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Abschluss der Donau-Friedenswelle

Predigt des ÖRK-Generalsekretärs Olav Fykse Tveit im Ulmer Münster

02. Juli 2011

Predigt im Ulmer Münster

2. Juli 2011

Dr. Olav Fykse Tveit

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

„Und alsbald war da bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen: ‚Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens‘.“ – Sie alle kennen diese Worte aus der Weihnachtsgeschichte.

Die Weihnachtsbotschaft vom Frieden ist nicht eine Botschaft von etwas Fernem, von etwas Vergangenem, von einer Idylle, die irgendwo im Himmel, oder in einem überirdischen Bethlehem, weit weg von uns stattfindet. Die Botschaft vom Frieden ist für uns heute, hier auf dieser Erde - sonst sprechen wir nicht von Frieden.

Für meine Mutter war Friede das schönste Wort. Sie hat das Ende des Zweiten Weltkrieges in Europa erlebt. Wenn sie das Wort "Friede" aussprach, sprach sie wirklich wie von einem Freund der kommt, wie von einem Engel.

Auch bei Ihrem Fest und Projekt bringen Sie es wunderbar zum Ausdruck: die schöne grenzüberschreitende und verbindende Donau wird zu einer Friedenswelle, die immer wieder kommt. Es ist eine geniale Idee.

Der Frieden verbindet und bringt Leben wie Wasser. Wie Wasser ist Frieden auch etwas wonach sich die Menschen schon seit immer und heute noch sehnen. Wasser macht uns eins, als Menschen können wir ohne Wasser überhaupt nicht überleben. Wir Christen sind auch eins durch das Wasser der Taufe - Christus wurde in einem Fluss getauft, aber im kleinen Jordan, nicht in der Donau. Von Jesus und von unserer Taufe strömen die Werte von Frieden und Gerechtigkeit.

Flüsse verbinden uns über die Grenzen und Kulturen hinweg. Flüsse bringen neue Ideen, können Völker verbinden, geben Wirtschaft und Arbeit. Aber ein Fluss kann auch Streit bringen und Streitkräften einen Weg geben. Ein Fluss kann leider auch Zeichen unserer Sorglosigkeit gegenüber der Natur sein. Wir brauchen Menschen mit Vision, Menschen die sehen können wie es anders sein kann, wie wir unsere Flüsse als Gabe Gottes verwalten sollen. Ihre „Friedenswelle“ ist ein prophetisches Wort. Ein schönes Wort. Ein Wort, das Vision schenkt.

Frieden ist das Aufhören von Krieg und das Aufhören von Gewalt. Für Menschen, die Krieg und Gewalt erleben, ist Friede das schönste Wort dieser Welt. Die Bibel spricht von „Shalom“, von "Salaam". Shalom ist erstens der Frieden zwischen den Menschen und Gott, ihrem Schöpfer. Shalom ist ein Zustand der Welt, in der alles und jedes Leben, Heil und Fülle fordert. Salaam bedeutet Frieden in der Gesellschaft, Gerechtigkeit und Freiheit, Ruhe und Arbeit, Essen und Trinken. Shalom bedeutet Frieden zwischen Mann und Frau, zwischen Eltern und Kindern. Shalom meint Frieden zwischen Mensch und Natur, und Shalom meint den Frieden, den ein Mensch mit sich selbst hat. Und damit meint Shalom auch den Frieden zwischen den Kirchen, der dann zum Ausdruck kommt, wenn Christen gemeinsam einander ein Friedenszeichen geben und Abendmahl feiern.

Shalom ist das, was Gott für uns Menschen, für die Erde und für die Kirchen im Sinn hat. Salaam umfasst das, wofür Gott Mensch geworden ist - deshalb ist Friede die Weihnachtsbotschaft par excellence!

Ich bin vor einigen Wochen aus Jamaika zurück gekommen, von der Internationalen ökumenischen Friedenskonvokation, wo wir das Ende der Dekade zur Überwindung von Gewalt mit Menschen aus mehr als 100 Länder gefeiert haben. Am Anfang der Schlussbotschaft der Konvokation haben wir betont:

Wir verstehen Frieden und Friedensstiften als unverzichtbaren Bestandteil unseres gemeinsamen Glaubens. Friede ist untrennbar verbunden mit der Liebe, Gerechtigkeit und Freiheit, die Gott allen Menschen durch Christus und das Werk des Heiligen Geistes als Gabe und Berufung geschenkt hat.

Für den Frieden zu arbeiten ist keine "Nebensache" unseren Glaubens, es gehört zum Herz des christlichen Glaubens. Heute sind wir dazu gerufen unseren Glauben mit seinem Kern auszudrücken: Wort des Friedens, Haltung des Friedens, Handlung des Friedens. Weil es von Christus selber strömt. Jesus Christus, getauft, gekreuzigt und auferstanden, der heilende, der die Hungrigen ernährt, der versöhnende Herr und Richter, ist das Urbild des Gerechten Friedens.

Friede ist eine Initiative, die von Gott ausgeht. Friede ist eine Gabe von Gott. Deshalb gehört Frieden zu unseren Glauben. Wenn wir fragen "ist Gerechter Frieden möglich?" sind wir dabei als Christen unser Vertrauen an Gott auszusprechen.

Wir haben eine Verpflichtung, diesen Frieden in die Welt hineinzutragen, ihn umzusetzen im täglichen Leben und uns dafür einzusetzen, wo wir können. Die Kirchen haben wirklich in der ökumenischen Bewegung des letzten Jahrhunderts – bis heute - neue Friedenstagesordnungen bekommen. Wir müssen aber feststellen, dass wir als Gesellschaften noch weit vom Frieden, vom Shalom, von Salaam entfernt sind.

Deshalb hat der Ökumenische Rat der Kirchen 2001 die Dekade zur Überwindung vom Gewalt ausgerufen, ein Versuch dieser Verpflichtung nachzugehen. In Jamaika zum Schluss der Dekade, haben wir mit Freude festgestellt, dass Gewalt überwunden werden kann! Wir haben aber bedauert, dass  Gewalt auch immer mehr eine Realität wird,  und immer neu überwunden werden muss. Damit ist aber der Einsatz für den Frieden keineswegs beendet. Im Gegenteil: Wir haben in Jamaika festgehalten: Dies ist keine Ende sondern erst der Anfang! Die Dekade zur Überwindung von Gewalt hat uns aufgerufen, daran zu erinnern und vor Augen zu führen, wo der Einsatz gegen Gewalt als System und als erfahrenem Schmerz dringend nötig ist, und was es für Möglichkeiten gibt, sich für Frieden einzusetzen.

So hat der ÖRK in Israel und Palästina das Ökumenische Begleitprogramm entwickelt – ein wichtiges Zeichen von Gerechtem Frieden, bei dem Freiwilligen beobachten was passiert und die Konsequenzen des Unrechts und der Gewalt besser verstehen.

So haben wir auch das Wassernetzwerk entwickelt – einer von vielen Schritten, der den Frieden einerseits mit der Natur, aber andererseits zwischen Menschen in Konflikt um lebenswichtige Ressourcen betrifft.

Das sind zwei wichtige Beispiele aus dem weltweiten Zusammenhang. Zwei Bereiche die uns alle Nahe gehen.  Es kann wohl möglich sein, dass die Konflikte der kommenden Jahre mehr um Wasser sein werden. Gerade in dem Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern handelt es sich auch um ungerechte Okkupation und Verwendung des Wassers.

Dieser Konflikt ist eine Quelle für fast alle Konflikte im Nahen Osten und bis nach Asien.

Alle Christen haben Teil in irgendeiner Weise  an dem Ringen für einen Gerechten Frieden in Israel und Palästine. Was wir glauben, was wir sagen oder nicht sagen, kann ein Beitrag zu Gerechtigkeit und Frieden sein. Oder zu etwas ganz anderem.

Die Frage des Friedens betrifft jeden und jede. Es fängt bei uns selbst an, bei meinem täglichen Umgang mit meinen Mitmenschen. Sie bezieht sich auf die Auswirkungen unseres Lebensstils auf andere Menschen. Und hier kommt das Beispiel Wasser zurück: Unser hoher Wasserverbrauch als Individuen hat eine Auswirkung auf den Wasserhaushalt, der an manchen Stellen  aus dem Gleichgewicht gerät. Und Ähnliches können wir beobachten im Hinblick auf Nahrungsmittel, im Hinblick auf Energie, im Hinblick auf die Geldwirtschaft.

Unsere Schlussbotschaft aus Kingston sagt:

Wir erkennen, dass Christen und Christinnen sich von Gewalt, Ungrechtigkeit, Militarismus, Rassismus, Kastenwesen, Intoleranz und Diskriminierung geprägten Systemen häufig mitschuldig machen. Wir bitten Gott, dass er unsere Sünden vergeben und uns verwandeln möge in Streiter und Streiterinnen für Gerechtigkeit und gerechten Frieden.

Liebe Schwestern und Brüder:  Es gibt viele Menschen in dieser Welt, die eine solche Botschaft von den Kirchen brauchen. Vielleicht gibt es auch einige in dieser Kirche.

Frieden, Shalom, Salaam in all diesen Bereichen – das ist es, was Gott für uns will. Es ist schwierig zu fassen wie radikal der christliche Gottesglaube an Frieden ist. Die Friedensbotschaft von Weihnachten ist nicht nur schön; sie ist radikal und klar.

Der Lobpreis Gottes wird heute mit unseren Worten, mit unserer Musik, mit unseren symbolischen und realen Handlungen gesungen, alle sind Beiträge für den Frieden. Wenn Frieden eine Gabe Gottes ist, dann kann er Realität werden, wenn wir ihn aus unserer Dankbarkeit Gott gegenüber umsetzen. Frieden ist nur gewährleistet, wenn es nicht darum geht, unsere eigenen, persönlichen Interessen zu verfolgen. Die Gabe bestimmt die Aufgabe. Friede ist nur gewährleistet, wenn wir nicht rechthaberisch sind, indem wir nicht unseren eigenen Vorteil im Blick haben. Nur aus der Dankbarkeit Gott gegenüber werde ich nicht vergessen, dass Gott den Frieden schon gegeben hat.

Wir alle sind gerufen Botschafter – Engel – des Shaloms und Salaams zu sein. Die Berge und die Täler verkünden die Ehre Gottes, die Gerechtigkeit strömt wie die Flüsse.

Laßt  uns eins sein, wie das Wasser im selben Fluss, wenn wir vom Herz zustimmen und beten:

„Ehre sei Gott und Friede auf Erden!“

Amen