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Erzbischof Anastasios: „Lasst uns das Licht der Hoffnung von Herz zu Herz weitergeben“

Erzbischof Anastasios: „Lasst uns das Licht der Hoffnung von Herz zu Herz weitergeben“

Foto: Xanthi Morfi/ÖRK

28. März 2020

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 31. März 2020

Interview mit dem Erzbischof von Albanien und ehemaligen ÖRK-Präsidenten

von Marianne Ejdersten, Direktorin der ÖRK-Kommunikationsabteilung

Erzbischof Anastasios von Tirana, Durrës und ganz Albanien berichtet in diesem online-Interview, wie sich die Kirchen in Albanien und weltweit seiner Ansicht nach an die Gegebenheiten der COVID-19-Pandemie anpassen. Während wir für die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler beten, die nach einem Medikament zur Behandlung der Krankheit suchen, können die Kirchen auch immer wieder betonen, wie wichtig es ist, dass wir alle zu Hause bleiben und uns gleichzeitig frei machen von Angst und Sorge. Wir müssen Möglichkeiten finden, den Kranken auf direkte oder indirekte Weise zu helfen, während wir uns innerlich auf das Osterfest vorbereiten, und wir müssen unsere Herzen öffnen für das Licht der Hoffnung.

Wie haben sich die Kirchen der Beobachtung Ihrer Seligkeit nach an das Leben in der Corona-Krise anpassen? In Albanien, aber auch weltweit.

Erzbischof Anastasios: Als wir informiert wurden, dass die Pandemie des Coronavirus COVID-19 Albanien erreicht hat, haben wir uns (am 12. und 17. März 2020) an die Menschen im Land gewandt und sie dringend aufgerufen, Panikmache zu vermeiden, nicht zu verzweifeln und nicht schwermütig oder depressiv zu werden. Wir haben die Menschen ermahnt, dass wir alle die Situation nüchtern betrachten, mit Gelassenheit und vorsichtiger Sorge reagieren und die Anweisungen und Gesundheitsverordnungen der zuständigen Behörden strikt einhalten müssen. Wir haben darüber informiert, dass alle Gottesdienste in unseren Kirchen abgesagt seien, und haben die Menschen aufgerufen, die traditionelle Begrüßung, bei der sich die Menschen umarmen, das Küssen heiliger Gegenstände in den Kirchen, Handküsse und jegliche andere Formen physischen Kontakts zu vermeiden. Die Göttliche Liturgie feiern wir trotzdem an jedem Sonntag und an allen Hochfesten in der Kapelle des Synodalzentrums, allerdings hinter verschlossenen Türen. Die Gottesdienste werden über den Radiosender der Kirche sowie online live übertragen. Auch in den anderen Diözesen werden weiterhin Gottesdienste gefeiert, aber ebenso in kleinen Kapellen hinter verschlossenen Türen. Wir empfehlen allen Angehörigen von Risikogruppen, also allen älteren Menschen und Kindern, für eine gewissen Zeit zu Hause bleiben. Die Kirchen bleiben tagsüber für individuelles Beten geöffnet. Glauben und Liebe sind die stärksten Waffen der Verteidigung gegen die Angriffe dieses unsichtbaren Virus. Ich weiß, dass viele andere Kirchen sich mit ähnlichem Inhalt an ihre Mitglieder gewandt haben.

Inwiefern können die Kirchen in Albanien Vorbilder für Andere sein?

Erzbischof Anastasios: Wir haben an verschiedenen Stellen Initiative ergriffen und die anderen Religionsgemeinschaften in Albanien über unsere Ideen und Ansätze informiert. Aber es wäre übertrieben zu sagen, dass wir ein „Vorbild“ für irgendjemanden sind. Die Kirchen in den verschiedenen Ländern der Welt haben alle ganz unterschiedliche Bedürfnisse und müssen auf unterschiedliche Gegebenheiten reagieren. Wir haben (am 20. März) eine breiter gefasste Botschaft an die Allgemeinheit formuliert, die an die ganze multireligiöse Gesellschaft in Albanien gerichtet war und von den großen Medien des Landes gesendet und veröffentlicht wurde. In dieser Botschaft haben wir natürlich all jenen von Herzen gedankt, die für die Sauberkeit im öffentlichen Raum, die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung und die Aufklärung und Information der Öffentlichkeit zuständig sind, und insbesondere selbstverständlich allen im Gesundheitswesen Tätigen, die an vorderster Front für die Versorgung der Infizierten kämpfen. Wir haben darin betont, dass wir, während wir alle zu Hause sein werden, Ärger und Konflikte nicht schwelen lassen dürfen, sondern uns um Kreativität, eine friedliche Grundhaltung, Freundlichkeit und Güte, gegenseitiges Verständnis, Warmherzigkeit und Wohlwollen und Liebe bemühen müssen.

Wir haben hervorgehoben, dass alle Gläubigen ihre Gebete dafür verstärken sollten, dass sich diese Zeit der Prüfung für uns nicht in die Länge ziehen möge, und dass alle Gläubigen für die Genesung der ernsthaft Erkrankten und für eine Eindämmung der Pandemie beten sollten. Mehr noch: Wir sollten dafür beten, dass Gott der Wissenschaft Erleuchtung schenken möge, damit diese schnell die richtigen Präventionsmaßnahmen und Behandlungsmöglichkeiten finden kann. Am Ende wird etwas Gutes aus dieser Krise hervorgehen und wir hoffen, dass die menschlichen Gesellschaften ihre Werte und Prioritäten überdenken werden.

Wie können wir Leben schützen? Was können wir als Kirchen/Religionsgemeinschaften tun?

Erzbischof Anastasios: In erster Linie müssen wir immer wieder hervorheben, dass es unser aller Aufgabe und Pflicht ist, den Anweisungen der Regierung und der Gesundheitsbehörden entsprechend zu Hause zu bleiben. Wir müssen jegliche Art von Reisen einstellen. Aber wir müssen auch aufpassen, dass diese Maßnahmen nicht zur Isolation und Vereinsamung von Menschen führen. Ganz im Gegenteil: Wir müssen uns mutig, mit Gebeten, Worten, einfachen Taten und einer von Zuneigung und Warmherzigkeit erfüllten Stille gegenseitig stärken – insbesondere natürlich auch all jene, die einer der Risikogruppen angehören.

Es ist wichtig, dass sich die Menschen bewusst sind, dass in den Kapellen in allen Diözesen zwar hinter verschlossenen Türen, aber kontinuierlich Gottesdienste gefeiert werden – als symbolische Kerzen sozusagen. Nicht nur das Coronavirus kann weitergegeben werden, wir müssen auch in unserem Glauben begründete Furchtlosigkeit und Unbesorgtheit weitergeben und das mit einer fröhlichen Grundstimmung.

Was können wir tun, wenn es nicht mehr ohne Risiko möglich ist, in der Kirche zusammenzukommen, oder wenn eine zunehmend große Anzahl an Personen der Risikogruppen nicht mehr an den Gottesdiensten teilnehmen können?

Erzbischof Anastasios: In Ländern, in denen die Kirche im Fernsehen oder Radio senden kann, können wir die Übertragung von Gottesdiensten in diesen Medien fördern und die Menschen ermutigen, auf diese Weise daran teilzunehmen. Auch als Ersatz für den Kindergottesdienst können Lektionen und Videos erarbeitet und von den Ortsgemeinden online zur Verfügung gestellt werden. Die Gläubigen können vorübergehend auch bei sich zu Hause eine Art Hauskirche schaffen und so im Kreis der Familie oder vielleicht gemeinsam mit der Nachbarsfamilie Gottesdienste feiern und beten. Eine andere Möglichkeit ist, kleine Bibelkreise zu gründen. Des Weiteren können wir gemeinsam singen oder gemeinsam Kirchenlieder und Hymnen anhören.

Was ist mit Stigmatisierung und Diskriminierung?

Erzbischof Anastasios: Es wäre ein schlimmer Fehler, Menschen zu diskriminieren oder zu stigmatisieren, die sich mit dem Virus angesteckt haben. Tatsächlich muss es genau das Gegenteil sein: Durch die Ansteckung werden sie zu den „geringsten Brüdern [und Schwestern]“, auf die Christus in seiner Rede vom Weltgericht (Matthäus 25) verweist. Und unsere Haltung gegenüber diesen „geringsten Brüdern [und Schwestern]“ bringt unsere Haltung gegenüber Christus selbst zum Ausdruck. Wir müssen Möglichkeiten und Wege finden, den Kranken direkt oder indirekt zu helfen; wir müssen ihren Familien und Kindern helfen, wenn sie nicht überleben sollten. Natürlich müssen wir auch alle im Gesundheitswesen Tätigen unterstützen, die jeden Tag mit dem Virus in Berührung kommen, und wir müssen ihnen durch Gebete und die Einhaltung der von ihnen ausgegebenen Richtlinien fortwährend unseren Dank zum Ausdruck bringen.

Wofür kann die weltweite Gemeinschaft in Ihrem Auftrag beten während Albanien sich diesen bisher nie dagewesenen Herausforderungen stellt?

Erzbischof Anastasios: Das gemeinsame Gebet aller Länder muss sein, dass wir diese Prüfung mit möglichst wenig Opfern bestehen. Die Pandemie führt nicht nur zu Krankheit, sondern hat auch weitreichende wirtschaftliche Folgen und richtet besonders ärmere Länder wie Albanien zugrunde, das nun jüngst zusätzlich auch noch von einem verheerenden Erdbeben erschüttert wurde. Die Pandemie ist nicht lokal begrenzt, sie ist global. Daher muss auch die Reaktion darauf eine Reaktion der weltweiten Solidarität sein, eine „globalisierte Solidarität“. Die wirtschaftlich stärkeren Länder haben eine Verantwortung, den wirtschaftlich schwächeren Ländern wie Albanien zu helfen, denn diese werden akutere Auswirkungen der finanziellen Schwierigkeiten und gesellschaftlichen Probleme zu spüren bekommen.

Da wir uns gerade in der Zeit der Vorbereitung auf Ostern befinden, sollten wir nicht vergessen, dass der gekreuzigte und auferstandene Christus seinen Jüngern Frieden und Furchtlosigkeit schenkte und ihnen versprach, dass er in jedem Bedrängnis und bis an das Ende der Zeit bei ihnen sein würde. Wir müssen diese Zuversicht stärken, dass er bei uns ist und uns in dieser Prüfung nicht verlassen wird. Lassen Sie uns ohne Angst und Sorge Ostern feiern, lassen Sie uns standhalten.

In diesem Jahr wird es uns nicht möglich sein, das Osterlicht von Kerze zu Kerze weiterzugeben, wie es in den orthodoxen Kirchen Brauch ist. Lassen Sie uns stattdessen aber das Licht der Hoffnung auf unseren auferstandenen Herrn und das Licht der Furchtlosigkeit von Herz zu Herz weitergeben.

Christus ist auferstanden!

Dieses ÖRK-Interview wurde in Zusammenarbeit mit der Autokephalen Orthodoxen Kirche von Albanien geführt und niedergeschrieben.

 

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