World Council of Churches

Eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen auf der Suche nach Einheit, gemeinsamem Zeugnis und Dienst

Sie sind hier: Startseite / Dokumentation / Dokumente / ÖRK-Exekutivausschuss / Bossey, März 2013 / Bericht der Interorthodoxen Konsultation im Vorfeld der Vollversammlung

Bericht der Interorthodoxen Konsultation im Vorfeld der Vollversammlung

Auf Anregung des ÖRK und auf Einladung des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios und unter der Schirmherrschaft von Metropolit Nathanael von Kos und Nisyros kamen Vertreter der östlich- und orientalisch-orthodoxen Kirchen auf der Insel Kos, Griechenland, vom 11.-17. Oktober 2012 zusammen, um über das Thema der 10. ÖRK-Vollversammlung zu beraten und den theologischen Beitrag ihrer Kirchen zur ÖRK-Vollversammlung 2013 auszuarbeiten.

08. März 2013

Vorwort

1. Auf Anregung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) und auf Einladung Seiner Allheiligkeit des Ökumenischen Patriarchen Bartholomaios und freundlicherweise unter der Schirmherrschaft von S.E. Metropolit Nathanael von Kos und Nisyros kamen wir als Vertreter der östlich- und orientalisch-orthodoxen Kirchen auf der Insel Kos, Griechenland, vom 11.-17. Oktober 2012 zusammen, um über das Thema der 10. ÖRK-Vollversammlung zu beraten, uns auf die Vollversammlung vorzubereiten und den theologischen Beitrag unserer Kirchen zur ÖRK-Vollversammlung 2013 auszuarbeiten. Die Konsultation wurde gemeinsam von S.E. Metropolit Prof. Dr. Gennadios von Sassima im Namen der östlich-orthodoxen Kirche und S.E. Metropolit Mor Eustathius Matta Roham im Namen der orientalisch-orthodoxen Kirche geleitet.

2. Seit dreißig Jahren ist es im Ökumenischen Rat der Kirchen üblich, jeweils vor einer Vollversammlung eine interorthodoxe Konsultation einzuberufen. Hauptzweck der Tagung war es, das Hauptthema und die Unterthemen der nächsten Vollversammlung aus orthodoxer Sicht zu studieren, zu erörtern und zu überdenken, zur Vorbereitung aller Teilnehmer in Busan und um unsere Erwartungen an die nächste ÖRK-Vollversammlung und darüber hinaus zum Ausdruck zu bringen. Wir – 37 Hierarchen, Priester, Universitätsprofessoren, Laien, Laiinnen und junge Menschen – wurden durch S.E. Metropolit Nathanael von Kos und Nisyros auf der Eröffnungssitzung mit der Einweihung einer neuen Kapelle beim Gästehaus, an der alle Delegierten sowie lokale Geistliche zusammen mit Laien- und Lokalbehörden teilnahmen, herzlich willkommen geheißen. Nach einer Einführung in das Ziel der Konsultation und theologischen Überlegungen von S.E. Metropolit Prof. Dr. Gennadios von Sassima (Ökumenisches Patriarchat) zum Thema und zu den Anliegen und Hoffnungen für die Zukunft und einer kurzen Vorstellung aller Teilnehmer widmete unsere Gruppe zahlreiche Sitzungen der Anhörung der Teilnehmer zum Thema und den Unterthemen der bevorstehenden Vollversammlung in Busan, „Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden“. Die in diesen Beiträgen angesprochenen Themen sind in den nachfolgenden Abschnitten dieses Berichts zusammengefasst.

3. Die Arbeitstage begannen jeweils mit einer Andacht in der neu eingeweihten Kapelle. Eine spezielle Andacht fand am Samstag, 13. Oktober, unter der Leitung von Bischof Hovagim Manoogian (Armenische Apostolische Kirche, Heiliger Stuhl von St. Etschmiadsin) statt nach Bekanntwerden des Ablebens des armenischen Patriarchen von Jerusalem, Erzbischof Torgom Manoogian. Die Tatsache, dass die Tagung in Griechenland stattfand, gab uns Gelegenheit, Ortsgemeinden zu besuchen und so direkten Kontakt zur griechischen Bevölkerung zu haben, die mit einer tiefen Wirtschaftskrise zu kämpfen hat. Wir beteten für Griechenland und gaben unserer Hoffnung Ausdruck, dass die Wirtschaftskrise bald überwunden sein möge. Konsultationsteilnehmer aus dem Nahen Osten informierten uns über neue Entwicklungen in der Region. Alle Konsultationsteilnehmer brachten ihre tiefe Sorge angesichts der Eskalation der Gewalt in der Region, vor allem in Syrien, zum Ausdruck, beteten für den Frieden im Nahen Osten und drückten ihre Hoffnung aus, der Gott des Lebens möge die Region und die ganze Welt hin zu Frieden und Gerechtigkeit führen.

Theologische Überlegungen zum Vollversammlungsthema

4. In der orthodoxen geistlichen Erfahrung und in der patristischen Tradition

ist der dreieinige Gott das Leben selbst, und der eingeborene Gott ist Gott und Leben und Wahrheit und jedes erdenkliche Etwas, das erhaben und göttlich ist, während die Schöpfung aus Ihm ihr Gutes empfängt, und so ist es offenkundig, dass, wenn sie durch die Teilhabe am Leben lebt, ihr Leben auch gewisslich erlischt, wenn ihre Teilhabe erlischt.

Das göttliche Leben bedeutet demzufolge die Heilige Dreieinigkeit, Vater, Sohn und Heiliger Geist.

5. Die Menschheit ist frei erschaffen nach dem Ebenbild und zur Ähnlichkeit Gottes, damit sie durch eine lebenspendende Beziehung mit Gott Göttlichkeit und Glorifizierung erlange. Der Missbrauch unserer Freiheit hat jedoch zur Zerschlagung der Gemeinschaft mit unserem Schöpfer und so zum Tod geführt. Nach der patristischen Lehre besteht die Sünde genau in diesem Bruch. Von diesem Punkt an wird der Bruch auf allen Ebenen des menschlichen Lebens erfahren und dehnt sich auf den Rest der Schöpfung aus. Nach dem Sündenfall wurde unsere Beziehung zu uns selbst, zu den anderen und zur Schöpfung antagonistisch und vom Fleisch beherrscht. Dies führt sodann zu allen Arten von Diskriminierung, Ungerechtigkeit und Konflikten, zur Ausbeutung der Schwachen durch die Mächtigen und hat auch Konsequenzen für die Umwelt.

6. Die tragischen Auswirkungen auf das menschliche Wesen und die ganze Schöpfung nach der Trennung vom Gott des Lebens werden in Jesus Christus umgestoßen: „Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen.“ In Jesus Christus, dem Sohn Gottes, wurde das Unerschaffene mit dem Erschaffenen vereint. Indem er aus seiner Transzendenz trat, betrat Gott das menschliche Leben und die Geschichte, heilte das von der Sünde verdorbene menschliche Wesen und erneuerte die Beziehungen zwischen Gott und der Menschheit, unter den Menschen und zwischen der Menschheit und der erschaffenen Welt. Er vollbrachte dies durch seine Passion, Kreuzigung, Auferstehung von den Toten und Auffahrt in den Himmel. Und nach dem Pfingstereignis bleibt Christus gegenwärtig unter uns durch den Heiligen Geist in der Kirche. Das Heilsschaffen Christi hat Einheit, Rechtschaffenheit, Gerechtigkeit und Frieden vollbracht. So ist das Evangelium des Heils das Wort der Versöhnung.

7. Die Taufe, d.h. die Teilhabe am Tod und an der Auferstehung Christi, führt jeden Christen hin zum Leben Christi, in die Gemeinschaft mit Gott und mit der ganzen Menschheit, die zu seinem Bilde geschaffen ist. Die Taufformel erinnert an das dreieinige (trinitarische) Leben selbst; der Vater ist die Quelle des Lebens, der Sohn ist das Prinzip des Lebens und der Heilige Geist ist derjenige, der Leben gibt. Diese Gemeinschaft wird durch unsere Teilhabe am eucharistischen Leib und Blut Christi aufrechterhalten. So ist die christliche Gemeinschaft nicht eine bloße Abstraktion oder einfach ein gesellschaftliches Bewusstsein, sondern ist durch Gottes Gnade eine Teilhabe am eigentlichen Leben Christi, die für uns mit der Taufe beginnt und durch unser eucharistisches Leben in der Kirche aufrechterhalten wird.

8. Im Lichte der Inkarnation verstehen sich Gerechtigkeit und Frieden nicht als subjektive Zustände, sondern werden als Gaben des Heiligen Geistes erfahren von jenen, die die Gnade Gottes annehmen. Gerechtigkeit führt zum Frieden und umgekehrt. Gerechtigkeit und Frieden sind deshalb miteinander verbundene Realitäten; beide existieren zusammen und drücken unsere Beziehung zu Gott (Frieden mit Gott), zu uns selbst (Frieden mit dem eigenen Gewissen), zu den anderen (Frieden mit dem Nachbarn) und zur erschaffenen Welt (verantwortliche Haushalterschaft gegenüber der Schöpfung) aus. Gerechtigkeit und Frieden, nach Christi Vorbild auf bedingungsloser Liebe und auf Selbstaufopferung gegründet, wachsen über ihre allgemeine gesellschaftliche Bedeutung hinaus und werden zu einem Ausdruck des verwandelten Lebens in Christus, jenseits von menschlicher Weisheit, menschlichen Leidenschaften, Begierden und Eigennutz.

9. In seinem letzten Gebet vor seinem Leiden betete der Herr für Einheit, Frieden und Gerechtigkeit (Joh 17,21), und dazu sind wir auch heute aufgerufen. Doch aufgrund unserer Schwäche und unserer Unfähigkeit, auf das Leben in Christus einzugehen, unsere Herzen und unseren Verstand im Lichte seiner Wahrheit zu verwandeln, erfahren wir – und verursachen manchmal – Spaltungen, Kriege, Ungerechtigkeit und die Degradation unserer physischen Umwelt.

10. In Antwort auf Christi Worte: „So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen“ (Mt 5,16) sind die Christen aufgerufen, gemeinsam an der Wiederherstellung von Gerechtigkeit, Frieden und Einheit auf der Grundlage der Botschaft Christi und von Gottes Liebe zu den Menschen zu arbeiten. Aus dieser Sicht ist es unerlässlich, sowohl über Passivität als auch Gewalt hinauszutreten und einen dritten Weg zu finden: „Vergeltet niemandem Böses mit Bösem. Seid auf Gutes bedacht gegenüber jedermann“ (Röm 12,17).

11. Unsere gemeinsame Arbeit im ÖRK für Gerechtigkeit und Frieden wird zur Einheit der christlichen Mission beitragen und die Kirchen glaubwürdiger machen in den Augen der Gesellschaften, in denen wir leben. Diese Arbeit für Gerechtigkeit und Frieden kann zusammen mit säkularen Einrichtungen geschehen, die sich für die Menschenrechte einsetzen; doch ist für uns Christen die Grundlage das Evangelium, das den absoluten Wert und die absolute Würde sowohl der Menschheit als auch der Schöpfung bekräftigt, und nicht eine säkulare Menschenrechtsagenda. Für Christen ist es angebracht, mit allen Menschen guten Willens auf Heilung und Friedenstiftung hinzuarbeiten, um in unserer fragmentierten und leidenden Welt nach Gerechtigkeit und Frieden zu streben. Alle Menschen auf der Erde brauchen unsere Wohltätigkeit, Gebete und Solidarität.

12. Im Leben der orthodoxen Kirchen beten wir unaufhörlich für Einheit, Gerechtigkeit und Frieden. Die göttliche Liturgie, von der Eröffnungslitanei bis zur abschließenden Anaphora, enthält zahlreiche Gebete für die Einheit der Kirche und der Welt, und der Gottesdienst endet mit der Aufforderung „Gehet hin in Frieden“, die die Gläubigen anweist, Gottes Frieden in ihr Zuhause und in ihre Umgebung hineinzutragen. Die Christen sind so aufgerufen, auf die Verwandlung der Welt hinzuarbeiten und Gottes Gerechtigkeit und Frieden herbeizuführen, wo immer sie sein mögen.

13. Das Thema der Vollversammlung: „Gott des Lebens, weise uns den Weg zu Gerechtigkeit und Frieden“, fordert uns und unsere Kirchen zur Zusammenarbeit heraus, um diese Vision der Einheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in ihrer reichen eschatologischen Perspektive Wirklichkeit werden zu lassen, wie vom Propheten Jesaja beschrieben:

Und er wird richten unter den Heiden und zurechtweisen viele Völker. Da werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen und ihre Spieße zu Sicheln machen. Denn es wird kein Volk wider das andere das Schwert erheben, und sie werden hinfort nicht mehr lernen, Krieg zu führen (Jes 2,4).

Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben. … Und ein Säugling wird spielen am Loch der Otter, und ein entwöhntes Kind wird seine Hand stecken in die Höhle der Natter (Jes 11,6-8).

Dies ist die Vision des neuen Himmels und der neuen Erde, wo Christus „alles in allem“ erfüllt (Eph 1,23).

Von Porto Alegre nach Busan

14. Unsere Konsultation beleuchtete die Arbeit des ÖRK seit der Vollversammlung in Porto Alegre. Wir taten dies im Bewusstsein der Herausforderungen, vor denen die ökumenische Bewegung heute steht. Zu diesen Herausforderungen gehört die weltweite Finanzkrise, die starke Auswirkungen auf unsere Kirchen und auf den ÖRK hat. Wir nahmen ferner die Vielzahl lokaler, regionaler und internationaler ökumenischer Organisationen zur Kenntnis, die notwendigerweise dazu führt, dass die Art und Weise, wie der ÖRK seinen Auftrag, zur christlichen Einheit aufzurufen, am besten erfüllen kann, ständig neu überdacht werden muss.

15. Wir untersuchten die Mitwirkung der Orthodoxen an den Aktivitäten des ÖRK in diesem Zeitraum und erwähnten insbesondere unsere aktive Mitarbeit in den Kommissionen (Glauben und Kirchenverfassung, Mission und Evangelisation und Kommission der Kirchen für internationale Angelegenheiten), in den gemeinsamen Arbeitsgruppen (mit der römisch-katholischen Kirche, mit den Pfingstkirchen), im Vorbereitungsausschuss für die Vollversammlung sowie an der laufenden Überprüfung der Leitungsstrukturen des ÖRK, die die Empfehlungen der Sonderkommission in der täglichen Arbeit des ÖRK zu verwirklichen sucht. Wir erwähnten ebenfalls die aktive Mitwirkung unserer beiden orthodoxen Kirchenfamilien als Gastgeber wichtiger strategischer und programmatischer Veranstaltungen. Gleichermaßen gab es eine beträchtliche orthodoxe Mitwirkung als Mitglieder von ÖRK-Delegationen bei verschiedenen ökumenischen Anlässen. Es wurden ferner gemeinsame Anstrengungen unternommen, um die Mitwirkung von orthodoxen Frauen und jungen Menschen auszubauen, eine Anstrengung, die fortgesetzt und verstärkt werden muss.

16. Die zahlreichen Besuche des ÖRK-Generalsekretärs bei vielen unserer Kirchen stellten einen weiteren Beweis unserer engen Verbindung zum ÖRK dar. Ferner verzeichnen wir die wichtige Präsenz orthodoxer Mitarbeiter im Stab in Genf, auch in Führungspositionen, wodurch eine orthodoxe Präsenz durchweg in allen Aktivitäten am Hauptsitz des ÖRK gewährleistet ist. Wir hoffen, dass diese Präsenz noch weiter ausgedehnt wird.

17. Insbesondere wollen wir eine Anzahl wichtiger internationaler interorthodoxer Konsultationen nennen, die stattgefunden haben, davon mehrere mit einem erheblichen finanziellen Beitrag seitens der gastgebenden Kirchen.

18. Die erste, die vom 9.-12. November 2010 in Sibiu, Rumänien, stattfand, befasste sich mit dem Thema „Die ökumenische Bewegung in der theologischen Ausbildung und im Leben der orthodoxen Kirchen“. Die Konsultation betonte die entscheidende Rolle unserer Ausbildungseinrichtungen bei der Sensibilisierung für die ökumenische Bewegung und besonders bei der verantwortungsvollen und kritischen Einweisung der Lehrkräfte und Studenten in die Herausforderungen und Fragen, die sich uns in einer pluralistischen religiösen Welt stellen.

19. Die zweite, die vom 2.-9. März 2011 in Aghia Napa, Zypern, stattfand, erarbeitete eine gemeinsame orthodoxe Reaktion auf die Studie von Glauben und Kirchenverfassung „Wesen und Auftrag der Kirche“. Die dort versammelte Gruppe behandelte die vielen in der Erklärung aufgeworfenen ekklesiologischen Probleme und Herausforderungen und machte substantielle Anregungen für eine Straffung und Klärung des Textes. In der Folge wurden diese und andere Anregungen in eine neue Erklärung über die Einheit, die der Vollversammlung in Busan unterbreitet werden wird, eingearbeitet.

20. Weitere Veranstaltungen fanden im Juli 2009 in Bukarest, Rumänien, im September 2009 in Leros, Griechenland, und im Oktober 2010 in Damaskus, Syrien, statt. Diese dienten dem Zweck, die orthodoxen Delegierten auf die internationale Friedenskonvokation in Kingston, Jamaika, im Mai 2011 vorzubereiten, und unterstützten die Orthodoxen dabei, einen orthodoxen Ansatz im Blick auf Frieden mit Gerechtigkeit zu formulieren.

Erwartungen an Busan und für die Zeit danach

21. Als orthodoxe Kirchen sind wir uns unserer dringenden Aufgaben und Herausforderungen sowie auch der kritischen Fragen bewusst, vor denen die christlichen Kirchen in der Welt heute stehen:

22. Die orthodoxen Kirchen – sowohl die östlich- als auch die orientalisch-orthodoxen – fordern eine stärkeren Nachdruck im ÖRK auf das Streben nach christlicher Einheit. Wir hören häufig Kommentare über die Krise in der ökumenischen Bewegung und über mangelndes Interesse an der Einheit oder das Fehlen einer klaren Vorstellung vom Wesen dieser Einheit. Dies ist zu einem großen Teil darauf zurückzuführen, dass der Gedanke der sichtbaren Einheit von vielen ökumenischen Partnern, darunter auch den orthodoxen, als unrealistisch angesehen wird. Wir sehen darin eine Folge der Entwicklungen in einigen Mitgliedskirchen im Laufe der letzten vierzig Jahre (z.B. Frauenordination, unterschiedliche Ansätze in moralischen und ethischen Fragen, usw.). Die Kluft zwischen den Mitgliedskirchen wird dadurch größer. Andererseits stellen sich durch die wachsende Mitwirkung an der ökumenischen Bewegung von Kirchen, die nicht Mitglied im ÖRK sind und die neue ekklesiologische Erwägungen und neue Verständnisse von der Einheit als Mission in den Dialog einbringen, dem Streben nach Einheit neue Herausforderungen, vor allem, wenn jene Kirchen die Mitgliedschaft im ÖRK beantragen.

23. Diese Situation ließe sich am besten durch eine Rückkehr zu den theologischen und moralischen Lehren und Praktiken der frühen Kirche beheben, um zu einem patristischen Verständnis der Heiligen Schrift und der ethischen Werte zu gelangen. Eine erneute gemeinsame Auseinandersetzung mit dem patristischen Erbe würde es uns allen erlauben, eine gemeinsame Basis zu finden, und würde so die Kirchen im ÖRK befähigen, voranzuschreiten und die ganze ökumenische Bewegung neu zu beleben. Es ist unsere Hoffnung, dass die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung mit diesem Ansatz fortfahren wird.

24. In Busan und danach werden wir im Geist einer Gemeinschaft von Kirchen tagen und zusammen diskutieren. Dabei sollten wir alle dem Konsensverfahren und der Erhaltung seines Ethos  gebührende Aufmerksamkeit schenken, vor allem bei Entscheidungen in Mitgliedschaftsfragen.

25. In unseren Überlegungen ist uns die Bedeutung einer Anzahl von Grundsatzerklärungen und anderen Dokumenten, die für unsere Mitarbeit im ÖRK sehr wichtig sind, klar geworden. Wir ersuchen deshalb sowohl unsere Kirchen als auch den ÖRK dringend, eine ernsthafte ökumenische Bildungsarbeit auf der Grundlage dieser Erklärungen (vor allem der Erklärung von Toronto, der Erklärung über ein gemeinsames Verständnis und eine gemeinsame Vision des ÖRK (CUV), des Berichts der Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK, usw.) aufzubauen, vor allem für die jüngere Generation.

26. Als orthodoxe Kirchen – die sowohl ihre Geschichte als auch ihre Gegenwart mit dem Mysterium des Kreuzes, dem Leiden und der Auferstehung des Herrn, identifizieren – sind wir tief besorgt angesichts der Konflikte, Menschenrechtsverletzungen, terroristischen Aktionen und Verfolgungen in verschiedenen Teilen der Welt. Wir sind vor allem angesichts der Situation im Nahen Osten und in Asien besorgt. Wir sind der Meinung, dass Konflikte ausschließlich mit friedlichen Mitteln und durch Dialog gelöst werden dürfen und nicht durch militärische Aktionen. Wir fordern und beten für ein umgehendes Ende der Gewalt in diesen Regionen, wie auch an allen anderen Konfliktherden, und die weltweite Einhaltung der Selbstbestimmung und guter Regierungsführung.

27. Wir glauben fest, dass wir zusammen mit allen Mitgliedskirchen – heute mehr denn je – den interreligiösen Dialog zu Fragen von Frieden und Versöhnung auf der Welt fördern müssen. Neue und wirkungsvolle Dialogstrategien sind notwendig, um dem Extremismus vorzubeugen und um sicherzustellen, dass die Religion nicht als gefährliches Instrument des Aufruhrs und zur Rechtfertigung von Gewalt benutzt wird. Wir sind der Meinung, dass Frieden und Versöhnung nicht ohne Achtung der Menschenrechte und ohne die Förderung grundsätzlicher geistiger Werte herbeigeführt werden können – vor allem unter den jungen Menschen. Wir rufen den ÖRK deshalb auf, seine friedenstiftenden Bemühungen auszuweiten.

28. Wir ermutigen den ÖRK, den Kirchen bei der Stärkung ihres Auftrags zur Evangelisation zu helfen, aber gleichzeitig verurteilen wir den Proselytismus, den wir als eines der Haupthindernisse  für unser gemeinsames Zeugnis und unsere Einheit in der Mission ansehen.  Sowohl die östlich-orthodoxen als auch die orientalisch-orthodoxen Kirchen haben durch ihre dynamische Theologie und ihr lebendiges Zeugnis an Orten des Leidens und der menschlichen Not einen wesentlichen Beitrag zur missionarischen Arbeit des ÖRK geleistet, und sie sind bereit, sich den neuen Herausforderungen in der Welt heute zu stellen unter Berücksichtigung der ständig wachsenden und alarmierenden menschlichen Not an Orten des Konflikts und der Verfolgung sowie auch in der immer säkulareren „entwickelten“ Welt, die das Christentum und die christlichen Werte ablehnt oder ignoriert.

29. Wir bekennen uns zutiefst zu unserer gemeinsamen Verantwortung für die Verbreitung der Botschaft über den Schutz der Natur und der Umwelt. Wir ersuchen den ÖRK dringend, seine Arbeit fortzusetzen und mehr strategische Partner für die Arbeit auf dem Gebiet der Öko-Gerechtigkeit und der nachhaltigen Entwicklung zu finden. Die ganze Menschheit ist verantwortlich für den Zustand der Welt und von Gottes Schöpfung. Die Ausbeutung der Ressourcen, die Umweltverschmutzung sowie das Wachstum der Weltbevölkerung, sie alle erfordern dringend gemeinsame Anstrengungen aller Nationen, um die Vielfalt und die Qualität des Lebens zu erhalten. Unter Gottes Gebot, gute Haushalter der Schöpfung zu sein (1. Mose 2,15), rufen die orthodoxen Kirchen den ÖRK auf, sichtbare Aktionen mit dem Ziel zu unternehmen, die Natur und die Umwelt zu schützen.

30. Wir begrüßen die Initiative des ÖRK-Generalsekretärs, eine Arbeitsgruppe zu ernennen für die Ausarbeitung einer Erklärung über die Einheit zur Vorlage auf der nächsten Vollversammlung. Eine solche Erklärung wird Nachdruck auf den Hauptzweck der Gemeinschaft der Kirchen legen, nämlich nach der vollen sichtbaren Einheit der Kirche zu streben. Die Erklärung über die Einheit wurde unserer Tagung im Entwurf vorgelegt, und wir hatten Gelegenheit, den Text zu kommentieren. Wir merkten an, dass die Vielfalt nicht in Fällen gefeiert werden sollte, in denen die Vielfalt zu Spaltung und Uneinigkeit führt. Zur Frage der Einheit der ganzen Schöpfung schlagen wir vor, die Erklärung möge die bereits vorhandenen  Arbeiten unserer Kirchen zur Theologie der Schöpfung und zur Ökologie heranziehen.  Wir ersuchen dringend um größere Klarheit in der kirchlichen Sprache des Textes, um mehr theologischen Inhalt sowie um eine Artikulierung der dogmatischen Differenzen, die uns trennen.

31. „Wohl denen, die das Gebot halten und tun immerdar recht!“ (Ps 106,3)