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Offener Brief an Regierungschefs und Kirchen zur Lage in Haiti

Von Generalsekretär Olav Fykse Tveit nach seiner Rückkehr aus Haiti

17. Juni 2010

Ich bin gerade von einem Besuch aus Haiti zurückgekehrt, den ich der Insel vom 14.-16. Juni als Leiter einer 7-köpfigen ökumenischen Delegation aus Vertretern und Vertreterinnen des Ökumenischen Rates der Kirchen, von Kirchen, Kirchenräten und Kirchenkonferenzen der lateinamerikanischen und karibischen Region und Frankreichs sowie des internationalen ACT-Bündnisses (Kirchen helfen gemeinsam) abgestattet habe. Zweck dieses Besuchs war es, den Opfern des Erdbebens vom 12. Januar unsere Solidarität zu bekunden, seelsorgerliche Begleitung anzubieten, uns mit den zentralen Problemen Haitis, mit denen die Völkergemeinschaft konfrontiert ist, auseinanderzusetzen und uns den aktuellen Herausforderungen zu stellen, vor denen die Kirchen in ihrem Bemühen, den Menschen in Haiti und vor allem den Bedürftigsten zu dienen, stehen.

Ich komme mit tiefem Respekt vor dem haitianischen Volk und den Kirchen des Landes zurück, die inmitten der Katastrophe ihren Glauben und ihre Zuversicht bewahrt haben. In Haiti ist jetzt die Zeit für einen Neuanfang gekommen, und dieser Neuanfang ist möglich, wenn alle ihn wollen.

Unser Besuch, bei dem wir Gäste der Fédération protestante d'Haïti (FPM, Protestantischer Bund von Haiti) waren, diente auch dem Ziel, der ökumenischen Familie zu helfen, sich zusammen mit dem haitianischen Volk für den Wiederaufbau des Landes einzusetzen, der sozial gerecht und selbstbestimmt erfolgen muss.

Bei unserer Abreise aus diesem schönen Land, das im Lauf der Jahre so schwer von Ungerechtigkeit, politischer Instabilität und Verantwortungslosigkeit sowie von Naturkatastrophen heimgesucht worden ist, haben wir gesagt: Möge dies die Zeit eines Neuanfangs für alle Menschen in Haiti sein. Wir haben in Haiti so viele Ausländer und Ausländerinnen gesehen, die gekommen sind, um den Menschen zu helfen. Und doch möchte ich den Regierungs- und Staatschefs in aller Welt die große Not und die dringenden Bedürfnisse Haitis in Erinnerung rufen und die Mitgliedskirchen und ökumenischen Partner des Ökumenischen Rates der Kirchen zum Engagement aufrufen.

1. Vergessen Sie nicht die Menschen in Haiti, obwohl die meisten Kameras mittlerweile auf andere Ziele gerichtet sind. Unsere Einheit und unsere Solidarität mit dem haitianischen Volk sind lebenswichtig. In dieser Phase des Wiederaufbaus ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Menschen, die nach der Katastrophe in Zelten untergebracht wurden, jetzt in festere Unterkünfte umziehen können. Dies ist dringend nötig und stellt insbesondere in der Hurrikansaison, die bereits angefangen hat, eine Frage der Würde und der Sicherheit dar. Es kann keine Gründe geben, die eine Verzögerung dieses Prozesses rechtfertigen würden, insbesondere nicht der fehlende Zugang zu Bauland oder Ressourcen. Haiti kann nur eine Zukunft haben, wenn es auf nationaler und internationaler Ebene zu einem wirklichen Miteinanderteilen auf dauerhafter Basis kommt. Die Ärmsten der Armen haben in Haiti lange genug gelitten.

2. Unterstützen Sie die Haitianer in ihrer Entschlossenheit, den Wiederaufbauprozess voranzutreiben. Dieser Prozess muss partizipatorisch gestaltet werden und gegenüber denen, die gegenwärtig in Zelten leben, die darum kämpfen, ihr Leben wieder aufzubauen, deren Verletzungen noch heilen müssen, die trauern, die zu „diesen Geringsten unter meinen Brüdern und Schwestern“ gehören (Mt 25,45), voll und ganz rechenschaftspflichtig sein.

Wir müssen gemeinsam handeln und dem haitianischen Volk in seinen Anstrengungen, seine gemeinsame Zukunft zu gestalten, unsere Hilfe zukommen lassen. Es ist für die Kirchen von grundlegender Bedeutung, in Zeiten wie diesen darüber nachzudenken, was es - auf lokaler, regionaler und globaler Ebene – bedeutet, eins in Christus zu sein. Wir sind zur Einheit berufen, zum Dienst als Kirchen, die gemeinsam ihre Stimme für Gerechtigkeit erheben, die sich für das Leben unserer Nächsten einsetzen und die mit Partnern wie dem ACT-Bündnis und anderen zusammenarbeiten.

In diesem Sinne möchte ich unseren Brüdern und Schwestern in Haiti folgende Botschaft mit auf den Weg geben: „Der Gott aber der Geduld und des Trostes gebe euch, dass ihr einträchtig gesinnt seid untereinander, Christus Jesus gemäß, damit ihr einmütig mit einem Munde Gott lobt, den Vater unseres Herrn Jesus Christus“ (Rm 15,5-6).

In Dankbarkeit und Hoffnung

Pastor Dr. Olav Fykse Tveit

ÖRK-Generalsekretär