World Council of Churches

Eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen auf der Suche nach Einheit, gemeinsamem Zeugnis und Dienst

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Neugestaltung der ökumenischen Bewegung

Junge Menschen fordern Einheit, Gerechtigkeit und integrative Gemeinschaft

16. November 2003

Junge Menschen fordern Einheit, Gerechtigkeit und integrative Gemeinschaft

Wir, dreizehn junge Menschen, sind vom 14.-16. November 2003 - auf Einladung des Ökumenischen Rates der Kirchen und als Gäste der Armenischen Apostolischen Kirche (Kilikien) - in Antelias zusammengekommen, um gemeinsam über die Neugestaltung der ökumenischen Bewegung nachzudenken. Inspiriert von der reichen Vielfalt unserer Erfahrungen haben wir über unsere Träume und unsere Vision für die Zukunft gesprochen.

Wir sind in einer Zeit zusammengekommen, in der die globalen Lebensbedingungen sich immer schneller verändern. Die Lage in der Welt ist geprägt durch gewalttätige Konflikte, die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich, wirtschaftliche Ungerechtigkeit, die HIV/AIDS-Pandemie und Umweltzerstörung, um nur einige wenige Merkmale zu nennen. Im zerbrochenen Leben von Millionen von Menschen sehen wir das Leiden Christi und hören seinen Schrei nach Gerechtigkeit und Heilung. Und gleichzeitig wird der Ruf an die Christen lauter, sich stärker den Anliegen der Welt zuzuwenden und gemeinsam zu handeln.

Daher bekräftigen wir die Notwendigkeit, uns neu mit der Vision und der Ausrichtung der ökumenischen Bewegung auseinander zu setzen und über die gegenwärtigen Strukturen und Organisationsformen hinauszublicken. Das Wort "Bewegung" impliziert Dynamik, permanente Selbstprüfung und Wandel.

Obwohl die Zahl der jungen Menschen, die in der Kirche mitarbeiten und präsent sind, in den meisten Teilen der Welt abnimmt, engagieren sich nach wie vor viele junge Christen und Christinnen leidenschaftlich für die ökumenische Bewegung. Das gibt uns Hoffnung und Mut. Wir stellen jedoch fest, dass ihr Wunsch, die gegenwärtigen Probleme der oikoumene zu lösen, sich immer stärker Ausdruck außerhalb der Kirchen und ökumenischen Organisationen verschafft. Dies stellt die Relevanz der ökumenischen Bewegung in Frage.

Unsere Vision von der ökumenischen Bewegung

"Lasst uns gemeinsam tun, was wir gemeinsam tun können.
Wenn wir glauben, etwas nicht gemeinsam tun zu können - dann lasst uns den Weg finden, es gemeinsam zu tun."1

Wir haben die Vision von einer neuen ökumenischen Bewegung, die durch ein neu gestärktes Engagement von Kirchen und ökumenischen Organisationen gekennzeichnet ist. Ökumenisch zu sein, gehört zum wahren Sein der Kirche und ist nicht nur eine Frage kirchlicher Außenbeziehungen. Ein neues Verständnis von der Rolle der ökumenischen Bewegung wird sich aus einem "neuen" Verständnis von der Sendung der Kirche als einer Gemeinschaft entwickeln, die alle einschließt und die sich für das Leben einsetzt - nicht nur für Christen, sondern für alle Kinder Gottes, für die Schöpfung, für die ganze oikoumene. Im 21. Jahrhundert werden wir es erleben, dass die Kirchen eucharistische Gemeinschaft miteinander teilen und gemeinsam für eine versöhnte und geheilte oikoumene in sichtbarer Einheit beten und eintreten. Die ökumenische Bewegung des 21. Jahrhunderts muss einen sicheren Raum für aufrichtigen Dialog bieten, in dem die Partner sich gegenseitig respektieren und der keine "ökumenische Gemütlichkeit" anstrebt, sondern eine Beziehung christlicher Liebe unter Partnern fördert, deren Begegnung von Vertrauen, gegenseitiger Rechenschaftspflicht und dauerhafter Verpflichtung als zentralen Werten geprägt ist.

Wir träumen von einer ökumenischen Bewegung, in der junge Menschen all ihre Talente und Fähigkeiten in allen Bereichen aktiv einsetzen und führende Aufgaben übernehmen können. Die ökumenische Bewegung legt Zeugnis von einer Kirche ab, die als Leib Christi wesensmäßig alle einschließt. Ihre Stärke und ihr Reichtum liegen in ihrer Vielfalt. Die ökumenische Bewegung des 21. Jahrhunderts muss dergestalt sein, dass alle Kirchen und ökumenischen Organisationen sich ihr zugehörig fühlen können. Die Achtung der Vielfalt ist wesentliche Voraussetzung dafür, dass die ökumenische Bewegung als eine Bewegung von Menschen, in der die Menschen die Tagesordnung bestimmen, überlebensfähig bleibt.

"Mein Brot ist eine materielle Angelegenheit, das Brot meines Nächsten eine zutiefst spirituelle."2

Unser Umgang mit Geld ist eine spirituelle Angelegenheit. Ökumenisches Engagement bringt es mit sich, dass wir im Geist der Solidarität, der Liebe und Gerechtigkeit nicht weniger geben, als wir geben können. Wir haben die Vision, dass ökumenische Organisationen und Kirchen sich auf der Grundlage ihres gemeinsamen, in der Bibel wurzelnden Glaubens gemeinsam für Gerechtigkeit einsetzen und ungerechte Strukturen verändern. Das Miteinanderteilen von materiellen und nicht-materiellen Ressourcen, von Gaben, Erfahrungen und Fähigkeiten, aber auch von Belastungen und Pflichten wird unsere Einheit in Christus widerspiegeln. Geld sollte der Durchführung von Entscheidungen dienen - es sollte sie nicht kaufen.

Die ökumenische Bewegung ist aufgerufen, eine Alternative zur Globalisierung anzubieten. Kirchen und ökumenische Organisationen müssen ökumenisch denken und lokal handeln. Die Vision von einer "Ökumenisierung" im Gegensatz zur Globalisierung strebt eine globale Gemeinschaft an, die die Vielfalt ihrer Mitglieder achtet.

Die ökumenische Bewegung - als Bewegung, die tief in der Lebenswirklichkeit und den Traditionen unserer Kirchen und ökumenischen Organisationen verwurzelt ist - muss eine Bewegung aller Menschen und nicht nur einer kleinen Gruppe von "Ökumene-Begeisterten" sein. Das setzt voraus, dass ökumenische Themen zu einem regulären Bestandteil christlicher Bildungsarbeit werden, dass Menschen jeden Alters und Stands in ihrer Ausbildung und Weiterbildung mit ökumenischen Fragen und Entwicklungen vertraut gemacht werden.

Im 21. Jahrhundert sind Kohärenz und Transparenz bei der Zusammenarbeit starker ökumenischer Gruppen und Einrichtungen auf lokaler, nationaler und globaler Ebene vonnöten. Angesichts der Komplexität vieler Fragen, mit denen die Welt heute konfrontiert ist, muss die ökumenische Bewegung eine Verbindung zwischen der prophetischen Stimme der Kirche und den Stimmen von zivilgesellschaftlichen Organisationen und Bewegungen, die für dieselben Ziele kämpfen, herstellen.

Wir haben die Vision, dass Kirchen in der ökumenischen Bewegung des 21. Jahrhunderts Menschen anderer Glaubensrichtungen als Teil des Haushalts Gottes ansehen. Der tägliche Dialog des Lebens bietet eine Grundlage für friedliche und konstruktive Beziehungen und Zusammenarbeit.


Unsere Empfehlungen für eine Neugestaltung der ökumenischen Bewegung

Die Reflexion über eine Neugestaltung der ökumenischen Bewegung sollte auf allen Ebenen (global, regional, national und lokal) stattfinden und alle ökumenischen Einrichtungen und Organisationen einbeziehen. Sie sollte von der Lebenswirklichkeit der Menschen in der Kirche wie auch in der Gesellschaft ausgehen.

An diesem Prozess sollten Menschen aus unterschiedlichen Kontexten beteiligt werden. Dabei sollten Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Zugehörigkeit zu indigenen Bevölkerungsgruppen, sexuelle Orientierung, Vielfalt der Kenntnisse und Erfahrungen eine Rolle spielen.

Die ökumenische Bewegung begann im letzten Jahrhundert und jungen Menschen - im Christlichen Studentenweltbund, in den Christlichen Vereinen Junger Männer (CVJM) und den Christlichen Vereinen Junger Frauen (CVJF) - kam dabei eine führende Rolle zu. Das erinnert uns daran, wie wichtig der Beitrag von Jugendlichen sein kann. Daher sprechen wir uns mit Nachdruck dafür aus, dass junge Menschen aus allen ökumenischen Jugendorganisationen voll in diesen Prozess der Neugestaltung integriert werden.

Als junge Menschen nehmen wir diese Verantwortung voll und ganz an. Wir sind bereit, Risiken auf uns zu nehmen und mutige Schritte zu gehen und den Heiligen Geist in uns wirken zu lassen.

Über alles aber zieht an die Liebe,
die da ist das Band der Vollkommenheit.
Kolosser 3, 14

Anmerkungen
(1) Paraphrase des so genannten Lund-Prinzips (Dritte Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung, Lund, Schweden, 1952), demzufolge die Kirchen "in allen Dingen gemeinsam handeln müßten, abgesehen von solchen, in denen tiefe Unterschiede der Überzeugung sie zwingen, für sich allein zu handeln".
(2) Aussage, die in der Regel dem russischen Philisophen Nikolai Berdjajew zugeschrieben wird.

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