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Nachhaltigkeit und die Umwelt: Wie die ökumenische Bewegung half, den Umweltprotest in der DDR zu mobilisieren

Nachhaltigkeit und die Umwelt: Wie die ökumenische Bewegung half, den Umweltprotest in der DDR zu mobilisieren

Heino Falcke und Pastor Dr. Philip Potter, ehemaliger ÖRK-Generalsekretär, während der Boston-Konferenz 1979.

27. Januar 2015

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 05. Februar 2015

*von Stephen Brown

Kirchen und religiöse Führungspersonen engagieren sich in vorderster Reihe, um die Welt zu mobilisieren, dass auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Klimaänderungen in Paris am Ende dieses Jahres eine rechtlich bindende Vereinbarung über das Weltklima abgeschlossen wird. Die Beweggründe des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK), sich auf diesem Gebiet zu engagieren, sind in dem Titel seines Arbeitsbereichs zum Thema Umwelt zusammengefasst: Bewahrung der Schöpfung und Klimagerechtigkeit.

Der ÖRK spielte schon vor dem Erdgipfel der Vereinten Nationen in Rio de Janeiro 1992, auf dem das Rahmenübereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen beschlossen wurde, eine wichtige Rolle dabei, Themen im Zusammenhang mit Klimagerechtigkeit auf die Tagesordnung der Welt zu setzen.

Was hingegen weniger bekannt ist, ist die Tatsache, dass der ÖRK schon vor über vier Jahrzehnten den Beschluss fasste, das Bewusstsein für Umweltfragen zu stärken und damit daran mitwirkte, dass in der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) eine Umweltbewegung entstand.

Diese Bewegung bereitete den Boden für unabhängige Umweltgruppen in den 1980er Jahren, die eine Ausdrucksform der Opposition waren, die wiederum die friedliche Revolution von 1989 und schließlich den Fall der Berliner Mauer herbeiführte, dessen 25. Jahrestag Ende letzten Jahres gefeiert wurde.

In vielen Fällen waren es protestantische Kirchen, die diesen unabhängigen Gruppen eine Plattform baten, um über Umweltfragen sprechen zu können – oftmals dem Staat zum Trotz.

Zwei vom ÖRK organisierte Weltkonferenzen in den 1970er Jahren spielten eine entscheidende Rolle dabei, dass das Bewusstsein für Umweltfragen in den Kirchen der damaligen DDR wuchs.

Die erste Konferenz – über Wissenschaft und Technologie für eine menschliche Entwicklung – fand 1974 in Bukarest, Rumänien, statt. Sie endete mit einem Aufruf zu einer „verantwortbaren [d.h. nachhaltigen] und gerechten Gesellschaft“ – und es heißt, dies sei das erste Mal gewesen, dass die Gesellschaft mit Blick auf die Umwelt als „nachhaltig“ beschrieben wurde.

Die Konferenz fand in einer Zeit statt, in der weltweit das Interesse für Umweltfragen immer mehr anstieg. 1972 war eine Studie zu den „Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht worden und im selben Jahr hat in Stockholm die Konferenz der Vereinten Nationen über die Umwelt des Menschen stattgefunden.

1976 beschloss der ÖRK dann, das „Streben nach einer gerechten, partizipatorischen und lebensfähigen Gesellschaft“ zu einem Schwerpunkt der künftigen Arbeit der ÖRK zu machen. Dies führte 1979 zur Weltkonferenz „Glaube, Wissenschaft und die Zukunft“ am Massachussetts Institute of Technology in der Nähe von Boston in den USA.

„Wir haben diesen Dialogprozess in der Ökumene ganz bewusst instrumentalisiert, um in der DDR ein entsprechendes Problembewusstsein zu erzeugen“, erklärte Heino Falcke, langjähriger Propst in Erfurt, in einem Interview 1999. In der DDR sei die Ökologie ein tabuisiertes Problem gewesen, aber die Umweltprobleme hätten immer mehr zugenommen, denn der Staat versuchte verzweifelt, die industrielle Produktion zu steigern, um mit dem Westen mithalten zu können.

Falcke, der Vorsitzende des Ausschusses Kirche und Gesellschaft beim Bund der Evangelischen Kirchen in der DDR war, war ab der Konferenz in Bukarest 1974 Mitglied der ÖRK-Arbeitsgruppe zu Kirche und Gesellschaft geworden.

Nach der Konferenz in Bucharest, auf der Falcke auch Delegierter war, machten die Kirchen der DDR Umweltfragen in ihrem eigenen Ausschuss für Kirchen und Gesellschaft zu einem festen Tagesordnungspunkt.

In Vorbereitung auf die Konferenz 1979 in Boston organisierten die Kirchen in der DDR zwei Veranstaltungen: eine Konsultation für Ortsgruppen, Gemeindevertreter und kirchliche Institutionen in Buckow östliche von Berlin Anfang 1978 und im Laufe des Jahres in Erfurt ein Treffen von Vertreterinnen und Vertretern osteuropäischer Kirchen, die als Delegierte nach Boston gehen sollten.

Der Ausschuss für Kirche und Gesellschaft erarbeitete unter Falckes Leitung ein Studiendokument, das auf den Veranstaltungen in Buckow und Erfurt vorgestellt wurde. Es warf dem Kapitalismus nicht nur vor, die Umwelt zu zerstören, sondern wies auch auf die verschiedenen Aspekte des DDR-Sozialismus hin, die dem Ziel einer überlebensfähigen bzw. nachhaltigen Gesellschaft entgegenstanden.

Dem Dokument zufolge waren einige der Symptome der Ausrichtung der DDR der faktische Vorrang des Ökonomischen vor dem Ökologischen sowie das Beharren des Staates auf seine politische Ideologie, der „Wahrheitsanspruch“ und der „demokratische Zentralismus“ des Marxismus-Leninismus. Dies erschwerte alternative Sichtweisen und die Kirchen mussten dem durch die Förderung eines offenen Dialogs und die Stärkung der „aktiven Partizipation von unten“ entgegenwirken.

Die Umweltbewegung

Die Bückower Konsultation war „der erste Schritt zur Formierung der kritischen Ökologiebewegung“ in der DDR, stellte der DDR-Aktivist Ehrhart Neubert in seiner 1 000-seitigen „Geschichte der Opposition in der DDR“ fest.

Die Delegierten der DDR auf der Konferenz am MIT in Boston wurden ihrerseits sowohl vor als auch nach der Konferenz mit Anfragen aus Ortsgemeinden, Umwelt- und Studiengruppen und den Leitungsgremien der Kirchen überschwemmt.

Die Konferenz am MIT bot den Kirchen in der DDR die Möglichkeit, in ihren Zeitschriften und Publikationen Literatur und Materialien über Umweltthemen zu veröffentlichen und damit das Bewusstsein für dieses Thema in ihren Gemeinden zu stärken.

„Mit der breiten Aufarbeitung der Boston-Konferenz in Studienkreisen und Gemeinden der Kirchen in der DDR wurde dafür schnell ein Anfang gesetzt“, schrieb Harmut Lorenz ein einem Artikel für die ostdeutsche Evangelische Nachrichtenagentur ena. „Es folgte die Gründung neuer ‚Umwelt-Gruppen‘ und die Belebung und klarere Orientierung bereits bestehender.“

Die Kirchensynoden in der gesamten DDR und insbesondere in Mecklenburg diskutierten über die Ergebnisse der Boston-Konferenz. Die Synode in Mecklenburg war von der Debatte während der Konferenz am MIT über den künftigen Energiebedarf ermutigt und rief zu einer öffentlichen Debatte über das Kernenergieprogramm der DDR auf. In den 1980er Jahren hob dann die Bundessynode der evangelischen Kirchen in der DDR hervor, wie wichtig es sei, dass staatliche Medien über Umweltfragen informierten.

Kirchliche Gruppen begannen Baumpflanzaktionen und organisierten Radtouren in großen Gruppen, um das Bewusstsein für die Umweltprobleme zu stärken. Derartige Aktivitäten mögen auf den ersten Blick unumstritten scheinen, aber dennoch bedeuteten sie, dass kirchliche Gruppen sich unabhängig vom Staat zu organisieren begannen.

Und im Laufe der 1980er Jahre und weil die mit den Kirchen verbundenen Umweltaktivistinnen und -aktivisten in der DDR sich mehr und mehr Gehör verschafften, aktiver und kritischer wurden und schließlich die Herrschaft der SED (Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands) an sich in Fragen stellten gewannen dieses Vorgehen und diese Haltung immer mehr an Bedeutung.

*Dr. Stephen Brown, Programmdirektor beim weltweiten Ethik-Netzwerk Globethics.net in Genf, sprach auf der kürzlich in Berlin vom „Archiv Grünes Gedächtnis“ der Heinrich Böll Stiftung organisierten Konferenz zum Thema „Transformationen der Ökologiebewegung. Von den Grenzen des Wachstums zur Konferenz von Rio“ über die Entwicklung des Bewusstseins für Umweltfragen im ÖRK und den Kirchen der DDR.

Das Engagement des ÖRK für ökologische Gerechtigkeit