänger oder Gegenstand der diakonischen Arbeit der Kirchen gesehen werden: die verletzlichen und ausgegrenzten Gemeinschaften. Neben den theologischen Gründen wurde dieser Blickwinkel gewählt, um stärker menschenorientierte und weniger ressourcenintensive Formen von Diakonie zu erörtern, die sich aus den Wünschen ebendieser Gemeinschaften ergeben. Dadurch soll dafür gesorgt werden, dass diese Menschen im Rahmen der Neudefinition einer Diakonie in der heutigen Welt selbst handlungsfähig werden. Gleichzeitig stellt dies ein Hinweis auf eine mögliche Verlagerung von bevormundenden Eingriffen hin zu wirkungsvoller Begleitung dar.

Drittens: Angesichts der Tatsache, dass viele der heutigen Diakonie-Modelle von den Wahrnehmungen und Vorlieben der Kirchen im geopolitischen Norden geprägt worden sind, wollten sich die Konferenzteilnehmenden überlegen, wie Diakonie aussehen würde, wenn man sie aus dem Blickwinkel des globalen Südens betrachtete, wo die Lebensdynamik eine ganz andere ist. Im Übrigen leben mehr Christen im Süden als im Norden, meist als zersplitterte Minderheitengemeinschaften, oft in feindlichem Umfeld, gesellschaftlich und wirtschaftlich ausgegrenzt und inmitten eines harten Überlebenskampfes. Diese Präferenz für den Süden bedeutet aber nicht, dass nicht im globalen Norden dieselben Herausforderungen oder Möglichkeiten ebenso existieren können. Sie stellt auch keine Ablehnung der Beiträge der Kirchen im Norden an die Diakonie oder an die vorliegende Reflexion dar. Diese Entscheidung wurde bewusst getroffen, im Hinblick auf die Vielfalt der Lebensformen und der christlichen Ausdrucksformen, die der Süden bietet, sowie im Bemühen, einige der komplexen Fragen zu behandeln, die sich in dieser Weltregion im Zusammenhang mit der misslichen Lage der Menschen und dem Schicksal und der Zukunft der Erde stellen.

Die nachfolgende Zusammenfassung enthält die Überlegungen zum Tagungsthema aus den oben erwähnten Blickwinkeln.

 

I. Kirche, Mission und Diakonie

Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch.“ (Joh. 20,21)

1. Bei Gottes Mission geht es um die Umsetzung seiner Vision für die Welt. Eine Welt, in der Gott fröhlich ist, weil man nicht mehr die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens hört, in der keine Menschen da sind, die nur einige Tage leben, in der die Menschen Häuser bauen und bewohnen, und die Früchte ihrer Arbeit genießen, in der die Menschen nicht durch Unglücke umkommen und die Angreifer verwandelt werden, damit alle in Frieden leben können (vgl. Jes. 65,17-25). Diese eschatologische Hoffnung eines „neuen Himmels und einer neuen Erde“ (Offb. 21,1) ist nicht passiv, sondern durchdringt unsere Gegenwart immer wieder von neuem, sie lädt die Menschen ein, zu Gehilfen Gottes zu werden, indem sie diese Hoffnung in jedem hier und jetzt verwirklichen. Diese Mission Gottes ist dynamisch und gilt für alle Menschen und Kräfte, die die Heiligkeit und die Integrität von Gottes Schöpfung hochhalten.

2. Die Kirche, als eine Gemeinschaft, die durch die Taufe ins Leben gerufen wurde und die vom Heiligen Geist geleitet wird, beteiligt sich an dieser Mission durch ihr Bestehen, ihre Verkündigung und ihren Dienst. Diakonie wird gemeinhin als Dienst verstanden. Sie ist ein Weg, Glauben und Hoffnung in Gemeinschaft zu leben, als Zeugnis dessen, was Gott in Jesus Christus vollbracht hat.

3. Durch ihr diakonisches Amt legt die Kirche Zeugnis ab von Gottes Heilsplan in Jesus Christus und sie leistet einen Beitrag zur Mission Gottes. Durch ihre Diakonie geht die Kirche den Weg ihres dienenden Herrn, der verkündigte, er sei gekommen, um zu dienen, und nicht, um sich dienen zu lassen (Mk 10,45). In Christus ist die Kirche dazu berufen, die Macht des Dienstes über die Macht der Herrschaft zu stellen, damit ein Leben in seiner ganzen Fülle für alle möglich wird. Aus diesem Grund präsentiert sich die Kirche nicht nur als Zeichen für das kommende Gottesreich, sondern auch für den Weg, der zu diesem Reich hinführt, den Weg Christi.

4. Als diakonische Gemeinschaft ist die Kirche dazu aufgerufen, ihr christliches Zeugnis sowohl auf lokaler als auch auf höherer Ebene, auf persönlicher, als auch auf organisationeller Ebene zu leben. Dies sollte sich in allen unterschiedlichen Ausdrucksformen des Kircheseins widerspiegeln: in der Anbetung und der Verkündigung, in der Praxis der Gastfreundschaft und der Besuche (Hebr 13,1-3), im öffentlichen Zeugnis und in der Fürsprachearbeit. Als „Liturgie nach der Liturgie“ – befähigt durch das, was der Glaube feiert – beinhaltet Diakonie Fürsorge, Hilfe und Dienst, reicht aber noch weiter und geht die wahren Ursachen von Ungerechtigkeit innerhalb unterdrückender Systeme und Strukturen an. Der dauerhafte Einsatz für Gerechtigkeit wird aufrechterhalten durch unseren Glauben an Gott und unsere Treue zum Gott des Lebens, wenn wir mit den tödlichen Herrschaftsmächten konfrontiert sind.

5. Jede Gemeinschaft von Christen in jedem geopolitischen und sozioökonomischen Kontext ist dazu berufen, eine diakonische Gemeinschaft zu sein, und durch Akte des Dienstes, die die Verheißung des Reiches Gottes in sich tragen, Zeugnis von Gottes verwandelnder Gnade abzulegen. Gottes guter Schöpfung zuliebe heilt sie Beziehungen und stärkt Partnerschaften. Menschen und Gemeinschaften werden rund um Themen des Lebens, der Gerechtigkeit und des Friedens zusammengebracht. Dadurch hebt sich die Diakonie als Grund für Einheit ab und sollte deshalb auch als deren Werkzeug betrachtet werden. Als Ausdruck der Beteiligung an Gottes Mission in der Welt geht Diakonie über jegliche gemeindebezogenen Interessen oder Ziele der religiösen Verbreitung hinaus.

6. Einige der größeren institutionellen Ausdrucksformen von Diakonie sollten aufgrund ihrer Rolle bei der Entwicklung menschlicher Ressourcen, der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse in Krisensituationen und dem Voranbringen der Gerechtigkeit und der wirtschaftlichen Entwicklung für die verletzlichen Bevölkerungen unterstützt werden. Einige dieser und andere traditionelle Formen von Diakonie tendierten in der Vergangenheit dazu, sich auf Infrastruktur, Institutionen, Fachwissen und Ressourcen zu stützen. Viele christliche Gemeinschaften sahen sich deshalb entweder als Unterstützer oder als Nutznießer und nur selten als Mitwirkende an der Diakonie. Die kirchennahen Dienste und Werke ersetzen den Auftrag jeder christlichen Gemeinschaft, diakonisch tätig zu werden, nicht.

7. Als Glaubensantwort auf die Hoffnung des kommenden Gottesreiches, dessen Zeichen in allen Erfahrungen der Hoffnung mitten in unruhigen Zeiten, in Handlungen, die Menschen und Beziehungen heilen und stärken, im Kampf um Gerechtigkeit und Wahrheit präsent sind, muss Diakonie dynamisch, kontextbezogen und wandlungsfähig sein. Sie muss zu Partnerschaften führen, nicht nur auf Ebene der weltweiten oder großen Kirchenstrukturen, sondern auch unter den Gemeinden, den kirchennahen Diensten und den Netzwerken von Menschen, die sich für die Werte Gerechtigkeit, Friedens und Menschenwürde auf lokaler, regionaler und nationaler Ebene einsetzen.

 

II. Die Diakonie der Ausgegrenzten

„Der Stein, den die Bauleute verworfen haben ...“ (Ps 118,22, Apg 4,11)

8. Für viele ist Diakonie eine christliche Antwort auf Krisensituationen und Menschen in Not. Sie zeichnet sich aus durch Tätigkeiten, im Rahmen derer man diesen Menschen von Orten der Macht und des Privilegs aus mit Hilfe von Ressourcen und Infrastruktur die Hand reicht. Dieses Verständnis hat oftmals dazu geführt, dass die Bedürftigen als Objekte oder Empfänger der Diakonie betrachtet wurden. Auch zahlreiche philanthropische oder humanitäre Initiativen werden von einer solchen Haltung geleitet. Doch mit diesem Verständnis ist es nicht nur nicht gelungen, die Diakonie der Ausgegrenzten selbst anzuerkennen, sondern diese werden auch als bloße Objekte und Empfänger behandelt. In einigen Fällen wurde diakonische Arbeit ohne eine Haltung des Respekts, ohne Erkenntnis des Potenzials und ohne einen Ansatz der Partnerschaft mit den örtlichen Gemeinschaften umgesetzt.

9. Einige Diakonie-Initiativen, die ursprünglich darauf abzielten, den Schwachen und Verletzlichen zu dienen, wurden mit der Zeit zu Werkzeugen des Dienstes an den privilegierten und wohlhabenden Schichten der Gesellschaft. Leider ist der Dienst an den Armen kaum Ziel gewisser christlicher Bildungs- und Gesundheitsinstitutionen in vielen Teilen der heutigen Welt. Außerdem hat die vorherrschende Globalisierungskultur mit ihrem Fokus auf Profit und Konsumdenken den Begriff Dienst mit neuen Bedeutungen versehen. So wurden die traditionellen Dienststrukturen für die Erfüllung der Anforderungen an eine wirtschaftliche Tätigkeit und entsprechender Interessen vereinnahmt. Aufgrund dieser Tendenz scheint die Unterstützung derjenigen, die durch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Strukturen entmachtet wurden, für einige Kirchen keine Priorität mehr zu sein. Andere Diakonie-Initiativen wiederum wurden als Mittel für Proselytismus eingesetzt. Diakonie ist integraler Bestandteil unserer Identität als Christen und diakonische Initiativen dürfen nicht missbraucht werden. Es ist dringend notwendig und wesentlich für die Glaubwürdigkeit und die Integrität der Kirchen, dass sie Buße tun für diese und andere Wege, über die sie vom Weg von Gottes Mission abgekommen sind.

10. Ausgegrenzte Menschen mögen zwar nicht über die materiellen und finanziellen Mittel verfügen, um diejenige Art von Diakoniarbeit zu leisten, die viele Kirchen gewohnt sind, doch durch ihr Leben und ihren Widerstand im Alltag sind sie dennoch diakonisch tätig. Sie bezeugen die Sündhaftigkeit der Welt und ziehen diese für ihre Mitschuld und ihr Schweigen zur Rechenschaft. So wählt Gott die Ausgegrenzten nicht, weil sie freiwillig schwach sind, oder weil er paternalistisches Mitleid mit ihnen empfindet, sondern in erster Linie, weil das Leben dieser Menschen auf den dringenden Bedarf nach gesellschaftlicher Verwandlung hinweist.

11. Die Welt mag ihre Ränder als Orte der Schande und der Machtlosigkeit betrachten. Das biblische Zeugnis deutet jedoch auf einen Gott hin, der mitten im Kampf derjenigen, die zu Unrecht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, stets präsent ist. Die Bibel enthält mehrere Erzählungen von Gottes Aufmerksamkeit und seiner fürsorglichen Liebe für Menschen, die Unterdrückung und als Folge davon Ausgrenzung erleben. Gott erhört den Aufschrei der Unterdrückten und antwortet darauf, indem er sie auf ihrer Reise zur Befreiung hin unterstützt und begleitet. (2.Mose 3,7-8) So sieht Gottes Diakonie aus: Es ist eine Diakonie der Befreiung und der Rückerstattung der Würde, die für Gerechtigkeit und Frieden sorgt.

12. „Was kann aus Nazareth Gutes kommen!“ (Joh 1,46) Diese wichtige Frage deutet darauf hin, welchen entscheidenden Anfangsort Gott für diese Mission wählte, als er den Sohn in die Welt sandte. Jesus verkündet seine Diakonie als eine, die die Unterdrückten befreit, die Blinden sehend macht und die Kranken heilt. (Lk 4,16f.) Indem er immer wieder betont, dass er gekommen ist, um die Verlorenen und die Schwächsten zu erreichen, situiert sich Jesus stets von neuem unter den Ausgegrenzten seiner Zeit. Seine Diakonie lehnt missbräuchliche Macht ab (Lk 4,1-12), weigert sich, von der vorherrschenden Logik der Macht vereinnahmt zu werden (Mk 10,45) und fordert unterdrückende religiöse Traditionen heraus (Lk 11,37-45). Mit seiner Diakonie entscheidet er sich stattdessen dafür, diejenigen zu heilen, denen das Leben verweigert wird [z. B. den Mann mit der verdorrten Hand (Mk 3,1-6)], selbst wenn dieses Handeln ihn am Ende ans Kreuz führt. Durch seine Entscheidung enthüllt er die Kräfte der Ausgrenzung und tritt ihnen entgegen. In diesem Sinne sind die Ränder diejenigen Orte, die Gott für sein Mitgefühl und seine Gerechtigkeit sowie seine Präsenz bei Verletzlichkeit und Widerstand bevorzugt. Hier wurden die Kranken geheilt, wurde die Herrschaft böser Geister gebrochen, die Würde der Ausgegrenzten verteidigt und die Jünger mit lebensbekräftigenden Werten zum Amt befähigt.

13. Ausgegrenzte Menschen dürfen nicht nur als Menschen in Not und Verzweiflung betrachtet werden. Sie widerstehen der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung auf ihre eigene Art und Weise. Durch ihren Kampf um das Leben, für Gerechtigkeit, Würde und Rechte für sich selbst und für alle Menschen zeigen sie die Präsenz und die Macht Gottes in ihrem Leben. Menschen mit Behinderungen zum Beispiel fördern die Werte der Sensibilität und der Partnerschaft; die Gemeinschaften afrikanischen Ursprungs, die Dalits und andere diskriminierte Gemeinschaften rufen Kirchen und Gemeinden auf, Widerstand zu leisten und Kulturen und Praktiken zu überwinden, die Millionen von Menschen diskriminieren und entmenschlichen; die indigenen Völker leisten Fürsprachearbeit für den Wert der Vernetzung des Lebens, obwohl ihr eigenes Leben und ihr Land bedroht sind; junge Menschen in benachteiligten Situationen widersetzen sich politischen Maßnahmen, die ihnen die Möglichkeit auf Ausbildung und Beschäftigung nehmen; verletzliche Arbeitsmigranten schließlich fordern durch ihren Kampf für Menschenrechte, Würde und Gerechtigkeit politische Systeme heraus, die ihnen im Namen nationaler Interessen grundlegende Menschenrechte verweigern. Es gibt in allen Teilen der Welt, im globalen Süden, aber auch im Norden, zahlreiche solche Ausdrucksformen. In ihnen allen, im Handeln und in der Treue zur Befreiung und Verwandlung haben die Kirchen heute neue Möglichkeiten für diakonisches Arbeiten und für eine neue kirchliche Entdeckung ihrer selbst. Die Diakonie der Ausgegrenzten ist demnach entscheidend für das Engagement der Kirche bei der Verwirklichung der oikoumene Gottes, der alternativen Vision der Welt.

14. Aus theologischer Sicht mag der Begriff Ausgegrenzte als Mittel betrachtet werden, Menschen zu etikettieren oder sie zu Opfern von Systemen und Strukturen herabzustufen. Diakonie muss jedoch die zerstörerische und entmenschlichende Macht solcher Strukturen erkennen, nicht nur, um auf die tragischen Auswirkungen ihrer Realität hinzuweisen, sondern auch, um hervorzuheben, welche Forderungen, legitimen Rechte und Macht zur Verwandlung der Welt die ausgegrenzten Menschen in sich tragen. In einer Welt, in der Menschen als Objekte und Waren behandelt werden, bzw. in der sie aufgrund ihrer Identitätsmerkmale wie Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Hautfarbe, Kaste, Alter, Behinderung, sexuelle Orientierung und wirtschaftlicher oder kultureller Lage misshandelt werden, muss Diakonie Menschen und Gemeinschaften aufbauen, die Würde aller Menschen bekräftigen und Kulturen und Praktiken, die bestimmte Menschen diskriminieren und missbrauchen, verwandeln.

15. Ausgegrenzte Menschen bieten durch ihre Sehnsucht nach einem Leben in Würde und Gerechtigkeit sowie durch ihre Mitwirkung in Bewegungen alternative Visionen der Welt; einer Welt ohne Kräfte, die Gerechtigkeit, Würde und Leben für viele verneinen. Für zahlreiche Kirchen ist dies eine anspruchsvolle Herausforderung, mehr noch aber eine befreiende Verheißung für die Erneuerung traditioneller Modelle der diakonischen Praxis und der theologischen Reflexion, hin zu neuen Mustern der Inklusivität, des Teilens und des verwandelnden Handelns. Auch Jesus selbst befand sich unter den Ausgegrenzten seiner Zeit, als er sein Amt der Verkündigung des kommenden Gottesreiches antrat. Eine Mehrheit der christlichen Gemeinden auf der Welt besteht aus Menschen, die größtenteils arm und aufgrund verschiedener Faktoren ausgegrenzt sind. Diese Wirklichkeit sollte als Chance und als Ressource für ein authentischeres ökumenisches Engagement betrachtet werden. Allein die Partnerschaft und die Solidarität mit den Ausgegrenzten sichern der Kirche die Glaubwürdigkeit in ihrem Anspruch der Beteiligung an der Mission Gottes.

 

III. Diakonie zur Verwandlung

„Recht tun und Liebe üben.“ (Mi 6,8, Schlachter Bibel)

16. Diakonie ist Dienst, der das Feiern des Lebens für alle ermöglicht. Sie ist Glaube, der Veränderung bewirkt, der Menschen und Situationen verwandelt, damit das Reich Gottes im Leben aller Menschen, hier und jetzt, Wirklichkeit ist.

17. Der Gott der Bibel strebt nach Veränderung in konkreten Lebenssituationen und bewirkt diese auch, insbesondere in Situationen, in denen Menschen dies verwehrt wird. Diakonie als Handeln in Gottes Liebe muss demnach danach streben, Menschen, Systeme und Kulturen zu verwandeln. Gott verkündigt das Gericht über diejenigen, die Macht missbrauchen und den Armen Gerechtigkeit verweigern. Auch Jesus forderte ungerechte Systeme und Praktiken heraus und rief die Mächtigen und Privilegierten, die von solchen profitierten, dazu auf, umzukehren und durch die Werte Liebe, Teilen, Aufrichtigkeit und Demut verwandelt zu werden.

18. Diakonie beschränkt sich nicht auf das Verbinden der Wunden der Opfer oder auf barmherziges Handeln. Solche Ausdrucksformen von Liebe und Fürsorge sind zwar nötig, doch sie hindern nicht daran, Bemühungen zu unternehmen, um sich den Kräften und Faktoren, die Leiden und Entbehrung verursachen, entgegenzustellen und sie zu verwandeln. Das diakonische Amt umfasst sowohl das Trösten des Opfers als auch die Konfrontation mit den „Mächtigen und Gewaltigen“ (Eph 6,12). Es muss sowohl das Opfer, als auch denjenigen, der zum Opfer macht, heilen. Es ist eine radikale Spiritualität des Kampfes und des Engagements für die Verwandlung sündhafter Gesellschaftsstrukturen und die Befreiung von deren Opfer. Ohne Verwandlungsarbeit wäre Diakonie reiner Ausdruck von Dienst und würde fast unmerklich die Interessen der unterdrückenden und ausbeutenden Mächte vertreten, indem sie ihre Komplizenschaft vertuschte. Wenn Diakonie Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch nicht herausfordert, ist sie nicht mehr authentisch.

19. Diakonie begnügt sich auch nicht mit oberflächlichen Ausdrucksformen von Frieden und gutem Willen. Im Einklang mit der Empörung des Propheten Jeremia, „und heilen den Schaden meines Volks nur obenhin, indem sie sagen: ‚Friede! Friede!‘, und ist doch nicht Friede“ (Jer 6,14), stellt Diakonie einschlägige Versuche der Mächtigen und Privilegierten an den Pranger, die oftmals unternommen werden, um den ungerechten und unterdrückenden Ist-Zustand aufrechtzuerhalten. Diakonie ist prophetisches Handeln. Sie umfasst das Aussprechen der Wahrheit gegenüber den Mächten.

20. In der heutigen Welt kann Diakonie auch politisches Handeln beinhalten: Sie kann ungerechten militärischen und wirtschaftlichen Mächten entgegengetreten, die Politik von Staaten hinterfragen, wenn sie mehr in Verteidigung zu investieren scheinen als in die grundlegenden Bedürfnisse der Menschen und in die menschliche Entwicklung; sie kann Gesetze gegen die Immigration herausfordern, die den Enteigneten und Vertriebenen ihr Recht auf Leben verweigern; sie kann sich gegen Entwicklungspolitik stellen, die die Erde und ihre Bevölkerung zerstören; sie kann sich für Menschen einsetzen, die durch gesellschaftliche und wirtschaftliche Strukturen geschwächt wurden, und für deren Rechte eintreten.

21. Diakonie kann zudem gesellschaftliches Handeln umfassen, wenn dieses darauf abzielt, unterdrückende Kulturen wie patriarchalische Strukturen, Rassismus, Kastensysteme, Fremdenfeindlichkeit und andere diskriminierende und ausgrenzende Praktiken abzubauen. Die Kirchen müssen Buße tun für die Präsenz und Praxis dieser Kulturen in ihrem Innern und für ihre abwertende Haltung und theologischen Konstrukte, durch die gewisse Teile der Gesellschaft stigmatisiert werden.

22. Diakonie widersetzt sich aber nicht nur dem Bösen oder stellt sich ihm entgegen, sondern sie schlägt auch Alternativen zur Art und Weise vor, wie Menschen miteinander und mit der Natur umgehen. In diesem Sinne verändert Diakonie (Röm 12,2). Jesus, unser dienender Herr, rief diejenigen, die ihm nachfolgten, dazu auf, das Salz der Erde, das Licht und der Sauerteig der Welt zu sein (vgl. Mt 5.13.14); mit anderen Worten: Akteure der Veränderung und der Verwandlung zu sein. Befähigt durch den Heiligen Geist widerstand die Diakonie der frühen Christengemeinden der Macht des Kaiserreichs, indem sie alternative Werte und Visionen der Welt bot. Diakonie ist demnach nicht nur ein Ausdruck von Unterstützung und Hilfe für die Bedürftigen, sondern im Wesentlichen ein kreatives Handeln, das darauf abzielt, die Welt zu verwirklichen, die Gott sich so sehr wünscht.

IV. Herausforderungen und Chancen

„Denn siehe, ich will ein Neues schaffen“ (Jes 43,19)

21.     Das 21. Jahrhundert birgt zahlreiche Herausforderungen. Zusätzlich ergreifen in vielen Teilen der Welt Menschen die Initiative und kämpfen für Freiheit, Gerechtigkeit, Würde und Leben. Dadurch entstehen für die Kirchen neue Chancen, Diakonie auf unterschiedliche, kreative Art und Weise zu realisieren und sich dabei selbst neu zu entdecken. Je nach Kontext mögen sich außerdem weitere Gelegenheiten und Möglichkeiten ergeben. Die nachfolgend aufgeführten, aufschlussreichen Vorschläge wurden auf der Konferenz eingebracht und können als Anregung für weitere Überlegungen und zum Handeln gesehen werden:

a. Diakonie der Ortsgemeinden

1.       Die Ortsgemeinden müssen sich der sozialen, politischen und ökonomischen Lebenswirklichkeiten der Menschen, innerhalb denen sie als diakonische Gemeinschaften existieren, bewusst werden. Ziel der christlichen Erziehung sollte es sein, ein Bewusstsein für soziale Verantwortung zu fördern.

2.       Sie sollten versuchen, die theologische Bedeutung von Diakonie mit Hilfe von Anbetung und Verkündigung anzuerkennen und zu bekräftigen. Die Kirche muss ein Übungsfeld für kreatives Engagement in der Welt sein.

3.       Sie sollten Bürgerinitiativen zu Umweltthemen anstoßen.

4.       Sie müssen der Realität von Missbrauch und Gewalt gegen Frauen in Haushalt, Gemeinschaft und Kirche entschlossen entgegengetreten.

5.       Sie müssen Aufklärungsarbeit im Bereich Alkohol- und Drogenmissbrauch leisten und die Opfer dabei unterstützen, sich aus ihrer Situation zu befreien.

6.       Unsere Gemeinschaften müssen zu offenen, gerechten, gastfreundlichen und integrativen Gemeinschaften werden und als solche bestehen bleiben. Die Kirchen sollten danach streben, frei von Diskriminierung zu sein und zu Zufluchtsorten der Sicherheit und der Hoffnung zu werden.

7.       Unter den Mitgliedern sollten vor allem in den Bereichen Beratung und Entzugsprogramme, bei Bildungs- und Beschäftigungsmöglichkeiten sowie beim Thema Geschlechtersensibilität etc. Kapazitäten aufgebaut werden.

8.       In relevanten menschen- und lebensbezogenen Bereichen sollte kontextabhängig eine Zusammenarbeit mit anderen Kirchen, Glaubensgemeinschaften und Bürgerinitiativen gesucht werden. Dies kann sowohl Diakonieaktivitäten als auch die gemeinsame Nutzung von Ressourcen umfassen.

 

b. Diakonie größerer Kirchengremien

1.       Die Kirchengremien sollten die lokalen Kirchen in der Reaktion auf ihre spezifischen Probleme bei der Erarbeitung und Umsetzung diakonischer Arbeit ermutigen, unterstützen und begleiten.

2.       Sie sollten zu Bekundungen von Solidarität und gegenseitiger Verantwortung ermutigen, insbesondere durch die Überwindung des Gefälles zwischen Stadt und Land, Reich und Arm, etablierten und Migrantengemeinden etc.

3.       Diskriminierung und Ausgrenzung innerhalb der Kirche müssen angegangen werden. Entsprechende Kampagnen zur Lösung dieser Probleme sind im Inneren und außerhalb der Kirche zu lancieren.

4.       Sie sollten Strategien und Programme zu den Themen HIV/Aids, Behinderung, Armut, Nahrungsmittelsicherheit und ökologische Haushalterschaft entwickeln.

5.       Prophetische Stimmen und Initiativen, die danach streben, Menschrechte, Gerechtigkeit und die Rechte ausgegrenzter Gemeinschaften hochzuhalten, sollten anerkannt, gestärkt und unterstützt werden.

6.       Die Kirchengremien sollten Partnerschaften mit regional und national vertretenen Kirchen und Organisationen zur Förderung von Bürgerinitiativen aufbauen.

7.       Theologische Einrichtungen müssen dazu ermutigt werden, Diakonie soweit erforderlich als Lehrdisziplin einzuführen und zudem weiterführende Untersuchungen und Forschung zu relevanten diakonischen Praktiken durchzuführen.

8.       Für Pastorinnen/Pastoren und Laiinnen/Laien sollten leicht zugängliche Bibelstudien zum Thema Diakonie erarbeitet werden.

9.       In der Diakoniearbeit sollte mit Menschen verschiedener Glaubensgemeinschaften zusammengearbeitet werden.

 

c.       Diakonie des ÖRK und vergleichbarer internationaler Organisationen

1.       Diakonie muss als eine wesentliche Ausdrucksform der Kirche anerkannt werden. Die primäre Berufung dieser Organisationen besteht nicht nur darin, gewisse diakonische Handlungen im Namen der Kirchen einzuleiten, sondern zwingend auch, die Initiativen der Kirchen zu begleiten. Das kann je nach Bedarf sowohl den Ausbau von Kapazitäten als auch die Förderung von Partnerschaften und die Mobilisierung von Ressourcen einschließen.

2.       Die Menschen, Gemeinschaften und Gemeinden sind in ihrem Kampf gegen Diskriminierung und Ausgrenzung zu unterstützen.

3.       Die Organisationen sollten Fürsprachearbeit für Gerechtigkeit, Würde und Frieden sowie für die Opfer von Angriffen, Vertreibung und Enteignung üben.

4.       Sie sollten Bürgerinitiativen für einen Wandel unterstützen und begleiten. Einige dieser Initiativen verfügen möglicherweise nicht über die nötige Sichtbarkeit und Infrastruktur vor Ort, um Förderer zu finden.

5.       Der Dialog mit internationalen Diakonieeinrichtungen muss erleichtert werden, um Modelle der Zusammenarbeit unter den Kirchen sowie eine gegenseitige Rechenschaftspflicht zu fördern.

6.       Die Organisationen sollten Ressourcen vorbereiten und den zwischenkirchlichen Austausch von theologischer Unterstützung für einen kreativen Diakonieeinsatz in unterschiedlichen Kontexten erleichtern.

7.       Die Macht der Solidarität im Kampf für Verwandlung muss anerkannt und somit jegliche Solidaritätsbekundung auf allen Ebenen ermöglicht, ermutigt und gestärkt werden.

22.     Diakonie, die heutzutage auf diese Art und Weise verstanden wird, mag manchmal zu Konfrontationen mit den Machthabern des Status quo führen. Risiken sind zuweilen unvermeidbar und erfordern eine Haltung, die von Liebe, Demut, Mut und Engagement geprägt ist. Jesus besteht darauf, dass Nachfolge ihren Ausdruck im Schatten des Kreuzes sucht (Mt 16,24). Daher können die Kirchen – als Gemeinschaften, die gemeinsam zu einer Berufung im Dienst aufgerufen werden, nach Jesus Christus, der sein Leben im Dienst ließ –, einander mit den Worten des ersten Petrusbriefes ermutigen: „Und wer ist's, der euch schaden könnte, wenn ihr dem Guten nacheifert? Und wenn ihr auch leidet um der Gerechtigkeit willen, so seid ihr doch selig. Fürchtet euch nicht vor ihrem Drohen und erschreckt nicht; heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist, und das mit Sanftmut und Gottesfurcht“ (1. Petr 3,13-16).