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Die Geschichte eines historischen Geschenks von Papst Franziskus: „Ein Schritt in Richtung Einheit“

Die Geschichte eines historischen Geschenks von Papst Franziskus: „Ein Schritt in Richtung Einheit“

Erzbischof Hiob von Telmessos mit einem Geschenk von Papst Franziskus. Foto: Ökumenisches Patriarchat

11. Juli 2019

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 16. Juli 2019

Erzbischof Hiob von Telmessos, der Ständige Vertreter des Ökumenischen Patriarchats beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), hat sich mit WCC News getroffen und über ein überwältigendes Geschenk gesprochen, das er am 29. Juni von Papst Franziskus bekommen hat.

Frage: Was für ein Geschenk hat Papst Franziskus dem Ökumenischen Patriarchat von Konstantinopel am 29. Juni gemacht?

Erzbischof Hiob: Ein ganz besonderes, wertvolles und vollkommen unerwartetes Geschenk! Am 29. Juni, dem Tag, an dem sowohl in der römisch-katholischen als auch in der orthodoxen Kirche das Hochfest der heiligen Apostel Petrus und Paulus gefeiert wird, war ich mit Seiner Heiligkeit Papst Franziskus nach der Papstmesse auf dem Weg hinunter zum Petrusgrab, um dort mit ihm zu beten, als er zu mir sagte: „Warten Sie im Anschluss auf mich. Ich habe noch ein Geschenk für die Kirche in Konstantinopel, das ich Ihnen geben möchte. Der Gedanke kam mir gestern Abend beim Gebet.“ Nach einem kurzen Stopp in der Sakristei sagte Papst Franziskus zu mir: „Gehen wir.“ Als wir dann in seinem kleinen einfachen Ford saßen, habe ich gefragt: „Eure Heiligkeit, wo fahren wir hin?“ „Zum Papstpalast. Dort ist das Geschenk“, hat er mir geantwortet. Dort angekommen, haben wir an der Kapelle des Papstes angehalten. Ich dachte, er wolle sie mir entweder zeigen oder kurz für ein Gebet anhalten... Aber er erklärte mir: „Diese Kapelle wurde vom verstorbenen Papst Paul VI. eingerichtet. Er hat auch einen Teil der Petrus-Reliquien aus dem Petersdom hierher gebracht. Ich lebe nicht mehr im Apostolischen Palast, ich benutze diese Kapelle nie. Gestern Abend, im Gebet, kam mir der Gedanke: Es wäre doch besser, dass diese heiligen Reliquien dann in Konstantinopel im Phanar verwahrt würden. Hier sind sie. Bitte nehmen Sie sie mit und geben Sie sie meinem Bruder, Seiner Allheiligkeit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus. Es ist kein Geschenk von mir, sondern ein Geschenk von Gott.“

War das Überreichen und Entgegennehmen dieses Geschenks für Sie ein außergewöhnlicher Moment in der Weltgeschichte?

Erzbischof Hiob: Ja, auf jeden Fall! Ein solches Geschenk überreicht zu bekommen war wirklich ein ganz außergewöhnlicher Moment, denn die Petrus-Reliquien sind immer in Rom unter dem Petersdom gewesen und sind niemals irgendwo anders hingebracht oder hingegeben worden. Sie wurden in den 1950er Jahren entdeckt, als Margherita Guardacci archäologische Ausgrabungen unter dem Petersdom durchführte. In einem kleinen Hohlraum in Nähe einer Mauer mit der griechischen Inschrift „Petros eni“ – „Petrus ist hier“ – wurden die Knochen gefunden. Die wissenschaftliche Analyse hat gezeigt, dass es die Überreste eines Mannes sind, der zu Beginn des 1. Jahrhunderts gelebt hat, von robustem Körperbau war und in fortgeschrittenem Alter gestorben ist. Auf den Gebeinen wurden Reste von golddurchwirktem Purpurstoff gefunden – was von besonderem Respekt oder höchster Verehrung für den Begrabenen zeugt. Dank der Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchung konnte mit Bestimmtheit gesagt werden, dass die unter dem Petersdom gefundenen Gebeine die Überreste von Petrus sind, was Papst Paul VI. 1968 dann auch offiziell bekanntgab. Ein Großteil der Reliquien ist auch heute noch in dem kleinen Hohlraum in der Mauer, wo sie seit Jahrhunderten begraben waren, aber neun Fragmente hat Papst Paul VI. ausgesucht, um sie in einem speziell angefertigten bronzenen Reliquienschrein in der Papstkapelle aufzubewahren. Dieser einzigartige Reliquienschrein ist der einzige Reliquienschrein, der der Öffentlichkeit von Zeit zu Zeit präsentiert wurde, so zum Beispiel 2013 zum Abschluss des „Jahres des Glaubens“. Und genau diesen Reliquienschrein hat Papst Franziskus nun der Kirche von Konstantinopel geschenkt!

Inwiefern zeugt dies vom Engagement und der Zusicherung des Papstes, den ökumenischen Dialog vorantreiben zu wollen?

Erzbischof Hiob: Diese Geste von Papst Franziskus ist äußert großzügig und prophetisch. Sie ist ein Schritt in Richtung konkreter Einheit. Wir dürfen nicht vergessen, dass die Römisch-katholische Kirche ihre Vormachtstellung oftmals mit der Präsenz des heiligen Apostels Petrus verbunden hat, dem Oberhaupt der Apostel in Rom. Dadurch, dass die Reliquien nun zur Kirche von Konstantinopel gekommen sind, sind sie wiedervereint mit den Reliquien des heiligen Apostels Andreas, dem älteren Bruder von Petrus, der als Gründer der Kirche von Konstantinopel gilt. Die nun in Konstantinopel vereinten Reliquien der beiden Brüder sind ein prophetisches Zeichen für die Einheit der beiden Schwesterkirchen. Auch wenn dies natürlich nicht bedeutet, dass die „Ökumene der Heiligen“ den „Dialog der Wahrheit“ ersetzt oder sich einverleibt, der seit 1980 von der Gemeinsamen Internationalen Kommission für den Theologischen Dialog zwischen den beiden Kirchen geführt wird und der für die Wiederherstellung der Gemeinschaft der beiden Kirchen auch weiterhin von zentraler Bedeutung sein wird. Aber wir – katholische und orthodoxe Gläubige – glauben, dass die heiligen Apostel vor unserem Herrn und Erlöser Jesus Christus Fürbitte halten für die Einheit der gespaltenen Christenheit!

Inwiefern hat das Datum – der 29. Juni bzw. das Hochfest der heiligen Apostel Petrus und Paulus – historisch gesehen besondere Bedeutung für die Beziehung zwischen dem Ökumenischen Patriarchat und dem Heiligen Stuhl?

Erzbischof Hiob: Nach der Aufhebung des Banns von 1054 zwischen Rom und Konstantinopel 1965 haben der verstorbene Papst Paul VI. und der verstorbene Ökumenische Patriarch Athenagoras 1969 die Tradition ins Leben gerufen, sich jedes Jahr anlässlich der jeweiligen Hochfeste der Gründer der beiden Kirchen gegenseitig einen formellen Besuch mit Delegationen abzustatten – zum Hochfest der heiligen Apostel Petrus und Paulus am 29. Juni in Rom und zum Fest des heiligen Andreas am 30. November in Konstantinopel. Beide Feste werden auch als Patronatsfest der jeweiligen Kirche bezeichnet. Der gegenseitige Besuch von Delegationen ist immer Anlass für eine „brüderliche Zusammenkunft“ und informellen Informationsaustausch. Die Initiative war der Auftakt für die Einrichtung der Gemeinsamen Internationalen Kommission für den Theologischen Dialog zwischen den beiden Kirchen während des Besuchs von Papst Johannes Paul II. im Phanar 1979.

Was wird jetzt mit dem Geschenk passieren?

Erzbischof Hiob: Nach der Überführung von Rom nach Konstantinopel am 29. Juni wurden die Petrus-Reliquien den Gläubigen in einer Göttlichen Liturgie, die Seine Allheiligkeit der ökumenische Patriarch Bartholomäus anlässlich des Festes der Zwölf Apostel am 30. Juni in der Apostelkirche von Feriköy in Istanbul feierte, zur Verehrung präsentiert. Nach der Liturgie wurde das Reliquiar zum Sitz des Ökumenischen Patriarchen im Phanar in Istanbul gebracht, wo es in der Kirche des Patriarchen verwahrt werden soll.

Das Ökumenische Patriarchat

Ständige Vertretung des Ökumenischen Patriarchats beim ÖRK