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Die Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK auf dem Weg zu ihrem abschliessenden Bericht

15. Mai 2002

Noch einmal wird die Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) tagen. Dieses Mal vom 27. Mai bis 2. Juni in Järvenpää, unweit der finnischen Hauptstadt Helsinki. Die Ergebnisse ihrer dreijährigen Arbeit wird die Sonderkommission in einem Schlussbericht dem dieses Jahr vom 26. August bis 3. September in Genf tagenden ÖRK-Zentralausschuss vorlegen.

Dem Beschluss der Achten ÖRK-Vollversammlung 1998 in Harare, Simbabwe, diese Sonderkommission einzurichten, war die deutliche Kritik orthodoxer Kirchen am ÖRK vorausgegangen.

Besonders die östlich-orthodoxen Kirchen hatten im Mai 1998 auf einer Tagung in Thessaloniki, Griechenland, ernsthafte Bedenken über bestimmte Entwicklungen in einigen protestantischen Mitgliedskirchen des Rates geäussert. Zudem wiesen sie auf die mangelnden Fortschritte in ökumenischen theologischen Diskussionen hin und stellten fest, dass die gegenwärtige Struktur des ÖRK eine sinnvolle Mitarbeit der orthodoxen Kirchen zunehmend erschwere und für einige sogar unmöglich mache.

Indem die Vollversammlung in Harare der Einsetzung einer Sonderkommission zustimmte, reagierte sie nicht nur auf die Anliegen der Orthodoxen in angemessener Form, sie wies vielmehr auch darauf hin, dass "andere Kirchen und Kirchenfamilien" ähnliche Anliegen hätten.

Vieles ist seither in den Plenartagungen und Unterausschüssen der Sonderkommission erarbeitet und während des ÖRK-Zentralausschusses in Potsdam, Deutschland, Ende Januar 2001 diskutiert worden.

In den Diskussionen ging es hauptsächlich um fünf Problembereiche:

  • Fragen im Zusammenhang mit der Mitgliedschaft

Dass es, wie zuletzt im November 2001, in Berekfürdö, Ungarn, zu erheblichen Fortschritten kam, zeugt auch von dem persönlichen Engagement der Mitglieder dieser paritätisch besetzten Kommission.

Gerade um dieses persönliche Engagement, um Geschichten, Erfahrungen, sich profilierende Überzeugungen und Standpunkte geht es in einer dreiteiligen Serie von Beiträgen, die die ÖRK-Medienbeauftragte, Karin Achtelstetter, zusammengestellt hat. Kommissionsmitglieder aus unterschiedlichen Traditionen melden sich zu Wort und teilen Ihre ganz persönlichen Erfahrungen und Gedanken mit einer breiten Öffentlichkeit.

Die Serie greift drei der fünf Problembereiche auf: Prozesse der Entscheidungsfindung (Teil 1), soziale und ethische Fragen (Teil 2) sowie das gemeinsame Gebet (Teil 3).

Quasi als Vorläufer zu dieser Serie befasste sich ein bereits im Dezember 2000 veröffentlichtes Interview mit dem damaligen Referenten für interchristliche Angelegenheiten der Russischen Orthodoxen Kirche, Dr. Hilarion Alfejew, mit den die Sonderkommission betreffenden ekklesiologischen Fragen. Die Fragen der Mitgliedschaft werden indessen in einer eigens eingerichteten Studiengruppe erörtert und werden auch aus diesem Grund in der Serie über die Arbeit der Sonderkommission nicht behandelt.

Wie soll der ÖRK in Zukunft seine Entscheidungen fällen? (Teil 1)

Eines der wichtigsten Ergebnisse der Plenartagung der Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) in Berekfürdö, Ungarn, im November 2001 war, dass die Kommission "das Konsensverfahren" als "die geeignetste Methode der Entscheidungsfindung für die Leitungsorgane des ÖRK" identifizierte.

Bereits die Diskussion des von der Sonderkommission vorgelegten Zwischenberichts während des ÖRK-Zentralausschusses in Potsdam, Deutschland, im Februar 2001, brachte die positive Haltung der Mitglieder dieses Leitungsgremiums zutage. So wies Seine Seligkeit Erzbischof Anastasios von Tirana, Durrës und ganz Albanien Anastasios darauf hin, dass in biblischen Zeugnissen die Eingebung des Heiligen Geistes die Menschen leitete und nicht irgendwelche im parlamentarischen Stil herbeigeführte Mehrheitsbeschlüsse.

Ein mögliches Konsensmodell als zukünftiges Abstimmungsverfahren für den ÖRK müsse nicht die prophetische Stimme des ÖRK in Frage stellen, betonte auch die lutherische Pfarrerin Mari Kinnunen aus Finnland. "Was passiert mit der prophetischen Stimme des ÖRK?", fragte sie. "Wird ein konsensgestützter Prozess der Entscheidungsfindung diese Stimme verstummen lassen?" Mari Kinnunen zufolge sind solche Befürchtungen jedoch unbegründet.

Zwei Mitglieder der Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK, die US-Amerikanerin Eden Grace von der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) und der Australier D'Arcy Wood von der Unionskirche in Australien, haben beide - allerdings ganz unterschiedliche - Erfahrungen mit dem Konsensverfahren gemacht .

Eden Grace kommt aus einer christlichen Tradition, "die der vom Geist geleiteten Urteilsbildung in Fragen der Kirchenleitung ganz besondere Aufmerksamkeit schenkt. Wir Freunde (Quäker) suchen nach 'sichtbarer Einheit' in der kirchlichen Gemeinschaft und finden sie gegeben, wenn alle "ein Herz und eine Seele' in geschäftlichen Angelegenheiten sind", schreibt sie in ihrem Beitrag.

Was D'Arcy Wood anbelangt, so hat er sich vor gut zehn Jahren - gemeinsam mit seiner Kirche - auf das Wagnis eingelassen hat, Entscheidungen nicht länger im parlamentarischen Stil, sondern per Konsens zu fällen.

Zwei sehr unterschiedliche Erfahrungen. Was sie gemeinsam haben? Sie machen Mut, neue alte Wege zu beschreiten.

Von Christus geleitet

Entscheidungsfindung bei den Quäkern und im ÖRK

Eden Grace

Wie sollen wir miteinander umgehen als Christen und als Mitglieder des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK)? Mit Liebe, Respekt und Güte oder mit Misstrauen und Rivalität? So lautet meiner Meinung nach die tiefere Frage, die der Arbeit der Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK in allen ihren Bereichen zugrunde liegt.

Wenn die Kommission vorschlägt, die Entscheidungsfindung im Rat von der Mehrheitsabstimmung in ein Konsensverfahren zu verwandeln, dann geht es dabei für mich um die Kernqualitäten der christlichen Gemeinschaft. Es ist wichtig, wie wir Entscheidungen treffen, denn wie wir miteinander umgehen zeigt, ob wir im Geist leben oder nicht. Der Apostel Paulus zählt eine ganze Reihe von äusseren Anzeichen dafür auf, ob wir vom wahren Geist Gottes recht geleitet werden: "Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude und Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit;..." (Galater 5, 22-23).

Als Quäkerin komme ich aus einer Gemeinschaft, die der vom Geist geleiteten Urteilsbildung in Fragen der Kirchenleitung ganz besondere Aufmerksamkeit schenkt. Wir Freunde (Quäker) suchen nach "sichtbarer Einheit" in der kirchlichen Gemeinschaft und finden sie gegeben, wenn alle "ein Herz und eine Seele" in geschäftlichen Angelegenheiten sind. Wir messen unserer Geschäftstätigkeit eine hohe geistliche Bedeutung bei, denn wir betrachten sie als eine nahtlose Erweiterung unseres Gottesdienstes.

Kirchenleitung bedeutet nicht Politik, Geschäftsordnung und Abstimmung. Kirchenleitung hat es vielmehr damit zu tun, dass wir als die gläubige Gemeinschaft leben sollen, die Gott ins Leben gerufen hat und die Gottes versöhnende Liebe in der Welt sichtbar werden lässt. Paulus gibt dazu folgenden Rat: "(Seid) eines Sinnes, (habt) gleiche Liebe, (seid) einmütig und einträchtig. Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den anderen höher als sich selbst, und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem anderen dient. Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht" (Philipper 2, 2-5).

Dies ist natürlich schwierig und es gelingt uns nicht so gut, wenn wir uns dabei allein auf unsere eigenen Kräfte verlassen. Wenn wir uns aber auf die Kraft des Heiligen Geistes stützen, der unter uns ist und uns gerne lenken will, dann legen die Quäker ein Zeugnis davon ab, dass wir die gesegnete Gemeinschaft erfahren, der die von Paulus beschriebenen Qualitäten innewohnen. Wir bemühen uns nicht, eines Sinnes zu sein, sondern wollen uns - wie Paulus es ausdrückt - vom Sinn Christi leiten lassen.

Bei den Quäkern habe ich häufig als "Schreiberin" gedient, das heisst als die Person, die den Willen Gottes, wie ihn die Versammlung erkennt, in Worte kleidet. Das ist eine gewichtige Aufgabe, nicht etwa blosse Schriftführung. In dieser Rolle habe ich erkannt, was es bedeutet, den Willen Gottes zu erkennen.

Ich erinnere mich an eine bestimmte Versammlung, auf der eine Entscheidung mit möglicherweise ernsthaften Folgen gefällt werden musste. Was die Freunde gesprochen und was sie in dieser Angelegenheit zu raten hatten, hatte ich grösstenteils auf meinem Laptop mitgetippt.

Es waren viele ausgezeichnete Bemerkungen gemacht und stichfeste Argumente vorgebracht worden. Das alles dauerte eine ganze Weile. Ich hatte schon eine Menge Text auf meinem Bildschirm. Aber die Versammlung war noch immer gespalten. Dann stand einer der Freunde auf, um zu sprechen. Zunächst aber stand er einen Augenblick lang still da, und ich spürte, dass mit der Versammlung eine fühlbare Veränderung vor sich ging. Es war mir so, als ruhte Gottes Hand auf diesem Mann und verlieh seiner Botschaft Autorität. Ich bin mir sicher, dass die anderen diese Veränderung auch bemerkt hatten. Bevor er das Wort ergriff, habe ich meinen Bildschirm frei gemacht, um seine Botschaft aufzuzeichnen. Ich wusste im Voraus, dass ihn der Sinn Christi leitete.

Das hört sich nach einer mystischen Erfahrung an, und es ist auch eine. Dieses Geschehen lässt sich nicht von systematischen Regeln kontrollieren, sondern hängt allein von der Gnade Gottes ab. Dennoch ist es kein abstraktes oder überirdisches Erlebnis. Wir Freunde treffen alle unsere Entscheidungen auf diese Weise, und nicht jedes Mal kommt es dabei zu einem so eindrucksvollen und denkwürdigen Erlebnis, wo wir erfahren, dass Gottes Hand in unserer Mitte am Werk ist. Ich meine aber, dass wir selbst bei weniger wichtigen Verhandlungsgegenständen die Früchte des Geistes empfangen, weil wir liebevoll und rücksichtsvoll miteinander umgehen und weil wir uns gemeinsam verpflichtet haben, Gottes Willen zu gehorchen.

Die Friedenserfahrung bezeugen

Seit dem Vorschlag der Sonderkommission, das Konsensverfahren im ÖRK einzuführen, habe ich Skeptiker fragen hören, ob so etwas im weltweiten ökumenischen Kontext überhaupt funktionieren kann. Ich persönlich bin von zwei Dingen überzeugt.

Einmal davon, dass es für den ÖRK weder praktikabel noch ratsam ist, die Entscheidungsfindung der Quäker, wie ich sie oben als gemeinsame Erfahrung einer vom Geist geleiteten Urteilsbildung beschrieben habe, zu übernehmen. Die ÖRK-Mitgliedschaft hat zu unterschiedliche Auffassungen von Autorität als dass sie sich auf die Voraussetzungen verständigen könnte, die den Quäker-Prozess erfolgreich machen.

Zweitens bin ich aber auch davon überzeugt, dass wir Raum schaffen können, damit der Heilige Geist unter uns wirkt, wenn wir neue Formen des Umgangs miteinander einführen und die Erwartungen verändern, die wir aneinander stellen. Auf diese Weise können wir, so denke ich, grössere Liebe unter uns verwirklichen.

Der Wunsch, die Entscheidungsfindung im Rat zu reformieren, läuft parallel zu unserer Verpflichtung zur Dekade zur Überwindung von Gewalt. In beiden Fällen bemühen wir uns, die christliche Gabe der Versöhnung getreuer zu verkörpern. Wir können nicht erwarten, dass wir vor der Welt eine Friedensbotschaft ablegen werden, wenn die Qualität unserer Gemeinschaft nicht auf einer Friedenserfahrung beruht.

Trägt unser eigenes Verfahren im ÖRK das Zeichen der "antagonistischen Logik des Krieges"? Neigen wir dazu, "ein Problem oder einen Konflikt zu lösen durch die Aufrichtung der Herrschaft einer Position über die andere? ... Friedliche Konfliktlösung ist nur möglich, wenn das Gewinn- und Verlustschema umgewandelt wird in einen Prozess, bei dem beide Seiten am Ende als Gewinner dastehen." Diese Worte stammen von ÖRK-Generalsekretär Konrad Raiser und er hat sie im Blick auf die Dekade zur Überwindung von Gewalt formuliert.

Ich finde, diese Worte treffen auch auf die interne Kultur des Rates zu. Wir versuchen nun, diese Kultur zu verändern und das weltliche politische Gewinn- und Verlustschema in das christlich-biblische Modell der gegenseitigen Liebe umzuwandeln.

"Euch aber lasse der Herr wachsen und immer reicher werden in der Liebe untereinander und zu jedermann..." (1. Thessalonicher 3, 12). So sehen die Früchte des Geistes aus, und sie erhoffe ich mir von der Arbeit der Sonderkommission zum Prozess der Entscheidungsfindung .

Die Verfasserin dieses Beitrages, Eden Grace, gehört der Religiösen Gesellschaft der Freunde (Quäker) an und ist Mitglied des ÖRK-Zentralausschusses und der Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK. Sie gehört dem Allgemeinen Ausschuss der Vereinigten Versammlung der Freunde an, einem internationalen Gremium der Quäker, und hat als Jugenddelegierte der Vereinigten Versammlung der Freunde an der Vollversammlung in Harare teilgenommen. Sie arbeitet im Kirchenrat von Massachusetts, USA, mit.

Entscheidungsprozesse - vom parlamentarischen til zum Konsensverfahren

Die Unionskirche in Australien hat den Wechsel vollzogen

D'Arcy Wood

Die Unionskirche in Australien wurde 1977 aus drei Kirchen gebildet: der kongregationalistischen, der methodistischen und der presbyterianischen Kirche. Eines der Hauptziele bei der Ausarbeitung der neuen Verfassung und Kirchenordnung für die vereinigte Kirche bestand darin, eine breite Verteilung der Aufgaben auf die Mitglieder, sowohl Laien als auch Ordinierte, vorzunehmen.

Die theologische Untermauerung dieses Zieles liegt in der Metapher, die der Heilige Paulus für den Leib Christi mit seinen Gliedern und Organen, die alle unterschiedliche Funktionen im Leib haben, benutzte. Der Heilige Geist schenkt den Gliedern der Kirche seine Gaben, wann und wo er will, und es ist die Aufgabe der Kirche, diese Gaben zu erkennen und sie in den Dienst der kirchlichen Ämter zu stellen.

Die Verfassung der Unionskirche, die sogenannte Basis of Union, legt fest, dass die Leitung der Kirche Einzelpersonen und Räten, je nach den geistlichen Gaben, die sie empfangen haben, übertragen wird. Historisch gesehen könnte man sagen, dass die Leitungsstrukturen der Unionskirche stark dem presbyterianischen System ähneln, in dem mindestens genauso viele Laien und Laiinnen wie Geistliche mitwirken: auf Bundesebene in der Nationalen Versammlung, auf bundesstaatlicher Ebene in Synoden, auf regionaler Ebene in Presbyterien und auf lokaler Ebene in Gemeinden und Kongregationen.

In den 1980er Jahren unternahm die Unionskirche gezielte Anstrengungen, um Frauen und junge Menschen verstärkt dafür zu gewinnen, Aufgaben in den Kirchenräten zu übernehmen und bei anstehenden Wahlen zu kandidieren. Diese Anstrengungen waren bis zu einem gewissen Grad von Erfolg gekrönt, aber eines der Hindernisse für eine umfassende Beteiligung lag im Stil der Debatten und der Entscheidungsfindung, die die Unionskirche von ihren Vorgängerinnen übernommen hatte. Diese Art von Geschäftsordnung wird manchmal als "parlamentarisch" oder "Westminster-like" beschrieben.

Ich selbst war von 1981 bis 1983 Präsident der Synode von Südaustralien, und es war damals ganz offensichtlich, dass Personen mit langjährigen Erfahrungen in Kirche und kirchlichen Arbeitsabläufen einen ungeheuren Einfluss auf Entscheidungen der Synode hatten und auch ausübten. Es könnte gesagt werden, dass dies in gewisser Weise unausweichlich war. Andererseits muss auch festgestellt werden, dass die Gaben vieler Mitglieder, insbesondere von Frauen und jungen Menschen, in dieser Zeit nicht genug genutzt wurden. Immer stärker wurde daher der Ruf nach einer Reform der Entscheidungsprozesse.

In der Unionskirche gelten in ganz Australien gleichen Entscheidungsprozesse. Während anderen Denominationen je nach Diözese oder Bundesstaat unterschiedliche Leitungsstrukturen haben können, herrschen in der Unionskirche bundesweit einheitliche Strukturen vor. Die Reform der Entscheidungsprozesse musste daher auf gesamtaustralischer Ebene angegangen werden.

So richtete der Ständige Ausschuss der Nationalen Versammlung eine kleine Arbeitsgruppe ein, die den Auftrag erhielt, alternative Verfahrensweisen vorzubereiten. Ich nahm ein- oder zweimal an den Sitzungen dieser Arbeitsgruppe teil, aber ein Grossteil der Arbeit wurde von Leuten wie Dr. Jill Tabart - der späteren Präsidentin der Nationalen Versammlung -, Pfarrer Gregor Henderson - dem Generalsekretär der Nationalen Versammlung - und Pfarrer Hamish Christie-Johnston geleistet.

Das neue System, das schliesslich angenommen wurde, wird als "Konsensmethode" bezeichnet. Es verfolgt ganz allgemein das Ziel, so viele Personen wie möglich an der Ausarbeitung der Beschlüsse eines Rates oder einer Tagung zu beteiligen. Die neuen Verfahrensweisen sind zudem weniger rigide.

Zwei Beispiele mögen zur Veranschaulichung dieser Methode dienen: erstens kann eine Person in einer Debatte mehr als einmal das Wort zu einem bestimmten Vorschlag ergreifen. Dem oder der Vorsitzenden fällt dabei die Aufgabe zu, dafür zu sorgen, dass es nicht dazu kommt, dass nur eine bestimmte Person oder eine kleine Gruppe die Diskussion beherrscht und andere nicht zu Wort kommen lässt. Zweitens kann eine Frage in einer Sitzung auch dann behandelt werden, wenn dem oder der Vorsitzenden kein entsprechender schriftlicher Antrag vorliegt. Die neue Geschäftsordnung sieht vor, dass ein Antrag im Einvernehmen - per "Konsens" - eingebracht (und auch abgeändert) werden kann.

Wesentlich ist, dass im Verlauf des Entscheidungsprozesses der oder die Vorsitzende die Mitglieder häufig nach ihrer Meinung fragt - ohne dass dabei eine formelle Abstimmung durchgeführt wird.

Ich kann mich noch gut an die letzte Tagung der Nationalen Versammlung erinnern, auf der das "alte" Verfahren angewandt wurde. Sie fand 1991 statt und wurde von mir geleitet. Auf der darauf folgenden Tagung im Jahr 1994 wurde das neue System eingeführt. Ungefähr zur gleichen Zeit wurde es auch von den Synoden, Presbyterien und Gemeinderäten - sowie von den verschiedenen Ausschüssen und Kommissionen - übernommen.

Ein Jahrzehnt später: die Erfahrungen mit der neuen Konsensmethode

Seit einem Jahrzehnt sammelt die Unionskirche nun bereits Erfahrungen mit der Konsensmethode. Wie sehen diese Erfahrungen aus?

Erstens hat es sich als notwendig erwiesen, "Feineinstellungen" vorzunehmen, damit die neue Methode der Kirche bessere Dienste erweisen kann. Und zweitens wage ich zu behaupten, dass nur sehr wenige Leute dem alten System den Vorzug gäben. Trotz mancher Schwierigkeiten, die es hier und dort gibt, funktioniert das neue Verfahren. Es hat uns tatsächlich die Flexibilität und grössere Beteiligung gebracht, wie wir sie Ende der 1980er Jahre als Ziel definiert hatten.

Ob das neue System neben den Vorteilen auch Nachteile gebracht hat?

Es könnte gesagt werden, dass das neue Verfahren langsamer ist als das alte. Das lässt sich darauf zurückführen, dass viele Meinungen gehört werden müssen und dass sich so viele Personen wie möglich an der Ausarbeitung von Beschlüssen beteiligen sollen. Es muss allerdings auch gesagt werden, dass die Verlangsamung der Entscheidungsprozesse nicht das Ausmass angenommen hat, das einige befürchtet hatten. Das ist zumindest die Erfahrung, die ich gemacht habe.

Zwar nehmen jetzt mehr Leute an den Diskussionen teil, aber dafür geht weniger Zeit mit Verfahrensfragen verloren, wie zum Beispiel mit "Abänderungsanträgen", "Anträgen auf erneute Behandlung der vorherigen Frage", "Anträgen auf Vertagung der Sitzung" etc. Ferner lässt sich ein höherer Grad an Zufriedenheit feststellen, weil bei Entscheidungsprozessen alle Möglichkeiten zur Lösung einer Frage in angemessener Weise diskutiert werden können.

Ein möglicher Nachteil - oder vielleicht sollte man besser von einer potentiellen Gefahr reden - liegt darin, dass der oder die Vorsitzende einen sehr grossen Einfluss hat. Er oder sie muss dafür sorgen, dass die Debatte umfassend und ausgewogen ist und dass alle diskussionsrelevanten Wortmeldungen gehört und geprüft werden. Er oder sie muss sich auch bemühen, "die Meinung der Versammlung" zu erkennen, und versuchen, diese "Meinung" in klare Worte zu fassen. Das erfordert ein hohes Mass an Kompetenz. Die Wahl des oder der Vorsitzenden ist daher ganz offensichtlich von entscheidender Bedeutung.

Ausserdem ist die gründliche Vorbereitung der Vorsitzenden auf ihre Aufgabe von immenser Bedeutung. Dies gilt insbesondere dann, wenn sie noch keine Erfahrungen in diesem Bereich gesammelt haben. Aus diesem Grunde wurden Anfang der 1990er Jahre nicht nur die Vorsitzenden, sondern auch alle Mitglieder von Kirchenräten im Rahmen von Einführungskursen mit diesem neuen Verfahren vertraut gemacht.

Ich möchte noch hinzufügen, dass der Einfluss der Vorsitzenden eingeschränkt werden kann, wenn ihnen ein Beratungs- oder Geschäftsausschuss zur Seite gestellt wird, der den oder die Vorsitzende vor und während einer Tagung berät.

Die Erfahrungen der Unionskirche haben sich für die Arbeit der Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) als sehr nützlich erwiesen. Allerdings unterscheidet ein ökumenisches Gremium sich natürlich sehr stark von einer einzelnen Denomination.

Der ÖRK wird meiner Meinung nach Verfahrensweisen entwickeln müssen, die auf ihn und seine Arbeit zugeschnitten sind. Die Erfahrungen, die die Unionskirche in Australien mit der Konsensmethode in Entscheidungsprozessen gesammelt hat, sind nützlich, aber sie stellen nur ein Beispiel dafür dar, wie ein solches System funktionieren kann.

Die Sonderkommission hat sich jetzt über einige allgemeine Prinzipien der Entscheidungsfindung im Konsensverfahren geeinigt. Falls der Ende August tagende Zentralausschuss die Vorschläge der Sonderkommission annimmt, so wird er auch die Aufgabe haben, diesen Prinzipien in angemessener Weise praktischen Ausdruck zu verleihen. Ich hoffe, dass der Zentralausschuss diesen Weg einschlagen wird. Einige der Schwierigkeiten, die nicht nur orthodoxe, sondern auch andere ÖRK-Mitglieder mit dem Rat haben, könnten auf diese Weise sehr wohl überwunden werden.

Der Autor, Dr. D'Arcy Wood ist pensionierter Pfarrer der Unionskirche in Australien. Von 1974 bis 1988 lehrte er Systematische Theologie und Liturgie in Adelaide. Von 1981 bis 1983 war er Vorsitzender der Synode von Südaustralien und von 1991 bis 1994 Präsident der Nationalen Versammlung. Von 1969 bis 1973 war Dr. Wood Stabsmitglied und von 1984 bis 1988 Präsident des Nationalen Kirchenrats in Australien.

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