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Ökumenische Diakonie ist ein „spiritueller Kampf des Widerstands“, sagt ehemaliger ÖRK-Generalsekretär

Ökumenische Diakonie ist ein „spiritueller Kampf des Widerstands“, sagt ehemaliger ÖRK-Generalsekretär

Der ehemalige Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Konrad Raiser. Foto: Stephen Brown

08. Februar 2018

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 15. Februar 2018

Von Stephen Brown

Die weltweite Agenda für nachhaltige Entwicklung soll die Ungleichheiten in der Welt beseitigen, geht aber die ungerechte Verteilung von Macht auf globaler Ebene nicht an, sagte der ehemalige Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen, Konrad Raiser, gegenüber den Teilnehmenden an einer Podiumsdiskussion in Berlin.

„Sie verkündet das große, umfassende Ziel der ‚Nachhaltigkeit‘, geht die Grundursachen für die fehlende Nachhaltigkeit der aktuellen internationalen wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und politischen Ordnung aber nicht an“, erklärte Raiser am 6. Februar in seiner Eröffnungsrede zur Podiumsdiskussion über ökumenische diakonia – dem griechischen Wort für Pflege und Dienst – und die Rolle, die Kirchen bei der Entwicklung eines neuen Paradigmas in der Entwicklungszusammenarbeit spielen können.

Die Podiumsdiskussion war anlässlich Raisers 80. Geburtstag am 25. Januar dieses Jahres vom Entwicklungswerk der deutschen evangelischen Kirchen, Brot für die Welt, organisiert worden. Im Anschluss fand ein Empfang statt, auf dem Familie, Freunde und ehemalige Kolleginnen und Kollegen Raiser ihre Anerkennung zollten für sein Leben und sein Engagement in der ökumenischen Bewegung seit mehr als 50 Jahren.

In ihrer Begrüßung Raisers stellte die Präsidentin von Brot für die Welt, Cornelia Füllkrug-Weitzel, ein vor Kurzem veröffentlichtes Studiendokument zum Thema „Ökumenische Diakonie“ vor, das der ÖRK, der Lutherische Weltbund und das ACT-Bündnis, ein Zusammenschluss von 146 Kirchen und kirchlichen Organisationen, gemeinsam erarbeitet hatten.

Dieses Dokument soll die Zusammenarbeit zwischen ökumenischen Organisationen, Kirchen und kirchlichen Entwicklungswerken stärken und präsentiert die Nachhaltigen Entwicklungsziele der Vereinten Nationen (Sustainable Development Goals, SDGs) – neben anderen Empfehlungen – als geeignete Plattform für diakonisches Engagement.

Die Nachhaltigen Entwicklungsziele sind 17 globale Ziele, die Armut beenden, unseren Planeten schützen und Wohlstand für alle sicherstellen sollen, und wurden 2015 von den Vereinten Nationen beschlossen.

Während die Agenda der nachhaltigen Entwicklung also das Problem der zunehmenden sozialen und wirtschaftlichen Ungleichheiten in der Welt lösen soll, „geht sie die ungerechte Verteilung von Macht auf globaler Ebene, die die wichtigste Ursache für fehlende menschliche Entwicklung ist, nicht an“, sagte Raiser.

„Ökumenische Diakonie wird den Raum, der Nichtregierungsorganisationen mit einer humanitären Zielsetzung geboten wird, natürlich nutzen, sie wird aber notwendigerweise auch an einem spirituellen Kampf des Widerstandes gegen die Logik der Macht selbst, die dem globalen System inhärent ist, beteiligt sein“, führte er aus.

Raiser erinnerte daran, dass die Beziehungen zwischen Entwicklung und Gerechtigkeit schon im Mittelpunkt vieler Diskussionen standen als er 1969 zum ÖRK kam.

„Es war ein schwieriger Lernprozess bis allgemein anerkannt wurde, dass das Engagement im Kampf um soziale Gerechtigkeit ein wesentlicher Aspekt ökumenischer Diakonie ist“, sagte er.

In der folgenden Podiumsdiskussion sagte der norwegische Theologe Kjell Nordstokke, der einer der Autoren des Dokuments über „Ökumenische Diakonie“ ist, dass „Gerechtigkeit in der biblischen und christlichen Tradition eine Kernfrage und zentrales Thema ist“.

Füllkrug-Weitzel wies in ihrem Beitrag auf eine sich änderndes Verständnis in kirchlichen Entwicklungswerken hin.

„Wir haben immer gesagt, unsere Organisation verfolge einen Ansatz, der auf der Achtung der Menschenrechte gründet, aber unser Handeln ist natürlich auch durch unseren Glauben motiviert, die Frage ist also, wie wir diese beiden Aspekte zusammenbringen“, erklärte sie.

Agnes Abuom, eine Anglikanerin aus Kenia und Vorsitzende des ÖRK-Zentralausschusses, wies auf die systemischen internationalen Finanz- und Wirtschaftsstrukturen hin, die Menschen immer noch marginalisierten, und die daraus resultierende Notwendigkeit, Menschen zu ermächtigen, an Entwicklung teilzuhaben.

Ernst Ulrich von Weizsäcker, ein Wissenschaftler und ehemaliges Mitglied des Deutschen Bundestages, warnte vor einem Konflikt zwischen den Entwicklungszielen der Vereinten Nationen, die auf Wirtschaftswachstum abzielen, und jenen, die Nachhaltigkeit fördern wollen.

„Wenn die elf sozioökonomischen Ziele der Nachhaltigen Entwicklungsziele eine wirkliche Erfolgsgeschichte werden, bedeutet dies den endgültige Verlust der Biodiversität, den Verlust eines stabilen Klimas und die Zerstörung des Lebens unter Wasser“, erläuterte Weizsäcker, der derzeit Ko-Präsident des Club of Rome ist, einer Gruppe, die versucht, das Bewusstsein der Menschen dafür zu stärken, dass die Herausforderungen unserer Zeit alle eng miteinander verbunden sind.

Raiser begann seine Tätigkeit beim ÖRK 1969 als Studienreferent für die ÖRK-Kommission für Glauben und Kirchenverfassung und war von 1993 bis 2003 Generalsekretär der Organisation. Zudem war er Stellvertretender Generalsekretär des ÖRK und lehrte von 1983 bis 1992 als Professor für Systematische Theologie und Ökumene an der Ruhr-Universität Bochum.

Die Arbeit des ÖRK zum Thema Öffentliches Zeugnis und Diakonie

Der Bericht Konrad Raisers über seine Tätigkeit im Ökumenischen Rat der Kirchen wurde – in englischer Sprache – im Februar 2018 von WCC Publications unter dem Titel „The Challenge of Transformation: An Ecumenical Journey“ veröffentlicht. Weitere Informationen (in englischer Sprache)