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1920(1): Der wundervolle Brief von der Kirche von Konstantinopel

1920(1): Der wundervolle Brief von der Kirche von Konstantinopel

John R. Mott, Ruth Rouse, Metropolit Germanos. Fotos: ÖRK

02. April 2020

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 06. April 2020

von Odair Pedroso Mateus*

War 1920 für die ökumenische Bewegung das, was die Menschen der Antike als annus mirabilis, als erstaunliches Jahr, zu bezeichnen pflegten? Wenn Sie, so wie ich, ans Haus gebunden sind, können Sie sich ja einmal Zeit nehmen, um darüber nachzudenken. Wir beginnen unsere ökumenische Führung durch das Jahr 1920 ein Jahr zuvor.

1919. Am 28. Juni jenes Jahres wurde ein Friedensvertrag unterzeichnet, der das offizielle Ende des Ersten Weltkriegs markierte. Am 25. Januar desselben Jahres beschloss eine Friedenskonferenz, auf die Gründung eines Völkerbunds hinzuarbeiten, der miteinander kooperieren statt Krieg führen sollte. Am 30. November desselben Jahres wurde auch die fälschlicherweise als „Spanische Grippe“ bezeichnete Pandemie für besiegt (man beachte) erklärt, mit der sich schätzungsweise ein Viertel der Weltbevölkerung infiziert hatte.

Ebenfalls 1919 - es war eine Zeit, in der man von neuen Wegen träumte, auf denen man lokal und global vorankommen wollte - beschloss die Orthodoxe Kirche von Konstantinopel, die unter ihren Schwesterkirchen einen gewissen Führungsstatus genießt, ihre zum Teil bereits 1902 begonnene Arbeit fortzusetzen und die Gemeinschaft ihrer orthodoxen Schwesterkirchen weiter zu stärken und die Beziehungen zu anderen christlichen Kirchen, allen voran die anglikanische, die altkatholische und die armenische Kirche, zu verbessern.

Schlüsselfragen

Doch auf welche Weise sollte man sich an die anderen christlichen Kirchen wenden, zu denen auch jene westlichen Kirchen gehörten, die beharrlich Missionare in orthodoxe Länder entsandten, um dort die in den orthodoxen Kirchen getauften Christinnen und Christen zu bekehren? Was sollte man ihnen sagen? Was sollte man ihnen als neuen Weg vorschlagen, den man trotz aller Spaltungen, Proselytismen, trotz allen Misstrauens und aller Bitterkeit gemeinsam beschreiten wollte?

Der Heilige Synod der Kirche von Konstantinopel bat um die Unterstützung durch ein Komitee, dem mehrere Fakultätsmitglieder der theologischen Schule angehörten, die mit der Kirche auf der Insel Halki, heute Heybeliada, in der Nähe von Istanbul, verbunden ist. Wie Sie sehen werden, war Halki gut darauf vorbereitet.

Der Rektor von Halki war zufällig ein Theologe, der sich gut mit dem westlichen Christentum und den frühen Bewegungen zur christlichen Einheit auskannte. Germanos Strenopoulus wurde im Jahr 1872 in der benachbarten Region Bithynien geboren. Er stammte aus einer bescheidenen griechischen Familie und hatte in Halki, Leipzig, Straßburg (wie ich) und Lausanne studiert. Als junger Theologe kehrte er 1904 als Professor für Dogmatik und das Neue Testament nach Halki zurück. Jetzt war er Metropolit Germanos von Seleukia.

Ich stelle mir vor, dass Metropolit Germanos, während er mit seinen Fakultätskollegen an Vorschlägen für verbesserte Beziehungen zu den anderen Kirchen arbeiteten, an einen Frühlingstag im Jahr 1911 zurückdachte, als er für einen bedeutenden methodistischen Besucher ein Mittagessen ausrichtete, ohne zu ahnen, dass die beiden ein entscheidendes Kapitel in der Geschichte der ökumenischen Bewegung schreiben würden.

Frühe Träume

John Raleigh Mott (1865-1955), der weitgereiste, globale Anführer der weltweiten christlichen Studentenbewegung - besser bekannt als Christlicher Studentenweltbund (WSCF) - träumte davon, christliche Studentenvereinigungen an den Universitäten des Balkans einzurichten. Nach dem Besuch der orthodoxen Kirchen in Serbien, Bulgarien und Griechenland erreichte er Konstantinopel. Und Halki. Im zweiten Band seiner Ansprachen und Schriften (Addresses and Papers) schreibt Mott in einem Brief vom 17. Mai 1911: „Eine der vielversprechendsten Gegebenheiten ist der bemerkenswerte Zugang, den ich als ein Vertreter der Studentenbewegung zu den östlichen Kirchen erhielt.“

Auf Halki lud Metropolit Germanos Mott zum Mittagessen ein. Mott wollte das Terrain für eine internationale Studentenkonferenz in Konstantinopel im selben Jahr sondieren. Die beiden Männer konnten sich nicht vorstellen, dass sie dereinst im noch fernen Jahr 1948 zu Präsidenten einer für unmöglich gehaltenen Organisation mit dem Namen Ökumenischer Rat der Kirchen gewählt werden würden. Gegen Ende seines Briefs vom Mai 1911 erinnert sich Mott an die denkwürdigen Worte von Metropolit Germanos, die dieser während des Mittagessens von sich gab: „Wo Herzen vereint sind, wird der Widerstand des Kopfes nachlassen. Zur Spaltung der Christenheit kam es, als die Bande der Liebe erschlafften.“ Das Terrain für eine Studentenkonferenz war günstig.

Die Möglichkeit, den damals allprotestantischen Christlichen Studentenweltbund auch für orthodoxe Studierende zu öffnen, führte dazu, dass die Führung des WSCF ihre Mitgliedschaftskriterien änderte. Eine Resolution wurde erlassen, dass „kein Student, welchem Zweig der christlichen Kirche er auch angehören möge, von der Vollmitgliedschaft ausgeschlossen werden dürfe ...“. Das Ergebnis war, dass dank der orthodoxen Studierenden still und leise eine völlig ökumenische Organisation geboren wurde. Unter den Jugendlichen kam die ökumenische Bewegung viel schneller voran als unter den Älteren, die sich ein Jahr zuvor in Edinburgh getroffen hatten.

Die WSCF-Konferenz von 1911 in Konstantinopel brachte die Studierenden vom Balkan, aus dem Mittleren Osten, der Türkei und Ägypten erfolgreich zusammen. Auch ein Professor für Religionsgeschichte an der Universität von Uppsala mit Namen Nathan Söderblom nahm daran teil. Strenopoulos freundete sich mit Mott und Söderblom an. Ruth Rouse, die Sekretärin des WSCF, und Mott freuten sich über die Errungenschaften der Konferenz. In dem von ihr mitherausgegebenen Werk „Geschichte der ökumenischen Bewegung“ (A History of the Ecumenical Movement) hielt sie seine Begeisterung fest: „Wann ist es seit den frühen Konzilen ... zu einer Versammlung gekommen, die so nahezu die gesamte christliche Kirche vertritt?“ Jahre später sollte der anglikanische Bischof Oliver Tomkins schreiben, dass Motts weitreichendste Entscheidung „aus einer Begegnung mit der östlich-orthodoxen Kirche im WSCF entstand“.

Empfang einer Delegation

Anfang Frühling des selben Jahres 1919 brachte eine Besuchergruppe aus den USA neue Impulse in Strenopoulos‘ Mission, über die Beziehungen der orthodoxen Kirche mit „dem Rest“ der christlichen Welt nachzusinnen. Das waren noch Zeiten, mein Freund, als das Reisen kein leichtes Unterfangen war, aber mit ein bisschen Hilfe von einer französischen Segelyacht, mehreren Autos und einem amerikanischen U-Boot schafften sie es schließlich bis nach Athen und Smyrna und wurden nun im Ökumenischen Patriarchat in Istanbul empfangen.

Bei den Besuchern handelte es sich um eine Delegation, die von einer im Oktober 1910 auf Initiative des Bischofs Charles H. Brent von der Bischöflichen Kirche in den USA gestarteten Bewegung für eine Weltkonferenz über Glauben und Kirchenverfassung entsandt worden war. Ihre Mission bestand darin, den Kirchen Kontinentaleuropas und des mittleren Ostens den Zweck, die Pläne und eine Einladung zu einer Weltkonferenz vorzulegen, auf der die Kernfragen von Glaubenslehre und Geistlichkeit behandelt werden sollten, welche die Kirchen voneinander trennten. Wir versichern Ihnen, schrieb der Heilige Synod an die Delegation für Glauben und Kirchenverfassung, „dass, sobald ein Termin und ein Ort für die Konferenz feststehen, die Kirche von Konstantinopel rechtzeitig kompetente Delegierte entsenden wird.“

Das, was Metropolit Germanos und seine Kollegen im Jahr 1919 darüber schrieben, wie man die Beziehungen zu anderen Kirchen verbessern könnte, bildete die Grundlage für eine Enzyklika bzw. ein Rundschreiben, die bzw. das vom Heilige Synod der Kirche von Konstantinopel im Januar 1920 abgesegnet und verbreitet wurde und sich „An die Kirchen in Christi überall“, „die geschätzten christlichen Kirchen im Westen und überall auf der Welt“ richtete.

Kann ein Brief, auf den keine Antwort erfolgte, zu einem Klassiker der ökumenischen Literatur werden? Hier war das der Fall. Ich erinnere mich, dass Bischof Stephen Neill ihn „ein epochemachendes Dokument“ nannte, dem „in allen christlichen Kirchen großes Gewicht“ beigemessen wird. Ich erinnere mich auch, dass der erste Generalsekretär des Ökumenischen Rats der Kirchen, Visser ‘t Hooft, darüber sagte, es handle sich um „einen wesentlichen Umstand in unserer eigenen Geschichte, der nicht ausreichend bekannt, aber von großer Bedeutung ist.“

Der von zwölf Metropoliten unterzeichnete und in griechischer, englischer, französischer und russischer Sprache veröffentlichte Brief beginnt mit einer vorausgeschickten Anmerkung. Unsere Kirche meint, schrieben die Bischöfe, „dass eine Wiederannäherung der verschiedenen christlichen Kirchen und die Gemeinschaft [Koinonia] unter ihnen nicht durch die dogmatischen Unterschiede zwischen ihnen ausgeschlossen ist.“ Eine Wiederannäherung „ist äußerst wünschenswert und notwendig“. Die Enzyklika schlug vor, auf welche Weisen man „einander Freundschaft und eine freundliche Gesinnung“ zeigen könne. Dies sei „für den gesamten Körper der Kirche erst recht von Nutzen und von Vorteil“. In der Enzyklika wurde auch die Bildung eines Kirchenbundes nahegelegt, um „einen Anstoß zur Vereinigung aller Kirchen in christlicher Liebe zu geben“.

Auf der ersten ÖRK-Zentralausschuss-Tagung in einem orthodoxen Land - Rhodos, Griechenland, 1959 - kündigte Visser ‘t Hooft die Veröffentlichung einer neuen englischen Übersetzung des Briefes an und widmete sich im ersten Abschnitt seines Berichts einer Betrachtung über dessen anhaltende Bedeutung. Im Gegensatz zur früheren Ausgabe schafft es die Neuübersetzung, den genauen Sinngehalt bei der Verwendung des Begriffs Koinonia aus dem ursprünglichen Griechisch des Briefes ins Englische zu übertragen. Die Ansprache knüpfte an die Bedeutung dieser Korrektur an.

Nach Visser ‘t Hoofts Ansicht verwendet die Enzyklika den griechischen Begriff Koinonia in zwei Bedeutungen: einmal im aus dem Neuen Testament überlieferten Sinn als Gefolgschaft oder Gemeinschaft und einmal im modernen Sinn der Vereinigung, der Gesellschaft wie in der Bezeichnung „Völkerbund“. Die erste Bedeutung findet sich eindeutig im Bezug auf die Gemeinschaft in den oben zitierten Eröffnungsworten. In Bezug auf die Gründung des Völkerbunds (Koinonia) wird der Begriff in seiner modernen Bedeutung verwendet. Im Ruf nach Schaffung eines Bundes (Koinonia) der Kirchen finden sich beide Bedeutungen.

Der Brief kommt der ersten Bedeutung nahe, wenn er „alle Kirchen Christi unterschiedlicher Konfession“ dazu auffordert, einander trotz ihrer langanhaltenden Spaltung als „Glieder des selben Körpers und Teilhabende am Versprechen Gottes durch Jesus Christus“ anzusehen. Zugunsten dieser Ansicht zitierte Visser ‘t Hooft einen Vortrag, den Metropolit Germanos 1929 an Söderbloms Universität in Uppsala gehalten hatte: „Wie breit gefasst das Konzept ist, das die Enzyklika an diesem Punkt lehrt, wird darin deutlich, dass sie den Begriff von Beziehungen zwischen den Mitgliedern jeder einzelnen Kirche - als Glieder ein und desselben Körpers nach der wundervollen Lehre des Heiligen Paulus - auch auf die Beziehungen zwischen den verschiedenen Kirche ausweitet“, auf die Koinonia unter ihnen.

Grundlagendokumente

Daher liegt für Visser ‘t Hooft die anhaltende Bedeutsamkeit des Briefs von 1920 - und hier versuche ich sein Argument einen Schritt weiter zu führen - in dem Umstand, dass das, was in den beiden im Brief verwendeten Bedeutungen von Koinonia angedeutet wird, seinen Widerhall in der westlichen Theologie der vestigia ecclesiae oder den Elementen der Kirche findet. Dadurch wurde es möglich, in einem der Grundlagendokumente des ÖRK, der Erklärung von Toronto 1950, zu behaupten, die Kirchen, die sich um den ökumenischen Tisch mit Namen Ökumenischer Rat der Kirchen versammelt hatten, seien mehr als nur eine soziologische Koinonia, obwohl sie ihr jeweiliges Verständnis von Kirche und deren Einigkeit vollständig beibehielten.

Einige Jahre vor seinem Tod schrieb Visser ‘t Hooft „The Genesis and Formation of the World Council of Churches“ (Die Entstehung und Bildung des Ökumenischen Rats der Kirchen). Das erste Kapitel war dem wundervollen Brief der Kirche von Konstantinopel von 1920 gewidmet, das letzte der Erklärung von Toronto von 1950.

Der Aufbau des Buches ist für sich genommen schon eine Darstellung des ÖRK: als eine Gemeinschaft oder Koinonia der Kirchen sei der Ökumenische Rat der Kirchen eine unvollkommene Koinonia, die nicht von der biblischen Koinonia zu trennen sei, zu der die Kirchen aufgerufen sind und die in dieser grundlegenden Erfahrung und der katholischen Überzeugung der modernen ökumenischen Bewegung heraufbeschworen wird: trotz unserer historischen Spaltungen und darüber hinaus „sind wir eins in Christus“. Lasset uns daher einander zu einer vollständig sichtbaren Gemeinschaft in seinem Leib ermahnen, miteinander dafür beten, gemeinsam darauf zugehen und zusammen daran arbeiten.

* Odair Pedroso Mateus ist Leiter der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK)