World Council of Churches

Eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen auf der Suche nach Einheit, gemeinsamem Zeugnis und Dienst

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Bericht des Generalsekretärs

06. September 2006

EINLEITUNG

1. Ich möchte Sie alle ganz herzlich willkommen heißen zu dieser ersten vollständigen Tagung des Zentralausschusses seit Ihrer Wahl oder Wiederwahl auf der Neunten ÖRK-Vollversammlung im letzten Februar. Bei der Vorbereitung meines ersten Berichtes an den Zentralausschuss habe ich den Ratschlag des letzten Zentralausschusses berücksichtigt, der auf der Vollversammlung in Porto Alegre bekräftigt wurde, dass die Berichte des Generalsekretärs (und des Vorsitzenden) kurz gefasst sein sollten, damit mehr Zeit für Reaktionen und Diskussion unter den Mitgliedern bleibt. Mein Bericht mag zwar nicht die optimale Länge haben, ist jedoch kürzer gefasst als üblich. Der Bericht besteht aus drei Teilen. Der erste Teil enthält einige kurze Gedanken über das derzeit weltweit dringendste Thema, die Lage im Nahen Osten, und über die Notwendigkeit einer umfassenden und besser koordinierten ökumenischen Antwort auf der Suche nach einem dauerhaften Frieden in dieser instabilen Region. Dieser Teil schließt mit einer spezifischen Empfehlung zur Beratung im Zentralausschuss. Der zweite Teil befasst sich mit dem Thema Migration. Dieses Thema bleibt entscheidend für die Berufung der ökumenischen Bewegung. Ich gehe darin über die gesellschaftliche und politische Dimension von Migration hinaus und betrachte Migration im Zusammenhang mit neuen Realitäten in den Kirchen. Der dritte Teil dieses Berichts enthält einige Gedanken darüber, wie unsere Planungsarbeit nach der Vollversammlung bewusst eine Dimension des laufenden Prozesses im Zusammenhang mit der ökumenischen Bewegung im 21. Jahrhundert integriert hat. Dies zeigt, dass sich der empfohlene interaktive und integrative Ansatz nicht ausschließlich auf die Programme des Rates beschränkt, sondern auch dazu beiträgt, die Beziehungen innerhalb der Gemeinschaft zu stärken.

NAHER OSTEN

2. Innerhalb von 48 Stunden nach der Bombardierung des Libanon gaben wir eine Erklärung heraus, in der wir wiederholten, dass die Konflikte im Nahen Osten nicht durch einen militärischen Sieg gelöst werden können. Viele unserer Mitgliedskirchen und ökumenischen Organisationen unterstützten den Aufruf zu einem Waffenstillstand. Kirchliche Organisationen im Ökumenischen Zentrum haben zusammengearbeitet und versucht, einen gemeinsamen Ansatz zu finden. Dies führte zum Besuch unserer Delegation in Beirut und in Jerusalem. Während hier der Zentralausschuss tagt, gilt ein von den Vereinten Nationen ausgehandelter Waffenstillstand und es gibt Pläne, die Friedenstruppen an der israelisch-libanesischen Grenze zu stärken und das Truppenkontingent zu erhöhen. Sehr viel größere Bemühungen werden jedoch nötig sein, um im Nahen Osten einen dauerhaften Frieden zu erreichen. Aus dieser Überzeugung heraus habe ich beschlossen, zu Beginn meines Berichtes näher auf die Ereignisse in dieser Region einzugehen.

3. Die Ereignisse im Nahen Osten stellen für die internationale Gemeinschaft eine der größten Herausforderungen überhaupt dar. Seit vielen Jahren befasst sich die ökumenische Gemeinschaft mit der Situation. Einmal mehr haben neue Gewaltausbrüche im Libanon und im Norden Israels, die andauernde Gewalt im Zusammenhang mit der Besetzung des Gazastreifens, des Westjordanlandes und Ost-Jerusalems durch Israel, sowie im Irak durch Truppen unter US-amerikanischer Führung Zerstörung und Leiden in großem Ausmaß verursacht.

4. Die Region und die gesamte Welt befinden sich an einem Scheideweg. Wie sieht die Zukunft des Irak aus? Wird das Land in schiitische, sunnitische und kurdische Enklaven zerfallen? Wie wirken sich die Ereignisse im Irak auf die gesamte Region aus? Wird der Iran auf seine Atomwaffenambitionen verzichten, oder wird die Unfähigkeit der Völkergemeinschaft, solche Probleme zu lösen, zur Verbreitung von Nuklearwaffen im Nahen Osten führen? Wie werden Israel - mit seinen Atomwaffen - und die internationale Gemeinschaft die gleiche Frage beantworten? Wie sehen die Aussichten für die neue palästinensische Führung aus? Wird diese eine Chance haben, demokratisch zu regieren, eine Chance, ihre Fähigkeiten unter Beweis zu stellen, und eine Chance, mit Israel ausgewogene Verhandlungen aufzunehmen? Wird Israel einen Weg finden, mit den Palästinensern ausgewogene Verhandlungen zu führen? Wie sehen die tatsächlichen Aussichten auf Frieden zwischen Israel und Palästina aus angesichts des offensichtlich großen Einsatzes der gegenwärtigen US-amerikanischen Regierung, dem Nahen Osten eine Hegemonie aufzuzwingen?

5. Die wichtigste Frage in Bezug auf einen dauerhaften und nachhaltigen Frieden im Nahen Osten ist: Wann und wie wird die internationale Gemeinschaft die israelische Besetzung von arabischem Land beenden, unter Einhaltung des Völkerrechts und der Resolutionen der Vereinten Nationen? Ein Ende der Besetzung wird die Entwicklung verschiedener Kräfte ermöglichen und dem Nahen Osten ein neues Gesicht geben. Es muss ein Weg gefunden werden, damit Menschen guten Willens in Israel beginnen können, die Beziehungen zu ihren Nachbarn wieder aufzubauen - nicht nur gestützt auf das Gesetz, sondern auch durch Verhandlungslösungen für gemeinsame Probleme und durch Beziehungen in den Bereichen Handel, Kultur und Umwelt, aus denen beide Seiten Nutzen ziehen können. Werden gemäßigte Muslime sich zunehmend in der Lage sehen, den Status quo in ihren Gesellschaften herauszufordern? Wird es den christlichen Gemeinschaften im Nahen Osten gelingen, ihre historische und notwendige Präsenz in der Region aufrechtzuerhalten, oder werden immer mehr Christen auswandern?

6. Eines ist klar ersichtlich. Eine Fortsetzung der illegalen Besetzung und der damit verbundenen Gewalt bedeutet eine Fortsetzung der heutigen Tendenzen, nach denen die internationale Rechtsstaatlichkeit immer mehr geschwächt wird und doppelte Standards gelten: dies sind Tendenzen, bei denen die Gewaltanwendung zur internationalen Norm wird und die Positionen von Extremisten in der Region und auf der ganzen Welt gestärkt werden.

7. Der ÖRK kann mit seiner reichhaltigen Erfahrung und Kenntnis im interreligiösen Dialog einen wichtigen Beitrag zum Friedensprozess zwischen Israel und Palästina leisten, indem er sich dafür einsetzt, Schranken zu beseitigen und Brücken des Friedens zwischen den zwei Völkern und den verschiedenen religiösen Gemeinschaften, die im Leiden des Konfliktes gefangen sind, zu bauen. Ist dies angesichts des großen ungelösten Leidens und des herrschenden Misstrauens überhaupt möglich? Kann der ÖRK Zeit und Energie für einen möglicherweise langen und herzzerreißenden Prozess aufwenden? Als Gemeinschaft christlicher Kirchen können wir uns dieser Herausforderung nicht entziehen. Ich bin überzeugt davon, dass es uns zusammen gelingen kann, auf andere zuzugehen und neue Beziehungen aufzubauen, die über unsere gegenwärtigen und unterschiedlichen Sitten und Gewohnheiten hinausgehen, mit und unter Israelis, Palästinensern und ihren Nachbarn.

8. Wenn wir vom politischen und strategischen Diskurs, der den größten Teil der Diskussionen über den Nahen Osten prägt, Abstand nehmen, sehen wir eine Region, die sich in einer absoluten Schieflage befindet. Die ethische Dimension muss integraler Bestandteil der Gleichung auf der Suche nach einem nachhaltigen Frieden im Nahen Osten sein. Es ist nicht recht, dass ein Volk - die Palästinenser - ständig gedemütigt wird. Es ist nicht recht, dass Hunderttausende palästinensischer Flüchtlinge seit fast 60 Jahren in Flüchtlingslagern leben. Es ist nicht recht, dass dem Westjordanland und Gaza als Bestrafung für demokratische Wahlen Sanktionen auferlegt werden, und dass bereits verarmten Menschen, insbesondere im Gazastreifen, Wasser, Brennstoff und Elektrizität vorenthalten werden. Es ist auch nicht recht, dass die Menschen in Israel in ständiger Angst vor ihren Nachbarn leben müssen, so dass sie gezwungen sind, sich auf ihre militärische Stärke und auf mächtige Verbündete zu verlassen. Es ist nicht recht, dass die Menschen in Israel während eines ganzen Monats in Schutzunterkünfte gepfercht leben und dass die Menschen im Libanon ihr Zuhause verlassen mussten, während Raketen, Artilleriebeschuss und Kampfflugzeuge den Himmel verdunkelten und der UN-Sicherheitsrat beriet. Die Welt trägt eine Verantwortung gegenüber Palästina und gegenüber Israel. Sie verdienen mehr, als sie bis jetzt von der Völkergemeinschaft erhalten haben, insbesondere wenn es darum geht, das Völkerrecht gerecht und unparteiisch anzuwenden. Wir müssen über die heutigen Schlagzeilen hinausblicken und die zugrunde liegenden moralischen Fragen in der Region angehen. Es genügt nicht, die militärischen Aktionen der Hisbollah zu verurteilen, ohne in der Beziehung des Libanon mit Israel und anderen Ländern in der Region tiefer zu schürfen. Es genügt nicht, Israels Invasion des Libanon zu verurteilen, ohne gleichzeitig das Thema der grundlegenden Unsicherheit in Israel zu behandeln. Es genügt nicht, die Strategien von Regierungen zu kritisieren, ohne die tatsächlichen Bedrohungen durch bewaffnete Siedler und Milizen zu berücksichtigen, deren Mitglieder die Ratschläge und Aufrufe der eigenen politischen Behörden ignorieren. Und es genügt auch nicht, den Widerstand nichtstaatlicher Akteure abzulehnen, ohne die aufrichtige Sehnsucht nach Gerechtigkeit anzuerkennen, die ihnen Unterstützung beschert hat.

9. Das Thema Frieden im Nahen Osten ist nicht einfach nur ein regionales Anliegen. Es ist ein weltweites Anliegen. Die Ereignisse im Nahen Osten wirken sich auf die Länder in der ganzen Welt aus. Und die Ereignisse in den Hauptstädten der Welt wirken sich auf den Nahen Osten aus - vielleicht mehr als auf jede andere Region.

10. Ich glaube, die ökumenische Bewegung kann auf der Suche nach einem gerechten Frieden im Nahen Osten eine wichtige Rolle spielen. Ich glaube, dass wenn wir uns gemeinsam bemühen, wir einen Beitrag leisten können - genauso wie wir in Südafrika im Kampf gegen die Apartheid einen Beitrag geleistet haben. Aus den Vorschlägen für die Programmplanung können Sie erkennen, dass wir den Nahen Osten mit seiner ganzen Komplexität zu einer Priorität in der zukünftigen Programmarbeit des ÖRK machen möchten.

Was bedeutet das nun konkret?

11. Bei einem kürzlich von ACT International organisierten Treffen riefen die Kirchen und ökumenischen Partner in der Region engagiert dazu auf, mehr zu tun, als bloße Erklärungen abzugeben. Sie betonten zudem, dass humanitäre Hilfe zwar wichtig sei, um unmittelbare und dringende Bedürfnisse abzudecken, jedoch nicht ausreiche. Es gab einen starken Ruf nach einer umfassenden ökumenischen Fürspracheinitiative und der ÖRK wurde gebeten, eine Tagung der Partner einzuberufen, die im Nahen Osten in der Fürsprachearbeit tätig sind, um eine koordinierte Strategie mit Kirchen, ökumenischen Organisationen und kirchlichen Einrichtungen zu erarbeiten. Gestützt auf unsere Erfahrungen mit dem Ökumenischen Forum für den Sudan schlage ich vor, ein Ökumenisches Forum für Palästina/Israel zu schaffen, in dessen Rahmen Anwaltschaftsinitiativen koordiniert werden können. Die Kapazitäten des ÖRK-Sekretariats sind begrenzt, wir können jedoch einen Raum schaffen, in dem die gesamte ökumenische Bewegung sich engagieren kann, damit wir unsere Energien und Ressourcen bündeln und so zu einem dauerhaften Frieden im Nahen Osten beitragen können.

12. Ich schlage zudem vor, dass sich unserer anwaltschaftliche Arbeit voll und ganz auf unsere ethisch-moralischen und theologischen Prinzipien und auf eine gründliche Analyse der Konfliktursachen stützt. Wir brauchen Alternativen als Reaktion auf die schwierigen Aspekte dieser politischen Sackgasse. Dialog muss integraler Bestandteil unserer neuen Initiativen sein. Der Zentralausschuss hat in früheren öffentlichen Erklärungen bereits mögliche Lösungswege für die Fragen zu Jerusalem, der Besetzung, der Siedlungen, der Trennmauer und anderer verwandter Themen dargelegt. Wir alle, einschließlich der Kirchen, die wir vertreten, müssen aber noch mehr tun, um diese Empfehlungen in die Tat umzusetzen und so auf den politischen Prozess Einfluss zu nehmen. Wir benötigen weitere Analysen und einen verstärkten Einsatz bei komplexen Themen - wie z.B. das ‚Rückkehrrecht‘, die berechtigten Sicherheitsanliegen Israels und die volle Anerkennung Israels innerhalb für bei Seiten akzeptabler Grenzen - Themen die frühere Friedensprozesse behindert haben. Für einige von uns ist das keine einfache Aufgabe, wenn wir die ungleiche Machtverteilung in der Region betrachten. Aber wenn Israel und seine Nachbarn nicht sicher werden und sich gegenseitig anerkennen, ist ein dauerhafter und gerechter Frieden in der Region nicht möglich.

13. Wir müssen uns zudem überlegen, wie wir konkret die Kirchen, ökumenischen Partner und die Menschen in der Region unterstützen können. Das Ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel (EAPPI) ist ein wichtiger Beitrag der ökumenischen Familie, um ihre Solidarität zu zeigen. Wir könnten aber noch mehr tun, damit das internationale Embargo gegen Finanzmittel an die Palästinensische Autonomiebehörde aufgehoben wird, das zu immer mehr Arbeitslosigkeit und Mangelernährung in der palästinensischen Bevölkerung führt. Wir dürfen nicht vergessen, dass Schritte auf dem Weg zu einem Frieden mit Gerechtigkeit und Sicherheit in der Region auch Schritte hin zu weniger Auswanderung unter den Christen der Region sein können.

14. Ich hoffe, dass Sie diesen Aufruf unterstützen werden, den Nahen Osten zu einer Priorität zu machen, nicht nur in unserer zukünftigen Programmarbeit, sondern er soll auch im Zentrum unserer gemeinsamen Anstrengungen in der ökumenischen Bewegung stehen, und zwar solange, bis die Region befriedet ist und nachhaltige Gemeinschaften bestehen, in denen alle Menschen ein würdiges Leben führen können.

MIGRATION - neue Realitäten in den Kirchen

Gastfreundschaft im Zeitalter neuer Migrationsformen

15. Nun möchte ich zu einem Thema kommen, das zu den Hauptcharakteristika des sich wandelnden globalen Kontextes gehört und entscheidende Konsequenzen für die ökumenische Bewegung hat, sowohl auf der lokalen als auch auf der globalen Ebene. Ich spreche hier von der Migration, den stetig zunehmenden Strömen von Menschen rund um den Erdball.

16. Immer mehr Menschen weltweit sind gezwungen, aufgrund von Kriegen, Menschenrechtsverletzungen, extremer Armut oder Umweltzerstörung ihre Heimat zu verlassen. In den vergangenen Monaten haben wir im Libanon als Folge der israelischen Militäraktionen die massive Fluchtbewegung Hunderttausender mitverfolgt. Mehrere hunderttausend Libanesen konnten ihr Land verlassen und nach Syrien, Zypern und in andere Länder ausreisen, mehr als eine halbe Million Menschen wurden jedoch aus ihren Heimatorten vertrieben und blieben im Libanon. Diese Binnenvertriebenen sind oft besonders von Gewalt bedroht und erhalten mit größeren Schwierigkeiten humanitäre Hilfe, als dies bei denjenigen der Fall ist, die ins Ausland fliehen konnten. Die Fernsehbildschirme zeigten zahllose Bilder von einigen aus dem Libanon evakuierten Ausländern, aber es gab viele weitere Ausländer im Libanon, deren Heimatstaaten nicht in der Lage waren, eine Evakuierung durchzuführen. Zehntausende asiatische Haushaltshilfen beispielsweise waren gezwungen, im Libanon zu bleiben. Die Situation im Libanon macht einige der problematischen Aspekte deutlich, die mit der Migration heute einhergehen.

17. Vom Land in die Stadt, aus armen in die sich entwickelnden Gesellschaften des Südens, aus dem Süden in den Norden - Migration ist mittlerweile ein Trend, der fast alle Gesellschaften der Welt erfasst hat. Die Anzahl internationaler Migranten/innen stieg nach Angaben der Internationalen Organisation für Migration im Jahr 2005 auf über 175 Millionen. Innerhalb der Weltbevölkerung lebt gegenwärtig jede/r Fünfzigste außerhalb des jeweiligen Heimatlandes, 25 Millionen Menschen wurden nach Schätzungen innerhalb des eigenen Landes gewaltsam vertrieben. Die Globalisierung führt einen freieren Verkehr von Kapital, Waren und Dienstleistungen herbei, gleichzeitig werden Mauern errichtet, die grenzüberschreitende Bewegungen von Personen einschränken sollen. Migration, die "menschliche Seite" der Globalisierung, ist ein Phänomen, das praktisch allen Gesellschaften eine multikulturellen und multireligiösen Charakter verleiht.

18. Für uns war interessant zu erfahren, dass zeitgleich mit unserer Planung für die Arbeit des ÖRK in den kommenden Jahren die Vereinten Nationen einen Bericht über internationale Migration und Entwicklung vorlegten (Juni 2006), der untersucht, wie Migration zum Wirtschaftswachstum in den betreffenden Ländern beiträgt, Mangel an Arbeitskräften decken und helfen kann, die Armut zu überwinden. Nach Aussagen des Berichts ist Migration nicht länger eine Einbahnstraße in die geographische und kulturelle Isolation. Immigranten sind heute nicht mehr nur in der Lage, sich in ihren neuen Länder einzubringen, wie sie dies von jeher tun, sondern es ist auch leichter für sie geworden, ihren Ursprungsländern Unterstützung zukommen zu lassen. Der Fluss von zahllosen Geldüberweisungen - im letzten Jahr lag der Gesamtbetrag bei über 230 Milliarden US-Dollar und überflügelte damit bei weitem die für internationale Entwicklungs- und Nothilfe bereitgestellte Summe - ist letztlich nur der offensichtlichste Aspekt dieses Prozesses. Immigranten setzen ihre Kenntnisse und Ersparnisse ein, um ihren Heimatländern Wachstum zu ermöglichen, auch wenn sie selbst weiter im Ausland leben. Gleichzeitig räumt der Bericht der Vereinten Nationen ein, dass Migration viele negative Folgen - politischer, wirtschaftlicher und sozialer Art - hat und die Regierungen gefordert sind, die Instrumente zum Schutz der Migrantenrechte zu verbessern.

19. Migration ist ein weltweites Thema, Gesellschaften in allen Weltregionen sind von ihr betroffen. Die Migration aus Ländern des Pazifik verändert Inselgesellschaften und lokale Volkswirtschaften grundlegend. Südafrika schob angesichts einer Flut von Menschen, die dem wirtschaftlichen Zusammenbruch ihres Landes zu entfliehen suchten, in der ersten Jahreshälfte 2006 über 50 000 illegale simbabwische Immigranten ab. Die innenpolitische Debatte in den Vereinigten Staaten konzentrierte sich in diesem Jahr sehr stark auf die Einwanderungsreform. Migranten aus Nordafrika in beispielloser Zahl versuchen in kleinen Booten europäische Küsten zu erreichen und lösen in Ländern wie Malta und Spanien politische Krisen aus. Die zunehmende Emigration von Christen aus dem Nahen Osten ist eine anhaltende Sorge für die Kirchen der Region. Sich wiederholende Razzien in Thailand haben die Ausweisung Zehntausender Migranten aus Burma zur Folge, die nach Thailand kommen, da sie zu Hause nicht überleben können.

20. Bei der letzten Zentralausschusstagung vor der Vollversammlung in Porto Alegre behandelte eine Erklärung zu Fragen von öffentlichem Interesse diese Problematik: "Praxis der Gastfreundschaft in einer Zeit neuer Migrationsformen". Dieses Dokument fasst treffend die Auswirkungen der Globalisierung und die Sicherheitsprobleme zusammen, die nach dem 11. September 2001 im Blick auf die Migrationsbewegungen entstanden sind. Es verweist sowohl auf die negativen als auch die positiven Auswirkungen auf Herkunfts- und Aufnahmeländer. Überweisungen in die Heimatländer übertreffen zwar längst die Entwicklungsgelder um ein Erhebliches, aber gleichzeitig hat Afrika bereits ein Drittel aller ausgebildeten und qualifizierten Arbeitskräfte verloren. Dieser "brain drain" hat für Länder wie Ghana schwerwiegende Konsequenzen. Dort emigrierten in den 1980er Jahren 60% aller Jungmediziner. Und heute stellt sich die Frage: Wie viele der Fachkräfte und Akademiker, die im Juli und August dieses Jahres aus dem Libanon geflohen sind, werden zurückkehren und zum Wiederaufbau ihres Landes beitragen? Die Aufnahmeländer profitieren von den Kompetenzen und dem Beitrag der Immigranten. Trotzdem geben manche Politiker ihnen die Schuld an Arbeitslosigkeit, Kriminalität und anderen wirtschaftlichen Problemen, wodurch sie Rassismus und Fremdenfeindlichkeit in der jeweiligen Gesellschaft Vorschub leisten, was häufig schwerwiegende Folgen für Migranten hat, die Schikanen und gar Angriffen auf ihr Leben ausgesetzt sind.

21. Die Erklärung des ÖRK verweist, im Zusammenhang mit neuen Tendenzen im Bereich Migration, auf den Handel mit Frauen und Kindern. Sie stellt fest: "Schätzungen gehen von jährlich 600 000 bis 800 000 Opfern und von Gewinnen von 8 bis 10 Milliarden US-Dollar aus." Vielfach ist die Ausgrenzung und Ausbeutung besonders von Frauen und Kindern, aber auch von erwachsenen Männern, die dem Menschenhandel zum Opfer fallen, nichts anderes als eine neue Form der Sklaverei. Da sie als "illegale" Zuwanderer gelten, erhalten sie keinerlei Schutz oder Hilfe.

22. Das Dokument betont die katastrophalen Folgen von militärischen Übergriffen und Kriegen, weist jedoch auch darauf hin, dass die Regierungen verschiedener Länder, in ihrem Bemühen, Sicherheits- und Migrationsprobleme zu lösen, inakzeptable Formen der Inhaftierung, Gefangenschaft und Zwangsdeportation von Flüchtlingen und Asylsuchenden anwenden. Ich wurde selbst Zeuge der inhumanen Situation in einem Internierungslager in Australien, von der ich denke, dass man sie mit den Haftbedingungen in Guantanamo Bay vergleichen kann. Die Erklärung schließt mit sehr klaren und konkreten Empfehlungen an die Kirchen zur Gastfreundschaft gegenüber denen, die in ihre Länder kommen, zum Kampf gegen Stigmatisierung und Diskriminierung in der jeweiligen Gesellschaft und zur kritischen Auseinandersetzung mit der Migrationspolitik ihrer Regierung.

Neue Realitäten in den Kirchen

23. Die Erklärung des Zentralausschusses vom letzten Jahr bietet eine solide Grundlage zur Auseinandersetzung mit den Folgen der Migration in unseren Ländern. Sie ist eine echte Erklärung zu Fragen von öffentlichem Interesse. Die Migration hat jedoch gleichzeitig tiefgreifende Auswirkungen auf die Kirchen selbst und stellt ihre ökumenischen Beziehungen auf lokaler und globaler Ebene vor große Herausforderungen. Aus diesem Grund habe ich sie zum zentralen Thema meines Berichts gemacht.

24. Migrationsströme innerhalb von Staaten und auf internationaler Ebene haben Folgen für die Kirchen, aus denen die Migranten kommen, wie für die Kirchen in den Aufnahmeländern. Am deutlichsten zeigt sich dies in der wachsenden Zahl neuer Diasporakirchen in allen Ländern und Regionen der Welt. Die steigende Anzahl orthodoxer Kirchen in aller Welt sollte hier besonders erwähnt werden, ebenso, wie die beachtliche Präsenz vieler Kirchen afrikanischen Ursprungs in den Ländern des Nordens. Die Diasporaerfahrung verändert die "gastgebenden" wie die "Gast"-Kirchen und ihre gewohnten theologischen oder ekklesiologischen Ansätze. Besonders deutlich wird dies in großen Städten, wo Migrantenkirchen den Schwächsten Zuflucht und Heimat bieten, sie materiell unterstützen, ihnen eine kulturellen Raum geben, sie ihre Identität leben lassen und ihnen die Möglichkeit bieten, ihre Religion zu praktizieren. In vielen Ländern verändert das Wachstum dieser Kirchen erheblich das religiöse wie ökumenische Umfeld.

25. Genf kann hierfür als Beispiel dienen. Seit Jahrhunderten zieht die Stadt eine erhebliche Anzahl von Ausländern an - Flüchtlinge, Geschäftsleute, Mitarbeitende internationaler Organisationen. In den letzten Jahrzehnten ist diese Zahl jedoch drastisch gestiegen. Nach offiziellen Statistiken hat sich in Genf die Anzahl von Menschen afrikanischen Ursprungs sowie aus Osteuropa zwischen 1989 und 2002 verdoppelt. Die Zahl der Menschen aus Asien und Lateinamerika in der Stadt ist um die Hälfte gestiegen. Über 50% der Bevölkerung Genfs kommt heute aus dem Ausland.

26. Die offiziellen Zahlen berücksichtigen natürlich nur diejenigen, die offiziell hier gemeldet sind. Ungezählt bleiben die vielen Menschen, die keine Aufenthaltsgenehmigung haben - Immigranten auf Arbeitssuche, Asylsuchenden u. a. Diese Vielfalt schlägt sich auch im kirchlichen Leben nieder. In Genf gibt es über 60 protestantische Gemeinden unterschiedlichen Ursprungs. Bei vielen sind Sprache, Kultur oder ethnische Herkunft der gemeinsame Nenner, in anderen finden sich Menschen aus verschiedenen Ländern zusammen. Eine Reihe dieser Gemeinden sind zweisprachig und bieten simultane Verdolmetschung für Französisch und Englisch. Einige kommen zum Gottesdienst in Kirchen oder Gemeindezentren der Protestantischen Kirche von Genf zusammen, aber eine Mehrzahl hat ihre eigenen Räume - manchmal ist das nur eine Garage oder ein Kellerraum. Parallel sind andere Kirchen der römisch-katholischen und orthodoxen Tradition entstanden, ebenso wie muslimische, jüdische und andere Gemeinschaften. Interessant ist auch, dass die meisten Mitglieder konservativ evangelikaler oder pfingstlerischer Gemeinden in Genf Ausländer sind.

27. Weltweit entstehen Migrantenkirchen, gleichzeitig öffnen vielfach Kirchen in den Aufnahmeländern Migranten ihre Türen und verändern sich dadurch. Nahezu alle in der Methodistischen Kirche von Aotearoa-Neuseeland ordinierten Geistlichen stammen beispielsweise von den pazifischen Inseln. Die konservativere Sozialtheologie pazifischer Christen verändert Prinzipien und Praxis der Kirchen in Australien und Aotearoa-Neuseeland. Die Waldenserkirche in Italien hat mittlerweile viel mehr afrikanische als italienische Mitglieder, da die Kirche die bewusste Entscheidung getroffen hat, Immigranten gastfreundlich aufzunehmen und sich durch diesen Prozess verwandeln zu lassen. Die St.-Andreas-Gemeinde in Kairo erlebt durch die aktive Mitwirkung sudanesischer Christen an ihrem kirchlichen Leben einen tiefgreifenden Wandel. Viele der etablierten US-amerikanischen Kirchen wachsen hauptsächlich durch die zunehmende Beteiligung spanischsprachiger und asiatisch-stämmiger Menschen.

28. Die Integration von Migranten in das Leben der Gastgeberkirche bewegt sich auf jeweils ganz unterschiedlichem Niveau. In manchen Fällen bieten Gemeinden parallele Gottesdienste für Migranten in deren eigener Sprache an. So finden in manchen Gemeinden in den Vereinigten Staaten sonntags mehrere Gottesdienste statt: z.B. in Englisch, Spanisch, Koreanisch, Kisuaheli. In manchen Fällen gründen Migranten Missionskirchen und richten ihre Arbeit auf die englischsprachige Umgebung aus.

29. Die Migration wird zweifelsohne die Ökumene auf der lokalen Ebene samt ihrer Organisationsformen verändern. Gleiches gilt für die nationale Ebene. Es ist schon einige Zeit her, dass die in Nigeria entstandene Kirche des Herrn (Aladura) dem britischen Kirchenrat, dem heutigen Arbeitskreis der Kirchen in Großbritannien und Irland, beigetreten ist. Inzwischen gibt es nun weitere Entwicklungen wie etwa in der Schweiz, wo Kirchen, deren Mitglieder afrikanischer Herkunft sind, ihre eigene Dachorganisation gegründet haben (Konferenz der afrikanischen Kirchen in der Schweiz), die jetzt die Mitgliedschaft im Schweizerischen Evangelischen Kirchenbund anstrebt. Die Konferenz Europäischer Kirchen hat ähnliche Anfragen von koreanischen Kirchen und Kirchen afrikanischer Immigranten erhalten. Allen ist die Aussage gemeinsam: "Wir sind nicht länger Fremde. Wir leben in Europa, in diesem Land, in dieser Stadt mit euch zusammen. Wir sehen uns als integralen Teil der einen Kirche und wir wollen eine profiliertere Verkörperung der Kirche Christi an diesem Ort sein."

30. Es gibt in einer Reihe von Städten und Ländern ermutigende Beispiele, wie der Integrationsprozess und ökumenische Beziehungen zwischen verschiedenen Kirchen gefördert werden können. Sicherlich können vielen von Ihnen, die Sie Kirchen in aller Welt vertreten, positive Beispiele dafür nennen, wohin uns der Heilige Geist mit diesen neuen Entwicklungen führen will. Wir wissen aber auch, dass wir uns in diesem Prozess gegenseitiger Begegnungen und gemeinsamen Wachstums mit den alten Wunden der Geschichte, mit Rassismus und kulturellen Unterschieden auseinandersetzen müssen. In der Vergangenheit war jegliche europäische Migration in die verschiedenen Weltregionen von Kolonialismus begleitet. Menschen wurden von ihrem Land vertrieben, ihre Lebensgrundlage ausgehöhlt, viele wurden getötet. Koloniale Eroberungen und der Sklavenhandel veränderten gewaltsam und radikal die ethnische Zusammensetzung unserer Welt, auch die Kirchen blieben davon nicht verschont. Bis zum heutigen Tag wirken die Folgen von Sklaverei und Rassismus auf die Beziehungen zwischen den Kirchen. In den USA etwa ist die Auseinandersetzung mit dieser Geschichte unerlässlicher Bestandteil von kirchlichen Vereinigungsprozessen. Die Folgen der aktuellen Migration konfrontieren die Kirchen mit neuen, aber ähnlich gewaltsamen Formen von Rassismus und Fremdenhass.

31. Kirchen, die sich Menschen unterschiedlicher ethnischer Herkunft und kulturellen Hintergrunds öffnen wollen, stellen häufig fest, dass dieser Prozess schwieriger ist als sie erwarteten. Migranten bringen unterschiedliche theologische Traditionen, Liturgien und Musik mit, die die Kirchen bereichern können - oder das Potenzial bergen, sie zu spalten. In "The Next Christendom" argumentiert Philip Jenks, christliche Migranten aus dem Süden tendierten dazu, sozial konservativer und evangelikaler zu sein als die etablierten Kirchen des Nordens. Sie stünden oft den evangelikalen Kirchen und Pfingstkirchen im Norden näher und stärkten so die konservativeren evangelikalen Kirchen und schwächten, zumindest indirekt, manche ökumenischen Initiativen.

32. Wie die Gesellschaften, zu denen sie gehören, sind auch die Kirchen mit Fragen der Assimilierung und Integration konfrontiert. Es ist leichter für eine Kirche, Migranten willkommen zu heißen, die sich an die Traditionen und Prinzipien der Gastgeberkirche anpassen. Hier geht es um Assimilierung. Integration wiederum erfordert die Bereitschaft, den Beitrag von Migranten zur Veränderung der Kirche anzunehmen und etwas Neues zu schaffen. Vielen fällt es schwerer, dies zu akzeptieren. Bisweilen wird argumentiert, einer der Gründe dafür, dass Migranten ihre eigenen Kirchen gründen, liege darin, dass aus ihrer Sicht die etablierten Kirchen nicht bereit sind, sich zu verändern, um ihren Bedürfnissen gerecht zu werden.

Kirche der Fremden

33. Immer wieder berichtet die Bibel und die Geschichte der Urgemeinde von Menschen, die Gott berief, Fremde und Flüchtlinge zu lieben und ihnen Gastfreundschaft zu gewähren (3. Mose 19,33-34; Röm 15,7). Die Bibel erzählt häufig von Menschen unterwegs - von Abram/Abraham und Sara/Sarai bis zur Heiligen Familie. Der Aufruf Christi, Fremde willkommen zu heißen (Mt 25,31-45), ist ein zentrales Element der Frohen Botschaft. Fremde gastfreundlich aufzunehmen, ist nicht der Entscheidung des einzelnen Christen überlassen. Und diese Haltung ist an keinerlei Bedingungen geknüpft. Christus forderte die, die ihm nachfolgen, nicht auf, Fremde aufzunehmen, deren Papiere in Ordnung sind oder die unsere Sprache sprechen. Angesichts der aktuellen Realität der Migration geht es beim gastfreundlichen Umgang mit Fremden nicht um bloße "Freundlichkeit" gegenüber denen, die vor unserer Türe stehen. In der heutigen Welt ist die Gastfreundschaft gegenüber Fremden eine Frage der Gerechtigkeit und hat oft eine politische Dimension.

34. Man kann nicht leugnen, dass die Aufnahme von Fremden häufig Hand in Hand geht mit fundamentalen Anfragen an die eigene Tradition und Identität als Christ/in und als Kirche. Leider führt die Erfahrung von Unterschieden nicht automatisch in die Offenheit für Vielfalt und das Miteinanderteilen verschiedener Gaben. Um diesen Schritt zu tun, ist die bewusste Entscheidung nötig, vertrauensvolle Beziehungen aufzubauen und bereit zu sein, sich in der wechselseitigen Begegnung verändern zu lassen. Sehr oft werden Unterschiede noch verschärft durch Grenzen, die zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften gezogen werden und die mitunter sogar rassistische Ausgrenzung und Unterdrückung rechtfertigen können. Die Gemeinschaft, die berufen ist, Brot und Wein miteinander zu teilen und Jesus in seinem heilenden und versöhnenden Dienst nachzufolgen, darf Spaltungen nicht verschärfen, sondern sollte Brücken bauen. Sie sollte denen Raum geben, die sich voneinander unterscheiden, so dass sie erfahren können, dass sie gemeinsam einer Menschheit angehören, die nach Gottes Willen auf diesem Planeten zusammenleben soll.

35. Im Lauf der Jahrhunderte haben christliche Gemeinschaften Menschen unterwegs immer wieder Unterstützung gewährt. In Zeiten der Verfolgung war dies lebenswichtig (1. Petr 4,9). Witwen und Diakonissen übten Gastfreundschaft (1. Tim 5,10) und dienten den Fremden auch in anderen Ländern. Die heilige Verena, eine Krankenschwester aus Ägypten, kam im 3. Jahrhundert in die Schweiz. Oder denken wir an die heilige Anysia in Thessaloniki (3. Jh.), Olympias in Konstantinopel (4. Jh.), die heilige Melania von Rom (5. Jh.) und die barmherzige Julietta in Russland (16. Jh.). Am Rand von Caesarea in Kappadokien baute der heilige Basilius einen Gebäudekomplex, der Reisende und Kranke aufnehmen sollte. An vielen anderen Orten wurden ähnliche Häuser eingerichtet, dieser Dienst wurde bekannt als xenodochia.

36. In vielen Kirchen lebt die Erinnerung daran, dass Vorfahren ihre Dörfer, Städte und Länder um ihres Glaubens willen verlassen mussten. Sie wurden vertrieben oder flohen vor Krieg und Völkermord. Vielerorts gibt es Kirchen, die Flüchtlings- und Migrantenkirchen waren und sind. In anderen Kirchen wieder gibt es die Erinnerung daran, wie diese Flüchtlinge willkommen geheißen und aufgenommen wurden. Der Abolitionismus in den Vereinigten Staaten und im Kanada des 19. Jahrhunderts bot Sklaven auf dem Weg in die Freiheit Zuflucht. Kirchen in Europa halfen mit, Menschen die Flucht vor der Nazidiktatur und den Gaskammern von Auschwitz zu ermöglichen. Heute arbeiten Kirchen in Lateinamerika zusammen, um Kolumbianer/innen, deren Leben in Gefahr ist, in Sicherheit zu bringen.

Herausforderung an unsere Gemeinschaft

37. Von ihrem ersten Anfang an haben Kirchen diakonische Dienste für Flüchtlinge und Migranten entwickelt. Ihnen war dabei immer bewusst, dass die eigentliche Herausforderung weiter geht und dass es letztlich gilt, solidarisch das gemeinsame Leben in Christus miteinander zu teilen. So ist die Frage, vor die die Situation von Migranten uns je persönlich stellt, unvermeidlich: Wer ist mein/e Nächste/r? Auf dieser existenziellen Ebene offenbart Diakonie die tiefere Bedeutung von koinonia, der Gemeinschaft in Christus.

38. Die orthodoxe Ikone der Heiligen Dreieinigkeit von Andrej Rublew aus dem 15. Jahrhundert stellt die göttliche Gemeinschaft zwischen Vater, Sohn und Heiligem Geist im Bild der Gemeinschaft der drei Fremden dar, die Abraham im Geist echter Gastfreundschaft aufnahm und bewirtete (1.Mose 18; Hebr 13,2). So stellte die Tagung der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung im Juli 2004 fest: "Wenn wir wahre Gastfreundschaft üben, in der die Unterscheidung zwischen Gast und Gastgeber gewissermaßen überwunden ist, findet eine gegenseitige Verwandlung statt." 

39. Zum Abschluss dieser Gedanken möchte ich uns eine Reihe von Fragen stellen:

Bietet uns solche wahre Gastfreundschaft im gemeinsamen Haus Gottes ein vorläufiges Ziel für die gegenwärtige Phase der Ökumene? Kann es unter uns echte Gastfreundschaft geben, die die Wunden der Vergangenheit heilen hilft, in der wir einander auf neue Weise entdecken und die Beziehungen und die Gemeinschaft aufbauen können, durch die wir letztendlich unsere Einheit in Christus entdecken und leben können? Sind wir bereit, die nötigen Risiken einzugehen? Echte Gastfreundschaft zu üben erfordert, unsere eigene Verletzlichkeit einzugestehen und für Verwandlung offen zu sein. "Bleibt fest in der brüderlichen Liebe. Gastfrei zu sein vergeßt nicht; denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt. Denkt an die Gefangenen, als wärt ihr Mitgefangene, und an die Mißhandelten, weil ihr auch noch im Leibe lebt." (Hebr 13,1-3) Wenn wir Fremde willkommen heißen, öffnet uns das auch neu die Augen für unsere eigene Gesellschaft, lässt uns den Rassismus und die Fremdenfeindlichkeit wahrnehmen, die uns sonst vielleicht verborgen geblieben wären. Migranten zur Seite zu stehen ist in den meisten Weltregionen politisch unpopulär. Die Risiken sind also real, ebenso real ist jedoch unsere Berufung.

40. Die Migration ist ein komplexes Phänomen, das unsere Gesellschaften, Kirchen und die ökumenische Bewegung erfasst. Die Frage verdient eine vertiefte Reflexion und Diskussion. In unseren Programmplänen werden Sie sehen, dass wir für das nächste Jahr in verschiedenen Regionen öffentliche Anhörungen sowie für 2008 eine größere weltweite Konsultation über "Migration und die sich wandelnde kirchliche Landschaft" angesetzt haben. Die Ergebnisse sollen in den Reflexionsprozess zur Ökumene im 21. Jahrhundert einfließen, der bis zur nächsten Vollversammlung 2013 hohe Priorität für uns haben wird.

PLANUNGSPROZESS NACH DER VOLLVERSAMMLUNG

41. Ich möchte hier nicht im Detail auf die Programmpläne des ÖRK für 2007 bis 2013 eingehen, die eines der Hauptthemen der Tagesordnung unserer Zentralausschusstagung sind. In zwei Plenarsitzungen wird der Zentralausschuss ausführlich Gelegenheit haben, den Planungsprozess sowie den Inhalt der Vorschläge kennen zu lernen und sich darauf vorzubereiten, die nötigen Grundsatzentscheidungen zu treffen, damit der Rat aus der Planungs- in die Umsetzungsphase eintreten kann.

42. Heute möchte ich lediglich hervorheben, dass sich in der Zeit nach der Vollversammlung unsere Anstrengungen größtenteils auf die Bedeutung der ökumenischen Erfahrungen und Partnerschaften konzentriert haben und dies - direkt oder indirekt - den zentralen Platz bestätigt hat, den der Reflexionsprozess zur Ökumene im 21. Jahrhundert in unserem Denken einnimmt.

Neue Formen der Zusammenarbeit mit ökumenischen Partnern

43. Die Vollversammlung forderte dringend zu einem integrativen und interaktiven Ansatz für den Umgang mit Programmen und Beziehungen in der Arbeit des Rates auf. Ferner bestätigte sie die führende Rolle des ÖRK bei der Einbindung der weiteren ökumenischen Bewegung an der konstruktiven Zusammenarbeit bzw. einer "Neugestaltung". Unsere Partner in diesem Prozess sind die ÖRK-Mitgliedskirchen, die weltweiten christlichen Gemeinschaften (CWCs), Regionalen ökumenischen Organisationen (REOs), Nationalen Kirchenräte (NCCs), weltweiten Missionseinrichtungen, kirchliche/kirchennahe Dienste und Werke sowie die christlichen Kirchen, die gegenwärtig nicht zu den Mitgliedern des ÖRK zählen.

44. Im Bewusstsein dieser Aufforderung der Vollversammlung haben wir erste Fassungen der Planungsdokumente einer Konsultation vorgelegt, an der Vertreterinnen und Vertreter von Mitgliedskirchen, CWCs, REOs, ökumenischen Jugendorganisationen und kirchlichen sowie kirchennahen Diensten und Werken teilnahmen. Auf informeller Ebene haben wir auch den Werken von APRODEV unsere Vorschläge unterbreitet. Die US-Konferenz für den ÖRK hatte ebenfalls Gelegenheit zur Stellungnahme. Beim Runden Tisch des ÖRK diskutierten wir die Pläne eingehend mit unseren ökumenischen Partnern. Trotz der zeitlichen Zwänge haben wir uns bemüht, einen möglichst breit angelegten Konsultationsprozess vorzuschalten. Aus meiner Sicht hat der Planungsweg, den wir in den vergangenen Monate beschritten haben, unseren Willen demonstriert, der Notwendigkeit einer konstruktiven ökumenischen Kooperation im Umgang mit den Herausforderungen des 21. Jahrhunderts Rechnung zu tragen.

45. Ich hoffe, dass unsere Bereitschaft, neue Arbeitsformen anzuwenden, noch konkreter deutlich wurde in der Art und Weise, wie wir den Besuch im Libanon und in Israel/Palästina geplant und begleitet und wie wir die ökumenische Delegation nach ihrer Rückkehr in Empfang genommen haben. Diese Initiative wurde gemeinsam vom Ökumenischen Rat der Kirchen, dem Lutherischen Weltbund, der Konferenz Europäischer Kirchen und dem Reformierten Weltbund koordiniert. In die dreiköpfige Delegation war bewusst ein römisch-katholischer Vertreter aufgenommen worden, Erzbischof Bernard Nicolas Aubertin. Ihr gehörten außerdem als Delegationsleiter Pfr. Jean-Arnold de Clermont, Präsident der KEK, und Marilia Schüller, eine leitende Mitarbeiterin des ÖRK, an. Wir machten deutlich, dass die Delegation beauftragt war, die weltweite ökumenische Solidarität mit den Kirchen und der Bevölkerung zu demonstrieren, die vom Konflikt im Nahen Osten betroffen waren, und dass sie mit der Aufgabe zurückgekehrt war, die Hoffnungen und Erwartungen der Kirchen im Libanon, in Palästina und Israel der gesamten ökumenischen Familie zu vermitteln.

Zusammenarbeit mit den weltweiten christlichen Gemeinschaften (CWCs)

46. Zusammen mit dem Lenkungsausschuss der Konferenz der Sekretäre der weltweiten christlichen Gemeinschaften (CWCs) diskutierten wir die Empfehlung des Weisungsausschusses für Grundsatzfragen der Vollversammlung im Blick auf die Schaffung einer "gemeinsamen Beratungskommission, um Wege für eine stärkere Beteiligung der weltweiten christlichen Gemeinschaften im ÖRK zu diskutieren und zu empfehlen". Der Lenkungsausschuss war sich darin einig, dass das Programm und die Aufgabengebiete für dieses gemeinsame Gremium bereits im Bericht des Weisungsausschusses für Grundsatzfragen festgelegt seien und dass die Gruppe selbst eine Koordinationsrolle übernehmen könne.

47. Zu einem späteren Zeitpunkt dieser Tagung wird ein konkreter Vorschlag im Nominierungsausschuss behandelt und zur Beschlussfassung vorgelegt werden, damit diese gemeinsamen Anstrengungen fortgeführt werden können. Dabei soll berücksichtigt werden, dass eines der wichtigen Themen auf dem Programm der gemeinsamen Kommission gemäß dem Bericht des Weisungsausschusses für Grundsatzfragen der Vollversammlung sein wird, "neue Wege der Zusammenarbeit zwischen den weltweiten christlichen Gemeinschaften und dem ÖRK [zu erörtern], einschließlich neuer Möglichkeiten im Zusammenhang mit zukünftigen ÖRK-Vollversammlungen, mehr Raum für konfessionelle Treffen in der Struktur der ÖRK-Vollversammlungen und letztlich der Vision einer breiten, integrativen ökumenischen Versammlung".

48. Letzteres ist ein Thema, das wir besonders im Hinterkopf behalten sollten, wenn wir in einer unserer nächsten Sitzungen dieser Tagung den Bericht zur Auswertung der Vollversammlung erhalten und die Diskussion über die Schritte hin zur nächsten Vollversammlung in die Wege leiten.

Klärung der Rollen der Institutionen

49. Die diesjährige Tagung des Zentralausschusses der KEK bot eine geeignete Gelegenheit, die Diskussionen über die politischen Fragen fortzuführen, die in Porto Alegre aufgeworfen worden waren. Der Generalsekretär der KEK, Colin Williams, widmete einen beträchtlichen Teil seines Berichts der Beziehung zwischen der KEK und dem ÖRK sowie dem Prozess über die ökumenische Bewegung im 21. Jahrhundert. Dabei zitierte er aus zahlreichen wichtigen Texten der Vollversammlung, insbesondere aus dem Bericht des Weisungsausschusses für Grundsatzfragen. Zwei Mitarbeiter/innen des ÖRK nahmen an der Tagung teil und äußerten sich zum Prozess der ökumenischen Bewegung im 21. Jahrhundert und zur Zusammenarbeit im Bereich der Programme zwischen den zwei Organisationen.

50. Die Erkenntnisse aus dieser Erfahrung unterstreichen, wie dringend eine bedeutungsvolle und effiziente Verteilung der Aufgaben und Rollen innerhalb der ökumenischen Familie definiert werden muss, um eine größere Kohärenz der ökumenischen Bewegung zu erzielen und die Auswirkungen ökumenischen Handelns zu verstärken. Ich habe mich bereits mit dieser Frage befasst und möchte zu gegebener Zeit unsere Ergebnisse ausführlicher mit mehr Mitgliedern, einschließlich den regionalen ökumenischen Organisationen, diskutieren.

Ausarbeitung eines gemeinsamen ökumenischen Projektes

51. Mit dem Fortsetzungsausschuss des Globalen christlichen Forums wurde ein offener Dialog in die Wege geleitet. Wir haben offen unsere konzeptuellen, ökumenischen, organisatorischen und finanziellen Aussichten und Schwierigkeiten ausgetauscht. Zusammen haben wir darüber beraten, wie das Globale christliche Forum als Beitrag zu der sich abzeichnenden Neugestaltung der ökumenischen Bewegung verstanden werden kann. Das Globale christliche Forum befindet sich tatsächlich in einer entscheidenden Phase, da im Rahmen dieses Forums im November 2007 hochrangige Vertreterinnen und Vertreter aller großen christlichen Traditionen in der Welt und ihrer weltweiten Organisationen zusammenkommen sollen. Die bevorstehende Aufgabe beinhaltet, Bilanz der neuen Erfahrungen und Partnerschaften zu ziehen, die im Verlauf der Reise hin zu diesem weltweiten Ereignis entstehen, und den gesamten Prozess mit seinen Ergebnissen sorgfältig auszuwerten.

Neue kirchliche und ökumenische Herausforderungen

52. Ohne den oben genannten institutionellen Entwicklungen in der ökumenischen Bewegung ihre Wichtigkeit abzusprechen, muss betont werden, dass die wichtigsten und größten ökumenischen Herausforderungen in der heutigen Zeit innerhalb des Lebens und Zeugnisses der Kirchen und durch ihre Haltung gegenüber der ökumenischen Bewegung und den ökumenischen Organisationen entstehen. Jüngste Rücktritte oder angedrohte Rücktritte von Kirchen aus ökumenischen Organisationen werfen neue Fragen hinsichtlich der Beziehungen zwischen den Kirchen und unseren Grundannahmen über die "eine ökumenische Bewegung" auf. Ich beziehe mich besonders auf die Situation in Brasilien, wo die Methodistische Kirche nur wenige Monate nach unserer Vollversammlung in Porto Alegre aus dem CONIC, dem Nationalrat der christlichen Kirchen in Brasilien, ausgetreten ist. Der angegebene Grund hatte mit der Beteiligung der römisch-katholischen Kirche im CONIC zu tun. Dies zeigt, wie nötig es ist, weiter zusammenzuarbeiten, um unsere Anstrengungen zur Stärkung der ökumenischen Bewegung im 21. Jahrhundert zu erhöhen.

53. Die Entscheidung der Methodistischen Kirche von Brasilien und einige ähnliche Reaktionen müssen von uns allen sorgfältig analysiert werden, da diese sich möglicherweise nicht nur auf die ökumenische Bewegung auf nationaler Ebene, sondern auch auf die weltweiten Beziehungen auswirken. Wir sollten uns eingehend mit den möglichen Konsequenzen solcher Entwicklungen für die lokalen Kirchen, die CWCs, den ÖRK und andere ökumenische Organisationen auf allen Ebenen beschäftigen, wenn wir einen Prozess zur Neugestaltung der ökumenischen Bewegung entfalten.

54. Wie der Vorsitzende in seinem Bericht betont hat, ist es ermutigend zu sehen, dass Sie während dieser Tagung des Zentralausschusses dazu aufgefordert sind, eine politische Entscheidung zu treffen und eine weitere brasilianische Kirche, die Unabhängige Presbyterianische Kirche von Brasilien, in die Reihen der ÖRK-Mitgliedskirchen aufzunehmen.

SCHLUSSBEMERKUNG

55. Ich habe Sie zu Beginn dieses Berichts willkommen geheißen und ich habe mich dabei auf die Gastfreundschaft bezogen, zu der die Bibel das Volk Gottes aufruft. Wenn Sie jetzt Ihre Pflichten bei dieser ersten vollständigen Tagung des neuen Zentralausschusses wahrnehmen, möchte ich Ihnen folgende Worte des Apostels Paulus ans Herz legen: " Darum nehmt einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob" (Röm 15,7).

56. Wir rufen zum Frieden im Nahen Osten auf, zur Gerechtigkeit für Migrantinnen und Migranten, zur Einheit unter den Christen dieser Welt. Dies sind weit gefasste Konzepte und gewaltige Herausforderungen. Doch das Erreichen von Frieden, Gerechtigkeit, Einheit und einer gemeinsamen Mission, möge das Ziel noch so weit gefasst sein, beginnt für uns damit, Freundschaften zu schlissen. Dies ist besonders wichtig in den ersten Sitzungen des neu gewählten Zentralausschusses.

57. "Euch aber habe ich gesagt, daß ihr Freunde seid", sagte Jesus zu seinen Jüngern (Joh 15,15) vor seinem Gebet, damit wir alle eins seien (17,21). Freundschaft steht im Zentrum unserer ganzen Arbeit. Schließlich hängt das, was wir über eine Gemeinschaft von Kirchen, über integrative Arbeitsmodelle, interaktive Programme und neue Muster in der ökumenischen Bewegung sagen, davon ab, ob wir beständige Freundschaften schlissen können. "Euch aber habe ich gesagt, daß ihr Freunde seid", sagte Jesus zu seinen Jüngern, und Paulus ermahnt uns, einander anzunehmen, wie Christus uns angenommen hat.

58. Es stimmt, dass zwischen den hier vertretenen Kirchen noch immer echte Unterschiede bestehen. Aber wir haben einen gemeinsamen Freund. Heißen wir einander deshalb willkommen und nehmen wir einander an, schaffen wir Beziehungen, geprägt von Vertrauen und Liebe, und setzen wir unsere Reise zusammen fort zum Lob des dreieinigen Gottes.