World Council of Churches

Eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen auf der Suche nach Einheit, gemeinsamem Zeugnis und Dienst

Teure Einheit

Dieser Text ist aus dem gemeinsam von Glauben und Kirchenverfassung und dem ÖRK-Team für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfung durchgeführten Studienprogramm zu Ekklesiologie und Ethik hervorgegangen. Er, und die beiden im gleichen Zusammenhang entstandenen Texte "Costly Commitment" und "Costly Obedience" (nur auf englisch verfügbar) sind das Ergebnis von Tagungen in Rønde/Dänemark, Jerusalem/Israel und Johannesburg/Südafrika und beschäftigen sich mit der Berufung der Kirchen, in der heutigen Welt eine Gemeinschaft zu sein, die über ethische Fragen nachdenkt - und ethisch handelt.

01. Januar 1997

Einleitung

1. Solange die ökumenische Bewegung nicht in der Lage ist, eine lebendige Interaktion zwischen dem konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung (JPIC) und der Diskussion über die Einheit zu entwickeln, wird ihr dies schaden. Bei dem Streben nach Einheit ist es von Anfang an auch um Fragen des sozialen Zeugnisses und Handelns der Ökumene gegangen. Alle Ekklesiologien verstehen die Kirche als eine ihrem Wesen und ihrer Berufung nach "ethische" Gemeinschaft.1 In jüngerer Zeit hat der konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung der Ökumene neue Impulse und neue Kraft gegeben. Viele sind der Auffassung, der konziliare Prozess habe eindeutig kirchliche Dimensionen, und halten ihn für eine ihrer tiefgreifendsten Erfahrungen von "Kirche".

2. Dennoch - die Kluft zwischen den ökumenischen Kräften, für die die sichtbare Einheit der Kirche, und jenen, für die Zeugnis, Dienst und ethisches Engagement im Mittelpunkt stehen, ist tief und lässt zahlreiche Divergenzen erkennen, die die gesamte neuere ökumenische Bewegung duchziehen. Vielleicht sind wir wirklich davon überzeugt, dass Einheit und Ethos zwei Seiten ein- und derselben Medaille sind, doch haben wir das noch nicht genügend und auch nicht deutlich genug zum Ausdruck gebracht, und die Beschwörung der Untrennbarkeit von Streben nach Einheit und Streben nach Gerechtigkeit wird uns keinen Schritt weiter bringen. Es ist dringend notwendig, eingehend über diese zählebigen Spannungen und Spaltungen zu sprechen, und deshalb sind wir vom 24. - 28. Februar 1993 in Rønde (Dänemark) zusammengekommen.

3. Es gibt mehr Übereinstimmungen als die meisten vermuten. Dass das Streben nach sichtbarer Einheit der Kirche und die Bemühungen um Gerechtigkeit, Frieden und einem sorgsamen Umgang mit der Schöpfung nicht voneinander getrennt werden können, ist vor kurzem erneut mit aller Deutlichkeit gesagt worden. Das von Glauben und Kirchenverfassung veröffentlichte Studiendokument Kirche und Welt. Die Einheit der Kirche und die Erneuerung der menschlichen Gemeinschaft (ÖRK, Genf 1990) befasst sich mit den Aspekten der Tradition von Glauben und Kirchenverfassung, die sich besonders für diese Interaktion eignen. In der ersten überarbeiteten Fassung des Arbeitspapiers für die Weltkonferenz in Santiago wurde diese Position in jüngster Zeit wie folgt zusammengefasst:

Als Koinonia ist die Kirche berufen, nicht nur am Leiden ihrer eigenen Gemeinschaft, sondern am Leiden aller teilzuhaben, indem sie für die Armen, die Benachteiligten und die Ausgegrenzten eintritt und sich ihrer annimmt; indem sie sich allen Bemühungen um Gerechtigkeit und Frieden in der menschlichen Gesellschaft anschliesst; indem sie sich für einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Schöpfung einsetzt und diesen auch praktiziert, und indem sie in den Herzen der Menschen die Hoffnung lebendig erhält. So zeigt sie, dass sie berufen ist, alle Menschen einzuladen, im Glauben auf Gottes Liebe zu antworten. Diakonia für die ganze Welt und Koinonia sind nicht zu trennen" (Abs. 17, S. 13 der revidierten engl. Fassung von "Auf dem Weg zur Koinonia im Glauben, Leben und Zeugnis", 12. Februar 1993).

Im gleichen Dokument heisst es weiter:

"Wir haben bei dieser Arbeit (d.h. Glauben und Kirchenverfassung, Praktisches Christentum und Internationaler Missionsrat) erfahren, dass alle Konkretionen sichtbarer Einheit unter den Kirchen sowohl die Erneuerung zerbrochener Beziehungen zwischen den Kirchengliedern als auch Bemühungen um Erneuerung, Gerechtigkeit und Frieden in der Welt einschliessen müssen" (Abs. 2, S. 25).


Die eucharistische Vision der Kirche wird in Taufe, Eucharistie und Amt so beschrieben:

"Die Eucharistie umgreift alle Aspekte des Lebens. Sie ist ein repräsentativer Akt der Danksagung und Darbringung für die ganze Welt. Die eucharistische Feier fordert Versöhnung und Gemeinschaft unter all denen, die als Brüder und Schwestern in der einen Familie Gottes betrachtet werden, und sie ist eine ständige Herausforderung bei der Suche nach angemessenen Beziehungen im sozialen, wirtschaftlichen und politischen Leben (Mt 5,23f; 1.Kor 10,16f; 11,20-22; Gal 3,28). Alle Arten von Ungerechtigkeit, Rassismus, Trennung und Mangel an Freiheit werden radikal herausgefordert, wenn wir miteinander am Leib und Blut Christi teilhaben" (Abs. 20).


Desgleichen wurden aus der anderen Richtung im Rahmen des konziliaren Prozesses die JPIC- Grundüberzeugungen ausdrücklich theologisch-ethisch begründet:

"Die Zeit ist da, dass die ökumenische Bewegung zu grösserer Verbindlichkeit, gegenseitiger Verpflichtung und Solidarität in Worten und Werken findet. Die Verheissung des Bundes Gottes für unsere Zeit und unsere Welt fordert unsere Antwort. Deshalb bekräftigen wir: - dass alle Ausübung von Macht vor Gott verantwortet werden muss; - dass Gott auf der Seite der Armen steht; - dass alle Rassen und Völker gleichwertig sind; - dass Mann und Frau nach dem Bilde Gottes geschaffen sind; - dass Wahrheit zur Grundlage einer Gemeinschaft freier Menschen gehört; - den Frieden Jesu Christi; - dass Gott die Schöpfung liebt; - dass die Erde Gott gehört; - die Würde und das Engagement der jüngeren Generation; - dass die Menschenrechte von Gott gegeben sind. (cf. Die Zeit ist da, JPIC-Schlussdokument, ÖRK, Genf 1990, S. 66)


4. Alle diese Texte lassen erhebliche Übereinstimmungen erkennen, und darin sehen wir einen vielversprechenden Anfang. Doch damit sind die in der ökumenischen Bewegung seit langem vorhandenen Divergenzen durchaus noch nicht aufgehoben. Um das Gespräch darüber voranzubringen, möchten wir die folgenden Überlegungen anbieten, wobei uns die Erklärung von Canberra (1991) als Ansatz dient. Unter dem Titel "Die Einheit der Kirche als Koinonia: Gabe und Berufung" wird hier die Einheit der Kirche beschrieben als

"eine Koinonia, die gegeben ist und zum Ausdruck kommt im gemeinsamen Bekenntnis des apostolischen Glaubens, in einem gemeinsamen sakramentalen Leben (...) und in einer gemeinsamen Sendung, in der allen Menschen das Evangelium von Gottes Gnade bezeugt und der ganzen Schöpfung gedient wird". (Abs. 2.1)

I. JPIC und die Kirche als ethische Gemeinschaft

5. Im konziliaren Prozess steht das Sein (esse) der Kirche auf dem Spiel. Es genügt nicht, zu erklären, es bestehe lediglich ein Zusammenhang zwischen der ethischen Orientierung von JPIC und dem Wesen und der Funktion der Kirche. Es geht hier um mehr. Dies lässt sich von zwei Seiten her erfassen: einmal aus der Erfahrung von JPIC als konziliarem Prozess und zum andern aus der Erfahrung des Wesens der Kirche. Koinonia eignet sich als Begriff für beide. Es ist beispielsweise empirisch nachweisbar, dass Menschen, die sich für bestimmte ethische Anliegen engagieren und dafür zusammenarbeiten, ein Gefühl der Zusammengehörigkeit entwickeln. In bezug auf JPIC haben sich immer wieder Menschen zu Gemeinschaften zusammengefunden, die als Koinonia bezeichnet werden können. Das Mitwirken im Ringen der menschlichen Gemeinschaft schafft Koinonia und trägt häufig zu einer Klärung von Lehrfragen bei. Hier kommt eine "ekklesiogene" Kraft zum Tragen, die bei den Mitwirkenden oft eine reiche liturgische Ausdrucksfähigkeit erzeugt und sie an zutiefst religiöse Fragen heranführt - an Fragen des Glaubens und des Engagements. Dies zeugt vom Wirken des Heiligen Geistes.

6. Zugleich ist der Glaube von jeher davon ausgegangen, dass die Kirche ihrem Wesen nach eine "ethische" Realität ist. Glaube und Nachfolge verkörpern sich in der Kirche als gemeinschaftliche Lebensweise. Das Gedenken der Heilstat Christi (anamnesis), auf dem die Kirche aufbaut, ist eine Kraft, die die ethische Existenz der Kirche prägt. Die Dreieinigkeit wird als Vor-Bild menschlicher Gemeinschaft und als Grundlage der Soziallehre und der kirchlichen Realität erfahren. Es ist müssig, diese Ausführungen fortzusetzen, denn es läuft alles darauf hinaus, dass die Kirche nicht nur eine Sozialethik oder eine Koinonia-Ethik hat, sondern sie auch selbst verkörpert.

7. Dennoch sind eine Reihe komplexer Einschränkungen zu formulieren, wenn der konziliare Prozess und die Kirche als im wesentlichen ethische Realitäten behandelt werden.

7.1. Das Eintreten für ein bestimmtes ethisches Anliegen ist nicht notwendigerweise gleichbedeutend mit Zugang oder Zugehörigkeit zur Kirche. Die Behauptung, Nichtmitglieder würden durch gutzuheissendes ethisches Verhalten gewissermassen zu Kirchengliedern (den sog. "latenten" oder "anonymen" Christen), ist eine Form des kirchlichen Imperialismus. Wir erkennen jedoch an, dass Gemeinschaft und gemeinsames Zeugnis auch über die Grenzen der Kirche hinaus erfahrbar sind.

7.2. Das ethische Handeln der Kirchenmitglieder ist weder für die Kirche konstituiv noch für ihre weitere Existenz ausschlaggebend. Ursprung und Fortleben der Kirche gründen in der überreichen Gnade und Geduld Gottes. Ethische Verfehlungen von Kirchenmitgliedern können jedoch die Glaubwürdigkeit des kirchlichen Zeugnisses beeinträchtigen, und nicht selten ist das auch der Fall. Die Kirche ist heute zu jenem Widerstand gegen lebensbedrohliche Entwicklungen aufgerufen, den JPIC in die Wege zu leiten versucht hat. In jedem Fall kann ohne Übertreibung gesagt werden, dass die Heiligkeit der Kirche auch die Heiligung, das ständige ethische Bemühen derjenigen, die zu ihren gehören, mit einschliesst.2

7.3. Angesichts der Ambivalenz und Komplexität zahlreicher konkreter ethischer Forderungen ist nicht zu erwarten, dass alle Mitglieder einer Kirche oder alle kirchlichen Organisationen einer Region in jeder einzelnen Frage die gleiche ethische Entscheidung treffen werden. Die Freiheit der Christen lässt Raum für offen ausgesprochene und tiefgreifende Differenzen in der ethischen Beurteilung.

7.4. Hiermit soll jedoch keineswegs einem pauschalen ethischen Relativismus das Wort geredet werden. Es gibt Grenzen, und es wird immer so sein, dass gewisse Entscheidungen und Handlungen dem Wesen und den Zielsetzungen der Kirche und den zentralen Aussagen des Evangeliums widersprechen. Lehrreiche Beispiele aus der Vergangenheit sind die Deutschen Christen, die dem Naziregime Treue schworen, und diejenigen südafrikanischen Kirchen, die die Apartheid unterstützten. In beiden Fällen haben sich diese Christen selbst aus der Kirche Christi ausgeschlossen. Sie machten sich dessen schuldig, was Visser 't Hooft als "moralische Häresie" bezeichnete. Hier steht das Sein der Kirche auf dem Spiel. Es sei hinzugefügt, dass grösste Vorsicht geboten ist, wenn eine so hohe Messlatte für das ethische Urteil angelegt wird, denn die damit gezogene Grenze trennt zwischen wahrer und falscher Kirche. Es ist allerdings richtig und auch wichtig zu sagen, dass vom Wesen der Kirche her immer eine gründliche ethische Auseinandersetzung über lebenswichtige Fragen erforderlich ist.

7.5. Selbstverständlich kommt nicht allen ethischen Anliegen das gleiche Gewicht zu. Wir sind der Überzeugung, dass die Kirche heute vor allem die moralische Pflicht hat, wie JPIC auf lebensbedrohliche Entwicklungen zu reagieren. Als Gottes Mitarbeiterin in der Schöpfung und als Verkünderin der Heilsbotschaft ist sie aufgrund ihres Wesens und ihrer Zielsetzung verpflichtet, mit aller Entschiedenheit zu handeln, wenn Leben bedroht ist - sei es durch wirtschaftliche, politische oder militärische Kräfte oder durch Umweltzerstörung. Überlebensfragen müssen für die Kirche an erster Stelle stehen.

7.6. Ethische Probleme und Auseinandersetzungen lassen häufig die Grenze zwischen "billiger" Einheit und "teurer" Einheit erkennbar werden. Billige Einheit geht ethisch strittigen Fragen aus dem Wege, denn sie würden die Einheit der Kirche stören. Teure Einheit bedeutet, dass wir die Einheit der Kirchen als Geschenk auf dem Weg zur Verwirklichung von Gerechtigkeit und Frieden erfahren. Sie ist oft nur um einen hohen Preis zu erwerben. Man denke etwa an den Unabhängigkeitskampf Namibias oder an die Antiapartheid-Kampagne in Südafrika. Dort wurde versucht, die römischen Katholiken gegen die Lutheraner, die Anglikaner gegen die Methodisten, die einheimischen afrikanischen Kirchen gegen die traditionellen Konfessionen auszuspielen. Im gemeinsamen Kampf wurde wirkliche Einheit entdeckt und oft auch ökumenische Pionierarbeit geleistet (z.B. im Kairos-Dokument und nachfolgenden Texten). In anderen Fällen liegt teure Einheit gerade darin, die Zugehörigkeit zu Blut, Boden, Nation, Volk oder Klasse zu transzendieren im Namen Gottes, der eins ist und dessen Schöpfung eins ist. Es ist die Einheit der Kirche, die auf dem Wege des Kreuzes verwirklicht und mit dem Leben Jesu und dem Leben der Märtyrer, deren Zeugnis zwangsläufig auch ethischer Natur ist, bezahlt wird. Dies ist eine Einheit, die durch Gottes Gnade trennende Mauern niederreisst, damit wir uns mit Gott und miteinander versöhnen. Im konziliaren Prozess gibt es viele Beispiele für solche teure Einheit. Auf der anderen Seite steht die billige Einheit - Vergebung ohne Busse, Taufe ohne Nachfolge, Leben ohne tägliches Sterben und Wiederauferstehen in einem Haus des Glaubens (dem oikos), das das sichtbare Zeichen von Gottes Plan für den ganzen bewohnten Erdkreis (dieoikoumene) sein soll.

8. Zum Abschluss dieser Überlegungen zum ethischen Ringen und zur Einheit möchten wir feststellen, dass wir Gott gerade angesichts der gegenwärtigen lebensbedrohlichen Entwicklungen umso dankbarer sind für das Geschenk des Lebens. Die gesamte Schöpfung trägt den Stempel des Heiligen. Die Kirche als ethische Gemeinschaft sollte in ihrer ganzen Haltung eine "sakramentale" Orientierung des Lebens fördern, wie es ja auch ihrem Selbstverständnis, ihrem Sein, ihrer Sendung und ihrem Zeugnis entspricht, die auf einer sakramentalen und eucharistischen Grundlage beruhen. Es gibt keinen besseren Ansatzpunkt als die ethische Bedeutung der Sakramente. Die Taufe z.B. steht insofern im Zentrum der Kirche, als die Getauften zu Zeugen (martyr) der Werte des Evangeliums in der Welt werden. Fragen von Glaube und Ethik und soziale Fragen sind untrennbar mit dem christlichen Zeugnis verbunden, mit dem wir in der Taufe beauftragt werden. Die Eucharistie als Sakrament der Gemeinschaft ist - um ein zweites Beispiel zu nennen - Nahrung für ein zerstreutes Volk in seinem ethischen Bemühen, die Zerbrochenheit des Menschen und der Gemeinschaft zu heilen. Für die Kirche ist sowohl ihre innere Einheit als auch die Solidarität mit anderen Ausdruck für das Teilen des Brotes des Lebens. Die Sakramente als persönlichkeitsbildende Riten können uns zu einem sakramentalen Leben hinführen.

9. Die Bemühungen um Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfung haben immer wieder erkennen lassen, welche zentrale Rolle Gottesdienst und Spiritualität in unserem Zusammenleben einnehmen. Hier wird Gemeinschaft genährt, Hoffnung bewahrt, Vergebung angeboten, Brot für die Pilgerreise geteilt und neue Kraft entdeckt. Die Erfahrung des Gottesdienstes und die Vertiefung der Spiritualität ist für uns eine Brücke zwischen Ekklesiologie und Ethik.

10. Die eschatologische Dimension sowohl der Einheit der Kirche als auch des konziliaren Prozesses ist zu bekräftigen. Zwar werden beide letztlich zu einem Zeitpunkt und in einer Weise erfüllt, die Gott gewählt hat, doch sollten wir deshalb nicht passiv abwarten. Im Gegenteil, unser aktives Mitwirken an den Bemühungen um die Einheit der Kirche und um Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung bezieht uns ein in Gottes Werk der Erfüllung, während uns diese Erfüllung zugleich anspornt, lebensbedrohliche Entwicklungen zu bekämpfen und mit dem Leben so sorgsam umzugehen wie mit einem uns anvertrauten Schatz.

 

II. Koinonia und ihre Implikationen

11. Zur Beschreibung jener Einheit, die sowohl von Glauben und Kirchenverfassung als auch vom konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung angestrebt wird, sei der Begriff der Koinonia vorgeschlagen. Er kam über die bilateralen Dialoge - wo die griechische Version in manchen Fällen dem enger gefassten lateinischen Communio vorgezogen wurde - in den ökumenischen Sprachgebrauch. In manchen bilateralen Gesprächen wirdKoinonia verwendet, um das Ziel einer Gemeinschaft ohne organische Union im Anschluss an die Überwindung möglicher lehrmässiger Hindernisse zu bezeichnen.

12. Die Implikationen der Koinonia werden in der Diskussion über folgende Aspekte deutlich: der Begriff christlicher Ethik, Konzepte des Bundes, konziliare Gemeinschaft, Einheit und Verschiedenheit, lokal und global, und Beziehungen zu nicht-institutionellen Bewegungen innerhalb und ausserhalb der Kirche.

Koinonia und Ethik

13. Wo sich Koinonia im Neuen Testament auf das Miteinander oder das Teilen unter den Gläubigen der örtlichen christlichen Gemeinde bezieht, ist sie als konkrete, im Gehorsam verbundene Gemeinschaft zu verstehen. Wenn die frühen Christen "Christus folgten", so hatte dies ganz ohne Zweifel sehr praktische Auswirkungen auf ihr Leben, die häufig zu Spannungen und Konflikten mit ihrer Umgebung führten. Auch die im Neuen Testament deutlich werdende enge Verbindung zwischen Taufe und neuem Leben (Eph 2,6) zeigt, dass die Entscheidung, sich dieser Gemeinschaft anzuschliessen, ethische Entscheidungen implizierte.

14. Im Laufe der geschichtlichen Entwicklung veränderte sich die ursprüngliche und enge Beziehung zwischen Glaube und Ethos und lockerte sich in manchen Fällen. In dem Masse, wie die Kirche wuchs und sich institutionalisierte und zu einem Faktor wurde, der nicht ohne Einfluss auf die Machtverhältnisse in der westlichen Welt war, tendierte der christliche Gehorsam zur Formalisierung; dies zeigte sich einerseits an der Busspraxis und andererseits an der Willfährigkeit gegenüber weltlichen Mächten. Selbst in Kirchen, die eine elementare Verbindung von Liturgie und Leben aufrechterhielten, ging der Sinn für radikalen Gehorsam, wie wir ihn aus dem Neuen Testament - und später von Märtyrern und Heiligen - kennen, spürbar zurück.

15. Das Bedürfnis nach einer Ethik als spezifischer Disziplin entstand erst in neuerer Zeit angesichts der zunehmenden Komplexität der Gesellschaft. Ethik stand für alle Bemühungen, die moralischen Dimensionen dieses komplexen Systems mit autonomem Denken, individuellem Urteil und argumentativer Kommunikation zu erfassen. Die Christen wurden sich der wachsenden Kluft zwischen der Substanz ihrer Tradition und der "Aussen"welt bewusst und begannen, um mit der Entwicklung der Ethik Schritt zu halten, die Zusammenhänge zwischen Ethik und Welt, zwischen Glauben und Leben zu artikulieren.

16. Die christliche Ethik entwickelte sich auf unterschiedliche Art und Weise: manchmal in Verbindung mit weltlichen Ansätzen (christlicher Sozialismus, christlicher Liberalismus), manchmal auch im Gegensatz zu ihnen, so etwa dort, wo die Treue zu Jesus Christus und die Treue zu einer Ideologie unvereinbar waren. In den meisten Fällen jedoch stand das Individuum im Mittelpunkt. Wenn sich Theologen mit dem Leben "des" Christen beschäftigten, dann unterschieden sie zwischen seinen persönlichen und seinen gesellschaftspolitischen Pflichten.

17. Es war ein grosser Schritt nach vorn, als die ökumenische Bewegung - und insbesondere der Ökumenische Rat für Praktisches Christentum - begann, die sozialethische Reflexion als Reflexion von Kirchen zu institutionalisieren, die einander und der Welt verantwortlich sind. Dieser Ansatz, der durch Ereignisse wie dem Kirchenkampf im Deutschland der 30er Jahre oder später durch die kritische Analyse von Neokolonialismus, Abhängigkeit und Strukturen von Armut und Ungerechtigkeit gefördert wurde, half vielen Christen, einige ihrer bisherigen Glaubensgewohnheiten abzulegen, so etwa die Distanz zwischen dem Glauben (als dem "wirklichen" Leben der Gemeinde) und den ethischen Werten im alltäglichen Leben, oder auch die Überzeugung, das einzige Bindeglied sei die Einhaltung bestimmter persönlicher Lebensregeln.

18. Auf dieser Grundlage bemühen sich Christen seit einiger Zeit, den elementaren Zusammenhang zwischen Ethik und Koinonia, zwischen Ethos und Gemeinschaft wiederherzustellen und sich hierbei vom Neuen Testament anregen zu lassen. In diesem Zusammenhang sind sie u.a. zu der Erkenntnis gekommen, dass es weniger der einzelne Christ als vielmehr die Gemeinschaft der Jünger ist, die die Tradition erhält und trägt und die Form und Nährboden des Ethos ist. In dieser Perspektive wird christliche Ethik zu einer Reflexion über das Leben der Gemeinschaft im Kontext der Probleme des menschlichen Lebens im allgemeinen.

19. Koinonia in bezug auf Ethik bedeutet nicht in erster Linie, dass die christliche Gemeinschaft Vorschriften und Regeln festlegt, sondern vielmehr, dass sie ein Ort ist, an dem - zusammen mit dem Glaubensbekenntnis und der Feier der Sakramente und als untrennbarer Teil davon - die biblische Botschaft ständig auf ethische Inspiration und Erkenntnisse hin erforscht wird und an dem die Fragen, die die Menschheit bewegen, durch beständige ethische Reflexion im Lichte des Evangeliums untersucht werden. Als solche ist die Gemeinschaft auch ein Ort der Tröstung und Stärkung. Für manche bedeutet dies ein entschiedenes Eintreten für Gewaltlosigkeit, für andere eine dauerhafte Antwort auf die Frage von Schuld und Vergebung, die jedes menschliche Leben prägt, für wieder andere den Versuch, im individuellen und sozialen Leben wieder den Sinn von Berufung und Bund zu erfahren. In allen Fällen impliziert Koinonia ein Angebot an alle Menschen, die sich in einem ethischen Ringen befinden und dafür Massstäbe und Perspektiven brauchen. Wenn das Ethos der christlichen Gemeinschaft als Zeugnis bezeichnet wird, dann ist dies ein wichtiger Aspekt dieses Zeugnisses.

Koinonia und andere biblische Bilder von der Kirche

20. Die vorgeschlagene revidierte Fassung des Arbeitspapiers für Santiago enthält bereits längere Überlegungen zumKoinonia-Begriff. Es sind jedoch einige weitere Kommentare erforderlich.

21. Sind die verschiedenen Gemeinschaften bereit einzusehen, dass Gemeinschaft zwischen ihnen Koinonia) - ob in Fragen des Glaubens oder der ethischen Verantwortung - den Aufbau von Strukturen gegenseitiger Rechenschaftspflicht voraussetzt? Die Fünfte Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung wird die Frage stellen, ob die Kirchen weiter auf eine "konziliare Gemeinschaft" zugehen können. Dieser Ausdruck bedeutet zumindest, dass sie einander verantwortlich sind im Zeugnis vom Glauben an Jesus Christus, und dass sie die Implikationen dieses Glaubens in bezug auf Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung ernst nehmen. Wie lange werden sich die Gemeinschaften weigern, sich den Herausforderungen der Einheit tatsächlich zu stellen?

22. Wir dürfen nicht vergessen, dass Koinonia nur eines von mehreren neutestamentlichen Bildern für die Kirche ist. Daneben tauchen Begriffe wie "Volk Gottes", "Leib Christi" und "Tempel des Heiligen Geistes" auf. Auch der Begriff Kirche (ekklesia) ist ja ein Bild. Jedes Bild für die um das Evangelium herum gebildete Gemeinschaft setzt einen spezifischen Akzent und Kontext und hat somit einen bestimmten Bedeutungsschwerpunkt. Bei koinonia ist dieser das Miteinander der Gläubigen oder das Teilen in der örtlichen christlichen Gemeinschaft. Daher ist genau zu prüfen, ob es zulässig ist, diesen Begriff auch für übergreifende Beziehungen zu verwenden.

23. Was bietet der Begriff der koinonia hierfür? Zunächst einmal ist darauf hinzuweisen, dass er weitaus mehr abdeckt als lediglich Teilen. Er bezeichnet Teilhabe an etwas, das man gemeinsam hat oder weiss (Apg 2). Es gibt z.B. koinoniain Gott, im Heiligen Geist, in Jesus Christus, im Glauben, im Leib Christi, im Blut Christi. Schon dies allein lässt eine erweiterte Verwendung des Begriffs zu. Paulus verwendet koinonia für die Beschreibung der Beziehungen zwischen Gemeinden in verschiedenen Städten. Auch die Geldsammlung für die Gemeinde in Jerusalem nennt er koinonia. Die Verwendung von koinonia hier und an anderen Stellen des Neuen Testaments lässt auf eine Begriffserweiterung schliessen: es ist nicht mehr nur das Bekannte und Vertraute gemeint, sondern es werden Brücken gebaut zu anderen und unterschiedlichen Glaubensgemeinschaften. Dies ist ein kühner theologischer Schritt, vor allem dort, wo Paulus die Berufung Israels auf die Heiden ausdehnt. Die koinonia, von der er spricht, bezieht sich nun - über ethnische und familiäre Bande hinaus - auf eine Gemeinschaft, deren Grundlage das Evangelium ist. Ebenso können wir unser Verständnis von koinonia ausdehnen auf eine Gemeinschaft, in der wir in Jesus Christus - und trotz der Mängel unserer Gemeinschaften und Beziehungen - gemeinsame Vorstellungen von einer von neuem gerechten, friedlichen und verantwortlichen Welt entwickeln.

24. Wird koinonia - wie im Falle des konziliaren Prozesses - in diesem weiteren Sinne verstanden, dann sehen wir die Gebote der Einheit und der Katholizität in einem neuen Licht. koinonia in diesem Sinne eröffnet die Möglichkeit eines neuen ökumenischen Anfangs, an dem sowohl JPIC als auch Glauben und Kirchenverfassung mitwirken.

Das Konzept des Bundes

25. Ein Teil dessen, was koinonia beinhaltet, wird im Bund konkretisiert. Wir sind uns der Missverständnisse, zu denen dieser Begriff in Seoul Anlass gab, wohl bewusst. Das Problem dort war, dass einige davon ausgingen, der Bund könne auf ein konzertiertes oder gemeinsames Unternehmen von Menschen beschränkt werden. Wir benutzen das Wort hier jedoch in seiner vollen biblischen Bedeutung als eine von Gott eingeleitete Beziehung: eine Verheissung, zu der Gott trotz aller Versäumnisse und Verfehlungen seines Volkes treu steht. Deshalb kommt einem zwischen Menschen geschlossenen Bund nur dann diese biblische Bedeutung zu, wenn er vor Gott in der Absicht geschlossen wird, den Bestimmungen zu gehorchen, die Gott mit seinem Bund verbindet. Das Eintreten in diesen Bund bedeutet, dass wir die Bedingungen annehmen, unter denen uns Gott in die Mitte der Schöpfung stellt.

26. In einer Reihe von ökumenischen Dokumenten wird anstelle des Substantivs "Bund" das substantivierte Verb "Bundesschluss" (im Englischen sogar ein Verb: "covenanting") verwendet. Da das grammatische Subjekt eines Verbs in der Regel ein Mensch ist bzw. wir selbst, könnte dadurch der Eindruck entstehen, dass die Urheberschaft Gottes am Bund in Vergessenheit geraten ist. Aus diesem Grund ziehen es einige vor, die verbale Form generell nicht zu verwenden. Wann immer sie benutzt wird, muss deutlich gemacht werden, dass es bei dem angesprochenen Bund um den Bund Gottes geht, dass der Bund vor Gott geschlossen wird und dass es für die Beteiligten notwendig ist, Gottes Bedingungen und Gebote nach bestem Wissen und Gewissen anzuerkennen.

27. 'Bund' ist ein unermesslich reicher biblischer Ausdruck. Gottes Bund mit Noah z.B. macht deutlich, dass Gott für alle seine Geschöpfe Sorge trägt, ja, dass der Bund sich nicht nur auf alles Lebendige erstreckt, sondern die Schöpfung an sich miteinschliesst. So wird in Jeremia geschildert, wie das Volk Gottes für seine Übertretungen dadurch bestraft wird, dass die Schöpfung wieder zum Chaos wird (Jer. 4, 23). Entsprechend geht die Wiederherstellung der Glaubensgemeinschaft mit der Wiederherstellung der natürlichen Umwelt Hand in Hand. Mehr noch, die Verwendung des Begriffes 'Bund' im Neuen Testament bedeutet nicht, dass der Bund mit Israel aufgehoben wird, sondern vielmehr, dass der neue den alten Bund erfüllt, ohne jedoch an seine Stelle zu treten. In diesem Zusammenhang werden die Implikationen des Bundes für das Bemühen um und die Verwirklichung von Gerechtigkeit klar.

28. Zahlreiche Stellen im Neuen Testament, besonders im Epheser- und im Kolosserbrief, sprechen diese Bedeutungsnuancen an und beziehen den Bund auch wieder auf die Erneuerung der Schöpfung. Der "neue Bund in meinem Blut" der Eucharistie verbindet Gottes Ruf an die Gemeinschaft des Glaubens noch enger mit der Verwandlung der geschaffenen Ordnung. Der eigentliche Sinn des Bundes ist durch die Fleischwerdung, das Kreuz und die Auferstehung Jesu Christi sichtbar gemacht worden.

29. Eine zentrale Frage, die der konziliare Prozess aufgeworfen hat, ist ja gerade das Verhältnis der Ekklesiologie zu Schöpfung, Erlösung und Eschatologie. Das Konzept des Bundes bietet hier, wie wir bereits gesehen haben, nützliche Perspektiven. Allerdings dürfen wir diesen Begriff nicht mit allem befrachten, was wir über Evangelium, Geschichte und Schöpfung aussagen wollen. Diese Relation und ihre Implikationen lassen sich von einer anderen Grundlage her entwickeln.

30. Was immer auch die Ergebnisse sein mögen, wir müssen unbedingt darauf bestehen, dass jede Bekräftigung des Bundes Gottes mit uns als seinem Volk auch heute einen spezifischen Inhalt haben muss - ebenso, wie der Gehorsam des Volkes Israel die Tora zum Inhalt hatte, wie sie in den Lehren der Propheten ausgelegt worden war. Kurz: Der Bund muss in eine Art soziales Credo umgesetzt werden. Als Beispiel für einen solchen Inhalt möchten wir die "Kriterien für die Entscheidungsfindung in der Wirtschaft" nennen, die in Teil IV des Studiendokuments der ÖRK-Einheit III Der christliche Glaube und die heutige Weltwirtschaft enthalten sind (WCC Publications, Genf, 1992).

Konziliare Gemeinschaft

31. Wir wollen das Thema koinonia nicht als einziges Modell der Einheit verwenden, die wir anstreben. Insbesondere darf dieser Terminus nicht bedeuten, dass wir unsere bestehenden kirchlichen Strukturen hinnehmen, wenn sie sich nur "in Gemeinschaft" miteinander befinden. Damit würde koinonia schlicht zu einem Synonym für "versöhnte Verschiedenheit". Wir müssen untersuchen, wie die JPIC-Bewegung mit dem Begriff der Konziliarität umgeht. Vielleicht öffnet sich dadurch ein Weg, um zu diesem Begriff zurückzukehren (z.B. in Gestalt der von der Vollversammlung in Nairobi angenommenen Wendung "konziliare Gemeinschaft") und ihm eine umfassendere zu Bedeutung geben.

32. In diesem Zusammenhang haben wir mit Interesse die Formulierungen der vorgeschlagenen Revision des Arbeitspapiers für Santiago zur Kenntnis genommen: "... Glauben und Kirchenverfassung sollte sich bei seiner Weiterarbeit auf die Frage angemessener Strukturen im Dienst einer konziliaren Gemeinschaft (cf. Canberra-Erklärung, Abs.2.1) von Kirchen unter der Leitung des Heiligen Geistes (Joh 16, 13) und einer glaubwürdigen Ausübung von Autorität konzentrieren" (S. 19, Abs. 17 der revidierten englischen Fassung). Im Kontext von JPIC können wir sehen, inwiefern uns eine solche "konziliare Gemeinschaft" helfen könnte: nämlich als unverzichtbarer Bezugsrahmen für die Beschäftigung mit den Themen Verschiedenheit/Einheit und lokal/universal. Eine solche konziliare Gemeinschaft könnte innerhalb der koinonia den Rahmen für eine konstruktive Auseinandersetzung mit den divergierenden Ansichten bilden. In dem Moment, wo Fragen der Gerechtigkeit in der Debatte über die Einheit auftauchen, müssen wir uns fragen, welche Modelle konziliarer Gemeinschaft das Zeugnis der Kirche am besten fördern.

33. Wie bereits angemerkt, ist es mit der ökumenischen Rechenschaft der Kirchen untereinander nicht weit her. Strukturen für die Rechenschaftslegung müssen eingerichtet werden, noch bevor die konziliare Gemeinschaft erreicht ist. Kann Konziliarität in der einen oder anderen Form möglich sein, noch bevor volle Gemeinschaft verwirklicht ist? Die JPIC-Bewegung hat darauf gedrungen, damit wir ein geeintes Zeugnis für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung ablegen können. Wir bitten die Kirchen eindringlich, sich eine konziliare Rechenschaftslegung zur Gewohnheit zu machen, auch wenn wir uns auf dem Weg zu einer umfassenderen Beziehung befinden. Selbstverständlich müssen alle Bemühungen, eine derartige konziliare Praxis zu entwickeln, völlig transparent und offen sein, da die Kirchen sonst nicht zur Zusammenarbeit und Respektierung bereit sind.

34. Bei seiner Beschäftigung mit der konziliaren Gemeinschaft sollte sich Glauben und Kirchenverfassung auch mit der ganz praktischen Frage der kirchlich-institutionellen Bürokratie befassen. In diesem Jahrhundert sind dem Leben der Kirchen komplexe Verwaltungsstrukturen übergestülpt worden, ohne dass man diesen eine ekklesiologische Bedeutung gegeben hätte. Es besteht die Gefahr, dass diese Strukturen (im pejorativen Sinne) bürokratisch werden, eben weil sie ekklesiologisch nicht rechenschaftspflichtig sind. Inwieweit, wenn überhaupt, wird die Realität der Bürokratie in der Ekklesiologie berücksichtigt? Welches Verhältnis besteht zwischen Bürokratie und dem Rechenschaftsbedürfnis konziliarer Beziehungen? Heutzutage hat fast jede Kirche ein Büro, das für die Beziehungen zu anderen Kirchen und zu ökumenischen Einrichtungen zuständig ist. Auch der Ökumenische Rat der Kirchen hat eine bürokratische Richtung eingeschlagen. Kann koinonia bürokratisch zum Ausdruck gebracht werden? Kann Bürokratie ein Werkzeug des Heiligen Geistes sein?

Das Lokale und das Globale

35. Im Zusammenhang mit lokalen Erkenntnissen und Initiativen auf der einen und globalen Problemen auf der anderen Seite sehen wir uns einem ganzen Fragenkomplex gegenüber. Heute hat jedes lokale Problem globale Implikationen, und jedes globale Problem erfordert eine lokale Reaktion. An beiden Enden bestehen aber häufig Blockierungen. Nicht alle JPIC-Fragen sind der lokalen Ebene adäquat vermittelt worden. Und lokalen christlichen Gruppen fällt es häufig schwer, die globale Realität zu begreifen, in der sie leben.

36. Allerdings machte man es sich zu einfach, wenn man sich nur zwei Ebenen vorstellte. Das 'Lokale' bedeutet unter verschiedenen Umständen verschiedene Dinge. Es kann Nachbarschaft bedeuten oder das Land, in dem man lebt, oder eine bestimmte Region der Welt. Andererseits mag ein Problem zwar von globaler Bedeutung sein, doch lässt es sich weder mit einer einzigen Erklärung beschreiben, noch auf eine Formel bringen, weil seine Auswirkungen an verschiedenen Orten so vielfältig sind. Manchmal ist ein globales Problem so beschaffen, dass es am deutlichsten an einem bestimmten Ort zum Ausdruck kommt. Dann haben die dort lebenden Christen die Aufgabe, seine Bedeutung für den Rest der Oikoumene zu definieren. Mitunter wird ein im wesentlichen lokales Problem erst dann deutlich, wenn man seine globalen Aspekte begreift. Wir brauchen je nach der Problemstellung und dem Kontext, in dem das Problem am präzisesten formuliert werden kann, neue Ausdrucksformen sowohl für das Lokale als auch für das Globale.

37. In diesem Zusammenhang ist es wichtig, sich das Thema der Katholizität als ein Attribut der Kirche sowie die Entfaltung dieses Themas auf den Vollversammlungen in Neu-Delhi und Nairobi zu vergegenwärtigen. In Neu-Delhi haben wir die lokale Dimension betont, ohne darüber die universale zu vergessen, und haben von "alle an jedem Ort" gesprochen, die in einer "völlig verpflichteten Gemeinschaft" miteinander verbunden sind. In Nairobi haben wir die universale Dimension in den Vordergrund gestellt, ohne darüber die lokale zu vergessen, und haben von der "konziliaren Gemeinschaft" gesprochen. Diese Themen zusammengenommen können uns dabei helfen, eine universalekoinonia der gegenseitigen Verpflichtung zu entwerfen, die lokale "Oikoumenen" auf der ganzen Welt umfasst. Der konziliare Prozess hat sich hierfür als ein ausgezeichnetes Instrument erwiesen.

Verschiedenheit und Einheit

38. Verschiedenheit ist lange ein wichtiges kirchliches Faktum wie auch Thema gewesen. Wir haben jedoch das Gefühl, dass sich die Situation verändert hat. Was früher Verschiedenheit war, ist heute vielerorts Zersplitterung und Gebrochenheit. An vielen Orten hat jede Gemeinde mehr oder weniger ihre eigene Auslegung des Glaubens. Der 'Lokalismus' in der Kirche hat den 'Kongregationalismus' als Organisationsstruktur überholt. Letzterer beruht auf bestimmten Prinzipien und verfügt über ein ausgeprägtes Verständnis von der universalen Kirche. Was wir dagegen heute beobachten, gleicht einer neuerlichen Tribalisierung und ist deshalb kaum zu vergleichen mit der Verschiedenheit, die wir gewollt und gepflegt haben.

39. Unterschiedliche Ausdrucksformen des apostolischen Glaubens, die unterschiedlichen kulturellen Situationen entsprechen, kennt und versteht man seit langem. Bereits in der frühen Kirche gab es den apostolischen Glauben in vielen Sprachen und Kulturen mit ihren sehr unterschiedlichen Gebräuchen und folglich auch vielfältigen liturgischen Texten und Ausdrucksformen. Wie wir dem Neuen Testament entnehmen, können solche Unterschiede durchaus zu Konflikten führen. koinonia in konziliaren Strukturen machte es möglich, diese Meinungsverschiedenheiten im Bewusstsein der Liebe und Verantwortung füreinander auszutragen. So könnte es auch heute sein. Niemand bestreitet, dass viele der verschiedenen Bräuche, Liturgien und theologischen Formulierungen legitime Ausdrucksformen christlichen Glaubens und christlicher Praxis sind oder dass es innerhalb der Gemeinschaft zu Meinungsverschiedenheiten kommen kann, die konstruktiv ausgetragen werden müssen.

40. Heute besteht allerdings ein wichtiger Unterschied. Verschiedenheit wurde in der Regel deshalb als annehmbar und begrenzbar betrachtet, weil man von einem universalen theologischen Rahmen ausgehen konnte, der von der ganzen Kirche anerkannt wurde. Nun ist aber heute der universale Rahmen des Christentums als solcher scharfer Kritik ausgesetzt. Da keine Klarheit darüber besteht, was "zu allen Zeiten, überall und von allen" (Vincent de Lérins) geglaubt werden muss, erscheint örtliche Vielfalt heute in einem ganz anderen Licht und wirft Fragen auf, die uns vor grosse Schwierigkeiten stellen.

41. Wie können so unterschiedliche Ausdrucksformen des Glaubens in Kommunikation miteinander gehalten werden? Wie kann man in solchen Situationen von Rechenschaft sprechen? Dies sind Probleme, für die wir im Augenblick noch keine angemessenen Antworten haben. Wir haben den Verdacht, dass ein Grund für unser Dilemma im fehlenden Vertrauen zu suchen ist, das wir zu unseren zentralen Glaubensaussagen haben. Den zahlreichen lokalen Versionen des Glaubens fehlt eine klare Aussage im Blick auf den Glaubensmittelpunkt, auf den sie sich beziehen könnten.

Beziehungen zu Bewegungen und Gruppen

42. Hier stellen sich Fragen auf zwei Ebenen. Die erste hat mit kirchlichen Beziehungen zu christlichen Bewegungen zu tun, die nicht unbedingt das Rechenschaftsbewusstsein haben, das in den etablierten kirchlichen Organen vorhanden sein sollte. Im Rahmen von JPIC wird deutlich, dass ein Grossteil der Energie, die für die Verwirklichung von Gerechtigkeit und Frieden eingesetzt wird, von Gruppen dieser Art ausgeht. Sie stellen ein wichtiges Zeugnis gegenüber den offiziellen kirchlichen Gremien dar.

43. Vielfach wirft die Beziehung zu solchen Bewegungen die Frage nach der "Laienschaft" in neuer Form auf. Es ist klar, dass Laiengruppen viel dazu beitragen können, die Tagesordnungen von JPIC und Glauben und Kirchenverfassung voranzubringen, und auch, dass sie dabei häufig eigene Richtlinien formulieren und eigene Initiativen ergreifen. Das wirft ein Problem der Autorität und Repräsentation auf. Wenn ein grosser Teil der Energie, die in einer Kirche auf soziale Fragen verwendet wird, von der Basis ausgeht, wie berücksichtigt die Kirche das in ihren offiziellen Beziehungen? Wir müssen die Kirche als eine Bewegung des Volkes Gottes sehen und nicht nur als eine Struktur. Wir müssen mehr über das ganze Volk Gottes aussagen. Dazu empfehlen wir einen erneuten Blick auf die ersten Absätze des Textes über das Amt in Taufe, Eucharistie und Amt. Es handelt sich um eine klassische Aussage über das ganze Volk Gottes, die man im Gedächtnis behalten muss. Das Arbeitspapier für Santiago sagt über das "Volk Gottes" in diesem weiteren Sinn nicht genug aus.

44. Des weiteren stellt sich die Frage nach der Zusammenarbeit mit Menschen guten Willens, die ausserhalb des christlichen Glaubens stehen, deren Ziele und Methoden den unseren aber ähnlich scheinen und deren Wissen und Engagement häufig grösser sind als es auf unserer Seite der Fall ist. Dies sind andere "koinonias", die ihre eigenen Strukturen, Beziehungen und Prioritäten haben.

45. Wir dürfen die theologische Bedeutung dieser Beziehungen zu Menschen, die anderen Glaubens oder keines Glaubens sind, nicht unterschätzen. Viele von uns, die mit dem Engagement der Kirche in Fragen der Gerechtigkeit, des Friedens und der Bewahrung der Schöpfung nicht zufrieden sind, finden eine bessere koinonia mit Menschen ausserhalb der Kirche. Dies ist keineswegs nur ein theoretisches Problem. Vielmehr ist es ein existentielles Problem für eine wachsende Zahl von Christen heute, die das Gefühl haben, dass für eine Reihe von Fragen (wie z.B. der Umweltzerstörung) die Zeit nicht mehr reicht, um darauf zu warten, dass sich die Kirchen als Institutionen zum Handeln entschliessen.

46. Wie sollen wir solche Beziehungen einordnen? Es ist nach wie vor unser eigener Glaube, unsere Vorstellung vom Evangelium, die uns leitet, wenn wir auf andere zugehen. Wir können versuchen, die Kirche als einen Resonanzboden, als ein Ausdrucksmittel für ausserkirchliche Bewegungen zu sehen. Viele sind der Ansicht, dass die Kirche die Aufmerksamkeit auf das lenken kann, was in der Welt vor sich geht. Gleichzeitig ist es mit Jesus Christus möglich, Ausdrucksformen einer fürsorgenden koinonia ausserhalb der Kirche als Wirken des Heiligen Geistes zu sehen, der Menschen zusammenbringt, damit sie Gott in einer Weise dienen, die sie nicht immer ganz verstehen. Die Kirche könnte in aller Bescheidenheit darauf verweisen, was der Geist ausserhalb ihrer sichtbaren Grenzen wie auch innerhalb der Kirche wirkt, und somit Zeugnis davon ablegen, was Gott insgesamt in der Schöpfung tut.

 

III. Unterschiedliche Analysen und Reaktionen

47. Es gibt zahlreiche Mutmassungen darüber, in welche Richtung die Geschichte sich weiterbewegt. Jede beruht auf einer anderen Interpretation der Geschichte und jede hat Auswirkungen auf die Reaktion der Kirchen. Für die einen ist der Sieg des demokratischen Kapitalismus der wichtigste Trend. Die Entwicklung in Osteuropa und der ehemaligen Sowjetunion wird, trotz der Rückschläge, als Beweis dafür interpretiert, dass eine Seite "den Kalten Krieg gewonnen" hat und dass diese Tatsache der Menschheit unschätzbaren Nutzen bringen wird. Andere sind der Ansicht, der auffälligste Trend gehe in Richtung der einen oder der anderen Form des Kommunitarismus. Sie sehen die "zivile Gesellschaft", deren Kennzeichen Mitwirkung des Volkes, gegenseitige Verantwortung und Bürgerinitiativen als Gegengewicht zum Staat sind, überall im Aufbruch und betrachten sie als Garanten der Zukunft. Wieder andere meinen, dass diese Tendenzen, so wichtig sie auch sein mögen, in den Hintrgrund gedrängt würden durch die offenkundige Verschlechterung der Daseinsbedingungen des Menschen. Hunger, Umweltverschmutzung, ethnische Säuberungen, politische Unterdrückung, AIDS: Dies seien die Realitäten unserer Welt, und der einzige Kurs, den wir einschlagen könnten, sei, Widerstand zu leisten und alles in unseren Kräften Stehende zu tun; das Verhängnisvollste jedoch sei, dass die Lebensgrundlagen des Planeten langsam zerstört würden und der grosse Kampf ums Überleben begonnen habe. Vertreter wieder einer anderen Richtung behaupten, dass die weltweite Technologisierung und ihre wirtschaftlichen Begleiterscheinungen alle grossen Ideen und Kämpfe überflüssig gemacht hätten. Es werde keine Kreuzzüge und Tragödien mehr geben: Wir würden von Instrumenten dirigiert werden, die wir selbst geschaffen hätten. Die Geschichte als ein turbulentes und kreatives menschliches Drama sei zu Ende. Und schliesslich sind da diejenigen, die nichts Neues erkennen können. Ihnen zufolge sind die Ereignisse lediglich Neuauflagen immerwährender Plagen und Sünden: Verknappung der Ressourcen, menschlicher Stolz, Machthunger, Ruhm und Reichtum.

48. Unsere Reaktion hängt davon ab, was wir um uns herum wahrnehmen und welche Anhaltspunkte wir zur Interpretation des Ganzen heranziehen. Dasselbe gilt auch für die Kirche selbst und beeinflusst deren Grundpositionen in bezug auf die Welt. Daher müssen wir die verschiedenen Reaktionen innerhalb der Christenheit mitberücksichtigen. Davon gibt es mindestens fünf: (1) der Zustand der Welt legt nahe, dass dies das Ende der Geschichte ist, dass die Wiederkunft Christi nahe bevorsteht und dass es daher unsere vornehmlichste Aufgabe ist, zu bekehren und zu taufen; (2) die Welt ist schon immer so gewesen, Arme werden wir allezeit bei uns haben, es wird Kriege und Kriegsgeschrei geben - die beste Reaktion für die Kirchen ist kontemplativer Rückzug und Beten für die Welt; (3) die Kirche muss ein Beispiel für eine alternative Gesellschaft bieten, die auf den Werten des Gottesreiches aufbaut; (4) angesichts der Situation in der Welt muss die Kirche eine führende Rolle übernehmen und sollte im Eintreten für Gerechtigkeit und Frieden sogar wegweisend sein; und (5) die Kirche muss sich an den Kämpfen des Volkes beteiligen - nicht, indem sie den Prozess anführt, sondern indem sie an ihm teilhat.

49. Alle diese Ansätze sind in unterschiedlichem Ausmass in unseren Kirchen anzutreffen. Dabei ist nicht die Verschiedenheit an sich problematisch, sondern die Tatsache, dass wir uns der verschiedenen Ansätze bedienen, um miteinander zu konkurrieren oder uns zu verteidigen, und dass wir dadurch unbeweglich werden in unseren Reaktionen auf das Unrecht in der Welt und auf die Zerbrochenheit unserer Gemeinschaft wie auch im Hinblick auf einen echten Dialog miteinander.

50. Innerhalb der ökumenischen Bewegung und speziell im ÖRK sind verschiedene Analysen vorgestellt worden, um das christliche Engagement für soziale Gerechtigkeit zu untermauern und eine gemeinsame Vision der Gesellschaft zu entwerfen, die die Kirchen miteinander teilen und fördern könnten. Die jeweiligen Perspektiven blieben für künftige Debatten offen und wurden im Laufe der Jahre weiterentwickelt. In den 50er Jahren sprach man vor allem von der "verantwortlichen Gesellschaft". In den 60er Jahren bildete sich mit der zunehmenden Herausforderung durch die Dritte Welt das Modell der Entwicklung und des raschen sozialen Umbruchs heraus. Auf der Weltkonferenz für Kirche und Gesellschaft im Jahre 1966 wurden verschiedene sozialethische Veränderungsperspektiven geprüft, u.a. revolutionäres Handeln für Gerechtigkeit. In den späten 70er Jahren rückte die gerechte, partizipatorische und überlebensfähige Gesellschaft (JPSS) in den Vordergrund. Sie brachte verschiedene Ansätze zusammen und trug unter dem Aspekt der "Überlebensfähigkeit" dem aufkommenden Bewusstsein von den globalen Zusammenhängen Rechnung. In den 80er Jahren konzentrierte sich das Interesse dann auf Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung.

51. Häufig lässt sich die Tendenz beobachten, eine Position zu kanonisieren und alle anderen zu verwerfen. Damit wird die Verschiedenheit der Analysen und der Kontexte geleugnet, in denen Glaube, Leben und Zeugnis der Kirchen verwirklicht werden. Fast jeder Standpunkt ist zumindest teilweise richtig. Und keiner kann für sich die ganze Wahrheit beanspruchen.

52. Doch auch angesichts dieser Vielfalt von Perspektiven begegnen wir der sich wandelnden Weltsituation nicht völlig unvoreingenommen. In Seoul haben wir zehn Grundüberzeugungen und Kriterien angenommen, die uns helfen sollen, eine ethische Orientierung zu erkennen, und haben die Umrisse eines Ethos erkannt, um das wir uns sammeln können. Bei unserer fortlaufenden Arbeit über Ekklesiologie und Ethik sind wir für alle Debatten offen. Wir haben einen Ort, an dem wir uns nachhaltig engagieren können. Dabei müssen wir klar machen, dass keine Analyse oder Initiative vorgegeben ist und dass niemand, der sich beteiligt, geringgeschätzt wird.

 

Schlussfolgerung

53. Solange die ökumenische Bewegung nicht in der Lage ist, eine lebendige Interaktion zwischen dem konziliaren Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung und der Diskussion über die Einheit zu entwickeln, wird ihr dies schaden. Wir haben in diesem Dokument versucht darzulegen, dass eine solche Interaktion möglich und vielversprechend ist.

In den Anhängen soll aufgezeigt werden, wie dieser Prozess nun konkret fortgesetzt werden kann.

 

Anhang I

Vorschläge an Glauben und Kirchenverfassung für Santiago de Compostela

1. Wir erkennen dankbar an, dass die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung mit ihren Vorbereitungen für die Weltkonferenz in Santiago de Compostela und dem anschliessenden Studienprozess einen vielversprechenden Rahmen abgesteckt hat, in dem die JPIC-Anliegen ernsthaft reflektiert werden. Wir hoffen, dass dies den Weg ebnet für eine Zusammenarbeit im ÖRK, die dem Rat eine wirksamere Kommunikation mit seinen Mitgliedskirchen und anderen Partnern ermöglicht und dadurch das Zeugnis der Kirche in der ganzen Welt stärken kann.

2. Wir empfehlen ausdrücklich, den Delegierten der Weltkonferenz in Santiago den Bericht unserer Konsultation zur Kenntnis zu bringen. Wir meinen, dass der vorliegende Bericht eine Reihe von Aussagen bestätigen und ergänzen kann, die in der vorgeschlagenen Revision des Arbeitspapiers "Auf dem Weg zur koinonia im Glauben, Leben und Zeugnis" enthalten sind. Ferner vermittelt er den Delegierten eine Vorstellung davon, wie spezifische Belange von Glauben und Kirchenverfassung in den grösseren Rahmen gemeinsamer ökumenischer Herausforderungen eingeordnet werden können.

3. Wir haben festgestellt, dass die vorgeschlagene Revision des Arbeitspapiers für Santiago "Auf dem Weg zur koinoniaim Glauben, Leben und Zeugnis" eine beachtliche Verbesserung gegenüber der ursprünglichen Fassung darstellt. Das gilt insbesondere3 für die Hinzufügung des Abschnitts über Menschheit und Schöpfung (I.2) sowie für zahlreiche Ausführungen im Text, die die ethische Dimension des christlichen Lebens hervorheben. Es bleiben allerdings einige Punkte, bei denen wir zögern oder aber eine andere Formulierung vorschlagen würden:

3.1 Im Hinblick auf S. 1, Absatz 1 würden wir es generell begrüssen, wenn der Divergenz der verschiedenen Interpretationen der Weltlage mehr Aufmerksamkeit geschenkt würde, inbesondere der Art und Weise, wie sich diese Divergenz auf die Einheit der ökumenischen Antwort auswirkt. Es erfüllt uns mit Sorge, dass wir uns in dieser Hinsicht nicht mehr auf festem gemeinsamen Boden befinden und dass die chaotische Situation in der Welt dazu angetan ist, Meinungsunterschiede und Spaltungen zu verschärfen und folglich Unsicherheit und Angst in den zwischenkirchlichen Beziehungen zu schüren.

3.2 Wir sind der Meinung, dass der Canberra-Erklärung zur Einheit noch nicht der Status eines "klassischen ökumenischen Textes" zukommt, sondern dass daran noch weitergearbeitet werden muss. Wir schlagen vor, dass die Konferenz in Santiago einen Teil ihrer Zeit dieser Arbeit widmet.

3.3 Wir würden es begrüssen, wenn man sich mehr Gedanken darüber machte, dass der Ruf zur Einheit in den verschiedenen Teilen der Welt unterschiedliche Methoden und Akzente erfordert. Der zwischenkirchliche Dialog ist nicht unbedingt überall das einzige oder geeignetste Instrument. Die Frage nach den nichttheologischen Faktoren ist in diesem Zusammenhang besonders relevant.

3.4 Wir stellen fest, dass das Dokument keinen Hinweis auf den Dialog mit dem Judentum enthält. Wir sind jedoch der Überzeugung, dass in jedem Dokument, das sich mit dem "Bund" befasst, auch auf das Band mit dem jüdischen Volk eingegangen werden muss.

3.5 Wir fragen uns, ob der Ausdruck "ethical living" (ethisch mündiges Leben) (IV.2) gegenüber "discipleship" (Nachfolge) tatsächlich eine Verbesserung darstellt.

 

Anhang II

Vorschläge an den Ökumenischen Rat der Kirchen

1. Wir danken dem ÖRK für die Einberufung dieser Konsultation, die in Zusammenarbeit von Einheit I und Einheit III ausgerichtet wurde. Eine solche Konsultation war unseres Erachtens notwendig und der Zeitpunkt dafür gut gewählt. Wir haben einen Anfang gemacht, indem wir über die grundlegenden Fragen gesprochen haben, die sich uns hier stellen, doch sind wir uns deutlich bewusst, dass dies nur ein Anfang war. Der Prozess, der zu konkreten Formen der Integration von bisher separaten Schwerpunkten in der Arbeit des ÖRK führen soll, muss fortgesetzt und es müssen bestimmte Schritte unternommen werden, damit er nicht zum Stillstand kommt. Die Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung im August 1993 in Santiago, die Tagung der Kommission der Einheit III im Oktober 1993 und die Tagung des Zentralausschusses 1994 in Johannesburg betrachten wir in dieser Hinsicht als wichtige Meilensteine. Wir empfehlen, in nicht allzu ferner Zukunft eine weitere Konsultation zu veranstalten, auf der die Diskussion weitergeführt werden kann. Vor allem möchten wir darauf drängen, dass das JPIC-Programm als ein zentraler ÖRK-Schwerpunkt erneut einen offiziellen Anstoss erhält, und es wäre eine grosse Hilfe für die Kirchen und Gruppen vor Ort, wenn sie hierzu ein unmissverständliches Signal vom ÖRK erhielten. Die Weiterentwicklung der zehn Grundüberzeugungen von Seoul zu einer Art ökumenischen Katechismus könnte sich hier als ein geeigneter Weg erweisen.

2. Wir sind uns im klaren darüber, dass es noch eine Reihe von Fragen gibt, die im Bereich von Ekklesiologie und Ethik untersucht werden müssen, ehe so etwas wie ein gemeinsamer Rahmen sichtbar werden und überzeugen kann. Der ÖRK sollte sich auch weiterhin mit der Frage auseinandersetzen, wie die verschiedenen Traditionen in ihren Ekklesiologien verbindliche und gestaltende Ansätze zu ethischen Fragen zum Ausdruck bringen (z.B. die Liturgie nach der Liturgie, status confessionis, Erbauung des Reiches Gottes). Dieser Reflexionsprozess sollte jedoch in einer direkten Wechselbeziehung dazu stehen, wie man auf der lokalen Ebene die enge Verflochtenheit von Glaube und Handeln erfährt, d.h. er sollte die Untersuchung der ethischen Substanz der Traditionen mit der ethischen Erfahrung des Volkes Gottes heute verbinden. Ausgehend von diesem Dialogprozess kann die Bedeutung von Schlüsselbegriffen wie "konziliarer Prozess", "Bundesschluss" und "koinonia" als engere Verbindung von JPIC und der sichtbaren Einheit der Kirche untersucht werden. Einheit I und Einheit III tragen die Hauptverantwortung für diesen Prozess. Wir möchten hinzufügen, dass in dieser Hinsicht bereits bedeutende erste Schritte unternommen worden sind, und zwar in dem weitgehend unbeachtet gebliebenen Dokument für die Tagung des ÖRK-Exekutivausschusses 1986 in Kinshasa "Erste Hypothesen zu den ekklesiologischen Dimensionen des ökumenischen Bundesschlusses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung" sowie in dem Studiendokument von Glauben und Kirchenverfassung Kirche und Welt: Die Einheit der Kirche und die Erneuerung der menschlichen Gemeinschaft (Lembeck, Frankfurt a.M., 1991).

3. Während dieser Konsultation haben wir einmal mehr festgestellt, wie wichtig das "ökumenische Gedächtnis" ist. Neben denjenigen, die uns die Anliegen der Ortsebene nahebrachten, hat uns auch die Anwesenheit derer sehr geholfen, die über Jahre an der Arbeit des ÖRK in Glauben und Kirchenverfassung, Kirche und Gesellschaft sowie JPIC beteiligt waren. Sie sorgten dafür, dass wir frühere Diskussionen nicht einfach wiederholten, sondern dass wir festhielten, welche Fragen dabei offen geblieben waren und in welche ein Konsens erzielt worden war. Aus diesem Grund möchten wir unseren Wunsch zum Ausdruck bringen, der ÖRK möge sich ausdrücklich darum bemühen, dieses ökumenische Gedächtnis zu schützen und zu pflegen, indem er eine "Gemeinschaft der Ältesten" innerhalb der ökumenischen Bewegung ins Leben ruft und fördert. Unsere Besorgnis gilt der Tatsache, dass manchmal Personen zur Mitarbeit im ÖRK eingeladen werden, die ausser der Teilnahme an einer Vollversammlung über keinerlei einschlägige Erfahrungen verfügen. Daher sollte man der Notwendigkeit einer angemessenen ökumenischen Ausbildung Rechnung tragen. Die Heranbildung einer neuen Generation bleibt für die ökumenische Zukunft von entscheidender Bedeutung.

4. Im Zusammenhang mit dem vorhergehenden Punkt möchten wir einige ernsthafte Bedenken hinsichtlich des "Quotensystems" anmelden. Selbstverständlich hat der ÖRK die Aufgabe, die ökumenische Debatte so zu gestalten, dass viele Meinungen darin uneingeschränkt zum Ausdruck gebracht und ausgetauscht werden können. Nur so kann man in der Diskussion Fortschritte machen und zu gemeinsamen Ansichten und Verpflichtungen gelangen. Hauptzweck des Quotensystems ist, ebendiese Beteiligung sicherzustellen. Wir haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass das System bei legalistischer Anwendung kontraproduktiv wird und einen konstruktiven Austausch heute eher einschränkt als garantiert. In manchen Fällen ist somit das für eine Debatte erforderliche Fachwissen nicht mehr gegeben. Wir schlagen daher vor, das Quotensystem flexibler anzuwenden und dabei die Voraussetzungen für eine realistisch geführte ökumenische Debatte zu berücksichtigen.

5. Wir möchten die Notwendigkeit eines ausgeprägteren konziliaren Arbeitsstils zwischen den verschiedenen ÖRK-Büros unterstreichen. Auf dieser Konsultation ist deutlich geworden, in welchem Mass sich die verschiedenen Anliegen und Programmschwerpunkte zu eigenständigen Einrichtungen entwickelt haben, die ihre angestammten Interessen gegenüber den anderen verteidigen. Dieser Tatbestand bringt mit sich, dass es zu Missverständnissen und Konflikten zwischen den einzelnen ÖRK-Abteilungen kommt. Schwerwiegender jedoch ist, dass diese separaten Einrichtungen auch jede für sich ihre Beziehungen zu den Ortskirchen und Gruppen institutionalisieren. Dies verschärft - und schafft in einigen Fällen - ernsthafte Spaltungen innerhalb der Kirchen auf Ortsebene und unter ihnen. Es ist dringend notwendig, dass der ÖRK ein kohärentes Bild von sich vermittelt. Um dies zu erreichen, scheinen noch viele interne Veränderungen notwendig zu sein.

6. Ein konziliarerer Stil wird dadurch erleichtert, dass man sich bewusst in der Kunst des Zuhörens übt. Die Teilnehmer am Dialog müssen sich immer wieder bemühen, Begriffe, die Gesprächspartner benutzen, in ihre eigene Terminologie umzusetzen, anstatt zu versuchen, anderen ihr Vokabular aufzuzwingen. Analog dazu müssen wir auch die unterschiedlichen Ansätze grundsätzlich respektieren - den aktionsorientierten, den akademischen, den kirchlich-institutionellen etc. Besonders zu erwähnen ist auch Fachwissen (sowohl Fachkenntnisse als auch wissenschaftliche Analysen), an dem wir unsere Postulate und Perspektiven überprüfen können. Ferner müssen wir Tagungsstile und Entscheidungsprozesse in Frage stellen, die kulturelle Einseitigkeit aufweisen und dadurch mit der Forderung nach uneingeschränkter Beteiligung in Konflikt geraten; des weiteren Tagungen oder Entscheidungsprozesse, bei denen grosse Teile der Mitgliedschaft wie Frauen und junge Menschen unterrepräsentiert sind.

7. Wir möchten ferner darauf hinweisen, dass dem ÖRK Instrumente fehlen, um angemessen auf die veränderte Situation einzugehen, d.h. die Ökumene vor Ort zu unterstützen und gleichzeitig ein kollektives weltweites Zeugnis zu fördern. Von wesentlicher Bedeutung ist das Vorhandensein eines Dialogsystems, das es der Ökumene vor Ort erlaubt, Ausdrucksformen der weltweiten Ökumene in Frage zu stellen, und das ein Bewusstsein dafür schafft, dass zwischen den beiden Ebenen eine wechselseitige Rechenschaftspflicht besteht.

 

Teilnehmerliste

AAGAARD, Anna Marie, Dänemark (Vorsitzende)
ABUOM, Agnes, Kenia
CROW Jr., Paul, USA
FINAU, P. Patelisio, Tonga
FOREST, James H., USA
GREENE, Bonnie, Kanada
HOEDEMAKER, Bert, Niederlande
HOUTEPEN, Anton W.J., Niederlande
KÄSSMANN, Margot, Deutschland
MIGUEZ-BONINO, José, Argentinien (Vorsitzender)
MPHUTHI, Erica Dolly, Lesotho
MUDGE, Lewis S., USA
NILES, D. Preman, Sri Lanka
NOLL, Rüdiger, Deutschland
PARK, Jong-Wha, Korea
RASMUSSEN, Larry, USA
RICHARDSON, Neville, Südafrika
SAUCA, Ioan, Rumänien
SILVA, Silvia Regina de Lima, Brasilien
SWAI, Veronica, Tansania
TAPPA, Louise, Kamerun
TARASAR, Constance, USA
VERA-MENDEZ, Juan Antonio, Puerto Rico
VISCHER, Lukas, Schweiz
ZACHARIAS, Mar Theophilus, Indien

Mitarbeiterstab des Ökumenischen Rates der Kirchen

Einheit I "Einheit und Erneuerung"
BRIA, Ion, Amtierender Koordinator der Einheit
APPIAH, Evelyn, Programmassistentin, Büro für Laienzentren
BEST, Tom, Referent, Glauben und Kirchenverfassung

Einheit III "Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfung"
OH, Jae Shik, Amtierender Koordinator der Einheit
GRANBERG-MICHAELSON, Wesley, Referent, Wirtschaft, Ökologie und überlebensfähige Gesellschaft
WONG, Peony, Verwaltungsangestellte, Wirtschaft, Ökologie und überlebensfähige Gesellschaft

Fussnoten

1. Angesichts der Interpretationsschwierigkeiten in bezug auf das im Originaltexte verwendete "moral" community erscheint uns "ethische" Gemeinschaft beim gegenwärtigen Stand der Diskussion also die angemessenste Übersetzung (Anm. d. Übers.).

2. Der Text diese Paragraphen wurde gegenüber der ersten Ausgabe in deutscher Sprache geändert. Die alte Übersetzung gab Anlass zu Missverständnissen, die die Rezeption des Textes im deutschen Sprachraum erschwert haben. Das gilt insbesondere für den letzten Satz, der in englischer Sprache lautet: "In any case, it is not too much to say that the holiness of the church means the constant moral struggle of its members."Wenn es in der alten Überstezung hiess "In jedem Fall kann ohne Übertreibung gesagt werden, dass die Heiligkeit der Kirche nur um den Preis eines ständigen ethischen Bemühens ihrer Glieder zu erreichen ist", widersprach die Aussage dieses Satzes dem Sin des ersten Satzes im Paragraphen 7.2.

3. Die folgenden Kommentare beziehen sich auf die revidierte englische Fassung (Anm. d. Übers.).