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Erich Weingartner über die koreanische Halbinsel: „Frieden benötigt emotionale Beziehung“

Erich Weingartner über die koreanische Halbinsel: „Frieden benötigt emotionale Beziehung“

Erich Weingartner, am 22. Oktober 2009. Foto: Peter Williams/ÖRK

07. Februar 2020

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 10. Februar 2020

Erich Weingartner, der in der Vergangenheit in der Leitung der Kommission der Kirchen für internationale Angelegenheiten des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) tätig war, hat ebenfalls als Vertreter von CanKor gearbeitet, einem kanadischen interaktiven Instrument für Nordkorea. Er ist Mitglied der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Kanada und war leitendes Gründungsmitglied des Verbindungsbüros für Nahrungsmittelhilfe des Welternährungsprogramms.

Erich Weingartners Gedanken zu den 70 Tagen des Gebets für den Frieden in Korea:

Glauben Sie, dass das Gebet eine wirksame Art ist, um in Korea Frieden zu erreichen?

Weingartner: Wenn wir das Gebet als Ersatz für Fürsprachearbeit und Handeln ansehen, dann nicht. Diese Art von Gebet wäre nur ein Abschieben von Verantwortung oder ein Überwälzen unserer Zuständigkeit an eine höhere Macht.
Als die Christinnen und Christen von Nord- und Südkorea beschlossen, sich jedes Jahr gemeinsam im Gebet für den Frieden zu vereinen, zeugten sie damit von einem gemeinsamen Bestreben. Diese Gebete waren das Zeichen dafür, dass sie zusammen eine Gemeinschaft der Hoffnung bildeten. Noch bevor es möglich war, auf politischer Ebene eine friedliche Wiedervereinigung anzustreben, verpflichteten sich der Koreanische Christenbund aus Nordkorea und der Nationale Kirchenrat in Südkorea dazu, untereinander Frieden und Einheit zu praktizieren.

Von Anfang an waren Sie bei offiziellen Vermittlungen zwischen Christinnen und Christen beider Seiten Koreas dabei. Was haben Sie aus diesen Erfahrungen gelernt?

Weingartner: Dazu möchte ich von der Begegnung zwischen dem Norden und dem Süden erzählen, als zum ersten Mal eine jährliche Zeit des Gebets als zentraler Teil der koreanischen christlichen Friedensbestrebungen vorgeschlagen wurde. Wir schrieben das Jahr 1986 und der Ort des Geschehens war Glion, in der Schweiz. Zur Vorbereitung dieses Treffens musste ich sowohl mit der nord-, wie auch mit der südkoreanischen Regierung eine Bewilligung aushandeln. Südkorea wurde zu dieser Zeit noch von Diktator Chun Doo Hwan regiert. Das Staatssicherheitsgesetz wurde streng durchgesetzt und umfasste drakonische Strafen für alle Bürgerinnen und Bürger, die mit irgendeiner Person aus Nordkorea in Kontakt traten. Nachdem ich von beiden Regierungen die Genehmigung erhalten hatte, standen sich die Delegationen zum allerersten Mal persönlich gegenüber. Auch wenn sich beide Seiten der historischen Bedeutung dieses Treffens bewusst waren, hegten sie doch größtes Misstrauen und Argwohn gegeneinander. Die Delegation aus dem Süden bombardierte diejenige aus dem Norden mit Fragen, die ganz offensichtlich dazu dienten, zu überprüfen, ob ihre Gegenüber auch wirklich Christen waren, oder aber als Christen getarnte kommunistische Agenten. Die nördliche Delegation konterte mit ähnlichem Misstrauen. Das darauffolgende dreitägige Programm umfasste Gottesdienste, Bibelstudien und Gebete. Es waren diese Gebete – gesprochen von beiden Delegationen – die nach und nach das Eis zum Schmelzen brachten und die Menschlichkeit des Gegenübers offenbarten.

Das Treffen wurde mit einer Eucharistiefeier in einem großen Kreis abgeschlossen. Als der leitende Pastor die Teilnehmenden zum gegenseitigen Friedensgruß aufforderte, setzten sich alle in Bewegung. Zuerst reichten sie sich die Hand und sprachen das traditionelle „Friede sei mit dir.“ Doch die Bedeutung dieses schlichten Aktes überwältigte bald alle Teilnehmenden mit Emotionen. Sie begannen, sich gegenseitig zu umarmen und Frieden zu wünschen. Den Tränen wurde freien Lauf gelassen. Der Friede war nun nicht mehr eine Forderung an den Anderen, sondern ein Geschenk, das dem Anderen großzügig gereicht wurde.

Gestützt auf diese Erfahrung wurden die traditionellen jährlichen Gebete für den Frieden in Korea eingeleitet. Frieden zwischen gegnerischen Seiten benötigt eine emotionale Beziehung. Durch das Gebet erkennen wir an, dass unsere intellektuellen und rationalen menschlichen Anstrengungen zur Entwicklung von Frieden nicht ausreichen.
Mit dem Gebet soll nicht Gott überzeugt werden, das Gebet verändert vielmehr die menschliche Haltung: Misstrauen und Hass werden zu Zusammenarbeit und Liebe.

Während der schrecklichen Hungersnot haben Sie in den 1990er Jahren mehr als zwei Jahre lang in Nordkorea gelebt und als Entwicklungshelfer gearbeitet. Wie hat diese Erfahrung Ihre Auffassung des Bedürfnisses nach Frieden beeinflusst?

Weingartner: In der ersten Zeit der humanitären Hilfe gab es eine enorme Trennung zwischen den Mitarbeitenden von Hilfsorganisationen und den nordkoreanischen Ansprechpartnern. Zahlreiche Entwicklungshelferinnen und -helfer waren überzeugt, dass sie in feindliches Gebiet eintraten. Missverständnisse und Vorurteile führten zu zahlreichen Konflikten und fehlende Zusammenarbeit behinderte die Arbeit.

Unsere Wahrnehmungen werden stark von unseren Haltungen geprägt. Einer meiner Kollegen sagte einmal, Nordkorea sei eine Art Rorschachtest. Wenn du dort eintriffst, siehst du das, was du zu sehen erwartest. Wenn wir Feinde suchen, dann finden wir auch welche. Wir sehen nicht mehr einzelne Personen als Menschen wie wir selbst, mit den gleichen Bedürfnissen, Ängsten, Freuden und Tränen. Oft projizieren wir auch auf andere, was wir in uns selbst nicht sehen können. Wenn wir hingegen nach potentiellen Freunden Ausschau halten, wenn wir versuchen, die anderen in ihrem Kontext und ihrem Leben zu verstehen, dann werden wir bestimmt Freunde finden, das kann ich jedenfalls bestätigen.

Erachten Sie die 70 Tage des weltweiten Gebets für den Frieden auf der koreanischen Halbinsel als nützliche Aktion, während sich der Kriegsbeginn in Korea zum 70. Mal jährt?

Weingartner: Ich betrachte den Frieden in Korea als eine Art Lackmustest für die ganze Menschheit. Wenn wir nicht in der Lage sind, den Irrsinn eines 70-jährigen Kriegs auf der koreanischen Halbinsel zu beenden, wie können wir dann erwarten, die dringendsten Probleme zu lösen, die das Überleben unseres ganzen Planeten bedrohen?
Wenn wir jedoch die relativ einfache Aufgabe zuwege bringen, den Koreakrieg als beendet zu erklären, wäre dies eine starke Botschaft der Hoffnung an die ganze Welt. Ein Friede in Korea kann uns alle lehren, dass Probleme gelöst werden können, wenn wir gemeinsam daran arbeiten, unsere gespaltene, polarisierte Menschheit zu heilen.

Frieden zu schließen bedingt eine Veränderung unserer eigenen Wahrnehmungen, erfordert eine Art Umkehr, und setzt voraus, dass wir unser Herz und unseren Verstand öffnen, um uns selbst in den anderen sehen zu können. Das Gebet kann uns helfen, die uns innewohnende Feindlichkeit zu überwinden. Durch Gebet können wir dazu gelangen, die Menschlichkeit zu erkennen, die in allen von uns wohnt, auch in unseren Feinden.


Mein persönliches Gebet für den Frieden:

Gott der Liebe,

Wir bekennen,

dass wir unfähig waren, unsere Feinde zu lieben, wie du es uns geboten hattest.

Wir bekennen,

dass wir tüchtiger darin waren, Krieg zu führen, als Frieden zu vereinbaren.

Wir bekennen,

dass wir unser Vertrauen verloren haben in Deine Leitung als Herr der Geschichte.

Gib uns den Glauben,

dass auf der koreanischen Halbinsel Frieden möglich ist, sogar nach 70 Jahren Krieg.

Gib uns die Hoffnung,

dass unsere schwachen Bestrebungen, Frieden und Gerechtigkeit herbeizuführen, reiche Frucht bringen mögen.

Gib uns die Liebe,

die uns ermutigt, mit offenem Herzen und offenem Geist Misstrauen und Hass zu überwinden. Friedefürst,

hilf uns, in uns selbst die Wahrheit zu finden, damit wir Botschafterinnen und Botschafter

der Versöhnung werden.

Gieße Deine Gnade aus über Korea und über den Rest dieser geplagten Welt.

Amen.


Beginn „der weltweiten Gebetskampagne zur Beendigung des 70-jährigen Koreakriegs (ÖRK-Pressemitteilung vom 6. Februar 2020, auf Englisch)

“Wir beten, Frieden jetzt, ein Ende dem Krieg!“ – 70 Tage weltweites Gebet für die koreanische Halbinsel (ÖRK-Pressemitteilung vom 5. Februar 2020, auf Englisch)

Ressourcen für die Kampagne Light of Peace (Licht des Friedens), Gebete und Materialien für die sozialen Medien (auf Englisch)

Fotos der Veranstaltung zur Lancierung der weltweiten Gebetskampagne für den Frieden in Korea

Videoaufnahme der Veranstaltung zur Lancierung der weltweiten Gebetskampagne (auf Englisch)