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Neuer Aufbruch in Taizé hin zu einer Ökumene der Solidarität

Neuer Aufbruch in Taizé hin zu einer Ökumene der Solidarität

Jubiläums- und Gedenkfeier in Taizé, 16. August 2015. © Communauté de Taizé

20. August 2015

von Esther R. Suter (*)

Die Woche „für eine neue Solidarität“ in Taizé, für eine Solidarität mit den Armen und Ausgegrenzten, erreichte mit dem Wochenende zum 15. und 16. August ihren Höhepunkt. Die ökumenische Gemeinschaft feiert 2015 das 75-Jahr-Jubiläum ihrer Gründung durch Roger Schutz, sowie dessen 100. Geburtstag (12.5.1915). Außerdem jährte sich am 16. August zum zehnten Mal sein Todestag.

Frère Roger wurde während des Gebets in der Kirche von einer psychisch instabilen Frau erstochen. Zum ersten Mal in der Geschichte von Taizé haben sich nun alle hundert Brüder der Gemeinschaft aus allen Teilen der Welt eingefunden.

Die Gebetsfeier am Samstag begann unter freiem Himmel am Rande des Dorfes. In einer feierlichen Prozession wurde die neue orthodoxe Barmherzigkeitsikone durchs Dorf in die Versöhnungskirche getragen. Prior Alois Löser, von Frère Roger noch selbst zum Nachfolger der Kommunität bestimmt, ging dem Zug der Brüder in ihren weissen Gewändern voran, gefolgt von tausenden junger Menschen aus allen Kontinenten, sowie den geladenen Expertinnen und Experten (EU-Abgeordnete, NGOs, Muslime, Buddhisten, Leute aus Afrika, Asien, dem Nahen Osten).

Sie alle hatten sich während dieser Woche in thematischen Workshops über interreligiösen Dialog, zu Fragen von Migration, Ökologie, Wirtschaft, Gerechtigkeit, Politik, Gesundheit sowie zu Spiritualität, innerem Glaubensleben und Kunst intensiv ausgetauscht. Referierende von Menschenrechtsorganisationen oder aus kirchenleitenden Positionen vermittelten die Erfahrung, dass es möglich ist, mit ganz „anderen“, mit fremden Menschen Begegnungen zu schaffen, zusammen zu kommen über alle Grenzen von Nationalität, Konfession, Religion wie auch kriegerischen Konflikten hinweg zu der einen Menschheitsfamilieund gemeinsam verändernd einzuwirken. Das biblische Motiv der „Gastfreundschaft“ sei eine Kraft, um sich Flüchtlingen gegenüber zu öffnen und sie als Menschen aufzunehmen, vertraten viele von ihnen.

Frère Alois spricht von einer Globalisierung der Solidarität, die viele, auch junge Menschen weltweit erhoffen und welche die Taizé-Gemeinschaft mittragen will. Die Lebendigkeit der Workshops dieser Woche zu den Themen „Freude, Einfachheit und Barmherzigkeit“, die Getragenheit der Gespräche und Offenheit der Begegnungen lassen nichts vermissen vom Aufbruch beim Konzil der Jugend vor gut vierzig Jahren. Der Geist von Frère Roger lebt weiter, sein lebenslanges Engagement für die Einheit der Christen und Versöhnung in der Menschheitsfamilie trägt Früchte. Jugendliche fühlen sich angenommen so wie sie sind und begegnen einander über alle Vorurteile hinweg. Taizé ist sich treu geblieben in der Einfachheit, Spiritualität und Suche nach Einheit.

Für die Feiern am Sonntag reisten hundert Spitzen-Kirchenvertreterinnen und -vertreter an für einen Empfang in der Gemeinschaft und das gemeinsame Gebet am Nachmittag im Freien. Grussbotschaften wurden eingebracht: Kurienkardinal Koch, Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, las die Botschaft von Papst Franziskus vor.

Papst Franziskus brachte die Bedeutung von Frère Roger für die ökumenische Bewegung auf den Punkt: Unter Beibehaltung seiner protestantischen Herkunft habe er sich den verschiedenen christlichen Traditionen geöffnet und mit seiner lebenslangen Ausdauer dazu beigetragen, dass sich die Beziehungen unter den noch getrennten Christen veränderten, indem er für viele einen Weg der Versöhnung aufgezeigt habe.

ÖRK-Generalsekretär Pastor Olav Fykse Tveit verglich den ÖRK-Aufruf zu einem Pilgerweg für Gerechtigkeit und Frieden von 2013 mit Frère Rogers Aufruf zu einem Pilgerweg des Vertrauens auf der Erde: der Pilgerweg als ein Bild für die ökumenische Bewegung. Die Pastorin Karin Burstrang aus Schweden sprach als Vizepräsidentin für die Konferenz Europäischer Kirchen (KEK).

Neben weiteren Stimmen brachte Pastor Martin Hirzel, als Vertreter der Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa (GEKE) auch das Grußwort des Schweizerischen Kirchenbunds (SEK) ein und betonte die Bedeutung von Taizé für die Versöhnung in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg.

Sowohl Kardinal Kurt Koch wie Generalsekretär Olav Fykse Tveit zeigten einige Nähe in ihrer Einschätzung des Flüchtlingsdramas in Europa. Der insgesamt zögerlich vorangehende politische Prozess unter den westlichen Ländern wie auch Russland und China könnte effektiver verlaufen. Eine verengte Sichtweise lenke ab von der Dringlichkeit von Lösungen. Doch der gesamte Kontext der Flüchtlingssituation sei einzubeziehen, die Ursachen von Flüchtlingsströmen und die Lage in Afrika. Das sei eine Herausforderung für unsere christlichen Werte, die es für die Zukunft neu zu bedenken gibt.

(*) Esther R. Suter ist Theologin, Pfarrerin und freie Journalistin aus Basel, Schweiz, mit langjähriger Erfahrung in der Berichterstattung über die globale, regionale und lokale Ökumene.