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Stunde der Wahrheit in Davos: Ungleichheit muss jetzt bekämpft werden

Das Weltwirtschaftsforum 2017 war gewissermaßen gezeichnet von einer Stunde der Wahrheit: Die wirtschaftliche Globalisierung hat zahlreiche Probleme und sogar Konflikte verursacht, die nun für den „Zustand der Welt“ besorgniserregend sind.

20. Januar 2017

Das Problem der Ungleichheit ist verbunden mit tief verwurzelten Unterschieden und Spaltungen aufgrund von Klassen, Ethnien, Geschlecht und anderen Aspekten. Eines wissen wir sicher: Es ist nicht wahr, dass alle Kinder mit den gleichen Möglichkeiten geboren werden, schon gar nicht in einem Land wie den USA, wo dies immer wieder verkündet wird. Am Tag der Amtseinführung des 45. Präsidenten der USA, der dank der weitreichenden Unterstützung derjenigen gewählt wurde, die Angst davor haben, ihre weiße Vorherrschaft und ihre Privilegien zu verlieren, fragen sich viele, was die neue Regierung des mächtigsten Landes der Welt in dieser Hinsicht unternehmen wird. Dies ist der Zeitpunkt für alle Bereiche der US-amerikanischen Gesellschaft und die ganze Welt, eine deutliche Botschaft auszusenden, um zu erklären, dass weder die USA noch die übrige Welt mehr Spaltung, mehr Kluften und mehr Menschen brauchen, die außen vor bleiben oder die von der wirtschaftlichen Entwicklung ausgeschlossen werden. Dies steigert nur die Gefahren für alle.

Wenn das Finanzsystem so aufgebaut ist, dass es diejenigen, die Ausbeutung, Korruption und Steuerhinterziehung betreiben, nicht daran hindert, dann läuft etwas grundlegend falsch. Noch problematischer ist die Tatsache, dass die bestehenden Wirtschaftssysteme immer größere Gefälle der Ungleichheit aufklaffen lassen, selbst dann, wenn die einzelnen Akteure die Gesetze einhalten. Wir beobachten, dass die heutige globalisierte Wirtschaft immer höhere Einnahmen für Milliardäre und Millionäre generiert – und es ihr gleichzeitig nicht gelingt, nahezu eine Milliarde Menschen zu ernähren und ihnen Unterkunft und Kleidung zur Verfügung zu stellen. Das ist dysfunktional, ja sogar unmoralisch.

Laut einem vor Kurzem von Oxfam veröffentlichten Bericht besitzen die wohlhabendsten acht Männer der Welt heute gleichviel Reichtum wie die ärmste Hälfte der Weltbevölkerung. Bereits vor drei Jahren erfuhren wir schockiert, dass 85 Menschen über gleichviel Reichtum verfügten wie mehr als drei Milliarden der globalen Bevölkerung. Der Bericht hält zudem fest, dass das reichste Prozent der Menschheit seit 2015 soviel Reichtum angehäuft hat wie die gesamte Weltbevölkerung zusammengenommen. Und das ist nur die Spitze eines Eisbergs, der für alle eine enorme Gefahr birgt: diejenige der Ungleichheit.

Die zunehmende sozioökonomische Kluft zwischen Reich und Arm ist eine fortwährende Anklage unseres globalen Wirtschaftssystems und der nationalen Finanzsysteme. Die weltweite Ungleichheit ist ein bedeutendes Problem, doch die Ungleichheit innerhalb der einzelnen Länder ist es ebenso. Sie führt zu zahlreichen Folgeproblemen: Ungerechtigkeit in der Gesellschaft, soziale Unruhe und Kriminalität. Einige der besten Ökonomen haben dies nachgewiesen. Dieses Jahr stelle ich jedoch fest, dass man sich zunehmend einig ist: Verantwortungsvolle politische Führungspersönlichkeiten dürfen diese Situation nicht mehr ignorieren. Auch viele Unternehmensverantwortliche, die während des jährlichen Weltwirtschaftsforums als Redner auftraten, erkennen, dass dies ein Problem für die gesamt Wirtschaft darstellt, nicht nur für diejenigen am untersten Ende der Gesellschaft. Zahlreiche Leitungspersonen und Gruppierungen innerhalb der ökumenischen Bewegung und andere in der Zivilgesellschaft weisen seit Langem immer wieder darauf hin.

Wir glauben, dass Gott uns geschaffen hat, um für Gerechtigkeit und ein Leben in Fülle für alle, nicht nur für das eine Prozent oder vielleicht noch ein paar Personen mehr einzutreten. Mehr denn je müssen die Kirchen und die Gläubigen heute dem Aufruf des Pilgerwegs der Gerechtigkeit und des Friedens folgen, um eine Ökonomie des Lebens zu fordern, die alle Menschen miteinbezieht und für sie sorgt, ganz besonders diejenigen, die verdrängt wurden: die Verarmten und viele Frauen, Kinder und Migrantinnen und Migranten. In der Heiligen Schrift erklärt Gott eine vorrangige Option für die Armen, immer und immer wieder.

Konkret bedeutet das, dass alle, die an der Macht sind, gemeinsam mit reaktiven und verantwortungsvollen Leitungspersonen einen Beitrag leisten sollten zu den nachhaltigen Entwicklungszielen, indem sie die Ungleichheit bekämpfen. Es bedeutet, sich dafür einzusetzen und wirksam darauf hinzuarbeiten, die dysfunktionalen Systeme zu verändern, damit die wirtschaftliche Entwicklung geteilt wird und insbesondere die Armen von ihr profitieren. Dann braucht es auch eine gerechte Finanzordnung, faire Handelspolitik, gerechte nationale Steuergesetzgebungen, internationale Zusammenarbeit gegen diejenigen, die Steuerflucht betreiben, sozialen Schutz für die Verletzlichsten und mehr und alternative Maßnahmen für sozioökonomischen Fortschritt. Solche Politiken werden nicht nur dazu beitragen, die Ressourcen gerechter zu verteilen, sondern sie werden auch dafür sorgen, dass „niemand außen vor bleibt“. Die Förderung wirtschaftlicher Gerechtigkeit stärkt die Gemeinschaft und den sozialen Zusammenhalt, und sie ebnet so den Weg für harmonischere und friedliebendere Gesellschaften.

Das Weltwirtschaftsforum 2017 war gewissermaßen gezeichnet von einer Stunde der Wahrheit: Die wirtschaftliche Globalisierung hat zahlreiche Probleme und sogar Konflikte verursacht, die nun für den „Zustand der Welt“ besorgniserregend sind. Diese gemeinsame Auslegung muss jetzt weiterverfolgt werden, und zwar durch einen Systemwechsel. Dies ist der Zeitpunkt, um zu erkennen, dass Gerechtigkeit wirtschaftliche Gerechtigkeit umfassen muss, und dass die Verantwortlichkeit der wirtschaftlichen und politischen Führungspersönlichkeiten sehr viel weiter reichen muss als nur bis zu den Aktionären und ihren eigenen Wählerinnen und Wählern. Es ist an der Zeit, die Ungleichheit ganz zuoberst auf die Tagesordnung zu setzen und nicht nur darüber zu reden, sondern den Worten Taten folgen zu lassen.

 

Pastor Dr. Olav Fykse Tveit

Generalsekretär

Ökumenischer Rat der Kirchen