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Internationaler Tag des Übersetzens: sprachliche Vielfalt als Bereicherung sehen

Internationaler Tag des Übersetzens: sprachliche Vielfalt als Bereicherung sehen

Foto: Ivars Kupcis/ÖRK

30. September 2019

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 02. Oktober 2019

Dr Alexander M. Schweitzer ist Geschäftsführer von Bible Ministy sowie Direktor für die Bibelübersetzung weltweit für das globale Missionsteam des Weltbundes der Bibelgesellschaften. Am Internationalen Tag des Übersetzens äußert sich Schweitzer zu den Herausforderungen in Bezug auf Übersetzungen, aber auch dazu, wie sehr diese unsere Welt bereichern.

Wie viele verschiedene Übersetzungen der Bibel gibt es heute weltweit?

Dr Schweitzer: Die ganze Bibel ist in 700 Sprachen übersetzt worden, das Neue Testament existiert in mehr als 1 500 Sprachen und es gibt über 1 100 Übersetzungen von Bibelteilen (Evangelien, Psalmen, einzelne Bücher, usw.). Mit Blick auf die etwa 7 100 weltweit existierenden Sprachen bedeutet dies, dass mehr als 3 700 Sprachen ohne eine Übersetzung der Heiligen Schrift auskommen müssen. Diese Zahlen umfassen auch Zeichensprachen.

Nennen Sie uns bitte einige der neusten Übersetzungen.

Dr Schweitzer: Trotz der Tatsache, dass eine Übersetzung der ganzen Bibel oder des Neuen Testaments mehrere Jahre dauert, gibt es jedes Jahr hunderte von Sprachen, die eine erste Übersetzung erhalten. Zu den neuen Übersetzungen von letztem Jahr gehören Sprachen wie Lusamia-Lugwe (Uganda/Kenia, 650 000 Sprecherinnen und Sprecher), Kalanga (Botswana, 142 000), Rote (Indonesien, 30 000) oder Malto (Indien, 51 000): alles ganze Bibeln. Zu den Übersetzungen des Neuen Testaments gehören Nördliches Waray (Philippinen, 632 000 Sprecherinnen und Sprecher), Blin (Eritrea, 112 000), Korku (Indien, 550 000), Lemi (Myanmar, 12 000). 2018 unterstützten die Bibelgesellschaften die Fertigstellung von Übersetzungen in 66 Sprachen, die insgesamt von 440 Millionen Menschen benutzt werden.

Welches ist die größte Herausforderung im Zusammenhang mit den Übersetzungen?

Bibelübersetzungen sind auf verschiedenen Ebenen mit Herausforderungen konfrontiert:

Kulturelle Herausforderungen: Die biblischen Texte widerspiegeln spezifische Kulturen des Alten Orients. Kulturelle Gegebenheiten sind oft nur schwierig in andere Kulturen übertragbar, sodass die Übersetzerin oder der Übersetzer stets herausgefordert ist, beim Versuch, einerseits die semitischen Kulturmerkmale, die Bestandteil der Botschaft sind, zu bewahren, sie gleichzeitig aber auch so zu übertragen, dass sie in der Empfängerkultur verständlich sind.

Sprachliche Herausforderungen: Die Bibel weist etliche unterschiedliche Literaturgattungen auf. Dazu kommt, dass viele Sprachen in gewissen dieser Literaturgattungen über keine bestehende Literatur verfügen. Eine zweite sprachliche Herausforderung hat mit dem theologischen Wortschatz zu tun. Schlüsselbegriffe wie Erlösung, Vergebung, Schuld oder Leviratsehe gibt es in zahlreichen Sprachen nicht. Wie übersetzt man sie, wenn es weder eine sprachliche noch eine theologische Entsprechung gibt?

Kirchliche Traditionen und Theologien haben einen großen Einfluss auf den Prozess der Bibelübersetzung. Dies wird besonders offensichtlich, wenn die Sprache in der Vergangenheit bereits über eine Übersetzung verfügte und darauf gestützt eine Theologie entwickelt wurde. In diesem Fall wird die frühere Übersetzung oft als eine Art „Pseudo-Original“ betrachtet, das andere Ansätze in der neuen Übersetzung zur Herausforderung macht.

Zu den administrativen Herausforderungen gehören der Finanzierungsaspekt und insbesondere die Notwendigkeit, die Nachfrage, die Anliegen und die Bedürfnisse der lokalen Bevölkerung mit den Vorstellungen und Wünschen der Geldgeber unter einen Hut zu bringen. Ein besseres Verständnis der Komplexitäten und Feinheiten bei der Bibelübersetzung und der Situation vor Ort kann erreicht werden durch ein Eintauchen in die Gegebenheiten vor Ort und die Möglichkeit des Kennenlernens für die Geldgeber, die oft aus einem „Erste-Welt“-Hintergrund des globalen Nordens kommen.

Haben Sie anlässlich des Internationalen Tages des Übersetzens einen besonderen Wunsch?

Dr Schweitzer: Das Internationale Jahr der indigenen Sprachen der Organisation der Vereinten Nationen für Erziehung, Wissenschaft und Kultur fordert uns auf, den einmaligen Beitrag zu anerkennen, den jede Sprache und jede Kultur zu einem besseren Verständnis des biblischen Textes leistet. Ich wünsche mir, dass der Internationale Tag des Übersetzens uns nicht nur an die Komplexität des Übersetzens an sich erinnert, sondern dass wir ihn auch als eine Einladung betrachten, die sprachliche Vielfalt als Bereicherung und Vertiefung unseres Verständnisses des Wortes Gottes zu betrachten, ausgedrückt in den verschiedenen Kulturen.

Welches ist Ihr Lieblingsvers in der Bibel?

Dr Schweitzer: Ich versuche, die Bibel eng verbunden mit meinem Leben zu lesen, deshalb ändern sich meine bevorzugten Verse oder Textstellen ständig! Doch gibt es einige Favoriten, die immer wiederkommen. Neben den üblichen Verdächtigen, wie beispielsweise der Bergpredigt, finde ich sie oft in den Psalmen. Einer davon ist Psalm 139 (138), insbesondere der Beginn: „Herr, du erforschest mich und kennest mich. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten.“

Weltbund der Bibelgesellschaften