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Erste Lernerfahrungen beim Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens

Erste Lernerfahrungen beim Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens

Dr. Enns, Dr. Abuom, Pastor Tore Johnsen, Pastorin Waltrina Middleton. Foto: Odd Erik Stendahl/ÖRK

23. Juni 2016

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 24. Juni 2016

Ermutigung, Inspiration und Erfahrungsaustausch prägten die Plenarsitzung, die sich mit dem vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) initiierten Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens befasste.

Die erste einer Reihe von Plenarsitzungen des ÖRK-Zentralausschusses, die zentrale Aspekte der aktuellen Arbeit des Rates thematisieren, nahm den spirituellen und programmatischen Kern seiner Aktivitäten in den Blick, zeichnete die Entwicklung des Pilgerwegs nach, setzte sich mit seiner Anwendung auf zentrale Themenbereiche auseinander und warb um das Engagement von Mitgliedskirchen und ökumenischen Partnern in der laufenden Arbeit.

Zunächst ging es bei der Sitzung um die öffentlichkeitswirksamsten Initiativen des Pilgerwegs seit seiner Entstehung in der Folge der 10. ÖRK-Vollversammlung Ende 2013. Zu nennen sind: der sehr erfolgreiche Pilgerweg für Klimagerechtigkeit zur UN-Konferenz in Paris Ende 2015, aus der ein richtungsweisendes Abkommen zur Eindämmung des Klimawandels hervorgegangen ist; in jüngster Zeit im Blick auf den Nahen Osten ergriffene Initiativen und Besuche bei Mitgliedskirchen in der Region; die Pilgerreise von Pastorin Gloria Nohemy Ulloa Alvarado, der ÖRK-Präsidentin für Lateinamerika, und ÖRK-Generalsekretär Pastor Dr. Olav Fykse Tveit 2015 durch Lateinamerika; die Pilgerreise einer Delegation von Mitgliedskirchen nach Hiroshima und Nagasaki anlässlich des 70. Jahrestages des Atombombenabwurfs und des Gedenkens an die Opfer.

Wie Pastorin Ulloa anmerkte, trug die Pilgerreise durch Lateinamerika dazu bei, die lateinamerikanischen Kirchen spirituell zu beleben und in ihrem Engagement zu bestärken. Gleichzeitig habe sie ihrer „Stimme der Hoffnung“ mehr Gehör verschafft.

Dr. Fernando Enns, deutscher mennonitischer Theologe und Zentralausschussmitglied, ist Co-Vorsitzender der Referenzgruppe „Pilgerweg“ und ihrer theologischen Studiengruppe. Im Rahmen der Plenarsitzung sprach er unter Bezug auf die verschiedenen besuchten Orte über die vielfältigen Facetten und die Entwicklung des Verständnisses vom Pilgerweg, insbesondere im Blick auf seine drei Aspekte: die Gaben feiern – sich mit den Wunden beschäftigen – Ungerechtigkeit verwandeln.

Themenschwerpunkt des Pilgerwegs für das Jahr 2016 sei die Friedensstiftung im Kontext von Religion und Gewalt im Nahen Osten, mit besonderem Augenmerk auf Palästina und Israel, erläuterte Enns. Als Beispiel nannte er die Pilgerreise, die die Referenzgruppe selbst im Februar 2016 nach Israel und Palästina unternommen hat. Bei seiner Beschreibung der Begegnungen der Teilnehmenden mit den Menschen vor Ort, den Mitgliedskirchen und Kirchenleitenden wurde deutlich Begeisterung spürbar.

„Wir hörten bewegende Zeugnisse von Menschen, die in der Stadt Jerusalem leben – inmitten von Drohungen, Aggression, Unsicherheit und Angriffen. Gemeinsam mit anderen Pilgergruppen beschritten wir die Straßen der Via Dolorosa. Wir trafen zusammen im Angesicht von Flüchtlingslagern, Siedlungen, Checkpoints und der Trennmauer. Wir rochen das Tränengas, wurden Zeuginnen und Zeugen von Diskriminierung, hörten unseren lieben – christlichen, jüdischen und muslimischen – Brüdern und Schwestern zu, wenn sie ihre Frustration artikulierten. Wir besuchten die Wunden!“

Im Rahmen der Sitzung wurde weiterhin eine Reihe konkreter Initiativen vorgestellt, anhand derer das Konzept des Pilgerwegs und die in konkreten Situationen gemachten Lernerfahrungen nachvollziehbar wurden.

Pastor Tore Johnsen (Kirche von Norwegen), der Generalsekretär des Kirchenrates der Samen, verwies nicht nur auf die jahrhundertelange körperliche, kulturelle und spirituelle Gewalt, die die indigenen Samen in Norwegen erlitten haben, sondern auch auf ihre psychischen Folgen. „Wir werden uns selbst zum Feind“, so Johnsen. „Für die Versöhnung ist es entscheidend, die Wahrheit offenzulegen, Reue zu zeigen und Wiedergutmachung zu leisten.“ Damit der Pilgerweg in diesem Kontext mit Leben erfüllt werde, sei ein generationenübergreifendes Projekt erforderlich, um der „Unsichtbarkeit“ der indigenen Bevölkerung entgegenzuwirken.

Dr. John Nduna, Generalsekretär des ACT-Bündnisses, stellte dessen Kampagne „Jetzt handeln für Klimagerechtigkeit“ vor und verwies auf den Einfluss, den die ökumenische Familie der ACT-Mitgliedskirchen ausüben konnte im Sinne eines wirksamen Abkommens bei der Klimakonferenz. Für ihn hat der Pilgerweg „gerade erst begonnen“.

Der Generalsekretär der Konferenz Europäischer Kirchen, Pastor Dr. Heikki Huttunen, sprach in seinem Beitrag über die enorme Zahl an Migranten weltweit und die Auswirkungen dieser Situation auf die europäischen Kirchen. Es handle sich um „eine Krise der Solidarität und Gemeinschaft“, die deutlich mache, dass der Pilgerweg metanoia erfordere.

Pastorin Waltrina Middleton schließlich stellte den Bezug her zwischen der Black Lives Matter-Bewegung in den USA und dem Motiv des Pilgerwegs. „Wir, die wir an die Freiheit glauben, dürfen nicht ruhen“, so ihr bewegender Appell. Der gewaltlose Widerstand sei nach wie vor wichtig und wirkmächtig, wenn es um sozialen Wandel gehe. „Diejenigen, die religiöse Leitungsverantwortung tragen, müssen diese Aufgabe in Angriff nehmen.“

Im Kern gehe es bei dem Gedanken des Pilgerwegs darum, in uns die Bereitschaft zu wecken für Begegnungen, Buße und Bekehrung, fasste Enns die Überlegungen der Referenzgruppe zusammen. „Wir waren gemeinsam der Überzeugung, dass ‚hinausgehen‘ und ‚unterwegs sein‘ wesentliche Dimensionen der christlichen Nachfolge sind. Jesus sandte seine Jünger an die gottverlassensten Orte aus, mit der Aufgabe, sich auf den Weg zu machen, sich verletzlich zu machen und sich abhängig zu machen von der Gastfreundschaft Anderer – und unterwegs Gott zu finden.“

Weitere Informationen:

Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens

Tagung des ÖRK-Zentralausschusses