World Council of Churches

Eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen auf der Suche nach Einheit, gemeinsamem Zeugnis und Dienst

Sie sind hier: Startseite / Dokumentation / Dokumente / ÖRK-Zentralausschuss / Genf, 2005 / Reports and Documents / GEN 2 Bericht des Vorsitzenden

GEN 2 Bericht des Vorsitzenden

22. Februar 2005

Der Beginn des 21. Jahrhunderts ist von wachsender Unsicherheit und Angst geprägt. Die Welt, in der wir leben, ist zerbrochen. Sie ist von bösen Mächten beherrscht, die eine Kultur der Gewalt und Hoffnungslosigkeit schaffen. Die Zeichen der Zeit sind klar: die AIDS-Pandemie, der Völkermord im Sudan, die Tsunami-Katastrophe in Südostasien - um nur einige Beispiele zu nennen. Konflikte, Armut und Ungerechtigkeit haben Ängste und Verzweiflung in vielen Gesellschaften verschärft. Die Welt bedarf in fast allen Bereichen menschlichen Lebens dringend der Heilung. Daher möchte ich unsere Reflexion auf der letzten Tagung dieses Zentralausschusses auf die Frage der Heilung konzentrieren. Wie Sie wissen, wird die bevorstehende Konferenz für Weltmission und Evangelisation unter dem Thema "Komm, Heiliger Geist, heile und erneuere: In Christus berufen, versöhnende und heilende Gemeinschaften zu sein" stehen. Ich hoffe, dass der vorliegende Bericht und die Diskussion, die darüber stattfinden wird, einen Beitrag zur Arbeit der Konferenz leisten werden.

Das gewachsene Bewusstsein und Interesse für Heilung in einem veränderten weltweiten Kontext wirft für die Kirchen grundlegende theologische, missiologische, ethische und seelsorgerliche Fragen auf, die kritisch untersucht werden müssen. Mein Ansatz wird missionstheologischer Natur sein. Ich werde mich mit Heilung als verwandelnder, stärkender und versöhnender missionarischer Arbeit der Kirche auseinandersetzen.

WIEDERENTDECKUNG DES HEILENDEN DIENSTES DER KIRCHE

Heilen gehört zum esse der Kirche selbst. Die Kirche ist mit Gottes Gnade und heilender Macht ausgestattet. Daher muss das vorherrschende missionstheologische Missverständnis, das Heilung als "Sonderpfarramt" der Kirche ansieht und sie als Kernfunktion vernachlässigt, durch ein Ekklesiologieverständnis korrigiert werden, das Heilung als integralen Bestandteil des Seins der Kirche ansieht, der in ihrem sakramentalen Leben, ihrem diakonischen Handeln und ihrer Evangelisationsarbeit zum Ausdruck kommt.

1) JESUS CHRISTUS: DER GRÖSSTE HEILER ALLER ZEITEN

<typolist type="1">

Heilung ist in Gottes Offenbarung verwurzelt. Sowohl im Alten als auch im Neuen Testament hat Gott sich selbst als Heiler offenbart. Krankheit wird als zerbrochene Beziehung zwischen Gott und Mensch, als Entfremdung von Gott verstanden. Heilung geschieht durch die Wiederherstellung einer rechten Beziehung mit Gott. Die meisten der Wunder Jesu sind Heilungswunder. Heilung ist eine wesentliche Dimension der Mission Christi und konkreter Ausdruck seines Erlösungswerkes. Sie ist Zeichen und Vorwegnahme des eschatologischen Hereinbrechens des Reiches Gottes (Lk 10,9) und Teilhabe am Reich Gottes, das seine Vollendung in der Parusie finden wird. Christus trug seinen Jüngern den Dienst des Heilens auf: Macht Kranke gesund, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt böse Geister aus; das Himmelreich ist nahe herbeigekommen (Mt 10, 1,5 und 7; Lk 9, 1-2; 10,9). Heilung wurde zu einem wesentlichen Bestandteil der Mission der Urgemeinde (Apg 3,1-10; 9, 12,17,18 und 32-35; 14,19-20; 20,7-12). In späteren Jahrhunderten verlor sie in Leben und Zeugnis der Kirche aufgrund der geschichtlichen Umstände jedoch einen Großteil ihrer Bedeutung.

Wachsendes Bewusstsein für Fragen der Heilung. Wir sind in den letzten Jahren Zeugen eines Wiedererstarkens des heilenden Dienstes der Kirche geworden. Angst und Verzweiflung aufgrund ökologischer Fehlsteuerungen, wirtschaftlicher Ungerechtigkeit und zunehmender Gewalt sowie Erfahrungen entsetzlichen und unerklärlichen Leidens haben zu einem wachsenden Interesse an Heilung geführt. Schätzungen zufolge besuchen jedes Jahr vier bis fünf Millionen Pilger Lourdes, um dort Heilung zu erbitten. Dasselbe Phänomen kommt in vielfältiger Weise in verschiedenen Teilen der Welt zum Ausdruck. In zunehmendem Maße entstehen Heilungskulte und Basisbewegungen innerhalb des Christentums, die Heilung durch verschiedene Formen von Spiritualität anstreben. Diese Bewegungen sind manchmal konfessionsübergreifend und sogar synkretistisch. Die Kirchen haben verstärkt zum heilenden Dienst zurückgefunden und ein neues Bewusstsein für die zentrale Bedeutung des Heilens für Leben und Mission der Kirche gewonnen. Viele Kirchen und ökumenische Organisationen haben besondere Programme und Arbeitsgruppen eingerichtet, um sich mit verschiedenen Aspekten und Implikationen des Heilens auseinanderzusetzen.

Heilung: ein ökumenisches Anliegen. Heilung ist seit jeher ein missionarischer Schwerpunkt gewesen. Die Geschichte der Mission ist durch die vielen Initiativen bereichert worden, die Missionare in ihrem Versuch, das Evangelium in alle Ecken und Enden der Erde zu bringen, ergriffen haben. Heilung stand auch von allem Anfang an auf der Tagesordnung der modernen ökumenischen Bewegung. Die Konferenz von Edinburgh (1910), die nachfolgenden Missionskonferenzen wie auch die ÖRK-Vollversammlungen und mehrere große ökumenische Konsultationen haben dieses Thema mehr oder weniger ausführlich behandelt. Es muss darauf hingewiesen werden, dass Heilung von der ökumenischen Bewegung primär als Teil ihrer "Gesundheitsmission" betrachtet wurde, die sich an westlichen Vorstellungen orientierte. Auf der Tübinger Konsultation (1962) rückten "gemeinschaftsbezogene Gesundheitspflege" und "primäre Gesundheitsversorgung" in den Vordergrund und wurden mit missionarischem Engagement verbunden. Tübingen betonte auch die Ganzheitlichkeit und den globalen Auftrag des heilenden Dienstes der Kirche. Tübingen II (1967) richtete im Rahmen der Programmstruktur des ÖRK die Christliche Gesundheitskommission (CMC) ein. Mehr als zwei Jahrzehnte kam der CMC die wichtige Rolle zu, die Kirchen an die zentrale Bedeutung des Heilens in der Mission der Kirche zu erinnern und sie dazu herauszufordern, diese Aufgabe ernster zu nehmen.

</typolist>

2) VON EINEM FUNKTIONALEN ZU EINEM ONTOLOGISCHEN KONZEPT DES HEILENS

<typolist type="1">

Heilung ist sakramentaler Natur. Heilung ist eine Gabe (charisma) des Heiligen Geistes (1. Kor 12,7-11), die die Kirche durch die Taufe, Chrismation, Ordination und Krankensalbung ausübt. Die Eucharistie ist ein Sakrament der Heilung. Durch sie wird Christus als Heiler der Welt verkündet und die Kirche, der lebendige Leib Christi, wird zu einer heilenden Gemeinschaft und bringt die ganze Schöpfung in Gemeinschaft mit Gott. Diakonie ist der heilende Dienst der eucharistischen Gemeinschaft. Die "Therapie", die die Kirche in der Eucharistie erfährt und verkündet, muss zu einer "Therapie" für die ganze Welt werden. Durch ihr missionarisches Engagement wendet sich die heilende Diakonie der Kirche (das Teilen von Gottes heilender und lebensspendender Liebe mit anderen) an die ganze Menschheit und Schöpfung. Die Diakonie der Kirche, die so umfassend verstanden wird, geht über die Aktivitäten der "diakonischen" Einrichtungen hinaus. Die Kirche ist ihrem Sein und ihrer Berufung treu, wenn sie sich in eine heilende Gemeinschaft verwandelt - eine liebende, betende, teilende, dienende, verkündende, stärkende und versöhnende Gemeinschaft (Lk 22,27). Jede dieser Dimensionen und Formen der Mission der Kirche spielt zusammen mit der Spiritualität eine wesentliche Rolle bei der Heilung, stärkt den heilenden Dienst der Kirche und bringt ihn zum Ausdruck. Das Gebet hat eine therapeutische Wirkung. Gottes heilende Macht wird als Antwort auf das Gebet des Menschen offenbart.

Integration von Spiritualität und Medizin. Im Alten Testament bezieht sich Heilung auf alle Aspekte des menschlichen Lebens. Heilung ist die Wiederherstellung der Ganzheit von Körper, Geist und Seele. Wenn körperliche Heilung auch ein wichtiger Teil von Christi heilendem Dienst war, so war sein größtes Anliegen doch die Heilung des ganzen Menschen, seine Erlösung. Die Gesundheit des menschlichen Körpers ist wichtig, da er Gottes Gnade empfängt und weitergibt, aber Heilung ist nicht nur körperliche Genesung. Heilung umfasst vielmehr den ganzen Menschen, alle Aspekte, Dimensionen und Ausdrucksformen seines Lebens. Daher sind körperliche und spirituelle Heilung eng miteinander verbunden. Wir müssen einen ganzheitlichen Heilungsansatz verfolgen. Seelsorgerliche und spirituelle Betreuung müssen institutionelle und medizinische Betreuung begleiten. Die Dichotomie zwischen spirituellen und medizinischen Aspekten des Heilens muss überwunden werden und "wissenschaftliches Heilen" und "göttliches Heilen" müssen miteinander verknüpft werden. Der ganzheitliche Heilungsansatz ist ein Schritt in die richtige Richtung. Das Christentum kann durch seine reiche Spiritualität und ganzheitliche Vision einen wesentlichen Beitrag zum Heilen mit wissenschaftlichen Methoden leisten.

Ein Dienst, aber unterschiedliche Formen. Wie erfüllt die Kirche ihren heilenden Dienst? Die vielfältigen Methoden und Mittel, mit denen Heilung in der Kirche praktiziert wird, waren je nach Zeit und Kontext unterschiedlich. Für die orthodoxen Kirchen und die römisch-katholische Kirche ist Heilung im Allgemeinen untrennbar mit der Spiritualität der Kirche, ihrer Liturgie, ihren Bildern, Ikonen und Pilgereisen verbunden. Die Kirchen der evangelischen Tradition betonen hingegen die Bedeutung der persönlichen Beratung und des persönlichen Bekenntnisses. Sowohl die katholische als auch die evangelische Tradition sind im letzten Jahrhundert durch charismatische Bewegungen beeinflusst worden. In den letzten Jahren haben einige der Kirchen ausgezeichnete Dokumente zum heilenden Dienst ausgearbeitet. Neben der biblischen und liturgischen Tradition spielen auch kulturelle Normen und Ausdrucksformen indigener Gemeinschaften eine bedeutsame Rolle bei der Ausübung des heilenden Dienstes der Kirche. Dieser spezielle Bereich hat in der ökumenischen Bewegung noch keine ausreichende Beachtung gefunden, obwohl er ernsthafte Aufmerksamkeit verdient. Heilung ist ein integraler Bestandteil des kollektiven Priestertums der Kirche, in dem jeder Christ und jede Christin zum heilenden Dienst berufen ist. Und innerhalb dieses Rahmens hat das ordinierte Amt eine besondere Funktion und Berufung.

Heilung und Gerechtigkeit stehen in wechselseitiger Beziehung. Was meinen wir, wenn wir von Heilung sprechen? Die heilende Kraft Gottes wird immer dann und überall dort wirksam, wenn und wo die Kirche für kranke Menschen da ist und Solidarität mit den Unterdrückten zum Ausdruck bringt. Christus heilte nicht nur die Kranken, sondern er war auch für sie da. Er identifizierte sich nicht nur mit den Unterdrückten, sondern er bezog auch klar Stellung gegen Ungerechtigkeit. Heilung schließt notwendigerweise das prophetische Zeugnis der Kirche ein. Der heilende Dienst der Kirche darf nicht bloß als medizinische Betreuung oder seelsorgerliche Beratung verstanden werden. Er schließt soziale Diakonie und Engagement für Gerechtigkeit ein, er setzt voraus, dass die Kirche bedrückten Menschen Hoffnung schenkt, Entfremdeten Versöhnung und Ausgegrenzten Befreiung bringt. Neben medizinischer Behandlung bedeutet Heilung, gegen die Ursachen der Ungerechtigkeit vorzugehen. Die Kirche verliert ihre Identität und Glaubwürdigkeit, ihre raison d'être, wenn sie sich nicht selbst als Gottes heilende Gemeinschaft und heilendes Werkzeug versteht, das seine Mission der Verwandlung, Stärkung und Versöhnung in der Kraft des Heiligen Geistes erfüllt.

</typolist>

HEILUNG ALS VERWANDLUNG

Die Heilung, die Christus brachte (und die über körperliche Heilung hinausging), zielte letztlich darauf ab, Menschheit und Schöpfung zu verwandeln und neu zu erschaffen, indem sie eine neue Qualität in der Beziehung zwischen Gott, Menschheit und Schöpfung herstellte. Heilung, die als Verwandlung verstanden wird, setzt voraus:

1) BEKRÄFTIGUNG DES LEBENS

<typolist type="1">

Heilung ist der Beginn eines neuen Lebens in Christus. Das Leben in seiner "Fülle", "das Leben und volle Genüge", das "ewige Leben" ist in Christus Fleisch geworden. Die Verwandlung und Erfüllung aller Dinge auf Erden oder im Himmel (Kol 1,20) begann in Christus: "Ich bin gekommen, damit sie das Leben und volle Genüge haben sollen" (Joh 10,10). Alles Leben kommt von Gott. Auch die Heilung des Lebens kommt von Gott. Er ist die höchste Quelle aller Heilung. Im orthodoxen Gebet wird Gott als "Arzt unserer Seelen und Körper" beschrieben. Das Christusereignis bedeutet Verwandlung des Lebens und Beginn eines neuen Lebens (Kol 3, 9-10). Und das ist in der Tat das Ziel der Heilung. Das Leben ist eine Gabe Gottes und Heilung ist das Zeichen der Wiedergeburt des Lebens: "Siehe, ich mache alles neu" (Offb 21,5).

Heilung ist die Wiederherstellung zerbrochenen Lebens. Das Leben des Menschen und der Schöpfung wurde durch die Sünde des Menschen zerbrochen. Leben, das von seinem Schöpfer getrennt ist, ist zerbrochen, verzerrt. Christus kam, um die Ganzheit des Lebens und die Qualität des Lebens wiederherzustellen. Daher ist Heilung im Wesentlichen Neuerschaffung. Es ist die Wiederherstellung und Neuentdeckung der Ganzheit, des inneren Zusammenhalts und der Einheit des Lebens und seine Neuausrichtung auf eine neue eschatologische Zukunft in Jesus Christus. Die Verwandlung und Neuerschaffung der Schöpfung und der Menschheit fand am Kreuz statt und wurde durch die Auferstehung vollendet.

Heilung ist die Rückkehr zur Ganzheit des Lebens. Ganzheit ist ein wesentliches Merkmal der biblischen Anthropologie und des biblischen Verständnisses vom Leben (Gen 2,7; 1. Thess 5,23; Rm 12,1-2; Joh 5,1-15). Heilung ist die Wiederherstellung des Ganzen, das zerbrochen, aufgelöst, orientierungslos war. In der orthodoxen Kirche bekennt die Kirche die Sünden des Geistes und des Körpers als ein Ganzes und für alle Sünden, die in diesen verschiedenen Bereichen des menschlichen Lebens geschehen, wird Heilung gewährt. Im Gegensatz zum rationalistischen Menschenbild der Aufklärung ist das östliche theologische und philosophische Verständnis vom Menschen und allgemein vom Leben ganzheitlich geprägt. Die Überprivatisierung der Religion auf der einen Seite und die Aufspaltung der Medizin in Einzelbereiche auf der anderen haben dazu geführt, dass wir die Ganzheit des Heilens aus dem Blick verloren haben. In ihrer Definition von Gesundheit betont die Weltgesundheitsorganisation die entscheidende Bedeutung der Ganzheit. Die ÖRK-Gesundheitskommission bekräftigt ebenfalls einen ganzheitlichen Heilungsansatz und definiert Gesundheit als "einen dynamischen Zustand des Wohlbefindens des Einzelnen und der Gesellschaft, des körperlichen, seelischen, geistigen, wirtschaftlichen, politischen und sozialen Wohlbefindens; der Harmonie miteinander, mit der materiellen Umwelt und mit Gott".1 Die christliche Theologie muss jeglichen dualistischen und spaltenden Ansatz in Frage stellen und eine ganzheitliche Vision von Leben und Heilen bekräftigen.

Heilung ist Rückkehr des Lebens zu seinem Ursprung. Heilung bedeutet nicht einfach, dass die Funktion eines bestimmten Organs wieder normalisiert wird. Es bedeutet vielmehr Heiligung des Lebens durch die Wiederentdeckung der Authentizität und Qualität des Lebens, das nach dem Ebenbild Gottes erschaffen wurde. Entfremdung von Gott geschieht durch die Ablehnung der göttlichen Gabe des Lebens und die Hinwendung zu Sünde und Tod. Wir sind heute von lebenszerstörenden Mächten und lebensverändernden Werten umgeben, die verschiedene Namen und Formen annehmen. Das Lebensgefüge selbst ist in Gefahr; es ist moralisch, spirituell, physisch und ökologisch bedroht. Nur mit Christus und in der Kraft des Heiligen Geistes kann die ursprüngliche Natur und Würde des Lebens wiederhergestellt werden. Der heilende Dienst der Kirche muss primär die Heiligkeit des Lebens als Gottes Gabe bekräftigen und die Christen dazu auffordern, sich für eine Qualität des Lebens einzusetzen, die die Werte des Evangeliums widerspiegelt. Heilung bedeutet, für das Leben einzutreten. Es ist eine Einladung, zu Gott umzukehren, Buße zu tun und an das Evangelium, die Quelle wahren Lebens, zu glauben (Mk 1,15).

</typolist>

2) BEFREIUNG VON DER SÜNDE

<typolist type="1">

Heilung ist Wiederentdeckung authentischen Menschseins. Ganzheitlich verstanden, bedeutet Heilung nicht nur die Beseitigung körperlicher Krankheiten. Sie befreit den Menschen auch von körperlichen, geistigen und seelischen Übeln. Diejenigen, die sich an Christus gewendet haben, waren Sünder, Unterdrückte und Verfolgte. Die Heilung, die Christus ihnen schenkte, verwandelte ihr Leben, indem sie sie von ihrer körperlichen, geistigen und moralischen Zerbrochenheit und von der Herrschaft des Bösen und der Sünde befreite (Mk 5,34; Lk 7,50). Daher ist Heilung in all ihren Formen und Ausdrucksformen im Wesentlichen ein Kampf gegen die Mächte des Bösen, die der göttlichen Gabe des Lebens Freiheit und Würde verweigern. Die Mächte des Bösen sind nicht nur sozioökonomischer, sondern auch moralischer, spiritueller, rationaler und ökologischer Natur. Heilung zielt auf die Bekämpfung dieser Mächte und auf die Wiederentdeckung des wahren Menschseins ab. Dieses biblische Konzept muss Vorrang behalten, wenn das christliche Heilungsverständnis treibende Kraft in Heilungsprozessen werden soll.

Heilung und Erlösung stehen in wechselseitiger Beziehung. Heilung bedeutet das Leben von den bösen Mächten zu erlösen, die es bedrohen, zersetzen und verderben. Es ist ein Prozess, der zur vollkommenen Heilung in Christus führt. Daher kann Heilung im Wesentlichen mit Erlösung gleichgesetzt werden. Im Neuen Testament werden Erlösung (soteria) und Heilung (therapeuo) austauschbar verwendet (Lk 10,9; Mk 5,34; 6,56; Mt 10,7-8). Heilung ist die Verkündigung der Erlösung in Christus; sie schenkt neues Leben, indem sie die Hilflosen und Hoffnungslosen mit der lebensspendenden Kraft des Heiligen Geistes stärkt. Heilung muss im Kontext von Christi Heilsökonomie gesehen werden. Christi Heilungswunder waren keine isolierten Ereignisse, die auf sich selbst bezogen blieben; sie waren auf Erlösung ausgerichtet: "Alle, die ihn berührten, wurden gesund" (Mk 6, 55-56). Das Evangelium ist eine Botschaft, die neues Leben verheißt. In der orthodoxen Theologie und Spiritualität wird dieser wichtige Aspekt der Heilung sehr deutlich hervorgehoben.

Heilung bringt Erneuerung. Erneuerung ist eine entscheidende Dimension von Befreiung und Erlösung. Sie befreit uns von Sünde und Verderbnis und öffnet den Weg zu Gottes Zukunft in Christus. Erneuerung ist ein Neubeginn in Christus. Sie nimmt das Eschaton vorweg. Als befreiender und verwandelnder Prozess ist Erneuerung dynamisch, kreativ und ganzheitlich und umfasst das ganze Leben in all seinen Aspekten und Ausdrucksformen. Der Heilige Geist erneuert die Menschheit unaufhörlich nach dem Ebenbild Gottes (Kol 3,9-10; 2. Kor 5,17). Erneuerung ist nicht nur personenbezogen, sondern bezieht auch die ganze Menschheit und den Kosmos ein.

</typolist>

3) GEMEINSCHAFTSAUFBAU

<typolist type="1">

Heilung baut Beziehungen auf. Gemeinschaft ist eine wesentliche Dimension des menschlichen Lebens. Leben ohne Gemeinschaft wird zur Quelle von Hass und Gewalt. Biblisch gesehen bedeutet Heilung, in die Gemeinschaft mit anderen aufgenommen zu werden. In der Bibel richtet sich Heilung sowohl an die Bedürftigen als auch an die Mächtigen (Mk 5). Ein wichtiger Aspekt der Heilung liegt darin, in Harmonie miteinander zu leben und Beziehungen aufzubauen. De facto ist der Aufbau von Beziehungen grundlegend gleichbedeutend mit Gemeinschaftsaufbau. Heilung ist nicht auf eine Einzelperson als solche gerichtet, sondern hat immer mit ihrer Beziehung zu ihrem Nächsten, zur Natur und zu Gott zu tun. Durch den Einzelnen ist Heilung auf die ganze Gemeinschaft ausgerichtet. Heilung hat personenbezogenen Charakter (2. Mose 15,26; Mk 2,11; Lk 8,48; Joh 5,6) wie auch gemeinschaftsbezogene Dimensionen und Implikationen (Lk 5,12-16; 8,40-48; Mk 5,21-34). Heilung und Gemeinschaftsaufbau sind eng miteinander verbunden. Heilung bedeutet Gemeinschaftsaufbau und Gemeinschaftsaufbau setzt einen Heilungsprozess voraus.

Heilung stellt wieder eine rechte Beziehung mit der Schöpfung her. Heilung bestätigt, dass Gottes Schöpfung gut ist, indem sie die Harmonie mit der natürlichen Umwelt wiederherstellt. Die Schöpfung ist der Haushalt der Menschheit. Als Gottes eigenes Werk gehört die Schöpfung Gott, der sie der Menschheit nur anvertraut, damit sie sie im Sinne und zur Ehre des Schöpfers nutzen kann. Der Missbrauch der Schöpfung durch den Menschen ist eine Sünde gegen Gott. Die Zerbrochenheit von Gottes Schöpfung, die durch menschliche Vergehen verursacht worden ist, muss geheilt werden. Im Rahmen der Wiederherstellung der Beziehung zwischen Menschheit und Gott nimmt die Schöpfung einen wichtigen Platz ein. Sie spielt auch eine bedeutsame Rolle beim Aufbau von Gemeinschaft. Nach der orthodoxen Soteriologie umfasst die Heilsökonomie Christi die ganze Schöpfung. Dieser Dimension muss in der modernen Ökotheologie besondere Aufmerksamkeit geschenkt werden.

Als christozentrische Koinonia ist die Kirche berufen, in eine heilende Gemeinschaft hineinzuwachsen. Kirchesein bedeutet, eine "therapeutische" Gemeinschaft zu sein. Die Kirche ist aufgerufen, sich der spirituellen und körperlichen Bedürfnisse und Wunden ihrer Mitglieder anzunehmen und sich denjenigen, die der Heilung bedürfen, zuzuwenden. Sie muss Menschen an einem gegebenen Ort durch ihr sakramentales Leben, evangelistisches Zeugnis und diakonisches Engagement helfen, wieder am gesamten Leben der Kirche, an ihrer Spiritualität und ihrem Zeugnis teilzunehmen. Gemeinschaftsaufbau ist ein Prozess, der die Menschen befähigen will, ihre Entfremdung von Gott und voneinander zu überwinden. Heilung setzt die Schaffung von Harmonie, Frieden und Einheit und die Abkehr von Konflikten und Spaltungen voraus (Joh 5,6-8 und 14). Als eine neue Gemeinschaft, die von Christus aufgebaut und verwandelt worden ist, hat die Kirche eine besondere Berufung: sie muss als Vorbote eine neue Menschheit vorwegnehmen, die durch das Christusereignis heraufgeführt worden ist. Gottes Heilshandeln in der Kraft des Heiligen Geistes wird vollendet werden, wenn Christus wiederkommt in Herrlichkeit.

</typolist>

HEILUNG ALS STÄRKUNG

Im Neuen Testament wird Heilung auch so verstanden, dass die Hilflosen und Marginalisierten gestärkt und befähigt werden, sich gegen die Mächte des Bösen zu erheben. Die Wunder Jesu sind "Taten und Wunder und Zeichen" (Apg 2,22). Heilung geschieht, wenn Gottes Macht durch den Heiligen Geist in Jesus Christus wirksam wird (Lk 4,14). In einer Welt, die von den Mächten der Globalisierung und wachsendem Militarismus, Unilateralismus und verschiedenen anderen "Ismen" beherrscht wird, ist die Frage der Macht zu einer Angelegenheit geworden, die von größerer Bedeutung ist als je zuvor. Welches sind die Herausforderungen und Implikationen des christlichen Verständnisses von Macht als Quelle der Heilung, der Verwandlung und der Stärkung?

1) MACHT ALS UNTERDRÜCKENDE UND BEFREIENDE KRAFT

<typolist type="1">

Definition von Macht. Macht ist ein unklares, ambivalentes Konzept. Sie kann sowohl konstruktiv als auch destruktiv, gut und böse sein und sowohl Ganzheit als auch Entfremdung schaffen. Macht wird im Allgemeinen mit Herrschaft und Zwang, mit Absolutheitsanspruch und Gewalt in Verbindung gebracht. Der paradoxe Charakter der Macht (dynamis) tritt auch in der Bibel deutlich hervor; Macht bedeutet hier, "zu etwas in der Lage zu sein", und impliziert die Fähigkeit, sowohl Gutes als auch Böses zu tun, wobei dies allerdings keinen Dualismus beinhaltet. Menschliche Macht wird immer ambivalent und anfällig bleiben.

Einsatz von Macht. Gottes Macht, die in Christus Fleisch geworden ist, ist befreiend, heilend und verwandelnd. Daher wird nicht Macht als solche in Frage gestellt, sondern es geht um den richtigen Einsatz von Macht. Macht darf nicht eingesetzt werden, um sich anderer zu "bemächtigen", sondern muss dazu dienen, sie zu "ermächtigen". Sie muss eingesetzt werden, um die Würde des Menschen und die Qualität des Lebens wiederherzustellen. Machtausübung muss stets von Gerechtigkeit getragen sein. Jede Form der Macht, die den Mächtigen noch mehr Macht gibt und den Machtlosen weiter den Boden unter den Füßen entzieht, ist schlicht und einfach Machtmissbrauch. Der ÖRK hat Ausnutzung und Missbrauch der Macht, die Gott uns in Christus als Quelle der Liebe und Befreiung geschenkt hat, häufig verurteilt. Willkürliche und ungerechte Machtausübung führt zu Korruption,Unterdrückung und Entmenschlichung.

Ethisch-moralische Kriterien bei der Ausübung von Macht. Macht darf sich nicht auf Gewalt stützen; sie muss auf Werten aufbauen. Sie darf nicht für persönliche Zwecke benutzt werden, sondern muss dem Gemeinwohl dienen. Macht muss durch ethische Prinzipien untermauert sein und verantwortlich eingesetzt werden. Wir werden heute Zeugen einer Krise, die auf das Fehlen klarer Kriterien in allen Bereichen und auf allen Ebenen des öffentlichen Lebens, einschließlich der Religion, zurückzuführen ist. Die Weltordnungspolitik verfällt, weil es keine klaren ethisch-moralischen Kriterien gibt. Macht muss von klaren ethisch-moralischen Prinzipien geleitet sein; andernfalls entwickelt sie sich zu einem Werkzeug des Bösen. Die Rolle der Religion im Blick auf das richtige Verständnis und die verantwortliche Ausübung von Macht ist überaus wichtig, da Macht für viele Religionen und Gesellschaften ihren eigentlichen Ursprung in der Religion hat.

</typolist>

2) DIE KIRCHE IST ÜBERBRINGERIN DER HEILENDEN MACHT GOTTES

<typolist type="1">

Von der Ambivalenz der Macht zur notwendigen Verwandlung der Macht. Christus hat den Jüngern "Gewalt und Macht über alle bösen Geister" gegeben und "dass sie Krankheiten heilen konnten" (Lk 9,1; Mt 10,1; Mk 3,15; Apg 1,8). Als Überbringerin von Gottes heilender Macht ist die Kirche aufgerufen, Gottes Werkzeug der Verwandlung und Stärkung zu werden. Die Macht der Kirche äußert sich im Dienen und nicht im Beherrschen, in Liebe und nicht in Unterdrückung, im Miteinanderteilen und nicht in einem Absolutheitsanspruch. Unterschiedliche Formen des Machtmissbrauchs im Rahmen kirchlicher Einrichtungen lassen in unseren Kirchen häufig heftige Kritik laut werden. Die Kirche ist aufgerufen, das Dilemma und die Arroganz der Macht zu heilen. Sie ist aufgerufen, die Macht der Welt in Frage zu stellen, nicht aber sie nachzuahmen; das Sprachrohr der Machtlosen zu werden und zu verkündigen, dass der Haushalt Gottes sich als erster dem Gericht stellen muss. Die CWME-Konferenz in Melbourne erklärte: "Unsere Antwort auf Entmenschlichung und Unterdrückung darf nicht so klingen, als würde eine unschuldige Kirche zu einer schuldigen Welt sprechen, denn wir wissen zu unserer Schande, dass Macht, die im Namen der Kirche (in der empirischen Wirklichkeit ihrer irdischen Gestalt) ausgeübt wird, missbraucht werden kann".

Von gewaltsamer zu gewaltfreier Macht. Die Macht der Gewalt breitet sich in allen Gesellschaften aus und ist allgegenwärtig. Macht ist heute fast synonym mit Kultur des Todes. Das biblische Konzept der Macht ist lebensspendend und lebenserhaltend. Es ist eine Macht, die Zusammenhalt und Frieden, Gerechtigkeit und Kreativität fördert. Es ist eine Macht, die den gewaltlosen Widerstand zur Verteidigung von Freiheit und Menschenwürde stärkt. Gewaltfreie Macht ist nicht Abwesenheit von Macht, sondern vielmehr die Ablehnung von Gewalt als Ausdruck von Macht und als Mittel zur Wiederherstellung von Gerechtigkeit und Frieden. Wie kann die Kirche ein Verständnis von Macht entwickeln und fördern, das an gewaltfreier Macht als Kriterium und Vorbild festhält? Die Dekade zur Überwindung von Gewalt, die der Rat vor fünf Jahren eröffnet hat, bietet den Kirchen und der ökumenischen Bewegung diese Möglichkeit und den Rahmen, um diese gewaltige und dringende Aufgabe anzugehen.

Von der Selbstgenügsamkeit zur Verletzlichkeit der Macht. Alle Ausdrucksformen menschlicher Macht sind unvollkommen und begrenzt. Gott allein ist die höchste Quelle aller Macht. Jedwede Ausdrucksform oder Struktur menschlicher Macht, die meint, sich selbst genug zu sein, ist in ethisch-moralischer und geistiger Hinsicht eine Quelle des Bösen. Dieses Gefühl der Selbstgenügsamkeit führt zu Machtmissbrauch, der seinerseits Hass, Entfremdung und Gewalt erzeugt. Die Grenzen und Begrenzungen menschlicher Macht müssen klar definiert werden und nicht nur in der Theorie, sondern auch in der Praxis müssen insbesondere diejenigen, die sich nur auf sich selbst verlassen wollen, die Verletzlichkeit der Macht eingestehen.

Von absoluter zu rechenschaftspflichtiger Macht. Menschliche Macht ist Gott unterstellt. Der Mensch hat die Macht als Gabe Gottes erhalten; daher darf er sie nur innerhalb der Grenzen von Gottes Heilsplan für die ganze Menschheit und Schöpfung einsetzen. Diejenigen, die Macht als absolut ansehen und sie in dieser Weise ausüben, lehnen sich gegen Gott auf. Jede Form der Macht, der es an Transparenz und Rechenschaftspflicht mangelt (z.B. Macht, die Menschen politisch unterdrückt, wirtschaftlich ausbeutet oder sozial ausgrenzt) ist korrupt, unterdrückerisch und entmenschlichend. Menschliche Macht unterliegt immer Gottes Urteil; und sie muss im Bewusstsein der Rechenschaftspflicht gegenüber den Menschen und Gott ausgeübt werden.

Von zentralisierter zu geteilter Macht. Alle zentralisierten und exklusiven Machtstrukturen sind früher oder später zum Scheitern verurteilt. Jedes Machtverständnis und jede Machtausübung, die nicht auf den Rechten der Völker, ihrer Beteiligung und ihrem Mitspracherecht basieren, stellen einen Missbrauch dar. Während es bei der einseitigen Ausübung von Macht einen Ausbeuter und einen Ausgebeuteten gibt, fördert geteilte Macht Gerechtigkeit und Fortschritt, Beteiligung und Gemeinschaftsaufbau. Während erstere zu einer Macht des Bösen wird, wird letztere zu einer Quelle der Kreativität. Wenn Macht geteilt wird, werden Menschen gestärkt und handlungsfähig gemacht und dies wiederum schafft gegenseitige Stärkung und Vertrauen. Die Macht muss in den Händen des Volkes liegen, von ihm delegiert werden und ihm zu Diensten sein.

</typolist>

3) FÜR EINE MACHT, DIE VERWANDELT

<typolist type="1">

Macht als verwandelnde Kraft. Der Glaube an Christus ist eine Quelle der Kraft; er gibt die Macht zu heilen und zu verwandeln: "Dein Glaube hat dich geheilt" (Mk 5,34). Die Macht des Evangeliums hat verwandelnden Charakter: durch sie können Blinde sehen, Lahme gehen, Aussätzige werden rein, Taube hören, Tote stehen auf (Lk 7,22). Heilung als verwandelnde Macht stellt wieder her, erneuert und schafft einen neuen Anfang. Die Heilsökonomie Christi ist in dieser besonderen Perspektive das Kommen des Reiches Gottes und seine Konfrontation mit den Mächten des Gegenreiches (Lk 9,1), die darauf abzielt, das, was gefallen und entstellt war, zu verwandeln. Als "Taten und Wunder und Zeichen" (Apg 2,22) sind Christi Heilungswunder Zeichen, dass die Macht des Reiches Gottes die Macht des Satans gebrochen hat (Lk 10,18) und dass die Verwandlung der Welt hier und jetzt Wirklichkeit geworden ist.

Verwandelnde Macht hat kosmische Wirkung. Verwandelnde Macht ist nicht auf einzelne Personen und Gemeinschaften begrenzt. Sie ist Gottes Werkzeug für die Verwirklichung seines Heilsplans für die ganze Menschheit und Schöpfung (Offb 21, 3-4). Verwandelnde Macht will eine Menschheit nach dem Bilde Gottes schaffen; sie strebt die Fülle, Ganzheit und Qualität des Lebens an, das in Christus Fleisch geworden ist; sie will eine gerechte, verantwortliche und partizipatorische Gesellschaft herbeiführen, die von den Werten des Evangeliums gelenkt wird; sie kämpft für eine Schöpfung, die gemäß Gottes Heilsplan genutzt und nicht für menschliche Interessen ausgebeutet wird. Mit anderen Worten, das christliche Machtverständnis geht von einer Gesellschafts- und Schöpfungsvision aus, die in Christus offenbart worden ist. Die alten Kirchenväter betonten nachdrücklich den ganzheitlichen Charakter und die kosmische Dimension von Gottes verwandelnder Macht in Christus. Dieses wichtige Merkmal der patristischen Theologie, das im orthodoxen theologischen Denken auch heute noch sehr lebendig ist, muss angesichts der wachsenden Bedeutung von Ökologie und Globalisierung für die moderne Theologie ernst genommen werden.

Die Kirche ist Werkzeug der verwandelnden Macht Gottes. Christus wurde vom Heiligen Geist bevollmächtigt, "zu verkündigen das Evangelium den Armen, zu predigen den Gefangenen, dass sie frei sein sollen und den Blinden, dass sie sehen sollen, und den Zerschlagenen, dass sie frei und ledig sein sollen." (Lk 4, 18-19). Als Werkzeug des Reiches Gottes ist die Kirche dazu berufen, diese Mission fortzuführen, indem sie die "Mächte und Gewalten" dieser Welt bekämpft. (Eph 1, 21; Kol 2, 10). Sie muss sich der Macht, die in allen Bereichen der Gesellschaft entmenschlichende Tendenzen entwickelt, widersetzen und durch aktive Evangelisation, Diakonie und prophetisches Zeugnis zu einem dynamischen Werkzeug der verwandelnden Macht Gottes werden. Als verwandelte Gemeinschaft und neue Schöpfung muss die Kirche in ihrem eigenen Leben und ihrer eigenen Mission Gottes verwandelnde Macht als Quelle der Heilung und Stärkung offenbaren. In einer von bösen Mächten beherrschten Welt müssen die Werte des Evangeliums als Korrektiv für das Machtverständnis und die Machtausübung der Kirche fungieren. Die Werte des Evangeliums stärken die Armen, die Unterdrückten, die Entfremdeten und machen sie handlungsfähig. Sie geben den Menschen die Kraft, sich selbst in Würde, in Frieden mit Gerechtigkeit zu organisieren und Verantwortung zu übernehmen.

</typolist>

4) GOTTES MACHT WIRD DURCH MACHTLOSIGKEIT OFFENBART

<typolist type="1">

Gottes Macht ist die Macht der Liebe.  Nach biblischem Verständnis ist Macht Gottes Gabe der Gnade und Liebe, die er den Menschen ohne Gegenleistung schenkt. Daran erinnert Paulus uns mit folgenden Worten: "Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit." (2. Tim 1,7). Macht und Liebe sind eng miteinander verbunden. Gottes Macht in Jesus Christus nahm die Form von Selbsthingabe und Selbstentäußerung an. Christus forderte die menschliche Macht mit dem Kreuz heraus; er überwand das Böse mit der Macht der Liebe. Die Liebe ist die innere Mitte der Macht des Evangeliums. Daher ist die Macht des Evangeliums gekennzeichnet durch Machtlosigkeit, sie ist Gottes Kenosis. Christus heilte uns und gab uns Kraft, indem er unsere Krankheiten auf sich nahm. "Durch seine Wunden sind wir geheilt worden." (1. Petr 2,24). Das Kreuz, der höchste Ausdruck der Machtlosigkeit, wurde zur konkreten Manifestation der Macht Gottes (1. Kor 1,17-18; Röm 1,16; Phil 3,10-11). Die Kenosis Christi ist nicht Ausdruck von Schwäche, sondern von einer sich selbst hingebenden Macht, der Macht der Liebe: "Denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig" (2. Kor 12,9). In der Machtlosigkeit liegt die Macht: "Die Schwachheit Gottes ist stärker als die Menschen sind" (1. Kor 1,25). Paulus sagt: "Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit …, denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark" (2. Kor 12,12; 13,4). Welch ein Paradox! Wenn Gottes Liebe tätig wird, dann finden Heilung, Stärkung und Verwandlung statt.

Gottes Machtlosigkeit ist lebensspendend. Gottes Leiden in Christus wurde zu einem lebensspendenden Ereignis, einer Quelle der Heilung. Die Botschaft des Evangeliums lautet, dass Gott durch Christus dem Tod den Stachel nahm und ihn seiner Macht beraubte (Kol 2,15). Daher ist die Macht des Kreuzes lebensspendend und nicht lebenszerstörend; durch sie ist die Macht des Todes gebrochen worden. Gottes Machtlosigkeit ist seine heilende, stärkende und verwandelnde Macht. Mit anderen Worten, Gott hat durch das Kreuz Anteil an unserer Zerbrochenheit und durch die Auferstehung hat er unser wahres Menschsein wiederhergestellt, hat unser Leben neu geschaffen, erneuert und verwandelt. In meiner Kirche singen wir während der Eucharistiefeier: "Durch seinen Tod hat Christus den Tod mit Füßen getreten und durch seine Auferstehung hat er uns Leben geschenkt." Das Kreuz ist Ausdruck von Gottes Kenosis; die Auferstehung ist Ausdruck von Gottes lebensspendender Macht. Dies geschieht an jedem und an allen Orten, wenn die Eucharistie gefeiert wird. Ein Leben, das von Kenosis getragen wird, entspricht der Lebensweise, die Christus uns offenbart hat.

Gottes Machtlosigkeit ist für die Kirche Quelle der Stärkung. Gottes Macht, die Jesus Christus verkündet hat, ist Abkehr von den Mächten dieser Welt und die Manifestation seiner Gnade und Liebe in Machtlosigkeit. Gottes Heilshandeln in Christus stärkt die Machtlosen; es befreit den Menschen, gibt ihm seine Menschlichkeit und verwandelt ihn. Christus, der Mächtige, verzichtete auf seine Macht, um die Machtlosen zu stärken. Gestärkt durch Christus muss die Kirche ihren Auftrag erfüllen, die Mächte dieser Welt zu bekämpfen, die einen dämonischen Einfluss auf die Gesellschaft ausüben. Die Kirche steht nicht auf der Seite der Macht, sondern der Machtlosigkeit, sie ist nicht mit den Mächtigen, sondern mit den Machtlosen. Die Kirche muss alles Tun, das darauf abzielt, sich anderer zu "bemächtigen" kritisch hinterfragen und alles unterstützen und selbst tun, was andere "ermächtigt".2 Dies setzt Aufklärungsarbeit, Bewusstseinsbildung und die Ablehnung korrupter sozioökonomischer Systeme und unterdrückerischer Regime voraus. Die Kirche bleibt machtvoll in ihrer Machtlosigkeit, solange sie dem Bund, den Gott durch Christus mit der Menschheit geschlossen hat, ihre Treue bewahrt. Die Stärkung der Kirche durch Christus gibt der Kirche die Kraft zum prophetischen Kampf gegen Gewalt und Ungerechtigkeit. Diese Stärkung ist Quelle der Heilung, Verwandlung und Versöhnung.

</typolist>

HEILUNG ALS VERSÖHNUNG

Versöhnung ist die Frucht der Heilung. In der Bibel gibt es zahlreiche Versöhnungsgeschichten. Das Christusereignis stellt eine Quelle und eine Botschaft der Versöhnung dar (2. Kor 5,18-20). Woran kann man nun aus christlicher Sicht Versöhnung erkennen, welches sind ihre Unterscheidungsmerkmale?

1) VERSÖHNUNG IST EIN HEILUNGSPROZESS

<typolist type="1">

Gott in Christus ist der Konvergenzpunkt der Versöhnung. Versöhnung (katallage) geht von Gott aus; sie ist Gottes Erlösungswerk in Christus: "Denn es hat Gott wohlgefallen, dass in ihm alle Fülle wohnen sollte und er durch ihn alles mit sich versöhnte, es sei auf Erden oder im Himmel, indem er Frieden machte durch sein Blut am Kreuz" (Kol 1, 19-20). In Christus hat Gott die Menschheit und die Schöpfung mit sich versöhnt und eine neue Menschheit geschaffen (2. Kor 5,17-21; 5,19ff.). Die Versöhnung hat drei Dimensionen, die in Wechselbeziehung miteinander stehen: Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, Versöhnung unter den Menschen und Versöhnung der ganzen Schöpfung. Als Prozess der Heilung und Verwandlung ist die Versöhnung multidimensional und allumfassend. Sie bedeutet im Wesentlichen Umkehr zu Gott und Wiederherstellung des Ebenbilds Gottes im Menschen. Gott wurde Mensch, um die Menschen mit sich selbst zu versöhnen und so zu heilen.

Versöhnung ist ein Prozess, in dessen Mittelpunkt das Kreuz das steht. Versöhnung geschieht nicht durch menschliche Macht, sondern durch Gottes Machtlosigkeit in Christus. Gott identifizierte sich mit dem Leiden der Menschheit, um es zu heilen. Christus versöhnte uns durch sein Blut mit Gott (Röm 5,1). Versöhnung ist kein einfacher Prozess; sie beinhaltet Risiken und Opfer. Um zu erfahren, welche Macht der Sieg des Lebens über den Tod hat, muss man einen Prozess der Kenosis durchlaufen (Phil 2,6-7). Heilung impliziert Leiden; Versöhnung setzt Opfer voraus. Leiden wirkt erlösend, wenn es von spirituellen und ethisch-moralischen Werten und von einer Vision getragen wird, in deren Mittelpunkt das Leben steht. Leiden wird zu einem Prozess der Verwandlung, wenn es einen neuen Anfang anstrebt. Gottes Gnade und Liebe werden durch Kenosis offenbart. Neue Hoffnung und neues Leben entstehen, wenn wir am Kreuz Christi teilhaben. Ohne das Kreuz wird die Versöhnung zu einem politischen Konsens, der vorläufigen Charakter und begrenzte Wirkung hat.

Versöhnung ist ein vertrauensbildender Prozess. Wahre Versöhnung ist mehr als eine politische Vereinbarung; sie stellt einen Bewusstseinswandel, eine Verwandlung der inneren Einstellung, eine Heilung der Erinnerungen dar. Versöhnung reißt den Zaun der Feindschaft nieder (Eph 2, 14) und eröffnet neue Möglichkeiten der Annäherung und einen Raum für dynamische, kreative Interaktion. Gegenseitiges Zuhören schafft Verständnis füreinander und stärkt das gegenseitige Vertrauen. Vertrauensbildung ist in der Tat von zentraler Bedeutung für den Heilungsprozess. Wahre Versöhnung will primär Brücken über religiöse, soziale und kulturelle Trennlinien hinweg bauen. Viele Gesellschaften leiden unter Spannungen und Konflikten zwischen Gemeinschaften, die durch religiöse und ethnische Faktoren angeheizt worden sind. Vertrauensbildung verwandelt Konfrontation in Versöhnung und ermöglicht es daher Religionen, Kulturen und Zivilisationen, harmonisch und verantwortlich als eine Gemeinschaft zusammenzuleben. Vertrauensbildung stellt heute eine große Herausforderung dar.

Versöhnung ist ein gemeinschaftsbezogener Prozess. Versöhnung stellt eine Antwort auf Zerbrochenheit, Fragmentierung, Feindschaft, Entfremdung und verzerrte Beziehungen dar. Daher ist Gemeinschaftsaufbau von zentraler Bedeutung für den Heilungs- und Verwandlungsprozess. Gott hat uns in Christus mit sich selbst und miteinander versöhnt, indem er uns zu einer Koinonia hat werden lassen. Versöhnung die über den Einzelnen hinausgeht und die ganze Gemeinschaft umfasst, ist ein Prozess, der sich am Menschen orientiert; Menschen, nicht Ideen, müssen miteinander versöhnt werden. Daher darf Versöhnung nicht nur als modus vivendi von Positionen verstanden werden. Als Heilungsprozess muss Versöhnung im gemeinsamen Leben und Bewusstsein der Menschen verwurzelt sein und Auswirkungen auf alle Bereiche und Dimensionen der Gemeinschaft haben. Versöhnung entschärft Spannungen nicht per se; sie verwandelt eine Gemeinschaft vielmehr, indem sie ein neues Wertesystem einführt und die kreative Interaktion von Vielfalt und sogar von Spannungen fördert. Versöhnte Vielfalt und geklärte Beziehungen stellen sicher, dass die Gemeinschaft sich ganzheitlich entwickelt.

Dienst der Versöhnung: Gottes Auftrag an die Kirche. In Gottes unaufhörlichem Versöhnungswerk in der Kraft des Geistes und durch Christus ist die Kirche "Botschafterin Gottes"; ihr ist der Dienst der Versöhnung aufgetragen worden (2. Kor 5,18-20), der die innere Mitte der missio dei der Kirche darstellt: "durch unseren Herrn Jesus Christus haben wir jetzt die Versöhnung empfangen" (Röm 5,11). Die Kirche hat nicht nur von Christus den Auftrag erhalten, diesen Dienst wahrzunehmen; sie ist auch dazu berufen, Keimzelle und Vorbild einer versöhnten Gemeinschaft zu sein. Versöhnung gehört zum eigentlichen Sein und zum Werden der Kirche. Versöhnung geht nicht rückwärts, indem sie den status quo ante wiederherstellt. Versöhnung geht vorwärts auf eine neue Zukunft hin. Indem Gott die Zerbrochenheit der Welt verwandelt und sie mit sich selbst versöhnt hat, hat er eine neue Zukunft eröffnet und eine neue Gemeinschaft ins Leben gerufen. Die neue Zukunft und die neue Schöpfung sind in Christus Wirklichkeit geworden. In einer Welt, die von Spaltungen und Konflikten zerrissen ist, ist es von größter Dringlichkeit, dass wir versöhnte Gemeinschaften aufbauen, in denen Unterschiede respektiert, Konflikte überwunden und gegenseitiges Vertrauen aufgebaut werden. Um verantwortlich einen solchen Dienst zu erfüllen, muss die Kirche selbst eine versöhnte Gemeinschaft werden.

</typolist>

2) SCHULDBEKENNTNIS UND VERGEBUNG: DER WEG ZUR VERSÖHNUNG

<typolist type="1">

Vergebung: eine Gabe und eine Aufgabe. Vergebung zur Heilung der Erinnerungen nimmt einen wichtigen Platz auf der Tagesordnung moderner Gesellschaften ein. Sie ist Teil der öffentlichen Diskussion und des öffentlichen Diskurses geworden. Ethnische Gruppen, Nationen, Staaten und selbst Religionen setzen sich auf die eine oder andere Weise mit diesem Thema auseinander. Leider hat die Vergebung viel von ihrer Bedeutung verloren; im Allgemeinen wird sie einfach erwartet und billig angeboten. In der Bibel kommt der Vergebung (aphesis) hingegen besondere Bedeutung zu, sie impliziert Befreiung, Freiwerden von Sünde, Schuld oder Schulden. Nur Gott kann menschliche Sünden vergeben (Lk 5,21; 7,49), denn Gott ist die Quelle der Liebe. Da Vergebung eine Gabe Gottes ist, stellt sie auch eine Aufgabe dar, die von seiner Kirche erfüllt werden muss (Mt 5,23-24; Joh 20,21-23; 2. Kor 5,19). Somit ist die Kirche mit göttlicher Macht ausgestattet, um Sünden zu vergeben und Menschen und Gemeinschaften zu Heilung und Versöhnung zu führen. Im Nizänum bekennen wir: "Ich glaube an die Vergebung der Sünden". Vergebung ist ein wesentlicher Aspekt des christlichen Glaubens und eine entscheidende Dimension der christlichen Berufung. Heilung und Versöhnung setzen Vergebung voraus.

Vergebung bedeutet nicht, die Vergangenheit zu ignorieren. Vergebung ist vielmehr Heilung der Vergangenheit. "Vergeben ist nicht Vergessen; Vergeben bedeutet vielmehr, dass wir uns in anderer Weise erinnern."3 Wir müssen uns der Vergangenheit mutig stellen und sie in verantwortlicher Weise hinterfragen. Vergebung bedeutet auch, dass wir mit neuem Glauben, neuer Hoffnung und neuer Vision in die Zukunft blicken. Vergebung beinhaltet die Selbstverpflichtung zu einem gemeinsamen Leben in Frieden mit Gerechtigkeit und fordert darüber hinaus sowohl den Vergebenden als auch den, der Vergebung erfährt, dazu heraus und gibt ihnen die Kraft, die gemeinsame Aufgabe der Schaffung einer hoffnungsvollen Zukunft in Angriff zu nehmen, indem sie sich von der Bitterkeit der Vergangenheit befreien. Die Vergangenheit mit ihren Wunden zu vernachlässigen, trägt nicht dazu bei, eine versöhnte Gemeinschaft aufzubauen. Die Verdrängung verletzter Erinnerungen führt nicht dazu, dass Menschen nach vorne schauen und sich für eine neue Zukunft einsetzen. Vergebung ist der Anfang aller Heilung. Indem wir uns zu unserer Vergangenheit bekennen, heilen und versöhnen wir unsere Erinnerungen und verwandeln unsere Wunden.

Die Wahrheit zu akzeptieren, ist eine conditio sine qua non für Vergebung. Schuld muss eingestanden werden; die Wahrheit muss gesagt werden. Das Eingeständnis der ganzen Wahrheit ist der erste konkrete und hoffnungsvolle Schritt zu einem neuen Anfang. Heilung geschieht hauptsächlich dann, wenn die Wahrheit gesagt wird. Erlauben Sie mir in diesem Zusammenhang, an die leidvolle Geschichte meines eigenen Volkes zu erinnern. In diesem Jahr werden meine Kirche und mein Volk des 90. Jahrestags des armenischen Völkermords gedenken. Im Ersten Weltkrieg 1915 wurden eineinhalb Millionen Armenier von der ottomanisch-türkischen Regierung nach präzisen Plänen systematisch ermordet. Obwohl meine Generation die tragische Vergangenheit nicht direkt miterlebt hat, hat der armenische Genozid doch starke Auswirkungen auf unsere spirituelle und intellektuelle Entwicklung gehabt. Die Vergangenheit lässt die Opfer nicht los; solange diese Vergangenheit nicht in angemessener Weise anerkannt wird, können wir sie nicht verarbeiten. In einem Vorbereitungspapier für die CWME-Konferenz wird mit Nachdruck festgestellt: "Heilung setzt voraus, dass das Schweigen gebrochen wird und dass die Wahrheit ans Licht kommen kann. Heilung ermöglicht das Eingeständnis von zuvor verdecktem Missbrauch."

Vergebung muss zur Versöhnung der Erinnerungen führen. Erinnerungen sind eine lebendige Geschichtsquelle und ein wesentlicher Aspekt des Selbstverständnisses. Im Versöhnungsprozess müssen Räume geschaffen werden, in denen verletzte Erinnerungen geheilt, verwandelt und versöhnt werden können. Gesundheitsexperten haben entdeckt, dass Vergebung eine hochwirksame psychotherapeutische Heilmethode darstellt.4 Wenn Erinnerungen nicht geheilt werden, halten sie uns in der Vergangenheit gefangen; wenn sie durch Schuldeingeständnis und Vergebung geheilt werden, geben sie uns die Kraft, Beziehungen neu aufzubauen, uns gegenseitig zu vertrauen und anzunehmen und in einen Prozess der Verwandlung einzutreten. Ungeheilte Erinnerungen führen zu Gewalt, Hass und Spaltung. Vergebung als Antwort auf ein Schuldeingeständnis stellt einen entscheidenden Faktor im Heilungs- und Versöhnungsprozess dar. Durch die Vergebung nehmen wir einander in Wahrheit und Gerechtigkeit an. Vergebung ist teuer; sie ist nur möglich, wenn begangenes Unrecht eingestanden wird. Das Eingeständnis von Schuld ist damit eine Vorbedingung für wahre Heilung und Versöhnung.

Vergebung muss Gerechtigkeit bewirken. Gerechtigkeit steht im Mittelpunkt des Versöhnungsprozesses. Mit Gerechtigkeit meine ich nicht strafende Gerechtigkeit; ich meine vielmehr wiedergutmachende und verwandelnde Gerechtigkeit, die die Grundlage wahrer Heilung und Versöhnung sind. Dieser Prozess muss sowohl das Opfer als auch den Täter einbeziehen, die beide eine wichtige Rolle in einem auf Gerechtigkeit ausgerichteten Versöhnungsprozess spielen. Straffreiheit setzt Ungerechtigkeit fort; aber mit der Bestrafung des Täters ist es nicht getan. Zweck des Schuldeingeständnisses und der Vergebung ist die Versöhnung. Wahrheit und Gerechtigkeit müssen in den Dienst von Heilung und Versöhnung gestellt werden. Im Prozess der Wahrheitssuche und Versöhnung in Südafrika wurde vor "billiger Versöhnung", also Versöhnung ohne Gerechtigkeit, gewarnt. Nur wiedergutmachende Gerechtigkeit kann wahre Versöhnung herbeiführen. Der Heilungsprozess beinhaltet, die Machtlosen zu stärken, sich an ihre Seite zu stellen und für Gerechtigkeit und Versöhnung zu kämpfen. Versöhnung als Gottes Heilshandeln befreit uns von Zerbrochenheit und Angst und lässt uns zu einer neuen und verwandelten Gemeinschaft werden (Röm 5,6-11; 2. Kor 5,17).

</typolist>

AUF DEM WEG ZU EINER MISSION DER HEILUNG IN EINER ZERBROCHENEN WELT

1) EINE ERNEUERTE MISSION DER HEILUNG

Die Vollversammlung in Vancouver (1983) erklärte: "Die Kirche lebt und wirkt in einer Welt, deren Zerrissenheit und Zwietracht sich nicht nur in Krankheit und Konflikt ausdrücken, sondern auch in der Abdrängung an den Rand und der Unterdrückung zahlreicher Menschen aus wirtschaftlichen, rassischen, politischen und kulturellen Gründen. In dieser Situation ist die Kirche aufgefordert, ihr heilendes Amt ganzheitlich zu erfüllen und sich in dieser Praxis ständig erneuern zu lassen durch die Kraft der Liebe Christi, die die Grundlage dieses Amtes ist."5 Der Aufruf von Vancouver zur Erfüllung des heilenden Amtes ist heute dringlicher denn je. Die Kirche muss diese Mission der Heilung vor allem als Mission der Verwandlung, Stärkung und Versöhnung verstehen und ausüben.

<typolist type="1">

Die Menschen fühlen sich von der Zerbrochenheit der Welt heute existenziell und akut bedroht. Sie befinden sich in einem Zustand tiefer Angst und Unsicherheit. Die Welt verstrickt sich in ihren Widersprüchen und die Bedrohung wächst. Aufgrund mangelnden gegenseitigen Vertrauens und fehlender Toleranz kommt es zu Polarisierungen und zunehmender Gewaltbereitschaft unter Gemeinschaften. Gibt es für die Kirche eine glaubwürdigere und dringendere Aufgabe, als zum wahren Werkzeug von Gottes heilender, verwandelnder, stärkender und versöhnender Macht zu werden? Mit menschlicher Macht konfrontiert, hat Christus seine Machtlosigkeit offenbart; menschlicher Überheblichkeit ist er mit Demut begegnet, menschlichem Hass mit Liebe, menschlichen Spaltungen mit Versöhnung; angesichts der Sünde der Menschen hat er seine Erlösung und angesichts des menschlichen Todes hat er sein Leben offenbart. Dies war der Weg, den Christus gegangen ist, und diesen Weg muss auch die Kirche gehen. Gottes Mission erfordert eine heilende Kirche inmitten einer zerbrochenen, fragmentierten und entfremdeten Welt.

Wir müssen die Ekklesiologie der Alten Kirche neu entdecken, für die Heilung ein integraler Bestandteil ihres Kircheseins war. Wir müssen auch die ganzheitliche Vision von der Mission der Kirche neu entdecken, die Heilung als zentralen Bestandteil der Berufung der Kirche versteht. Das zunehmende Interesse an Heilung, das in unseren Kirchen in unterschiedlicher Weise und in unterschiedlichem Ausmaße zum Ausdruck kommt, ist in der Tat ein ermutigendes Zeichen. Es muss jedoch festere Strukturen, wirksameren Ausdruck und eine klarere Ausrichtung bekommen. In unserer missionstheologischen Reflexion und unserem missionarischen Engagement muss die zentrale Stellung des heilenden Dienstes der Kirche nachdrücklich betont werden. Der besondere Charakter des christlichen Heilungsverständnisses muss klar zum Ausdruck gebracht werden: wir müssen erstens Glaubensheilungen und medizinische Heilungen miteinander verbinden, zweitens gemeinschaftsbezogene und ökologische Dimensionen der Heilung ernst nehmen und drittens Heilung als Prozess verstehen, der auf Erlösung ausgerichtet ist.

Neben ekklesiologischen und missionstheologischen Faktoren spielen auch soziokulturelle Praktiken (vor allem in afrikanischen und süd- und nordamerikanischen Kulturen) eine wichtige Rolle bei der Neugestaltung und Stärkung des heilenden Dienstes der Kirche. Die Art und Weise, wie diese Kulturen Heilung praktizieren, wirft einige wichtige Fragen auf. Erstens ist die Kirche als Ganze zum heilenden Dienst beauftragt. Gott benutzt auch einzelne Menschen als Werkzeuge seiner heilenden Macht, aber dies muss innerhalb des heilenden Dienstes der Kirche geschehen und nicht in isolierter und selbstbezogener Weise. Zweitens darf die Ausübung des heilenden Dienstes durch Einzelpersonen keine Form finanzieller Transaktion einschließen. Dies würde die heilende Macht der Kirche verzerren. Drittens, obwohl die Verwendung indigener kultureller Praktiken und Gebräuche im heilenden Dienst ein Zeichen von Stärke und reicher Vielfalt ist, kann sie doch leicht zu Synkretismus führen, wenn die kulturellen Praktiken als Normen angesehen und nicht am Evangelium gemessen werden.

Zwischen gemeinschafts- und personenbezogenen Ansätzen in der heilenden, stärkenden und versöhnenden Mission der Kirche muss ein Gleichgewicht hergestellt werden. Besondere Aufmerksamkeit muss der Familie geschenkt werden, die heute in vielen Gesellschaften moralisch und spirituell zerbrochen und orientierungslos ist. Heilung und Wiederaufbau von Gemeinschaften müssen bei der Familie anfangen. Christliche Erziehung und Bildung müssen diesen Heilungsprozess begleiten. Ein erneuerter heilender Dienst ist auch dazu aufgerufen, dem prophetischen Zeugnis der Kirche in seinen vielfältigen Aspekten und Ausdrucksformen größere Wirksamkeit zu geben.

</typolist>

2) HEILUNG: EINE ÖKUMENISCHE PRIORITÄT

Welche Implikationen hat die Erneuerung der heilenden Mission für die ökumenische Bewegung? In meinem Bericht an die Vollversammlung in Harare (1998) habe ich gesagt: "Die Kirchen sind herausgefordert, ihre Ressourcen uneingeschränkt zur Heilung der menschlichen Gebrochenheit einzusetzen, als Zeichen der von Gott gewollten Fülle des Lebens für alle. Es wird zwar nicht möglich sein, Programme in diesem Bereich im gleichen Stil wie in der Vergangenheit fortzusetzen, doch [wird] das heilende Amt der Kirche, das eine wesentliche Dimension der missionarischen Berufung der Kirchen ist, auch weiterhin einer der Schwerpunkte der Arbeit des Rates sein."6 Das glaube ich auch heute noch. Ich möchte Sie auch daran erinnern, dass wir auf unserer ersten Tagung nach der Vollversammlung in Harare als Schwerpunkte für das ökumenische Zeugnis des Rates neben "Kirchesein" und "Gemeinsames Zeugnis und Dienst inmitten der Globalisierung" auch "Für das Leben eintreten" und "Dienst der Versöhnung" angenommen haben.7 Die Arbeit, die bislang in diesen Bereichen geleistet worden ist, ist meiner Meinung nach angesichts der wachsenden Bedürfnisse, Herausforderungen und Erwartungen noch nicht zufrieden stellend. Die theologische Diskussion über Heilung und alternative Medizin, Heilung und Kultur und Heilung und interreligiöser Dialog sowie über eine Reihe ungelöster und kontroverser Fragen muss in der Periode nach der Vollversammlung fortgeführt werden. Ich möchte einige konkrete Bereiche aufzählen, in denen meines Erachtens zielgerichteter gearbeitet werden muss:

<typolist type="1">

Im Mittelpunkt des Heilens steht das Leben in all seinen Ausdrucksformen. Daher sollte das "Eintreten für das Leben" zur treibenden und tragenden Kraft des heilenden Dienstes werden. Der ÖRK muss sich im Rahmen seines Arbeitsschwerpunkts "Für das Leben eintreten" weiter verstärkt mit Fragen zur Theologie des Lebens, zu einer Ethik und Spiritualität, in deren Mittelpunkt das Leben steht, zur Kultur des Friedens und der Gewaltfreiheit etc. befassen.

Heilung steht auch in Beziehung zur Anthropologie: Was ist der Mensch? Welchen Platz nimmt er in der Schöpfung ein und was ist seine Berufung? Wir müssen unsere anthropologischen Erkenntnisse und Überzeugungen angesichts der ungeheuren Fortschritte und Veränderungen, die in allen Bereichen des menschlichen Lebens stattfinden, überprüfen. Ethische Fragen im Zusammenhang mit Biotechnologie, Geburtenkontrolle, Abtreibung und menschlicher Sexualität müssen unter aktiver Beteiligung der Kirchen sachlich untersucht werden. Die jüngste Studie von Glauben und Kirchenverfassung über theologische Anthropologie stellt in diesem Zusammenhang eine wichtige Initiative dar. Glauben und Kirchenverfassung muss diesen Prozess mit erweiterter Aufgabenstellung fortsetzen und seine Reflexion noch vertiefen.

Wir dürfen die ökologische Dimension nicht außer Acht lassen. Wie ich bereits gesagt habe, muss Heilung ganzheitlich und allumfassend sein. Gottes Heilshandeln in Christus schließt die ganze Schöpfung ein. Auch das ökologische System bedarf der Heilung. Dabei handelt es sich nicht um ein umweltpolitisches, sondern um ein theologisches, ethisches und spirituelles Anliegen. Die grundlegenden Fragen im Zusammenhang mit dem Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung (JPIC) müssen innerhalb eines neuen programmatischen oder thematischen Rahmens wieder neue Aufmerksamkeit geschenkt bekommen.

Mission als Versöhnung scheint sich zu einem neuen missionstheologischen Paradigma zu entwickeln. Ich hoffe, dass die CWME-Konferenz dieses Thema aufgreifen wird. Die Wechselbeziehung zwischen Mission und Versöhnung muss insbesondere unter Betonung der ekklesiologischen Perspektive noch stärker herausgearbeitet werden. Obwohl wir den Aufgabenbereich der Mission nicht auf Versöhnungsarbeit beschränken dürfen (die missio dei geht über Versöhnung hinaus), müssen wir der Versöhnung als missionarisches Anliegen aufgrund der zunehmenden Konflikte in vielen Gesellschaften doch Priorität auf der Tagesordnung des Rates einräumen.

Die Frage der Macht ist von der ökumenischen Bewegung zu verschiedenen Zeiten und im Zusammenhang mit verschiedenen Problembereichen diskutiert worden. Aufgrund neuer globaler Entwicklungen muss diese Frage einen wichtigen Platz in der ökumenischen Diskussion einnehmen. Wir müssen einen Machtbegriff entwickeln, der auf Miteinanderteilen, Nachhaltigkeit und ethisch-moralischen Prinzipien aufbaut, einen Machtbegriff, der Unilateralismus in Frage stellt, der die Legitimität jeder Form menschlicher Macht hinterfragt, der Strukturen der Rechenschaftspflicht stärkt und zur Verletzlichkeit des Menschen steht.

Und schließlich bin ich zutiefst überzeugt, dass "Kirchesein" ein vorrangiges Thema auf der Tagesordnung der ganzen ökumenischen Bewegung bleiben muss. Der heilende Dienst ist eine zentrale Dimension des Kircheseins heute. Indem die Kirche die heilende Macht des Heiligen Geistes in die Welt bringt, ist sie - in ihrem inneren Sein und ihrer missionarischen Arbeit - in authentischer Weise voll und ganz sie selbst. Wie aber können die Kirchen eine glaubwürdige Rolle als heilendes Werkzeug Gottes spielen, wenn sie doch immer noch in der Geschichte ihrer Spaltung gefangen bleiben? Als Partner in Gottes heilender, stärkender und versöhnender Mission haben wir in unserer Ökumenischen Vision erklärt:

Wir sind unterwegs als Volk, das durch Gottes Vergebung befreit ist.
Inmitten unserer zerrissenen Welt verkündigen wir die frohe Botschaft von Versöhnung, Heilung und Gerechtigkeit in Christus.8

</typolist>

ARAM I.
Katholikos von Kilikien
Februar 2005
Antelias, Libanon

FOOTNOTES

1. Healing and Wholeness: the Church's Role in Health. Studie der Christlichen Gesundheitskommission, ÖRK, Genf 1990, S. 6 (freie Übersetzung)

2. Dein Reich komme. Weltmissionskonferenz in Melbourne. Bericht der Sektion IV, § 12. Hrsg. M. Lehmann-Habeck, Lembeck-Verlag, Frankfurt a.M. 1980, S. 171.

3. Robert J. Schreiter, "The Theology of Reconciliation and Peacemaking for Mission", in: Mission, Violence and Reconciliation, Hrsg. H. Mellor und T. Yates, London 2004, S. 22

4. Rodney L. Petersen, "Forgiveness and Reconciliation in Christian Theology", in: The Orthodox Church in a pluralistic World, Hrsg. Emmanuel Clapsis, ÖRK, Genf 2004, S. 113

5. Mission als Dienst der Versöhnung, CWME-Konferenz, Vorbereitungsdokument Nr. 10, § 38.

6. Bericht des Vorsitzenden, in: Gemeinsam auf dem Weg, Offizieller Bericht der Achten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, Hrsg. Klaus Wilkens, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 1999

7. Zentralausschuss 1999, Dok. GS 6

8. Gemeinsam auf dem Weg, Offizieller Bericht der Achten Vollversammlung des Ökumenischen Rates der Kirchen, Hrsg. Klaus Wilkens, Verlag Otto Lembeck, Frankfurt am Main 1999, S. 193