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Frauen in Liberia: Fortdauerndes Leiden - Warten auf Gerechtigkeit

25. November 2004

von Hanna Smidt (*)

Historischer Überblick am Ende des Artikels

Fotos erhältlich - siehe unten

Das nachfolgende Feature wird im Rahmen der Kampagne "Auf den Flügeln einer Taube" veröffentlicht, die vom 25. November - 10. Dezember 2004 von Kirchen und kirchlichen Organisationen in aller Welt veranstaltet wird. Während der 16-tägigen Kampagne finden Gottesdienste und Gebetswachen, Diskussionen und Ausstellungen statt, die das Ziel verfolgen, die Öffentlichkeit über Gewalt gegen Frauen und Kinder aufzuklären und denen, die Opfer von Gewalt sind, Gerechtigkeit und Heilung zu bringen.

Sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt wurde in Liberia, wie in bewaffneten Konflikten und Kriegen überall auf der Welt, gezielt als Waffe zur Einschüchterung der Bevölkerung eingesetzt. Rita selbst wurde während des Krieges sexuell missbraucht, ihre kleine Tochter wurde vergewaltigt und getötet. Die Gemeinschaft und das Gespräch mit anderen Frauen, die Ähnliches erlebt hatten, gaben den Anstoß zur Gründung von WAMIL. "Bei unserem ersten Treffen haben wir uns in einer Garage versammelt und zusammen gebetet", berichtet Rita. "Wir haben alles verloren', sagten die Frauen zu mir. Wir sind nichts. Niemand hat uns geholfen. Wir glauben nicht mehr, dass Jesus uns liebt."

Rita wollte jedoch nicht glauben, dass Jesus diese gequälten Frauen im Stich gelassen hatte. Sie beharrte darauf, dass sie gemeinsam versuchen müssten, dem Leben inmitten des Chaos' einen Sinn zu geben. "Wir sind jetzt die "kriegsgeschädigten Frauen für Jesus", erklärt sie. "Es ist uns gelungen, alle erforderlichen Unterlagen zusammenzubekommen. Und manchmal gibt es Menschen und Organisationen, die uns helfen."

WAMIL ist noch keine zwei Jahre alt. Die Organisation will liberianischen Frauen, die im Krieg Gewalt erlitten haben, psychologische und in begrenztem Maße auch materielle Hilfe zukommen zu lassen. Die Frauen kommen in einer spärlich eingerichteten Hütte zusammen. Rita ermutigt sie, offen über ihre leidvollen Erfahrungen zu sprechen, die unvorstellbare Gewalt und den erlittenen Missbrauch beim Namen zu nennen. Die "Gemeinschaft engagierter Christen" (Concerned Christian Community), eine unabhängige Organisation, und der Liberianische Rat der Kirchen unterstützen WAMIL in dem Bemühen, sich der Frauen anzunehmen, die im Krieg Opfer von Gewalt geworden sind und deren Erfahrungen oft ungehört und unausgesprochen bleiben, weil sie als beschämend und entwürdigend empfunden werden.

"Sie haben meine Tochter so lange vergewaltigt, bis sie tot war. Danach wollte ich nur noch sterben. Ich wollte ins Wasser gehen und ertrinken. Aber dann kamen Frauen und haben sich um mich gekümmert. Wir haben alle geweint und uns gegenseitig erzählt, was uns zugestoßen war. Eine Frau erzählte, dass sie ihren Mann getötet und ihre zwei Töchter vor ihren Augen vergewaltigt hatten. Auch ihre siebenjährige Enkelin war vergewaltigt worden, drei Tage lang hatte sie geblutet und dann war sie gestorben. Diese Gemeinschaft mit den anderen Frauen, die Gespräche über ihre Erlebnisse und meine Erlebnisse haben uns bewegt, diese Organisation zu gründen." (Rita Wheazor, Leiterin von War-Affected Women in Liberia).

Systematische Vergewaltigung als Mittel zur Einschüchterung

Im Jahr 2003 wurde der seit 14 Jahren andauernde Bürgerkrieg in Liberia mit der Unterzeichnung eines Friedensabkommens zwischen den Aufständischen und der Interimsregierung beendet. Derzeit überwacht die UNO die friedenssichernden Maßnahmen, zu denen die Entwaffnung von Zehntausenden der ehemaligen Rebellen und die Rückführung von Hunderttausenden von Flüchtlingen und Binnenvertriebenen gehören. Wahlen sind für das Jahr 2005 geplant.

Während des Krieges hat die gesamte Bevölkerung gelitten. Alle, die man trifft, haben die gleichen leidvollen Erfahrungen gemacht: Sie haben Familienangehörige verloren, mussten immer wieder fliehen, haben mit ansehen müssen, wie ihr Haus geplündert und niedergebrannt wurde, wurden verfolgt, missbraucht, zu Zwangsarbeit verpflichtet oder zwangsrekrutiert.

Die Situation der Frauen war besonders schlimm: Sie wurden gezielt missbraucht, nur weil sie Frauen sind. Häufig haben die Aufständischen die Frauen systematisch vergewaltigt und die Männer ermordet. Manchmal wurden die Frauen zuerst vergewaltigt und dann getötet. Heute schätzen die Frauen in Liberia, die den Krieg überlebt haben, sich glücklich, wenn sie nicht vergewaltigt oder "entehrt" (ein manchmal benutzter Euphemismus) worden sind).

Zu den Gewalttaten gegen Frauen gehörten Einzel- oder Gruppenvergewaltigungen sowie "Zwangsehen" mit Männern, die sie vergewaltigten und zwangen, für sie zu kochen, zu putzen, zu waschen und Sex mit ihnen zu haben. Einige Frauen nahmen auch an den Kämpfen teil. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie nicht auch zugleich als Sexsklavinnen hätten dienen können. Viele von ihnen - einige waren damals noch Kinder - ziehen heute die Kinder groß, die als Folge dieser Vergewaltigungen geboren wurden. Viele Frauen wurden von ihren Männern verlassen, weil Vergewaltigung als Schande gilt; andere werden aus den gleichen Gründen als nicht heiratswürdig angesehen. Wieder andere leiden unter sexuell übertragbaren Krankheiten einschließlich HIV/Aids. Und so dauert das Leid an. Die Zahl der Frauen und Mädchen, die schwere körperliche und seelische Verletzungen im Krieg davongetragen haben, deren Würde, Selbstwertgefühl und Zukunft brutal angegriffen worden sind, übersteigt die Zahl derer, die getötet wurden.

"Wir sind zu Bettlerinnen geworden", sagt Rita. "Wir alle hier haben zusammengenommen 300 Kinder, die nicht zur Schule gehen können. Wir können das Schulgeld nicht bezahlen. Es kommen Frauen zu mir, die mich um 5 bis 10 liberianische Dollar anbetteln, damit sie Reis kaufen können. Andere bitten mich um Seife, damit sie ihre Kleider waschen können."

Wo gibt es Gerechtigkeit?

Auch heute noch ist die Lage im Land angespannt und instabil. Die ehemaligen Kombattanten haben ihre Waffen abgegeben, die Rückführung der Flüchtlinge hat begonnen und die Vorbereitungen für die Wahlen, die im nächsten Jahr stattfinden sollen, sind im Gange. Aber diejenigen, die die Gewalttaten verübt haben, scheinen keine Konsequenzen fürchten zu müssen. Sie gehen unbehelligt durch die Straßen, obwohl ihre Opfer sie identifizieren können.

"Sechzehn bewaffnete Männer sprangen über den Zaun, durchbrachen das Tor und fielen in unsere Wohnung ein. Sie nahmen Handys, Geld, alles. Meine Kinder - mein Sohn, meine Tochter, zwei Neffen, unsere Kinderfrau - waren bei mir. Ein Junge mit einem Hammer kam auf mich zu und sagte: "Die Frau gehört mir." Er schlug mich mit dem Hammer auf den Kopf und riss meine Jeans herunter, um mich zu vergewaltigen. Meine kleine Tochter fing an zu schreien. Der Mann entriss mir das schreiende Mädchen, schlug auf sie ein und fing an, sie zu vergewaltigen. Er riss sie mir einfach aus den Armen, vergewaltigte sie, bis sie tot war, und dann warf er sie zur Seite." (Rita Wheazor)

Die ehemaligen Kombattanten kommen aber nicht nur ungeschoren davon, sie erhalten dazu auch noch eine finanzielle Entschädigung, wenn sie ihre Waffen abgeben. Sie können an Workshops zur Traumaheilung und an berufsbildenden Kursen teilnehmen und werden ermutigt, die Schule zu besuchen. Für die Mehrzahl derer, die nicht im Krieg mitgekämpft haben, gibt es solche Angebote und Möglichkeiten hingegen nicht. Gewiss muss in den Frieden investiert werden, wenn er eine wirkliche Chance haben soll. Und die Kriegführenden müssen Grund haben, sich für den Frieden zu entscheiden. Dies zu akzeptieren kann jedoch schwierig sein für Frauen, die kaum genug zum Überleben haben, die noch heute unter der ihnen zugefügten Gewalt leiden und die mit ansehen müssen, wie ihre Vergewaltiger für ihre Taten anscheinend auch noch belohnt werden.

Warum wird sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt im Krieg, obwohl sie umfassend dokumentiert ist, nicht bestraft? Und warum erhalten die Opfer nicht die gleiche Unterstützung wie ihre Vergewaltiger? Human Rights Watch äußert sich dazu folgendermaßen: "Gewalt gegen Frauen wird unbarmherzig und systematisch betrieben und weitgehend toleriert, wenn nicht sogar ausdrücklich entschuldigt", und "sexuelle Gewalttäter genießen auch weiterhin fast unbegrenzte Straffreiheit." Traumaheilung für Frauen, humanitäre Hilfe unter besonderer Berücksichtigung von Frauen, friedenssichernde und friedenskonsolidierende Maßnahmen sowie Konfliktverhütung werden weiterhin vernachlässigt.

"Die Rebellen und Kämpfer haben uns getötet und vergewaltigt, aber wer ist uns zu Hilfe gekommen? Sie laufen frei herum. Ich habe ihn gesehen - den Jungen, der mein Kind getötet hat. Ich weiß, wer er ist, und ich werde ihn immer vor Augen haben. Er hatte kleine Ohrringe im rechten Ohr. Und er kommt ungeschoren davon. Wir leben immer noch mit denselben Leuten zusammen, wir sehen sie jeden Tag. Sie sehen uns. Es gibt keine Gerechtigkeit in Liberia." Rita Wheazor

Hoffnung in Christus

Sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt in Zeiten des Friedens wie des Krieges ist eine Frage der Menschenrechte. Im Krieg werden die Rechte von Frauen und Kindern verletzt, weil sie Frauen und Kinder sind. Sexuelle und geschlechtsspezifische Gleichberechtigung ist eine Frage der Menschenrechte und der Gerechtigkeit

Organisationen wie WAMIL, die dafür sorgen, dass die Frauen sich zusammenschließen, um ihr Leid beim Namen zu nennen und gemeinsam zu beten, bilden einen Anfang. Ereignisse und Erfahrungen auszusprechen und klar zu benennen, ist ein wichtiger Bestandteil jedes Heilungsprozesses. Die Liberianer sind im Allgemeinen ein sehr offenes Volk, das bereit und fähig ist, über den Krieg zu sprechen, aber Erfahrungen dieser Art, die als schmachvoll und entwürdigend empfunden werden, sind schwer auszusprechen.

Als Frau, die selbst im Krieg gelitten hat, erhebt Rita ihre Stimme inmitten dieses Schweigens und spricht nicht nur über Erfahrungen, die zu Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit führen können, sondern gibt auch Zeugnis davon, dass es in diesem Land, in dem Gerechtigkeit in weiter Ferne zu liegen scheint, doch ein Gerechtigkeitsempfinden gibt. Obwohl sie selbst am Boden zerstört ist, beharrt sie auf der Würde und den Rechten von Frauen - selbst derer, die nur schwer ihre Scham überwinden und die ihr eigenes Leid nicht in Worte fassen können. Mit sehr wenigen Mitteln und in einem Umfeld, in dem jeder bemüht ist, zu einer gewissen Normalität zurückzufinden, hat Rita die Initiative ergriffen. Sie erinnert andere an die Folgen des Krieges, die häufig in Vergessenheit geraten, sobald die Kämpfe aufhören - die Wunden, die die Menschen in sich tragen, weil sie den Krieg überlebt haben.

"Jetzt sind wir die kriegsgeschädigten Frauen für Jesus", sagt Rita. Die Kirchen sollten von dieser Befreiungsarbeit der Frauen lernen und sie unterstützen, damit nicht nur kriegsgeschädigte Frauen sich Jesus zuwenden, sondern damit auch Jesus sich über Kirchen, Einzelpersonen und Organisationen den kriegsgeschädigten Frauen und denen, die unter geschlechtsspezifischer und sexueller Gewalt leiden, zuwenden kann.

Den Kirchen bleibt noch viel zu tun, damit Frauen, die Opfer von Gewalt werden, Gerechtigkeit erfahren können. Sie müssen ihren Einfluss geltend machen und ihre Stimme gegen die Menschenrechtsverletzungen erheben, die Frauen erleiden, nur weil sie Frauen sind. Sie müssen bereit sein, selbst dann Vorfälle anzusprechen und dagegen vorzugehen, wenn diese schändlich und eigentlich unvorstellbar sind. Und sie müssen sowohl in Liberia als auch auf internationaler Ebene dabei helfen, Foren einzurichten, auf denen sexuelle und geschlechtsspezifische Gewalt offen angesprochen und geheilt werden kann.

Frauen in Liberia, die in vielen Fällen trotz allen Leids aus ihrem Glauben an Jesus Trost und Kraft schöpfen, brechen das Schweigen und versuchen so, wieder zu einem normalen Leben zurückzufinden. Und dies gehört zu den wie ein Erfahrungen in Liberia, die wie ein Wunder sind: trotz erlittener Qualen vertrauen viele Frauen auf Gott, sie spüren seine Gegenwart in ihrem Leben und berichten davon. So legen sie Zeugnis davon ab, dass Glaube und Hoffnung möglich sind, selbst wenn Menschen ihr Leben verloren haben und alle Hoffnung scheinbar getötet worden ist.

(*) Hanna Smidt ist Praktikantin im Ökumenischen Rat der Kirchen. Vom 14.-25. Oktober 2004 reiste sie im Rahmen des ÖRK-Programms für entwurzelte Menschen in Afrika nach Liberia und führte Interviews durch, um mehr über die Rolle der Kirchen und des Glaubens in Konfliktzeiten zu erfahren.

KURZER HISTORISCHER ÜBERBLICK

Liberia wurde 1847 von freigelassenen amerikanischen Sklaven gegründet, die Land von einheimischen Herrschern gekauft hatten. Die Nachkommen dieser Siedler, die sog. Amerikoliberianer, blieben bis 1980 an der Macht, als der Präsident in einem von Hauptfeldwebel Samuel Doe angeführten Staatsstreich ermordet wurde. Dies bedeutete einerseits das Ende der Herrschaft der amerikoliberianischen Minderheit, stellte aber andererseits auch den Beginn einer Periode der Instabilität dar.

Nach der Machtergreifung setzte Doe die Verfassung außer Kraft, versprach aber eine baldige Rückkehr zu einer Zivilregierung. 1984 gestattete er die Wiedereinführung politischer Parteien und wurde 1985 zum ersten indigenen Präsidenten des Landes gewählt.

In den späten 1980er Jahren führten Willkürherrschaft und wirtschaftlicher Zusammenbruch zum Ausbruch eines Bürgerkrieges. Die Rebellen von Charles Taylors Nationaler Patriotischer Front brachten 1989 einen Großteil des Landes unter ihre Kontrolle und richteten Doe 1990 hin. Die Kämpfe nahmen an Intensität zu, als die Rebellen sich spalteten und sowohl gegeneinander als auch gegen die liberianische Armee und die westafrikanischen Friedenstruppen Krieg führten.

1995 wurde ein Friedensabkommen unterzeichnet, das schließlich zur Wahl Taylors als Präsident führte. 1999 beschuldigten Ghana, Nigeria und andere Regierungen Taylor, die Rebellen in Sierra Leone zu unterstützen, während Taylor Guinea vorwarf, liberianische Aufständische im Norden zu unterstützen.

2000 bekämpften Regierungstruppen die Aufständischen in der Umgebung der Stadt Voinjama und lieferten sich Kämpfe mit guineischen Truppen an der Grenze zu Guinea. Tausende von Menschen wurden in die Flucht getrieben. 2003, als der Konflikt sich zuspitzte, trat Taylor unter internationalem Druck und eingeschlossen von Aufständischen zurück und ging ins Exil.

Im weiteren Verlauf des Jahres wurde eine provisorische Mehrparteienregierung vereidigt, die die Aufgabe hat, das Land in die auf 2005 anberaumten Wahlen zu führen.

Weitere Informationen zur Gebetswoche, einschließlich der dazu verfügbaren Materialien, finden Sie unter:

www.wcc-coe.org/wcc/what/jpc/liberiawomen.html

Die Meinungen, die in den ÖRK-Features zum Ausdruck kommen, spiegeln nicht notwendigerweise die Position des ÖRK wider. Das Material ist zum Wiederabdruck unter Angabe des Autors freigegeben.