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ÖRK-Generalsekretär spricht über die wiederaufgenommenen Beziehungen zum IJCIC

ÖRK-Generalsekretär spricht über die wiederaufgenommenen Beziehungen zum IJCIC

Foto: Albin Hillert/ÖRK

12. Juli 2019

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 17. Juli 2019

Der Ökumenische Rat der Kirchen (ÖRK) und das Internationale Jüdische Komitee für interreligiöse Konsultationen (IJCIC) sind vom 25. bis 27. Juni zu einem offiziellen Treffen in Paris zusammengekommen. Das Treffen hat unter dem Thema „The normalization of hatred: challenges for Jews and Christians today“ (Die Normalisierung von Hass: Herausforderungen für jüdische und christliche Gläubige heute) gestanden. Im Folgenden spricht ÖRK-Generalsekretär Pastor Dr. Olav Fykse Tveit darüber, wie die Beziehungen zwischen den zwei Organisationen wiederhergestellt wurden.

Frage: Wie ist der neuerliche Dialog zwischen dem ÖRK und dem IJCIC zustande gekommen?

Tveit: Ein Treffen zwischen dem Präsidenten des IJCIC und dem ÖRK-Generalsekretär 2011 hat geholfen, Beziehungen auf der Ebene eines formellen Dialogs wiederherzustellen. Weitere Impulse kamen von dem zufälligen Zusammentreffen von Vertreterinnen und Vertretern des ÖRK und des IJCIC Ende 2011 bei dem von Papst Benedikt organisierten Weltgebetstag „Assisi 2011“ in Rom.

Frage: Was haben der ÖRK und der IJCIC in Paris diskutiert?

Tveit: Das Treffen stand unter dem Thema „The normalization of hatred: challenges for Jews and Christians today“ (Die Normalisierung von Hass: Herausforderungen für jüdische und christliche Gläubige heute). Wir haben unsere jeweiligen Daseinsberechtigungen gewürdigt in einer Zeit, die geprägt ist von Herausforderungen für religiöses Leben ganz allgemein und für unsere beiden Glaubensgemeinschaften in ihren verschiedenen Kontexten sowie für die Gemeinschaften und Einzelpersonen, die eine solche Normalisierung von Hass, egal ob physisch oder verbal, am eigenen Leib erleben. Es ist unser aller Aufgabe und Pflicht, herauszufinden, wie alle religiösen Führungspersonen und Gruppen dem entgegenwirken können, und als Christinnen und Christen und Jüdinnen und Juden sollten wir unsere gemeinsamen Werte zum Ausdruck bringen, indem wir uns hier gemeinsam engagieren. Ich habe wiederholt und bekräftigt, dass der ÖRK und seine Mitgliedskirchen Angriffe auf jüdische Menschen und ihr Eigentum verurteilen. Zudem wurden wir auf diesem Treffen in Paris über die Situation in Frankreich informiert.

Frage: Wie wurde entschieden, wer Teil der Delegation sein würde?

Tveit: Lassen Sie mich zunächst erklären, was genau der IJCIC ist. Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat die Römisch-katholische Kirche einen repräsentativen jüdischen Dialogpartner gesucht. Es gab internationale Gremien wie den Jüdischen Weltkongress (World Jewish Congress, WJC), aber dieser war eine nichtreligiöse Organisation und der Vatikan wollte, dass der Dialog einen religiösen Aspekt umfasse. Da ist dann der amerikanische Synagogen-Rat – Synagogue Council of America – eingesprungen und hat auf einer Tagung 1970 ein Übereinkommen erarbeitet, durch das der IJCIC gegründet wurde. Der Name des Gremiums enthält ganz bewusst den Begriff „Konsultationen“ und nicht „Dialoge“, da einige orthodoxe Juden Vorbehalte äußerten, ob jüdische Gläubige überhaupt einen interreligiösen Dialog mit christlichen Gläubigen führen sollten. Dem IJCIC gehören drei Amtsträger – Präsident, Vizepräsident und Schatzmeister –, die für die Planung der Treffen mit dem ÖRK zuständig sind, sowie Vertreterinnen und Vertreter der elf Organisationen an, die Mitglieder im IJCIC sind.

Vor diesem Hintergrund ist es leichter verständlich, warum die Mitglieder der IJCIC-Delegation hauptsächlich aus den USA und aber auch aus Europa stammen. Sie vertreten jedoch eine große Bandbreite an religiös-jüdischen Ansichten, darunter jüdisch-orthodoxe, konservative und reformierte Anschauungen.

Bei der Zusammensetzung der ÖRK-Delegation war ich bemüht, sowohl in Bezug auf die christlichen Traditionen als auch in Bezug auf die geographische Herkunft der Mitglieder die Vielfalt abzubilden, für die der ÖRK steht. Es war mir wichtig, dass ein Mitglied der ÖRK-Delegation immer ein palästinensischer Christ oder eine palästinensische Christin ist. In Paris umfasste die Delegation Kirchenleitende aus den USA, aus dem Nahen Osten und aus Frankreich – darunter S.E. Metropolit Emmanuel von Frankreich als Vertreter des Ökumenischen Patriarchats, Pastor Francois Clavairoly, Präsident des Französischen evangelischen Kirchenbunds, und Pastor Christian Krieger, Präsident der Konferenz Europäischer Kirchen – sowie Fachleute und Zuarbeitende aus dem Kreis der Mitarbeitenden.  Zu dem Treffen eingeladen hatten Rabbi Daniel Polish, der Vorsitzende des IJCIC, und ich; den Vorsitz hatten Rabbi Noam Marans, Vizevorsitzender des IJCIC, und S.E. Erzbischof Dr. Vicken Aykazian, Mitglied des ÖRK-Exekutivausschusses und Gesandter der Armenischen Apostolischen Kirche.

Frage: Was ist das wichtigste Ergebnis des Treffens in Paris?

Tveit: Das historische Treffen endete mit gemeinsamen Selbstverpflichtungen und einem Kommuniqué, in dem beide Seiten versprechen, sich weiterhin regelmäßig austauschen, die gemeinsamen Anstrengungen für Wandel, die bei dem Treffen herausgearbeitet wurden, fördern „und in regelmäßigen Abständen wieder zusammenkommen zu wollen, damit wir Fortschritte machen können in unseren jeweiligen und beiderseitigen Verpflichtungen gegenüber unseren Gemeinschaften und der ganzen Welt“.

„Zu den Themen dieses Treffens zählten: die Zunahme fremdenfeindlich-nationalistischer Bewegungen in weiten Teilen der Welt, Misstrauen im Hinblick auf Programm und Ziele religiöser Gemeinschaften und Institutionen insbesondere in Europa, das Wiedererstarken von offenem Antisemitismus, die Verbreitung von Islamfeindlichkeit, neu entstehende antichristliche Gesinnungen und Haltungen, der nach wie vor ungelöste israelisch-palästinensische Konflikt, die weltweit auftretende Feindseligkeit gegenüber gefährdeten und schutzbedürftigen Minderheiten und die erschreckende Erosion der Zivilgesellschaft an vielen Orten und auf vielfältige Art und Weise“, heißt es in dem Kommuniqué. „Besonders erschüttert sind wir über die Zunahme der tödlichen Angriffe auf Kultstätten und Gebetshäuser in jüngster Zeit in verschiedenen Teilen der Welt.“

In Gesprächen über den israelisch-palästinensischen Konflikt haben beide Parteien eingestanden, dass es zuweilen ernsthafte Spannungen zwischen den Positionen des ÖRK und des IJCIC gegeben habe.  „Dieses Treffen hat in einer Atmosphäre stattgefunden, die geprägt war von einer Würdigung der Entwicklungen in Bezug auf einen konstruktiveren Austausch und die Art und Weise, wie unterschiedliche Standpunkte öffentlich vermittelt werden“, heißt es in dem Kommuniqué weiter.

Frage: Welche Grundsätze und Strategien verfolgt der ÖRK in Bezug auf Antisemitismus?

Tveit: Im August 1948, also nur wenige Monate nachdem der Staat Israel seine Unabhängigkeit erklärt hatte, hat die ÖRK-Vollversammlung einen recht umfassenden Bericht mit dem Titel „The Christian Approach to the Jews“ (Das christliche Verhalten gegenüber den Juden) „entgegengenommen und den Kirchen zur ernsthaften Erwägung und angemessenen Beschlussfassung empfohlen“. Der Bericht beinhaltete die bekannte und oftmals zitierte Erklärung, die immer schon großen Einfluss auf die Mitgliederschaft des ÖRK und die breitere christliche Welt hatte:

„Wir rufen alle von uns vertretenen Kirchen dazu auf, den Antisemitismus, gleichviel welchen Ursprungs, als schlechterdings mit christlichem Bekenntnis und Leben unvereinbar zu verwerfen. Der Antisemitismus ist eine Sünde gegen Gott und Menschen“.

Wenn wir fundierte Kritik an der Politik des Staates Israel üben und wir uns nachdrücklich für die Menschenrechte der Palästinenserinnen und Palästinensereinsetzen, so ist eine Diskreditierung dieses Engagements als ‚Antisemitismus‘ völlig inakzeptabel.

Auch das haben wir bei dem Treffen in Paris eingehend besprochen.

Abschließend sagte Tveit, die Mitarbeitenden würden sich im September zusammensetzen, um die gemeinsamen Pläne weiterzuverfolgen. Das ist ein bedeutender und wichtiger Schritt im Dialogprozess.

 

Lesen Sie das Kommuniqué im vollständigen Wortlaut (in englischer Sprache)

Lesen Sie die ÖRK-Pressemitteilung vom 28. Juni 2019

Internationales Jüdisches Komitee für interreligiöse Konsultationen (IJCIC) (in englischer Sprache)