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Erklärung über Menschen auf der Flucht: Migrierende und Flüchtlinge

Statement by WCC Executive Committee, November 2018

07. November 2018

Ökumenischer Rat der Kirchen
EXEKUTIVAUSSCHUSS
Uppsala, Schweden
2.–8. November 2018
Dok. Nr. 03.1

 

Erklärung über Menschen auf der Flucht: Migrierende und Flüchtlinge

Denn ich bin hungrig gewesen, und ihr habt mich gespeist. Ich bin durstig gewesen, und ihr habt mich getränkt. Ich bin Gast gewesen, und ihr habt mich beherbergt. (Matthäus 25,35)

Wie bereits auf der Weltkonferenz gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und populistischen Nationalismus vor dem Hintergrund weltweiter Migration (Rom, 18.–20. November 2018) festgestellt, ist Migration – Menschen, die an andere Orte ziehen – eine natürliche Erscheinung menschlichen Lebens. „Sie kommt im Laufe der Menschheitsgeschichte in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft und in der biblischen Erzählung immer wieder vor“, so die Botschaft.

Heute sind geschätzte 258 Millionen Menschen weltweit Migranten und Migrantinnen und leben in einem anderen Land als ihrem Geburtsland. Die Menschen verlassen ihre Heimat aus den unterschiedlichsten Gründen – um zu arbeiten, zu studieren, zu heiraten oder um ein besseres Leben für sich und ihre Kinder zu finden. Sie leisten wertvolle Beiträge sowohl für ihre Gastländer als auch für ihre Ursprungsländer. Einige Menschen werden aber durch Konflikte, Gewalt und Unterdrückung zur Migration gezwungen. Von den geschätzten insgesamt 68,5 Millionen Menschen, die zurzeit mit Gewalt aus ihrer Heimat vertrieben werden, sind ca. 25,4 Millionen Flüchtlinge, d. h. sie haben eine internationale Grenze überquert. Der größte Teil der Zwangsvertriebenen bleibt jedoch innerhalb der Grenzen des eigenen Landes, und von denjenigen, die nicht die Grenze zu einem anderen Land überqueren, bleiben etwa 85% innerhalb der eigenen Region.

In einer Reihe wohlhabenderer Länder ist Migration in den vergangenen Jahren zu einem politischen Streitthema geworden, obwohl der überwiegende Teil der Migrierenden und besonders der Flüchtlinge in Ländern und Regionen des Globalen Südens Zuflucht gefunden hat. Politische Prominenz und Parteien in mehreren Ländern des Globalen Nordens haben an Einfluss gewonnen, indem sie die Ängste der Bevölkerung vor den Auswirkungen von Migrierenden und Flüchtlingen auf ihre Gesellschaften, Volkswirtschaften und kulturellen Identitäten für sich instrumentalisiert haben.

Aktuell in diesen Tagen erleben wir Drohungen, das Militär einzusetzen, um Menschen von der Einwanderung in die Vereinigten Staaten abzuhalten, die vor Armut und Gewalt in Mittelamerika fliehen.

Die Antwort der Internationalen Gemeinschaft auf die großen Bevölkerungsbewegungen der letzten Zeit und auf die Reaktionen der Zielländer kommt in der Erklärung von New York über Flüchtlinge und Migranten zum Ausdruck und soll in zwei weiteren Pakten weiter ausformuliert werden – dem Globalen Pakt zu Flüchtlingen und dem Globalen Pakt zu sicherer, geordneter und legaler Migration, die auf der UN-Generalversammlung im Dezember 2018 vorgelegt werden sollen.

Viele Kirchen in den Aufnahmeländern haben sehr viel geleistet und Flüchtlinge und Migrierende willkommen geheißen und unterstützt, um der Atmosphäre der Angst, der Ausgrenzung, des Rassismus und der Fremdenangst, die in zahlreichen der wohlhabenden Zielländer immer deutlicher sichtbar wird, etwas entgegenzusetzen.

Der Ökumenische Rat der Kirchen hat ebenfalls viel dafür getan, um diese Probleme auf internationaler Ebene zu thematisieren, dazu gehörten in jüngster Zeit die gemeinsam mit der römisch-katholischen Kirche einberufene Weltkonferenz gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und populistischen Nationalismus vor dem Hintergrund weltweiter Migration (Rom, 18.–20. November 2018), kurz darauf gefolgt vom Global Forum for Faith Action for Children on the Move (Rom, 16.–19. Oktober 2018), bei dem der ÖRK partnerschaftlich mit World Vision International und mehreren anderen führenden glaubensgestützten Organisationen zusammengearbeitet hat.

Diese Tagung des Exekutivausschusses findet in Uppsala, Schweden statt – ein Land, das wie Deutschland ein wichtiges Zielland für Flüchtlinge und Migrierende geworden ist und das für viele Menschen auf der Flucht ein Zufluchtsort ist, obwohl zahlreiche andere europäische Länder sich weigern, gemeinsam die Verantwortung für die Aufnahme und Bewältigung des Zustroms von Neuankömmlingen zu teilen. Die Schwedische Kirche als einer der Gastgeber dieser Tagung hat im schwedischen Kontext eine federführende Rolle übernommen und bietet Migrierenden und Flüchtlingen Unterstützung und Gastfreundschaft. Sie setzt sich weiterhin für die Menschenrechte von Flüchtlingen ein.

Der Exekutivausschuss auf seiner Tagung in Uppsala, Schweden vom 2.–8. November 2018:

Weist explizit auf das Beispiel hin, das die zahlreichen Kirchen ihren Gesellschaften und Regierungen geben, indem sie versuchen, als getreue Diener Christi den Fremden, die Flüchtlinge und die Migrierenden besonders in einem Kontext willkommen zu heißen, in dem Flüchtlinge und Migrierende zunehmend stigmatisiert, diskriminiert, marginalisiert und vollständig ausgegrenzt werden.

Erkennt an, dass viele Menschen in Ländern, die eine signifikante Zahl von Migrierenden und  Flüchtlingen aufnehmen, ehrlich besorgt und ängstlich hinsichtlich der damit einhergehenden  Auswirkungen auf ihre Gesellschaften, Volkswirtschaften und religiösen und kulturellen Identitäten sind und dass nationale Regierungen es als ihre legitime Aufgabe ansehen, eigenverantwortlich ihre Grenzen zu kontrollieren, für Sicherheit zu sorgen und Stabilität und  Wohlstand für ihre Bürger und Bürgerinnen zu fördern.

Weist trotzdem darauf hin, dass alle Flüchtlinge und Migrierenden, ob regulär oder irregulär, zuallererst Menschen sind, die alle nach dem Bild Gottes geschaffen wurden, die Kinder Gottes, Brüder und Schwestern sind, ausgestattet mit der gleichen Menschenwürde und mit gleichen Rechten ungeachtet ihres Einwanderungsstatus. Nationale Grenzen und den Nationenstatus zu einem Wert zu erheben, der Vorrang über dem Erkennen des Bildnis Gottes in jedem Flüchtling und jedem/r Migrierenden hat, ist gleichbedeutend mit einer Art Götzendienst.

Befürwortet die Ergebnisse der gemeinsam vom ÖRK und der römisch-katholischen Kirche veranstalteten Weltkonferenz gegen Fremdenfeindlichkeit, Rassismus und populistischen Nationalismus vor dem Hintergrund weltweiter Migration und empfiehlt sie jeder Mitgliedskirche und jedem ökumenischen Partner.

Bekräftigt die Erklärung der Konferenz, „dass die Weigerung, die Hilfebedürftigen aufzunehmen und ihnen zu helfen, dem Beispiel und dem Ruf Jesu Christi vollständig entgegensteht.“  Gott identifiziert sich durch das Leben Christi mit Migrierenden und Flüchtlingen und ruft uns auf, für Menschen auf der Flucht vor Konflikten, Gewalt, Verfolgung, Hunger und wirtschaftlicher Not und in bedrohlichen Situationen zu sorgen.

Bekräftigt nachdrücklich seine Unterstützung für die Institution Asyl, den Grundsatz der Nichtzurückweisung und die UN-Flüchtlingskonvention von 1951 als wichtige Instrumente für den Schutz von Menschen, die aufgrund von Konflikten, Gewalt und Verfolgung ihre Heimat verlassen müssen, und bestätigt ebenfalls das Recht von Flüchtlingen, wieder in ihr Herkunftsland zurückzukehren, sobald die dort herrschenden Verhältnisse dies wieder erlauben und dort ein Leben in Sicherheit und Würde  möglich ist.

Fordert den Respekt, den Schutz und die Einhaltung der Menschenrechte aller Menschen auf der Flucht unabhängig von ihrem jeweiligen Status.

Erinnert an das Engagement der ÖRK-Kirchen für Kinder, zeigt sich besonders besorgt über die Situation von Kindern auf der Flucht und begrüßt in diesem Zusammenhang den Plan for Faith Action for Children on the Move des Globalen Forums in Rom vom 16.–19. Oktober 2018, für das der ÖRK mit mehreren führenden glaubensgestützten Organisationen zusammengearbeitet hat.

Bekräftigt nachdrücklich das UN-Übereinkommen über die Rechte des Kindes als international am umfassendsten ratifizierte internationale Konvention sowie den Grundsatz der Handelns im besten Interesse des Kindeswohls.

Kritisiert aufs schärfste die Trennung von Familien und das Einsperren von Kindern nur deshalb, weil sie auf der Flucht sind, als grundsätzlich unvereinbar mit dem Kindeswohl, und verurteilt diese Praktiken.

Fordert alle Mitglieder der internationalen Gemeinschaft auf, sich dem Globalen Pakt zu Flüchtlingen und dem Globalen Pakt zu sicherer, geordneter und legaler Migration anzuschließen, die den Schutz von Menschen auf der Flucht verbessern und nicht schwächen werden. Insbesonders fordern wir Aktionen:

-       Für sichere, reguläre und zugängliche Wege und Möglichkeiten menschlicher Mobilität entsprechend internationaler Menschenrechte;

-       Zur Bekämpfung von fremdenfeindlichen und rassistischen Tiraden, die die Ausgrenzung, Stigmatisierung und Kriminalisierung von Migrierenden und Flüchtlingen versuchen;

-       Zur Inklusion und Integration von Migrierenden und Flüchtlingen in den Aufnahmeländern und gegen Diskriminierung;

-       Für eine gerecht geteilte Verantwortung gegenüber Flüchtlingen;

-       Die Gründe für Zwangsvertreibungen zu beenden und Migration zu einer freiwilligen Entscheidung und nicht zu einer erzwungenen Notwendigkeit zu machen.

Fordert Kirchen und Menschen christlichen Glaubens nachdrücklich auf, die Erwägung der globalen Pakte und anderer damit verwandter Erklärungen und Verpflichtungen mit folgenden Maßnahmen zu kombinieren und

-       sich über die Situation von Migrierenden und Flüchtlingen in ihren eigenen Ländern zu informieren und die direkte Unterstützung und Advocacy-Arbeit in ihren jeweiligen Einflussbereichen mit aktivem Engagement und  Weggemeinschaft mit Migrierenden und Flüchtlingen in ihrer Mitte zu verbinden;

-       die aufnehmenden Gemeinschaften zu ermutigen, ausgehend von Willkommenskultur und der Gastfreundschaft als nächsten Schritt die Inklusion zu wagen;

-        einen größeren sozialen Zusammenhalt zu fördern, der nicht nur Migrierende und Flüchtlinge inkludiert, sondern auch andere vielfältige Minderheitsgemeinschaften und gefährdete Gruppen, um ein Klima der Offenheit und einen Geist der Solidarität auf eine breitere gesellschaftliche Grundlage zu stellen.

Appelliert an eine größere ökumenische und internationale Solidarität mit Kindern, Frauen und Männern auf der Flucht und betet für sie, dass sie in den Ländern und Gemeinschaften, zu denen sie ihre Flucht bringt, willkommen sind und sich ihrer mitfühlend angenommen wird.