World Council of Churches

Eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen auf der Suche nach Einheit, gemeinsamem Zeugnis und Dienst

Anamnese

04. Dezember 1998

Kehrt um zu Gott - seid fröhlich in Hoffnung!

4. Dezember 1998

Anamnese

von Anastasios, Erzbischof von Tirana und ganz Albanien

1. Anlässlich der Feier zum 50-jährigen Bestehen des Ökumenischen Rates der Kirchen auf der Hochebene Harares schauen wir zurück auf den abenteuerlichen Weg, den die Christen am Ende des zweiten Jahrtausends miteinander gegangen sind: Versammlungen, Tagungen aller Art, Auseinandersetzungen ; Erfolge, Niederlagen, Begeisterung und Enttäuschung. Insgesamt aber : Wir gehen weiter arbeitend und leidend, hoffend und schauend. Und jetzt sind wir an einem Wendepunkt angelangt, der uns zu Selbstkritik und Neuverpflichtung einlädt.

Tausende Menschen aus allen Nationen und Kulturen, die Hunderte von christlichen Gemeinschaften und Millionen von Menschen auf der ganzen Welt vertreten, sind hier zusammengekommen. Das gemeinsame Band, das uns alle hier verbindet, ist einerseits eine Reihe von Erinnerungen an außergewöhnliche Ereignisse, andererseits aber eine ganz bestimmte Erinnerung, eine Anamnese, die die Wurzel aller anderen Erinnerungen ist.

Es genügt, die Themen der vergangenen Vollversammlungen in Erinnerung zu rufen, um die Bedingungen, den geistlichen Ausgangspunkt, aber auch das angestrebte Ziel der Suche offenzulegen. In den kommenden Tagen werden wir uns viele verschiedene Aspekte dieser abenteuerlichen Reise in Erinnerung rufen, Gott für all das Gute, das er uns getan hat, danken und gleichzeitig Busse tun für unsere Fehler und Versäumnisse. Wir werden uns der Hauptanliegen, die unser Denken in den vergangenen Vollversammlungen bewegt haben, erinnern : Jesus Christus, der Heilige Geist, die Menschen, Gott ; die Unordnung, die Hoffnung, das Licht, das Leben, die Freiheit, die Einheit, die Erneuerung ; die Welt, die ganze Schöpfung, alle Dinge.

Das Jubiläum des ÖRK eröffnet automatisch einen zweiten, größeren Kreis : Den Gang der Kirche durch zwei Jahrtausende, mit all den Veränderungen, die sie bewirkt hat, aber auch mit ihren tragischen Verwicklungen. Diese Geschichte ist keine abgeschlossene Vergangenheit. Sie ist das Unbewußte dessen, was wir heute erfahren und erleben. Alles, was wir heute sind, ist bestimmt durch die Ereignisse, die in den letzten 20 Jahrhunderten stattgefunden haben. Ohne Gedächtnis oder mit einem lückenhaften Gedächtnis ist eine Gemeinschaft problematisch und anfällig.

Dieser zweite Gedächtniskreis wiederum eröffnet einen dritten, der so groß ist, daß er die ganze Welt, Raum und Zeit insgesamt umfaßt. Die beiden ersten Kreise bestehen nur für diesen dritten. Die Kirche ist und bleibt die Gemeinschaft, die sich erinnert daran, wie Gott seit der Schöpfung des Universums und durch die ganze Zeit hindurch die Menschheit geleitet, beschützt und gesegnet hat, indem er einzelne Menschen oder Gruppen erwählt hat, die ganz und gar auf Ihn bauen. " Darum denke ich an die Taten des Herrn, ja, ich denke an deine früheren Wunder " (Psalm 77, 12). Die Kirche erinnert sich mit Dank und schöpft Kraft und Erleuchtung aus dieser Erinnerung. " Denke daran, was der Herr, dein Gott, getan hat " (5. Moses 7,18), gebot Gott seinem Volk, als er es aus der Sklaverei in die Freiheit führte. Das Passa-Ereignis bekam später eine neue Bedeutung, eine Perspektive und eine Bewegung in der Person Christi.

2. Diese Reihe verschiedener Erinnerungen führt letztlich zu der einen, grundlegenden Anamnese, die unsere christliche Identität bestimmt : Die Erinnerung an den unbegreiflichen Eingriff Gottes in das Leben der Menschheit. Die Erinnerung in Glauben und Hingabe an Gottes Wirken in Christus durch den heiligen Geist bestimmt unser Selbstverständnis. Hier ist der Beginn aller Dinge und die Quelle, aus der sie ihren Sinn schöpfen.

Wir alle wissen, daß Erinnerung ein grundlegender psychologischer Mechanismus ist, eine komplexe Funktion, die mit dem Selbstverständnis und der Gesundheit des Menschen eng verknüpft ist. Eine Erinnerung kann mehr oder weniger lebendig sein. Im einen Fall verflüchtigt sie sich zu einem schwachen Erinnern einer längst verblaßten Vergangenheit. Im zweiten Fall ist sie so stark, daß sie Vergangenheit gegenwärtig macht und die Zukunft entscheidend prägt. Die ganze menschliche Zivilisation und alles Wissen, das im Laufe der Zeit angehäuft wurde, beruht auf der Fähigkeit, Erinnerung zu gestalten und zu nutzen.

Die Verwirrung, das Abnehmen des Erinnerungsvermögens führt zu einem Persönlichkeitsverlust. Ich denke an den Fall eines namhaften Professors der Universität Athen, dessen Gedächtnis bei einem Verkehrsunfall schwer in Mitleidenschaft gezogen wurde. Wenn er Freunde traf, pflegte zu sagen : " Wissen Sie, ich bin Professor S., der einmal einer der besten Professoren der Universität war. " Sein Verfall war offensichtlich. Wenn man die Fähigkeit, sich zu erinnern, verliert, gerät man in eine tiefe Krise. Sehr oft wirken viele Christen und christliche Gemeinschaften wie Personen oder Gruppen mit Problemen, wenn sie die lebendige Erinnerung des christlichen Selbstverständnisses verloren haben oder gar die Kraft der Anamnese nur noch in geringem Maße besitzen.

3. Unsere Hauptstütze, an der wir immerfort festhalten, bleibt die Anamnese des Heilswirkens Christi, das in unser Leben eindringt und es ständig verwandelt. Die Anamnese ist nicht einfach eine intellektuelle Funktion, sondern sie ist tätiges Handeln. Sie hat ein sehr viel größeres Spektrum, zu dem auch das Element des Denkens gehört und das es für die ganze Person zu einem existentiellen Ereignis macht. Als Mitglieder der eucharistischen Gemeinschaft rufen wir uns immer wieder neu in Erinnerung und ins Bewußtsein : den Heilsplan Gottes in Christus durch den heiligen Geist, die Fleischwerdung, die Kreuzigung und die Auferstehung Christi, seine Auffahrt und Pfingsten. Wir erleben sie und nehmen daran teil, und zwar nicht aufgrund unserer eigenen menschlichen Fähigkeiten, sondern dank der Gnade des heiligen Geistes, der ungeschaffenen Kraft Gottes, die die Sakramente vollbringt.

" Dies tut zu meinem Gedächtnis " (Lk 22,20 ; 1 Kor 11,24), gebot der Herr " in der Nacht, als er verraten wurde " (1 Kor 11,23). Die immerfort strömende göttliche Kraft erreicht ihren Höhepunkt im Sakrament der Eucharistie, die seit 20 Jahrhunderten Angelpunkt des christlichen Gottesdienstes ist. In der Sprache der Liturgie bezeichnet der Begriff anamnesis das Herzstück der Eucharistiefeier (Anaphora), die Weihung der Gaben.

Die Anamnese benennt aber auch etwas umfassenderes. Sie beginnt mit den Worten Christi " Nehmt und eßt, das ist mein Leib " (Mt 26,26 ; vgl. Mk 14,23 ; 1 Kor 11,24), " trinkt alle daraus, denn das ist mein Blut des Bundes " (Mt 26,27), geht dann über zu den Opfergaben und zum Erflehen des heiligen Geistes (Epiklese), erreicht den Höhepunkt mit der Weihung der heiligen Gaben und deren Heiligung durch die Kraft des heiligen Geistes, und findet ihre Vollendung in der heiligen Kommunion, durch die sie zu einem persönlichen Erlebnis wird. Anamnese bedeutet also : fortwährendes dynamisches Sich-Hinwenden zu dem Dreieinigen Gott, der Quelle allen Seins ; Einpflanzung in Christus ; Empfang des heiligen Geistes ; eine Ausrichtung, die unserem Leben und unserem Wandeln in Zeit und Raum Sinn gibt. Durch die Erneuerung der Anamnese erhält die Kirche ihre Lebenskraft und ihre Wahrheit.

4. Die Anamnese wird in einer sehr grossen Formenvielfalt gefeiert, je nach den verschiedenen Traditionen, die es in den unterschiedlichen Kulturen, in denen die Völker der Ökumene leben, gibt. Vor einigen Jahren befand ich mich in der prächtigen Kathedrale einer osteuropäischen Stadt, die damals nach Jahren der Verfolgung zu ihrer Funktion als Kirche zurückgefunden hatte. Es war eine überschwengliche, reichhaltige und beeindruckende Liturgie. Nach der heiligen Kommunion saß ich in einer Ecke und erinnerte mich plötzlich einer Liturgie, die ich einige Zeit zuvor in einem afrikanischen Bergdorf in einer Hütte mit einem Strohdach und einem Erdboden gefeiert hatte. Ich fragte mich : Wo hat Christus sich wohl besser gefühlt ? Hier oder dort ? Wo ist Seine Anamnese authentischer ? Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten : Hier und dort. Trotz aller äußerlichen Unterschiede, war das Element, das das Wesentliche der beiden Ereignisse ausmacht, in beiden Fällen dasselbe. Die mystische Gegenwart Christi, unser Teilhaben an seinem Leib und seinem Blut. Der Höhepunkt, den die Gläubigen erreichen , ist genau derselbe, die Anamnese des einmaligen Ereignisses, des Ecksteins der gesamten Geschichte, und dessen lebendige Erfahrung.

5. Ob wir nun die Anamnese beim Feiern der göttlichen Eucharistie in den armen Außenbezirken einer großen Stadt, in einer durch die Verfolgung zerstörten Kirche in Albanien oder in einer prächtigen Kathedrale erleben, überall werden wir herausgerissen aus unserer ganz konkreten, engen oder bequemen Umgebung. Wir treten ein in das Zentrum der wesentlichsten Ereignisse, die den ganzen Kosmos betreffen. Wir leben im Zentrum der Weltgeschichte, weil wir vereint sind mit Christus, dem Schöpfer und Erlöser der Welt. Wir sind erlöst aus allen Formen der Gefangenschaft, in denen wir eingeschlossen waren : in Reichtum oder Armut, in Ruhm oder Vergessenheit, in der großen oder kleinen Zelle unseres Egoismus.

Die Anamnese bindet uns ganz wesentlich an die Welt. Sie stellt uns in die Mitte des Laufes der Welt, in ihr Leiden, ihr innerstes Streben. Sie erinnert uns daran, daß die Heilstat Christi die ganze Welt betrifft ; sie umfaßt das ganze Universum, die Erde und den Himmel, " alle Dinge ". Die Kirche, die " sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt " (Eph 1,23), kann sich nicht auf sich selbst beschränken und nur für sich selbst sorgen. Sie lebt " für die ganze Welt ". Mit ihrem Gebet, ihrer Botschaft, ihren Interessen, ihrem Handeln umschließt sie die ganze Menschheit, die Ausbeutung einzelner Menschen und ganzer Gruppen, die vielfältige Unterdrückung von Frauen und Kindern, die lokalen Konflikte, die weltumspannende finanzielle Unruhe und Ungerechtigkeit, die zunehmenden ökologischen Gefahren. Sie bietet " allen in allem " die heiligen Gaben an.

6. Natürlich besteht überall und zu jeder Zeit die große Gefahr, daß die Anamnese zu einer Zeremonie verblaßt, die vom Leben, vom alltäglichen Handeln und Tun und von unserem weiterschauenden Planen völlig abgeschnitten ist. Oft nehmen wir an der Liturgie teil und leben dennoch in Ungerechtigkeit und Leidenschaften weiter ; der Egoismus bestimmt unser Leben. Die Anamnese wirkt nicht wie ein Wundermittel. Sie benötigt eine ununterbrochene Ausstrahlung in unser Leben hinein, um dieses fruchtbar zu machen, um durch unser Benehmen zu leuchten, um Kriterien abzugeben für unsere Pläne, um unsere Entscheidungen zu erhellen und unserem Handeln Halt zu geben. Wir alle, die wir bewußt an der Liturgie, an der Erinnerung an das Kreuz und die Auferstehung Christi, teilnehmen, müssen in unsere tägliche Routine zurückkehren, um da auf dem Altar unserer eigenen persönlichen Verantwortung eine andere Art von Liturgie, eine " Liturgie nach der Liturgie " (wie in Edschmiadsin 1975 vorgeschlagen), weiterzufeiern, im lokalen Umfeld mit dem Blick auf das Universelle unsere Pflicht zu tun.

Alle Probleme, mit denen sich die Menschheit in der heutigen Zeit der Globalisierung auseinandersetzen muss, alle Fragen, die uns in der ökumenischen Bewegung beschäftigen, werden von der Anamnese mit einem besonderen Licht beleuchtet : mit Christi Wahrheit, Liebe und Opfertod ; mit einem stillen, optimistischen Vertrauen wie in den Seligpreisungen (Mt, 5,3-12) ; mit der Entscheidung für eine aufopfernde Diakonie, ohne die beklemmende Sorge, wie wir zu einer Mehrheit werden können, ohne die Qual und das Streben nach weltlicher Macht.

Die Anamnese hat die Dynamik zur Bekehrung, zur Läuterung in sich. Verschiedene Zusammenhänge veranlassen uns zu konventionellem Verhalten, Arroganz, Heuchelei, vielfältigen egozentrischen Erwartungen . Die Anamnese führt uns zurück zu dem, was wesentlich, was wahr ist. Ohne unbedingten Gehorsam gegenüber dem Willen Gottes, ohne Bereitschaft zum Opfer, ohne Reinheit des Herzens, ohne Uneigennützigkeit und selbstlose, mutige Liebe, geht verloren, was den Christen eigen ist.

In der ökumenischen Bewegung haben wir uns oft in diese Richtung verleiten lassen. Wir sprechen über viele Fragen und vergessen darüber das wesentliche Element unserer Identität : die Erfahrung der Anamnese in der Gewißheit, daß unsere Kraft nicht unseren eigenen Projekten und Entscheidungen entspringt, sondern darin zu finden ist, wie Gott in uns durch seine Kirche handelt. Eine Sinnesänderung, eine Lebensänderung, eine Umkehr zu Gott bedeutet eine Erneuerung auf Grund des einen und ewigen Vorbildes, das der gekreuzigte und erstandene Herr uns gelassen hat. Wenn wir nun unsere Programme festlegen, so kann unser Ausgangspunkt und Maßstab nur die Anamnese, der Höhepunkt der Liebe Gottes für die Welt, sein. Das Erlebnis dieser Anamnese mit allem, was sich daraus ergibt, verwandelt uns in lebendige Zellen der Kirche, seines mystischen Leibes. Dies unterscheidet uns von allen anderen menschlichen Körperschaften und Organisationen, dies läutert uns von allen gefährlichen Vermischungen.

Die Anamnese ist nicht einfach ein Erinnern an die Vergangenheit. Sie vergegenwärtigt vielmehr Vergangenheit und Zukunft. Als eine Rückkehr in das Zentrum unseres Bewußtseins, als ein Handeln dessen, " der ist, der war und der kommen wird " (Off 1,8), des Ewigen und Zeitlosen, übersteigt die Anamnese die klassischen Kategorien der erschaffenen Zeit. " Denn sooft ihr von diesem Brot eßt und aus diesem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn bis er kommt " (1 Kor 11,26). " In Erinnerung .... an seine Wiederkunft in Herrlichkeit " (Liturgie des Hl. Johannes Chrysostomos). Sie eröffnet uns den Horizont der eschata (der letzten Dinge), dessen, was kommen wird. In der Eucharistie wird das, was noch kommen wird, als " schon vollendet " bezeichnet. Denn Christus, der darbringt und dargebracht wird, " steht über Raum und Zeit und allem, was die Geschöpfe kennzeichnet " (Clemens von Alexandrien). Sie öffnet unsere Seelen und richtet sie aus auf das Ende der Welt, wenn alles in Christus vereint wird (Eph 1,9-12).

Die Anamnese wird so zu einer Quelle der Verherrlichung und Danksagung für alle Wunder, die der Gott der Liebe in der Geschichte der Welt getan hat, zu einem Born der Dankbarkeit für " seine unaussprechliche Gabe " (2 Kor 9,15) und zu einem Brunnen der Freude und des Entzückens, wenn wir einstimmen in die Feier und den Triumph der Heiligen, die die Anamnese mit all ihrem Sein erlebt haben. Die Anamnese erleuchtet uns, damit wir mit Achtung und echter Liebe vor jeden Menschen, vor die Völker und vor die ganze Welt treten können. Sie schenkt uns Standhaftigkeit für die Gegenwart, Hoffnung für die Zukunft und Entschlossenheit gegenüber den neuen Herausforderungen, die sich uns stellen.

Auf diese Weise wird die Anamnese zur Erneuerung, zu einer Öffnung unserer Existenz für Zeit und Raum. Sie stellt uns in den Mittelpunkt der Geschichte und der Schöpfung, so daß wir wirklich ökumenisch, zeitgenössisch und universell werden.

  1. Amsterdam (1948) : " Die Unordnung der Welt und Gottes Heilsplan " ; Evanston (1954) : " Christus, die Hoffnung der Welt " ; Neu-Delhi (1961) : " Jesus Christus, das Licht der Welt " ; Uppsala (1968) ; " Siehe, ich mache alles neu " ; Nairobi (1975) : " Jesus Christus befreit und eint " ; Vancouver (1983) : " Jesus Christus, das Leben der Welt " ; Canberra (1991) : " Komm, heiliger Geist erneuere die ganze Schöpfung ".