World Council of Churches

Eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen auf der Suche nach Einheit, gemeinsamem Zeugnis und Dienst

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Alternative Globalisierung im Dienst von Menschen und Erde - AGAPE

14. Februar 2006

Ein Aufruf zur Liebe und zum Handeln

Pdf-Version des Anhangs

Dieses Dokument resultiert aus der Arbeit zu Fragen der wirtschaftlichen Globalisierung, die in der Zeit zwischen Harare und Porto Alegre geleistet wurde. Der Text wurde von der Kommission für Gerechtigkeit, Frieden und Schöpfung ausgearbeitet und vom Zentralausschuss koordiniert. Der Exekutivausschuss hat die endgültige Fassung auf seiner Tagung im September 2005 entgegengenommen und billigte die Verwendung des Dokuments in der Plenarsitzung über wirtschaftliche Gerechtigkeit.

Einleitung

Wir, die Vertreter und Vertreterinnen von Kirchen, die wir zur 9. Vollversammlung des Ökumenischen Rats der Kirchen (ÖRK) zusammengekommen sind, möchten betonen, dass eine Welt ohne Armut nicht nur möglich ist, sondern in Übereinstimmung steht mit Gottes Gnade für die Welt. Diese Überzeugung gründet auf der reichen Tradition ökumenischer Sozialethik und -praxis, in deren Mittelpunkt Gottes Option für die Armen als ein Gebot unseres Glaubens steht. Sie spiegelt auch die Ergebnisse eines weltweiten Studienprozesses wider, in dem während der letzten sieben Jahre untersucht wurde, wie die Kirchen mit der wirtschaftlichen Globalisierung umgehen - ein Prozess, zu dem alle Regionen der Welt und mehrere weltweite christliche Gemeinschaften beigetragen haben, insbesondere die Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes (LWB) von 2003 und die Generalversammlung des Reformierten Weltbundes (RWB) von 2004 (siehe Anhang).

Im Rahmen des Studienprozesses wurde das Projekt der wirtschaftlichen Globalisierung analysiert - ein Projekt, das sich auf die Ideologie der freien Märkte beruft und in erster Linie im Dienst der dominierenden politischen und wirtschaftlichen Interessen steht. Gefördert wird die wirtschaftliche Globalisierung von den internationalen Finanzinstitutionen und anderen Einrichtungen wie der Welthandelsorganisation. Alle, die am AGAPE-Prozess mitgewirkt haben, äußerten ihre Sorge über die wachsende Ungleichheit, die Konzentration von Reichtum und Macht in den Händen einiger weniger und die Zerstörung der Erde - alles Faktoren, durch die die skandalöse Armut im Süden und immer mehr auch im Norden noch verschlimmert wird. In den letzten Jahren ist die zunehmende Bedeutung von politischer und militärischer Macht immer mehr zutage getreten. Überall auf der Welt erleben die Menschen, wie sich die imperialen Mächte auf ihre Gemeinschaft auswirken.

Wir sind in Porto Alegre versammelt, der Wiege des Weltsozialforums (WSF), und fühlen uns durch die positiven und konstruktiven Botschaften der verschiedenen im WSF zusammenlaufenden Bewegungen darin bestärkt, dass Alternativen möglich sind. Wir bekräftigen, dass wir etwas ändern können und müssen, indem wir zu verwandelnden Gemeinschaften werden, die für Menschen und Erde Sorge tragen.

Wir sind uns bewusst, dass die Spaltungen dieser Welt auch unter uns existieren. Dennoch wagen wir zu glauben und zu bekennen, dass wir dazu berufen sind, eins in Jesus Christus zu sein und verwandelt zu werden durch die Gnade Gottes zum Wohle allen Lebens auf der Erde. Wir fühlen uns aufgerufen, die wirtschaftliche Globalisierung im Auge zu behalten und umzugestalten, und appellieren daher an uns als Kirchen, gemeinsam mit den Menschen anderer Glaubensgemeinschaften und Bewegungen aktiv zu werden.

AGAPE-Aufruf zur Liebe und zum Handeln

Gott, Schöpfer, durch dich erhalten deine Schöpfung Integrität und die Menschen ihre Würde;
Gott, Erlöser und Befreier, durch dich werden wir frei von Sklaverei und Tod;
Gott, Heiliger Geist, durch dich werden wir verwandelt und gestärkt.
Wir wollen Zeugnis ablegen von deiner Liebe, deinem Leben und deiner verwandelnden Gnade.

Alle: In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.

Wir sind abgestumpft gegenüber dem Leiden und der Ungerechtigkeit. Auch unter uns befinden sich viele, die unter den Folgen der wirtschaftlichen Globalisierung leiden: Frauen, die missbraucht werden und dennoch für das Leben sorgen; Kinder, denen die elementarsten Rechte verweigert werden; Jugendliche, die wirtschaftlicher Unsicherheit und Arbeitslosigkeit ausgesetzt sind; alle, die unter ungerechten Bedingungen arbeiten; die vielen, die im Netz ungerechter Handelsbeziehungen und Schuldknechtschaft gefangen sind. Es gibt behinderte Menschen und solche, die am Rande der Gesellschaft leben, farbige Menschen, die häufig als erste um am härtesten von der Armut betroffen sind, und die Verstoßenen, die entfremdet sind von ihrem Land und der Erde - auch sie, geschlagen, geplündert und ausgebeutet. Menschen, denen die Lebensgrundlage entzogen wurde, sind auch häufig am anfälligsten für Krankheiten wie HIV/AIDS. Wir bekennen, dass viele von uns es versäumt haben, Solidarität mit ihnen zu zeigen.

Alle: In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.

Wir erliegen den Versuchungen des Komforts und seiner leeren Versprechungen, wo wir uns eigentlich für die teure Nachfolge Jesu und für Veränderung entscheiden sollten. Wir werden dazu verleitet, Unterdrückung und Leiden als selbstverständlich hinzunehmen, wo wir eigentlich an unserer Hoffnung festhalten und für Gerechtigkeit und Befreiung eintreten sollten.

Wir bekennen, dass viele von uns es versäumt haben, auf wirtschaftliche Ungerechtigkeit und ihre zerstörerischen Folgen mit einer klaren Glaubenserklärung und geeigneten Maßnahmen zu reagieren. Wir erliegen den Versuchungen des Materialismus und der Herrschaft des Geldes. Wir spielen nach den Regeln der Habgier und finden uns mit politischer und militärischer Macht ab, wo wir uns eigentlich auf die Seite der Armen und der Ausgegrenzten stellen sollten.

Alle: In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.

Herr, wir bitten dich um Vergebung.

Alle: In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.

Gott, lass für unsere wirtschaftlichen Strukturen die gleichen Regeln gelten wie für deinen Haushalt des Lebens, in dem Liebe, Gerechtigkeit und Gnade regieren.
Lass uns vor Veränderungen und der Suche nach Alternativen keine Angst haben.
Lass uns für Gerechtigkeit eintreten, indem wir uns den destruktiven wirtschaftlichen Kräften entgegenstellen, und indem wir mit Hoffnung das Gnadenjahr des Herrn verkündigen, den Erlass der Schulden, die Freiheit für die Gefangenen und Ruhe für den Boden;
Lass uns an der Verwirklichung einer Wirtschaft der Liebe und der Solidarität arbeiten.

Alle: In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt.

Herr, sende uns hinaus,
für die Erde zu sorgen und alles zu teilen, was für ein Leben in Gemeinschaft notwendig ist;
alles Lebensfeindliche zu bekämpfen und anzuprangern,
unsere Nächsten zu lieben und Gutes zu tun,
so dass es dort, wo der Tod war, Leben geben wird.

Wir rufen einander auf,
in unserem eigenen Handeln wie auch im Zeugnis und Dienst unserer Kirchen deine Liebe für alle Menschen und für die Erde zum Ausdruck zu bringen;
für die Beseitigung der Armut und den bedingungslosen Schuldenerlass einzutreten;
für Land, Wasser, Luft - für das gesamte Netzwerk des Lebens - Sorge zu tragen;
gerechte und nachhaltige Beziehungen mit der Erde aufzubauen;
in der Arbeits-, Handels- und Finanzwelt die Macht in ihren verschiedenen Erscheinungsformen zu untersuchen und in die Pflicht zu nehmen, indem wir uns daran erinnern, dass alle Macht dir, Gott, gegenüber rechenschaftspflichtig ist. In deiner Gnade, Gott, hilf uns, die Akteure deiner Verwandlung zu sein und deinen Aufruf zu hören, mutig zu handeln.

Alle: Gott, unser Schöpfer, möge die Kraft deiner Gnade uns verwandeln,
Christus, gib uns Mut und Hoffnung, unser Leben miteinander und mit der Welt zu teilen,
Heiliger Geist, stärke uns, damit wir im Dienste der Menschen und der Erde für Gerechtigkeit eintreten können.
In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt. Amen.

In dem Geist dieses uns alle verbindenden Gebets fordern wir einander auf, den Mut zum Handeln aufzubringen. Der AGAPE-Aufruf lädt uns ein, gemeinsam für die Umgestaltung wirtschaftlicher Ungerechtigkeit einzutreten und uns auch weiterhin in Reflexion und Analyse mit den Herausforderungen der wirtschaftlichen Globalisierung und dem Zusammenhang zwischen Reichtum und Armut auseinanderzusetzen.

1. Beseitigung der Armut
Wir verpflichten uns erneut, durch die Entwicklung solidarischer Volkswirtschaften und überlebensfähiger Gemeinschaften für die Beseitigung von Armut und Ungerechtigkeit zu arbeiten. Wir werden von unseren Regierungen und den internationalen Institutionen verlangen, dass sie über die Umsetzung ihrer Verpflichtungen zur Armutsbeseitigung und zur Nachhaltigkeit Rechenschaft ablegen.

2. Handel
Wir verpflichten uns erneut, uns durch kritisches Hinterfragen von Freihandel und einschlägigen Verhandlungen für gerechte internationale Handelsbeziehungen zu engagieren und in enger Zusammenarbeit mit sozialen Bewegungen für faire, gerechte und demokratische Handelsabkommen einzutreten.

3. Finanzen
Wir verpflichten uns erneut, die Kampagne für den bedingungslosen Schuldenerlass sowie für die Kontrolle und Regulierung der globalen Finanzmärkte fortzusetzen. Investitionen sollten nur noch in Unternehmen getätigt werden, die soziale und ökologische Gerechtigkeit hochhalten, bzw. in Banken oder Institutionen, die weder an Spekulation beteiligt sind noch zur Steuerflucht ermutigen.

4. Nachhaltige Nutzung von Land und natürlichen Ressourcen
Wir verpflichten uns erneut, uns an Aktionen zugunsten von nachhaltigen und gerechten Methoden der Nutzung und des Abbaus von Ressourcen zu beteiligen, in Solidarität mit indigenen Völkern, die versuchen, ihr Land, ihr Wasser und ihre Gemeinschaften zu schützen.

Wir verpflichten uns erneut, den Konsumwahn in Wohlstandsgesellschaften zu hinterfragen, damit letztere sich zunehmend für Selbstbeschränkung und einen einfachen Lebensstil entscheiden.

5. Öffentliche Güter und Dienste
Wir verpflichten uns erneut, uns dem weltweiten Kampf gegen die Zwangsprivatisierung von öffentlichen Gütern und Dienstleistungen anzuschließen und aktiv für das Recht jedes Landes und jedes Volkes einzutreten, ihr Gemeingut selbst zu bestimmen und zu verwalten.

Wir verpflichten uns erneut, Bewegungen, Gruppen und

6. Leben spendende Landwirtschaft
Wir verpflichten uns erneut, uns in Solidarität mit Kleinbauern und landlosen Bauern für Landreformen einzusetzen und mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln für die Selbstbestimmung in der Nahrungsmittelversorgung einzutreten. Wir verpflichten uns auch, die Erzeugung von genetisch veränderten Organismen (GVO) und die Liberalisierung des Handels als Pauschallösung abzulehnen. Wir verpflichten uns ferner, ökologische Anbaupraktiken zu fördern und uns solidarisch auf die Seite von Bauerngemeinschaften zu stellen.

7. Menschenwürdige Arbeitsplätze, selbstbestimmte Arbeit und ein angemessener Lebensunterhalt
Wir verpflichten uns, mit sozialen Bewegungen und Gewerkschaften, die sich für menschenwürdige Arbeit und gerechte Löhne einsetzen, Bündnisse zu schließen. Wir verpflichten uns, als Fürsprecher aller Arbeiter und Arbeiterinnen sowie aller in Schuldknechtschaft arbeitenden Menschen aufzutreten, die ausgebeutet werden und denen das Recht verweigert wird, sich gewerkschaftlich zu organisieren.

8. Kirchen und die Macht des Imperiums
Wir verpflichten uns erneut, uns aus biblischer und theologischer Sicht über die Frage von Macht und Imperium Gedanken zu machen und aus unserem Glauben heraus gegen hegemoniale Mächte standhaft Stellung zu beziehen. Jede Macht ist Gott gegenüber rechenschaftspflichtig.

Wir sind uns bewusst, dass der Prozess der Umgestaltung von uns als Kirchen verlangt, dass wir den Opfern der neoliberalen Globalisierung gegenüber Rechenschaft ablegen. Ihre Stimmen und Erfahrungen sind ausschlaggebend dafür, wie wir dieses Projekt im Einklang mit dem Evangelium prüfen und beurteilen. Das bedeutet, dass wir als Kirchen aus verschiedenen Regionen einander Rechenschaft ablegen und dass sich diejenigen unter uns, die den Machtzentren näher sind, in erster Linie ihren Brüdern und Schwestern verpflichtet fühlen, die täglich unter den negativen Auswirkungen der weltweiten wirtschaftlichen Ungerechtigkeit leiden.

Mit diesem Aufruf zur Liebe und zum Handeln beten wir für die Kraft, ungerechte wirtschaftliche Strukturen zu verwandeln. Davon soll unser Denken und Handeln während der nächsten Etappe unserer ökumenischen Reise geleitet werden. Dabei helfen uns die Erkenntnisse, Vorschläge und Empfehlungen an die Kirchen, die aus dem AGAPE-Prozess hervorgegangen sind und im AGAPE-Hintergrunddokument beschrieben wurden.

 


 

Anhang 1

 

Download : pb6g-agapecall.pdf