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Die COVID-19-Pandemie mit Glaubensgemeinschaften überstehen: eine Orientierungshilfe für Kirchen

Dieses Dokument enthält einige der Fragen, mit denen die Gläubigen möglicherweise konfrontiert sind, sowie Antworten von zwei Ärzten des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), Dr. Mwai Makoka und Dr. Manoj Kurian.

21. März 2020

Glaubensgemeinschaften und unsere Glaubensführer können bei der Auseinandersetzung mit den Auswirkungen der COVID-19-Pandemie eine entscheidende Rolle spielen. Häufig stellen sie die wichtigsten und vertrauenswürdigsten Netzwerke und Botschafter dar. Selbst in entlegenen Gemeinden sind sie beständig und ununterbrochen anwesend.

Glaubensgemeinschaften arbeiten auf breiter Basis mit der Gesellschaft, den Mitarbeitenden im Gesundheitswesen und den Regierungen zusammen und können dazu beitragen, dass wir schneller zu einer Welt zurückkehren, die frei ist von dieser lähmenden Pandemie. Aktuell gibt es vielerorts Empfehlungen, sämtliche Zusammenkünfte abzusagen. Nachstehend finden sich einige der Fragen, die auf Gläubige zukommen können, sowie die Antworten von zwei Ärzten des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK), Dr Mwai Makoka and Dr Manoj Kurian.

Erfahren Sie mehr über ihre Arbeit unter: https://www.oikoumene.org/en/resources/documents/covid-19/resources

Warum müssen wir aktiv werden?
Die Welt steht vor vielen anderen Herausforderungen und hat mit anderen, weitaus tödlicheren Epidemien zu tun, dennoch gibt es eindeutige Gründe, warum wir unverzüglich handeln müssen. Das neuartige Coronavirus (COVID-19) breitet sich ungehindert aus und hat innerhalb von vier Monaten die reichsten und mächtigsten Nationen in die Knie gezwungen. Bei der Pandemie handelt es sich um eine Störung des Gesellschaftslebens von historischem Ausmaß. Es gibt keine erprobte Behandlung und keinen Impfschutz, deshalb hängt die Bezwingung der Infektion davon ab, dass man ihre Ausbreitung verhindert. Wird die Pandemie nicht verlangsamt, kann sie uns überwältigen.

Wer ist am stärksten gefährdet?
Die Sterberate bei dieser Krankheit wird auf 3,4 Prozent geschätzt. Sie kann jedoch unter den am stärksten Gefährdeten, die zu schützen uns das Evangelium aufträgt, katastrophalere Ausmaße annehmen. Zu ihnen gehören:

  • Betagte Menschen - vor allem Menschen über 65.
  • Menschen mit Vorerkrankungen, wie Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes und Lungenkrankheiten.

Menschen mit geschwächtem Immunsystem, z.B. durch HIV oder eine Chemotherapie.

  • Heimatlose oder finanziell ausgegrenzte Gemeinschaften und Menschen, die in beengten Verhältnissen mit mangelnder Wasserversorgung leben und denen die Bedingungen zur Aufrechterhaltung der Körperpflege und Einhaltung eines sozialen Abstands fehlen.
  • Menschen, die in Gegenden mit hoher Luftverschmutzung leben.

Was geschieht während der Pandemie mit den Gesundheitssystemen?
Aufgrund ihrer rasanten Ausbreitung kann die Pandemie ein bestehendes Gesundheitssystem überfordern.

  • Viele, die eine Behandlung bräuchten, wie zum Beispiel Menschen, die einen Herzinfarkt haben, oder Opfer von Verkehrsunfällen, erhalten diese Behandlung eventuell nicht rechtzeitig, wenn Pflegepersonal und Gesundheitsressourcen durch die Pandemie gebunden sind.
  • Auch wird die Behandlung von Personen abgezogen, die eine langfristige Gesundheitsversorgung benötigen.

Welche Folgen gibt es für die Wirtschaft?
Die Ausbreitung der Pandemie löst die in den letzten Jahrzehnten weltweit schlimmste Abschwächung der Finanzmärkte aus. Wenn sie ungehindert weiter wütet, werden viele Geschäfte geschlossen und Dienstleistungen eingestellt. Auch sind weltweit mehr als 60 Prozent der Beschäftigten in der Schattenwirtschaft tätig. Die in der Schattenwirtschaft tätigen Menschen sind durch Verarmung, Hunger und Krankheit stärker gefährdet, da ihnen die sozialen Sicherheitsnetze und Unterstützungssysteme fehlen, wenn sie ihre Existenzgrundlage verlieren.

Was können wir als Glaubensgemeinschaften tun?
Wir können korrekte und zuverlässige Informationen propagieren. Wir sind auf faktenbasierte Informationen über Vorbeugung, Pflege und unterstützende Behandlung angewiesen. Deshalb sollten wir die Gläubigen darauf aufmerksam machen. Wir wissen, wie diese Pandemie eingedämmt werden kann und dass die Bemühungen zur Prävention an der Minimierung der Übertragung von Mensch zu Mensch und von Gegenständen auf Menschen hängen. Dennoch gibt es eine Unmenge an falschen oder ungenauen Informationen, die Angst und Unkenntnis verbreiten. Derartige Angst und Panik können das Horten von unentbehrlichen Artikeln und Hamsterkäufe begünstigen. Glaubensgemeinschaften und unsere Oberhäupter dürfen kein Blatt vor den Mund nehmen, um irrationalen Ängsten entgegenzuwirken und Wahrheit, Würde, Liebe und seelische Stärke zu propagieren.

Wie sieht es mit ,Stigmatisierung und Diskriminierung‘ aus?
Die Ursachen der Bedrohung ausfindig zu machen ist eine natürliche Reaktion. Aber dass sich die Überlegungen bezüglich der Gefahr konstant um Menschen drehen, die anders sind oder aus einer wehrlosen Gemeinschaft kommen, und dass diese Menschen ausgegrenzt und diskriminiert werden, geht gegen unsere Werte und Lehren. In den am stärksten betroffenen Ländern findet die Übertragung des Coronavirus bereits vor Ort statt - und nicht durch importierte Fälle. Die Erfahrungen im Umgang mit HIV und Ebola haben gezeigt, dass Stigmatisierung und Diskriminierung gegen die Menschenwürde und gegen den Willen Gottes sind und eine Pandemie nur verstärken.

Welchen geistlichen Beistand können wir leisten?
Trotz der Notwendigkeit, sozial Abstand zu halten, ist es durchaus an der Zeit, vor allem mit den Bedürftigen Kontakt zu pflegen und innovative Beziehungen zu unseren Nachbarinnen und Nachbarn aufzubauen. Wir können auch weiterhin so viel geistliche, emotionale und materielle Unterstützung anbieten wie wir können und auch weiterhin nach unseren Nachbarinnen und Nachbarn sehen und diese unterstützen, indem wir sie fragen, was sie brauchen.

Es ist wichtig herauszufinden, wer Beistand braucht.

  • Menschen, die im Gesundheitswesen tätig sind oder wichtige Dienstleistungen erbringen oder unter anhaltender Belastung arbeiten.
  • Menschen in Quarantäne, die dadurch vielleicht erhebliche, langanhaltende psychologische Beeinträchtigungen erleben.
  • Einsame Menschen und ältere Mitbürgerinnen und Mitbürger, die vielleicht eher Gefahr laufen, wegen der Pandemie in Panik zu verfallen

Wie können wir sichere Zusammenkünfte fördern?
Es ist wichtig, mit den örtlichen Zivil- und Gesundheitsbehörden in Kontakt zu bleiben und deren Anweisungen zu befolgen, wie viele Personen sich zu Gottesdiensten versammeln dürfen. Ab sofort sind in den meisten Ländern Massenveranstaltungen verboten oder auf das Zusammentreffen von maximal 100 oder weniger Menschen beschränkt. In einigen Ländern dürfen sich nur fünf Personen treffen und in anderen besteht ein vollständiges Versammlungsverbot. Diese Einschränkungen bedeuten, dass keine normalen kirchlichen Gottesdienste abgehalten werden können, bis die Pandemie abgeflaut ist.

  • Was können wir als Gottesdienstgemeinde tun, wenn wir zusammenkommen?
  • Grüßen Sie andere respekt- und würdevoll, aber vermeiden Sie körperlichen Kontakt.
  • Sorgen Sie für ausreichend Abstand zueinander (zwei Meter) und für eine gute Belüftung größerer Flächen oder organisieren Sie mehrere Gottesdienste, um die zulässige Menschenmenge zu verkleinern.
  • Reinigen und desinfizieren Sie öfter alle angefassten Gegenstände und Oberflächen in den Andachtsstätten, vor allem, wenn diese von mehreren Personen berührt wurden. Verwenden Sie dazu normalen Haushaltssprühreiniger oder feuchte Reinigungstücher.
  • Regen Sie an, dass Gläubige, die sich krank fühlen, zeitweilig den Versammlungen fernbleiben und verschicken Sie Botschaften mit Fürbittgebeten und geistlicher Betreuung.

Was können wir tun, wenn sichere Zusammenkünfte nicht mehr möglich sind oder wenn eine steigende Anzahl an gefährdeten Personen nicht mehr in der Lage ist, an den Gottesdiensten teilzunehmen?

  • Halten Sie verstärkt Online-Gebetsgottesdienste ab und pflegen Sie die religiöse Gemeinschaft ebenfalls online, sofern die Mitglieder der Kirchengemeinde über entsprechende Einrichtungen und technische Zugriffsmöglichkeiten verfügen. (Facebook live, Youtube Live, Zoom, Skype sind zum Beispiel nützliche Hilfsmittel).
  • Nutzen Sie verstärkt Radio- und Fernsehstationen als Kommunikationskanäle für das Evangelium und geistlichen Beistand.
  • Zeichnen Sie ermutigende und inspirierende Botschaften angesehener Glaubensführer auf und verbreiten Sie diese online und über andere Medien.
  • Nutzen Sie Nachrichtenportale wie WhatsApp oder WeChat zur Betreuung größtmöglicher Gruppen und für den unmittelbaren Kontakt zu einzelnen Personen.

Was sind die Haupthandlungen im Gottesdienst?

  • Zurzeit müssen wir uns eingehend Gedanken über unsere wichtigsten Handlungen im Gottesdienst machen und nur diese ausüben, damit die Krankheit sich nicht ausbreitet und unserer Gemeinde schadet.
  • Christliche Gemeinschaften werden aufgefordert, das Teilen von Brot und Wein beim Abendmahl so abzuwandeln, dass eine Übertragung des Virus vermieden wird.
  • In christlichen Gemeinschaften, in denen eine Änderung nicht akzeptabel ist, ist es nach den Regularien der Weltgesundheitsorganisation ratsam, die Gottesdienste je nach Stand der Pandemie einzuschränken oder auszusetzen.

Welche Empfehlungen gibt es für andere religiöse Bräuche?

  • Nehmen Sie zum Segnen mit Weihwasser separate Gefäße und stellen Sie sicher, dass die Person, die mit dem Wasser umgeht, sämtliche Vorbeugungsmaßnahmen einhält und saubere Utensilien verwendet. Vermeiden Sie gemeinsam genutzte Gefäße, in die Menschen ihre Finger eintauchen.
  • Vermeiden Sie es, Mahlzeiten oder Lebensmittel miteinander zu teilen oder ein Gemeinschaftsmahl einzunehmen.
  • Verehren und beten Sie heilige Gegenstände / Reliquien / Ikonen an, ohne sie zu berühren.
  • Prüfen Sie, ob Pilgerfahrten verschoben werden können.
  • Sorgen Sie dafür, dass Pilgerstätten gereinigt und instandgehalten werden und regulieren Sie den Strom der Gläubigen, um die Gefährdung der Pilgerinnen und Pilger zu verringern.

Lasst uns darüber nachdenken, warum die Menschheit an diesen Punkt gelangt ist und machen wir uns Gedanken über die Zukunft. Auf dass solche Überlegungen unser Handeln und unser Vorbereitetsein auf künftige Krisen verändern.

Können Sie Ihre Empfehlungen zusammenfassen?

Verlassen wir uns auf zuverlässige und faktenbasierte Informationen über Vorbeugung, Pflege und unterstützende Behandlung und befolgen wir diese.

Wir wissen, wie diese Pandemie eingedämmt werden kann. Wir haben den Glauben, dass Gott uns die Gnade und die Kraft schenkt, um zusammen mit den Gesundheitsdienstleistenden, den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, den Beamten und Funktionären und der breiten Basis der Gesellschaft an der Überwindung der Krise mitzuwirken.

Lasst uns auch die Gefahr erkennen, mit der es unsere Kirchengemeinden und Glaubensgemeinschaften zu tun haben, und lasst uns ihre Gefährdung durch die Krankheit verringern.

Genf, 21. März 2020