Der Ökumenische Rat der Kirchen, der Kirchenrat des Nahen Ostens, der Lutherische Weltbund, die Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen, der Weltrat Methodistischer Kirchen, die Mennonitische Weltkonferenz, die Asiatische Christliche Konferenz und die ACT Alliance bringen gemeinsam ihre große Sorge über die humanitären und gesellschaftlichen Auswirkungen der Eskalation des Konflikts im Nahen und Mittleren Osten und die Gefahr, die er für Frieden und Sicherheit in der Region und der Welt insgesamt darstellt, zum Ausdruck. 

Nachdem die mehr als 92 Millionen Menschen zählende Bevölkerung im Iran bereits seit vielen Jahren komplexe politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Herausforderungen aushält, sieht sie sich nun auch noch mit den unmittelbaren Gefahren des aktuellen Konflikts und einer sehr ungewissen Zukunft konfrontiert. 

Die gegen den Iran gerichtete Gewalt durch die USA und Israel , die Tötung des obersten Führers des Iran, des Ajatollahs Ali Chamenei, am 28. Februar und die darauffolgenden Gegenschläge des Iran haben einen Krieg zur Folge, der eine Bedrohung für den Frieden in der ganzen Region darstellt. Zudem weckt er ernste Sorgen um die Sicherheit und das Wohlergehen der Zivilbevölkerung, die durch ein trauriges Beispiel untermauert werden, über das in den Medien berichtet wurde: Bis zu 175 Schülerinnen und Mitarbeitende sollen bei einem Raketenangriff getötet worden sein, bei dem eine Mädchenschule in der südiranischen Stadt Minab getroffen wurde. 

Je länger der Konflikt anhält, desto mehr werden zwangsläufig die humanitären Risiken und das Leid zunehmen. Darüber hinaus sind wir zutiefst besorgt, dass immer mehr Berichte auf schwere Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht im Rahmen der anhaltenden Militäroperationen hindeuten. Wir betonen, dass es eine moralische und rechtliche Pflicht aller Konfliktparteien ist, die Zivilbevölkerung zu schützen und keine Angriffen auf zivile Gebiete oder zivile Infrastruktur durchzuführen.

Wir befürchten des Weiteren, dass der Konflikt eine neue Phase anhaltender Gewalt und Instabilität in der gesamten Region zur Folge haben könnte. Es sind bereits viele Länder in der Region und darüber hinaus beteiligt oder betroffen. Die Situation im Libanon ist in einen groß angelegten israelischen Angriff eskaliert, von dem mehrere Regionen des Landes und auch die Hauptstadt Beirut betroffen sind. Insbesondere in den südlichen Vororten Beiruts und in großen Teilen des Südlibanon sind bereits ganze Wohnviertel großflächig zerstört worden. Die Verschärfung der Kriegshandlungen hat zu großem Leid in der Zivilbevölkerung geführt und Hunderttausende Menschen zur Flucht aus ihren Häusern gezwungen, um sich in Sicherheit zu bringen. Auch der Irak ist von der Eskalation in der Region betroffen. Die wachsenden Spannungen und Sicherheitsprobleme verschärfen die ohnehin schon fragile Lage weiter. Die Vergeltungsschläge des Iran haben zudem mehrere Golfstaaten sowie Zypern und Aserbaidschan getroffen.

Wir sind des Weiteren tief besorgt, dass die Angriffe und ihre Auswirkungen wahrscheinlich die Vertreibung von noch mehr Menschen zur Folgen haben werden und das in einer Region, in der bereits sehr viele Menschen vertrieben wurden und in der die Binnenvertriebenen im Iran selbst und die Flüchtlinge in Nachbarländern absolut unzureichend versorgt und die Sicherstellung ihres Wohlergehens absolut unzureichend geplant ist. 

Aber nicht nur im Iran und den am stärksten betroffenen Ländern sind Tod, Zerstörung und Vertreibung als unmittelbare Folgen dieses Konflikts zu spüren, er wirkt sich vielmehr bereits heute auch auf das Leben und die Lebensgrundlage vieler Menschen, Gemeinwesen und ganzer Gesellschaften in der gesamten Region aus. Genau wie alle Menschen im Iran und der gesamten Region, sind auch die Kirchen und christlichen Gemeinden mit den Gefahren dieses Krieges für ihr Überleben konfrontiert.

Es muss betont werden, dass die von Israel und den USA gemeinsam durchgeführten Angriffe eindeutig völkerrechtswidrig sind. Es gibt keinerlei glaubwürdige Beweise für eine angebliche unmittelbare Bedrohung durch den Iran, und die Angriffe sind ein eklatanter Verstoß gegen die Charta der Vereinten Nationen, die genau aus diesem Grund formuliert wurde: um die Menschen weltweit vor der Geißel des Krieges zu bewahren. Die Abkehr von der Diplomatie zugunsten eines bewaffneten Angriffs ist unverantwortlich und grob fahrlässig.  

Nachdem Israel und die USA diesen Weg nun aber eingeschlagen haben, darf es ihnen nicht gestattet werden, erneut einfach Verwüstung und Zerstörung zu hinterlassen und dies dann Frieden zu nennen. Sie müssen die Verantwortung für die Folgen ihres Handelns übernehmen, und dazu zählen auch die Folgen für das Überleben der Menschen im Iran, für deren Freiheit sie einzutreten vorgeben.

Wir fordern einen sofortigen Waffenstillstand, die dringende Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen und politischer Gespräche im Rahmen der bestehenden internationalen und regionalen Mechanismen und die Einhaltung aller völkerrechtlichen Verpflichtungen durch die beteiligten Staaten, zum Beispiel jene in der UN-Charta.

Unser Appell wurzelt in unserem Glauben und unseren christlich-ethischen Wertvorstellungen sowie in Recht und Politik. Wir unterstreichen erneut, dass Krieg mit dem Wesen Gottes und seinem Willen für die Menschheit unvereinbar ist und gegen unsere christlichen Grundwerte verstößt. Frieden ist ein moralischer und spiritueller Imperativ, der auf unserem Glauben an einen Gott der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit beruht, und ein Geschenk, das nicht mit Zwang oder Waffengewalt errungen werden kann. Die Menschenwürde ist heilig und spiegelt wider, dass alle Menschen nach dem Bilde Gottes geschaffen sind. Jeder Angriff auf die Zivilbevölkerung und jede systematische Verletzung der Menschenrechte, egal ob durch einen Angriff von außen oder die Unterdrückung der eigenen Bevölkerung im Innern, ist eine direkte Verletzung der von Gott gegebenen Menschenwürde und der Unantastbarkeit des Lebens. 

Wir bedauern sowohl in Bezug auf diesen Konflikt als auch den globalen Kontext insgesamt, dass Moral und Rechtmäßigkeit keinen großen Stellenwert mehr haben, Arroganz und Herrschaftsideologien die Oberhand haben und nicht das Gewissen, sondern politischer Nutzen die Entscheidungen bestimmt. Aus unserer christlichen Sicht gibt es keine göttliche Lizenz, zu töten, zu zerstören, Menschen zu vertreiben oder Land zu besetzen. Wir treten ein für die von Gott gegebene Würde und die von Gott gegebenen Rechte aller Menschen, gleichberechtigt und ohne Unterschied. Wir lehnen die brutale Logik von Krieg und einer Herrschaft über andere Menschen ab. Wir streben nach dem Geschenk des Friedens.

Wir beten für die Menschen im Nahen und Mittleren Osten, die schon viel zu lange unter zu viel Gewalt leiden – und das zu oft als Folge einer Intervention von außen. Wir rufen alle Kirchen und christlichen Gläubigen in der Welt sowie alle gläubigen Menschen und Menschen guten Willens auf, zusammen mit uns für Frieden im Nahen und Mittleren Osten und überall auf der Welt, wo Konflikte und Unfrieden herrschen, zu beten. 

Gott, setze der Gewalt und Ungerechtigkeit ein Ende.
Sorge dafür, dass sich die politischen Führungspersonen für das Wohlergehen aller Menschen einsetzen. 
Möge deine Liebe und deine Barmherzigkeit walten und die Staaten der Welt in einem gemeinsamen Engagement für Frieden zusammenbringen. 
Möge dein Reich des Friedens kommen auf Erden wie im Himmel.