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Eine passionierte koreanische Feministin und Ökumenikerin

Eine passionierte koreanische Feministin und Ökumenikerin

Pastorin Dr. Sang Chang ist ÖRK-Präsidentin für Asien. Foto: Claus Grue/ÖRK

21. August 2019

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 22. August 2019

*Von Claus Grue

Im glorreichsten Moment ihres beruflichen Werdegangs stellt Pastorin Prof. Dr. Sang Chang fest, dass die Gesellschaft nicht immer nur nett und wohlgesonnen ist und die Politik wie vom Teufel gelenkt sein kann. Aber dank Gottes Hilfe ist sie darüber hinweggekommen und hegt keinen Groll mehr. Ganz im Gegenteil ist sie in ihrem Kampf für die Gleichstellung der Geschlechter und für soziale Gerechtigkeit entschlossener als je zuvor.

Es war während eines Anhörungsverfahrens kurz nach ihrer Ernennung zur Premierministerin im Jahr 2002, dass sie zu straucheln begann. Die mutige Entscheidung von Präsident Kim Dae-jung, eine Frau zur Premierministerin Südkoreas zu ernennen, stieß in der vorwiegend männlichen politischen Elite des Landes nicht auf Gegenliebe. Ein unschöner Machtkampf beendete Changs Amtszeit als amtierende Premierministerin nach nur einem Monat.

„Ich bin gescheitert, aber danach hat sich die Gesellschaft verändert. Mittlerweile können Frauen Mitglieder im Kabinett werden“, erzählt sie.

Für sie persönlich war dieser Moment ein Weckruf und führte ihr vor Augen, dass die Welt zu Frauen nicht gerecht ist. Ihr Einfluss in der koreanischen Politik aber wurde nicht geschmälert. Im letzten Jahr erst begleitete sie den derzeitigen Präsidenten, Moon Jae-in, als leitende Beraterin mit einer Delegation nach Nordkorea zu einem Treffen mit dem Vorsitzenden Kim Jong-un.

„Im Jahr 2000 habe ich ls Mitglied einer Delegation, die den damaligen Präsidenten Kim Dae-jung auf seiner ersten Reise nach Nordkorea begleitet hat, auch schon seinen Vater, Kim Jon-il, getroffen. Und 2015 war ich als Mitglied einer Delegation des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) in Nordkorea“, berichtet Chang.

Diese drei historischen Besuche in Nordkorea waren die einzigen Gelegenheiten für einen Besuch „in der Heimat“ seit sie nach dem Zweiten Weltkrieg als Siebenjährige mit ihrer Mutter nach Seoul geflohen ist. Grund für die Flucht damals war ihr christlicher Glaube.

Was seither mit ihren Verwandten in ihrem Heimatort Yong Chun nahe der chinesischen Grenze im Nordwesten Nordkoreas geschehen ist und wie es ihnen ergangen ist, weiß Chang nicht. Ein Kontakt war nie möglich und Informationen aus Nordkorea gab es auch nie.

Weg zur Wiedervereinigung steht offen

Gebetsfahnen entlang der entmilitarisierten Zone. Foto: Claus Grue/ÖRK

Im nächsten Jahr jährt sich der Ausbruch des Koreakrieges zum 70. Mal. Vieles hat sich in diesen Jahren dramatisch verändert und Chang ist überzeugt, dass nur die Vermittlung von Wissen das gegenseitige Verständnis zwischen den beiden koreanischen Völkern, die ihr ganzes bisheriges Leben in völlig unterschiedlichen politischen Systemen gelebt haben, verbessern kann. Aus diesem Grund hat sie 2017 die Organisation „Vereinte Zukunft für Korea“ gegründet, die sich für eine Wiedervereinigung durch Bildung engagiert.

„Die politischen Führungskräfte werden ihre Arbeit tun, aber die Gesellschaft vereinen heißt, dass sich die Menschen aus Nord und Süd begegnen und zusammenleben müssen. Und es braucht nicht nur Zeit, um die ideologischen Differenzen zu überwinden, sondern auch um die kulturellen Unterschiede und die Unterschiede in unserem Sprachgebrauch zu überwinden. In den beiden koreanischen Staaten wird die gleiche Sprache gesprochen, aber die Bedeutung einiger Wörter hat sich mit der Zeit einfach verändert. Dennoch sind wir eigentlich ein Volk und das Ziel muss die Einheit sein“, erklärt sie.

Seit ihrem ersten Besuch in Nordkorea im Jahr 2000 mit Präsident Kim Dae-jung, der in ebendiesem Jahr für sein Engagement für den Abbau der Spannungen zwischen den beiden koreanischen Staaten den Friedensnobelpreis erhielt, ist sie fest davon überzeugt, dass der Weg zur Wiedervereinigung offen steht. Und dass er heute noch offener ist als damals, auch wenn es weiterhin ein schwieriger Weg sein wird.

„Wir wissen, dass der Weg zum Frieden kein leichter und schnurgerader sein wird, sondern ein sehr schmaler, der nur durch die schrittweise Schaffung von gegenseitigem Vertrauen geebnet werden kann, das auf Heilung und Versöhnung aufbaut“, erläutert sie.

Ihre Überzeugung, dass es eines Tages ein vereintes Korea geben wird, ist mehr auf ihren Glauben zurückzuführen als auf tatsächliche Gegebenheiten. Chang hat sich schon ihr ganzes Leben von ihrem Glauben leiten lassen. Sie wurde als Christin geboren. Die Kirche in ihrem Heimatort hat ihre Großmutter gegründet.

„Das Leben an sich und ein christliches Leben können nicht voneinander getrennt werden“, betont sie.

Bildung, Hingabe und Ambitionen

Schon früh in ihrem Leben, als sie Studentin an der der Ewha Woman‘s University in Seoul war, hat Chang eine aktive Führungsrolle in der christlichen Studierendenbewegung übernommen und wurde zu einer engagierten Ökumenikerin. Während sie später am Princeton Theological Seminary in den USA in Philosophie mit Schwerpunkt auf dem Neuen Testament promovierte, wurde sie zudem leidenschaftliche Feministin. Nach ihrer Rückkehr nach Korea übernahm sie eine Führungsrolle in der christlich-feministischen Bewegung.

Fast ihr ganzes Berufsleben widmete sie der Lehrtätigkeit, hauptsächlich an der Ewha Woman‘s University, deren Präsidentin sie 1996 wurde. Gleichzeitig war sie zudem Mitglied im Vorstand des Weltbundes der Christlichen Vereine Junger Frauen (World YWCA) und im Vorstand des Reformierten Weltbundes, der heutigen Weltgemeinschaft Reformierter Kirchen (WGRK). 1988 wurde sie von der Presbyterianischen Kirche in der Republik Korea zur Pastorin ordiniert und wurde zu einer renommierten Predigerin und Rednerin.

Als sie der aktiven Politik 2010 den Rücken kehrte, konnte sie sich vermehrt der ökumenischen Bewegung zuwenden. 2013 wurde sie auf der Vollversammlung in Busan zur ÖRK-Präsidentin für Asien gewählt.

Chang hat den Koreakrieg miterlebt und weiß daher, was es heißt, in Armut zu leben, was Krieg bedeutet, wie es ist, ein Flüchtling zu sein, und was es bedeutet, wenn das Leben ein ständiger Kampf ist. Ihr Glauben an Gott war von zentraler Bedeutung, um die Hoffnung nicht zu verlieren und die Schwierigkeiten in ihrem Leben zu meistern. Ihr lebenslanges Engagement in der ökumenischen Bewegung zusammen mit der politischen Verantwortung, die sie übernommen hatte, haben ihren Blickwinkel und ihr Verständnis geweitet und ihren Glauben gestärkt.

Hoffnungen und Sorgen

In der geschäftigen Hauptstadt Südkoreas Seoul leben mehr als 10 Millionen Menschen. Foto: Claus Grue/ÖRK

Chang benennt eine Reihe von Herausforderungen, denen sich die ökumenische Bewegung widmen muss, allen voran die Umweltthematik, bei der es ihrer Meinung nach um nicht weniger als das Überleben der Menschheit geht. Zudem bereitet es ihr ernsthafte Sorgen, dass junge Menschen den Glauben an das Evangelium verlieren und der Ökumene nicht mehr viel Beachtung schenken.

„Der Einfluss der Kirchen muss wieder zunehmen und stark bleiben. Wir müssen wieder deutlicher machen, wer wir sind, und besser veranschaulichen, wer wir sein wollen. Wir müssen prophetischer sein“, sagt sie.

Die ökumenische Bewegung spiele eine wichtige Rolle dabei, aufzuzeigen, in welche Richtung sich das Christentum des 21. Jahrhunderts entwickele, ist sie überzeugt. In einer kurzen Ansprache während der Tagung der ECHOS-Kommission des ÖRK für die Jugend in der ökumenischen Bewegung vergangene Woche in Seoul, die sie in ihrer Funktion als ÖRK-Präsidentin für Asien gehalten hat, brachte sie ihre Hoffnung zum Ausdruck, dass junge Christinnen und Christen „durch eigene Reaktionen auf aktuelle Herausforderungen in den Bereichen Religion und Gewalt, Diskriminierung und Jugendarbeitslosigkeit einen bedeutenden Beitrag zur Zukunft der ökumenischen Bewegung leisten“ würden. Des Weiteren verlieh sie ihrer Hoffnung Ausdruck, dass die ECHOS-Kommission als wichtiges ÖRK-Programm für junge Menschen, „etwas Neues zur ökumenischen Bewegung beisteuern und eine schöpferische und erfinderische, wahrhaftige Stimme sein“ würde, die „eine neue Vision für die Zukunft der ökumenischen Bewegung“ formulieren kann.

Ihr ganzes bewegtes und erfülltes Leben lang hat sich Chang für die Rechte von Frauen eingesetzt und sich für die Werte und Grundsätze engagiert, von denen sie überzeugt ist. Sie ist zutiefst dankbar für die Möglichkeiten, die sie hatte, ein Hochschulstudium an einer renommierten Universität zu absolvieren, sich für gute Zwecke zu engagieren und Teil einer weltweiten Gemeinschaft von Christinnen und Christen zu sein.

Ihre Botschaft an die junge Generation von heute lautet: „Lasst euch nicht entmutigen, macht weiter, haltet an euren Grundsätzen fest und gebt nie auf!“

Und genau das ist es auch, wovon sich diese außergewöhnliche Frau ihr Leben lang hat leiten lassen – ein aufregendes, einflussreiches und sehr ökumenisch geprägtes Leben.

 

*Claus Grue arbeitet für den Kommunikationsdienst des Ökumenischen Rates der Kirchen.

 

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Young peoples movement strengthens influence – ÖRK-Pressemitteilung vom 15. August 2019 (in englischer Sprache)