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Bangladesch: Kampf ums Überleben

13. Mai 2002

Sara Speicher

Sara Speicher

vgl. WCC Press Update, Up-01-02, of 12 March 2001

vgl. ÖRK-Pressemitteilung, PR-01-07, 8. März 2001

Auf Sand gebaut

Auf den ersten Blick sieht die Insel idyllisch aus. Erdnuss- und Reisfelder sind üppig grün, Hühner und Ochsen laufen frei herum und die Hütten mit Strohdächern und Lehmböden werden trotz der materiellen Armut sorgfältig gepflegt.

Aber die Menschen, die auf dieser Insel wohnen, haben ihre Häuser - buchstäblich - auf Sand gebaut. Die chars von Bangladesch sind Sandbänke im Fluss Brahmaputra und jedes Jahr droht der Monsunregen sie wegzuschwemmen. An die 230.000 Menschen leben auf diesen chars, ohne Zugang zu Strom, Kommunikationsdiensten, Gesundheitsversorgung und Ausbildungsmöglichkeiten; viel schlimmer aber ist, dass sie ständig mit der Gefahr leben müssen, durch die Überschwemmungen ihr Zuhause, ihr Hab und Gut und sogar ihr Leben zu verlieren. Aber sie haben keine Wahl: Grund und Boden auf dem Festland stehen nicht zur Verfügung.

Bangladesch ist eines der ärmsten, am dichtesten besiedelten und am wenigsten entwickelten Länder der Welt. In diesem Land, das mit 144.000 Quadratkilometern ungefähr so gross ist wie der US-amerikanische Bundesstaat Iowa leben 130 Millionen Menschen. Aufgrund der Bevölkerungsdichte und Armut leben viele Menschen in überschwemmungsgefährdeten Gebieten.

Rund ein Drittel des Landes wird jedes Jahr während der Regenzeit überschwemmt. "Normale" Überschwemmungen sind jedoch gut, sagen Entwicklungshelfer. "Wenn 25.000 Quadratkilometer überflutet sind, so spricht man von einer normalen Überschwemmung", erklärt Charles Sarkar, der Manager des Programms für Katastrophenprävention der Christlichen Entwicklungskommission in Bangladesh (CCDB). "Die Menschen sind froh über diese Überschwemmungen, weil sie gut für den Boden sind, ihn fruchtbarer machen. Aber wenn mehr als 50 000 Quadratkilometer überschwemmt sind, so ist das bereits eine Katastrophe grösseren Ausmasses."

Die letzte grosse Flutkatastrophe fand 1998 statt, als 100.000 km2 (zwei Drittel des Landes) überschwemmt waren und 25 Millionen Menschen obdachlos wurden.

Die Mitglieder von Kirchen helfen gemeinsam (ACT) in Bangladesch konzentrieren ihre Anstrengungen auf die Katastrophenprävention. Ihre Projekte reichen von der Anregung zur Verwendung tragbarer Öfen zur Minimierung von Verlusten bei Überschwemmungen bis zur Einbeziehung der Katastrophenprävention in die Lehrpläne der Schulen. Sarkar betonte auch, wie wichtig es sei, Möglichkeiten vor Ort zur Förderung der Katastrophenvorsorge zu nutzen. So bittet die CCDB zum Beispiel die Imame, dieses Thema in ihren Freitagsgottesdiensten anzusprechen.

Die fünf ACT-Mitglieder in Bangladesch wissen, dass Naturkatastrophen in diesem Land zum Leben gehören, und koordinieren deshalb ihr Vorgehen in solchen Krisensituationen. Die CCDB koordiniert die Hilfe im Süden des Landes, während Rangpur Dinajpur Rural Service (RDRS) sich im Norden engagiert. Die weiteren ACT-Mitglieder sind die Sangha-Baptistenkirche von Bangladesch und die Kirche von Bangladesch - beide Mitglieder des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) - sowie Koinonia.

Obwohl die Christen in Bangladesch eine "mikroskopisch kleine Minderheit" von rund 400.000 Mitgliedern bei einer Bevölkerung von 130 Millionen darstellen, sind sie sehr aktiv in den Bereichen ländliche und soziale Entwicklung, Gesundheitsversorgung, Bildung, Katastrophenprävention- und hilfe. Ihre Bemühungen um eine noch engere Zusammenarbeit erwachsen aus dem tiefen Wunsch, christliches Zeugnis und christlichen Dienst in diesem Not leidenden Land so effizient wie möglich zu gestalten.

Mikrokredite für nachhaltige Entwicklung

Sudhir Adhikari, der Präsident des Nationalrates der Kirchen in Bangladesch (NCCB), erinnert daran, dass einige Kirchen Anfang der 1970er Jahre Kleindarlehen an einzelne Personen vergaben, die ihre Armut lindern wollten und eine bessere Zukunft für sich und ihre Gemeinschaften anstrebten. Die Kirche vertraute darauf, dass die Darlehensempfänger, die von ihren Pfarrern begleitet und motiviert wurden, die Darlehen zurückzahlen würden. Diese Methode hat nicht funktioniert. "Die christlichen Werte der Liebe und Vergebung hatten hier eine kontraproduktive Wirkung. Die Menschen wussten, dass sie auf 'Vergebung' zählen konnten, wenn sie die Darlehen nicht zurückzahlten", bemerkt Adhikari lächelnd.

Dann kam Dr. Muhammed Yunus. Mitte der 70er Jahre begann der damalige Vorsitzende der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Chittagong, lokalen Gruppen von Handwerkern sehr kleine Darlehen zu geben, um ihnen zu helfen, den Teufelskreis der Armut zu durchbrechen und ihre eigenen kleinen Betriebe aufzubauen. So entstand die Grameen Bank in Bangladesch. Seither hat die Bank Mikrodarlehen in Höhe von mehr als 2,5 Milliarden US-Dollars an mehr als zwei Millionen Menschen in den ländlichen Gebieten Bangladeschs vergeben. 94 Prozent der Darlehensempfänger sind Frauen, und die Rückzahlungsrate liegt bei über 99 Prozent.

Andere Nichtregierungsorganisationen (NROs), einschliesslich kirchlicher Entwicklungshilfeorganisationen, machten sich das gruppendynamische Konzept von Mohammed Yunus zu Eigen und führten ihrerseits sehr erfolgreiche Mikrokreditprojekte ein, die extrem hohe Rückzahlungsraten aufweisen. Der andere Durchbruch, so Adhikari, bestand darin, dass die Projekte sich an Frauen in einer islamischen Gesellschaft wandten.

In der Habir-Bari-Gemeinschaft ausserhalb Dhakas hat die CCDB ein Mikrokreditprojekt für Frauen ins Leben gerufen. Die ÖKR-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen lernten die sehr aktiven 15 Ausschussmitglieder kennen, die das Projekt beaufsichtigen. Die Frauen erklärten, dass sie sich trotz ihres überwiegend muslimischen Umfelds entschlossen hätten, die CCDB darum zu bitten, ihr Geld sicher anzulegen.

Vor Beginn des Projekts hatten sie ihre Männer für alles um Geld bitten müssen - für Lebensmittel, Gesundheits- und Haushaltsausgaben. Sie erhielten zunächst Kleindarlehen, die sie für landwirtschaftliche Projekte verwendeten und für die Aufzucht von Ziegen und Fischen, die auf den örtlichen Märkten verkauft werden. Mittlerweile haben sie ihre Projekte auf die Bereiche Hygiene, Ernährung und Ausbildung ausgeweitet. Mit dem Geld, das sie verdienen, helfen sie mittlerweile ihren Ehemännern. Und wie reagieren die Männer darauf? Lachen in der Gruppe. Am Anfang, räumen sie ein, waren die Männer zurückhaltend. Aber jetzt sind sie sehr froh und unterstützen die Projekte. Entscheidungen, die die Familie betreffen, werden jetzt gemeinsam oder von den Frauen getroffen und in ihren Mikrokredit-Versammlungen informieren sie sich gegenseitig und diskutieren über Ausbildung, Frauenrechte, Wahlen und Bürgerrechte.

Fast alle NROs in Bangladesch führen Mikrokreditprogramme durch, doch gehen nicht alle dabei gleich vor. Der CCDB-Koordinator für Planung und Aufsicht, Gobinda Saha, erklärt, dass viele NROs ihre Mikrokreditprogramme mittlerweile leider als "Business" ansehen und ihr Hauptziel vergessen zu haben scheinen, nämlich die Menschen zu selbstbestimmtem Handeln zu befähigen. Die CCDB selbst führte ihr Mikrokreditprogramm 1974 ein, beschloss 1996 aber, dass "sie keine Geschäfte mit der Armut machen" sollte. Die Kommission startete dann im Rahmen des Partizipatorischen ländlichen Entwicklungsprogramms ein neues Projekt - das Selbstverwaltete Spar- und Kreditprogramm. Dieses neue Mikrofinanzierungssystem stellt zinsfreie Darlehen zur Verfügung und basiert auf partizipatorischen Entscheidungsprozessen. Es umfasst gegenwärtig 202 Projekte und erreicht eine Rückzahlungsrate von 96 Prozent.

Katastrophenhilfe - Arbeit für die Zukunft

Nach dem Unabhängigkeitskrieg von 1971 war Bangladesch zerstört, die Bevölkerung verzweifelt und Millionen von Menschen flohen in die Nachbarländer. Die Regierung rief die Welt um Hilfe an, und der ÖRK und seine ökumenischen Partnereinrichtungen reagierten auf diesen Appell und leisteten in Zusammenarbeit mit dem Nationalrat der Kirchen Nothilfe. Das daraus resultierende Programm lief so gut und so schnell an, dass es von der Verkehrsbehörde des neuen Landes eines der ersten Nummernschilder zugewiesen bekam: WCC1.

Das Nothilfe- und Wiederaufbauprogramm für Bangladesch, das vom ÖRK und seinen ökumenischen Partnern eingerichtet und dem Nationalen Kirchenrat unterstellt wurde, wurde 1973 in die CCDB umgewandelt, die die Wiederaufbau- und Sozialarbeit fortsetzen und langfristige Gemeinwesenarbeit leisten sollte. Die CCDB arbeitet gegenwärtig mit 87 000 Familien in 2600 Dörfern in 27 der 64 Distrikte des Landes. Sie arbeitet mit den Ärmsten der Armen, mit ganzen Familien, aber ganz besonders mit Frauen.

Ihre Arbeit spiegelt viele der sehr besonderen Herausforderungen wider, mit denen die Sozial- und Entwicklungsarbeit in Bangladesch konfrontiert ist. Eine der grössten Herausforderungen besteht darin, dass es sich um ein mehrheitlich muslimisches Land handelt. Bei einem Anteil von 0,3 Prozent an der Gesamtbevölkerung verstehen die Christen sich als "mikroskopisch kleine Minderheit". Historisch gesehen hat Bangladeschs Bevölkerung sich immer als tolerant erwiesen und die Religionsfreiheit stellt kein Problem dar. Aber es ist klar, dass alle Entwicklungsarbeit multireligiös sein muss. Die Stabsmitglieder und Verantwortlichen der CCDB gehören ebenfalls unterschiedlichen Religionen an. Wie ein Stabsmitglied es formulierte: "Unsere Religion ist nicht dieselbe, aber wir arbeiten in demselben Haus."

Kulturelle und religiöse Tabus stellen eine weitere Herausforderung dar ... beispielsweise für die Arbeit im Zusammenhang mit HIV/AIDS. Die CCDB fing 1993 an, sich diesem Thema zu widmen, zu einer Zeit also, wo HIV/AIDS noch nicht als Problem gesehen wurde. Im Vergleich mit anderen asiatischen Ländern ist HIV/AIDS in Bangladesch noch ziemlich wenig verbreitet, obwohl die Zahl der rund 190 Fälle, die in offiziellen Regierungsstatistiken angegeben wird, wohl doch zu niedrig gegriffen ist. Bei diesen Zahlen, so CCDB-Stabsmitglieder, handelt es sich um die 190 AIDS-Kranken, die in Krankenhäusern behandelt werden. Schätzungen der WHO zufolge sind 13.000 Menschen infiziert. Aber die Bevölkerung wird nicht dazu ermutigt, Hilfe zu suchen. Es ist, sogar im privaten Bereich, äusserst schwierig, über Themen wie zum Beispiel sexuelle Verhaltensweisen zu sprechen, und die Patienten werden nicht darüber informiert, was sie vorbeugend gegen die Ausbreitung von HIV/AIDS tun können - mit dem Ergebnis, dass das Risiko für die restliche Gesellschaft steigt. Alle CCDB-Mitarbeiter und -Mitarbeiterinnen haben an einem HIV/AIDS-Aufklärungsprogramm teilgenommen und die Kommission verfolgt eine Personalpolitik, die HIV/AIDS-Infizierte nicht diskriminiert. Ziel ist es, das Schweigen zu brechen und gezielt über Risikofaktoren zu informieren, damit HIV/AIDS keine Chance hat, sich in Bangladesch zu einer Epidemie auszuweiten.

Auslandshilfe

Ein zusätzlicher Faktor ist die sehr reelle Armut des Landes. Auslandshilfe zur Unterstützung der NRO-Arbeit ist dabei nicht nur ein Segen. Afsan Chowdury, stellvertretender Chefredakteur des Daily Star in Bangladesch, analysiert die Lage folgendermassen: "NROs schaffen (in einer sehr armen Gesellschaft) Beschäftigungsmöglichkeiten. NROs machen Geld. Krisen bedeuten, dass sie noch mehr Geld machen können... Und die Probleme fangen dort an, wo Geld ins Land kommt, ohne dass die Geldgeber Rechenschaft darüber ablegen müssen."

Der Präsident des Nationalrates der Kirchen in Bangladesch, Sudhir Adhikari, weist darauf hin, dass es in Bangladesch ca. 1200 grosse und mittlere NROs gibt, die Entwicklungsarbeit leisten, und dass insgesamt 26.000 NROs offiziell bei der Regierung registriert sind. Die kleine Zahl protestantischer NROs ist zu 100 Prozent von Spenden aus dem Ausland abhängig und bringt jährlich rund 8 Millionen US-Dollars ins Land. Sudhir Adhikari stellt fest, dass "die meisten NROs in denselben Bereichen arbeiten, nur in unterschiedlichen Teilen des Landes". Es müssen Wege gefunden werden, wie NROs und die Kirchen selbst stärker zusammenarbeiten können, und zwar sowohl in ihrer Arbeit auf lokaler Ebene als auch mit Kirchen und Gebern im Ausland.

"Runde Tische", die vom ÖRK-Team für regionale Beziehungen und ökumenisches Miteinanderteilen initiiert werden, tragen dazu bei, die Arbeit der NROs zu koordinieren und ausländische Geber mit lokalen NROs zur Erstellung gemeinsamer Strategien zusammenzubringen. Der ÖRK führt gegenwärtig 35 Runde Tische auf nationaler und regionaler Ebene durch, die ökumenischen und anderen Hilfsorganisationen sowie ihren Partnereinrichtungen als Plattform dienen, um Erfahrungen auszutauschen, sich gegenseitig zu beraten und Schwerpunkte für gemeinsame Projekte zu setzen. Mathews George Chunakara, der Asien-Referent des ÖRK, bemerkt dazu: "Der Runde Tisch der CCDB ist einer der besten vom ÖRK koordinierten Runden Tische, denn hier wird partnerschaftlich Rechenschaft abgelegt, für Transparenz gesorgt und die Partner gehen respektvoll miteinander um. Darüber hinaus versuchen die Beteiligten, die ökumenische Disziplin des Miteinanderteilens noch zu stärken und Programme auf lokaler Ebene durchzuführen, was angesichts der Lage in Bangladesch wichtig ist."

Verstärkte Zusammenarbeit auf nationaler Ebene strebt auch eine Gruppe leitender Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen christlicher NROs an - die Gruppe für ökumenisches soziales Engagement -, die vor kurzem unter der Federführung des Nationalen Kirchenrates zusammenkam, um ihre Bemühungen zu koordinieren. Alle Mitglieder dieser Gruppe sind kirchlich engagiert und wollen die ökumenische Zusammenarbeit in Bangladesch stärken. Wie ein Gruppenmitglied betonte:"Wir wollen uns mit unserer Arbeit dafür einsetzen, Menschen - nicht Organisationen - zu stärken und zu aktivieren."

Chunakara hebt hervor, dass sowohl lokale Organisationen als auch ausländische Geber Verantwortung für die Linderung der Armut und die Intensivierung ländlicher Entwicklungshilfemassnahmen übernehmen müssen. "Die rapide wachsende Zahl von NROs, der zwischen ihnen herrschende Wettbewerb und die organisatorischen Rivalitäten verderben ziemlich oft die gute Stimmung und die Begeisterung. Die Partner aus dem Norden sollten mit grosser Sorgfalt die glaubwürdigsten lokalen Partner aussuchen."

Sara Speicher ist Kommunikationsreferentin im ÖRK-Team für Information und Öffentlichkeitsarbeit. Sie besuchte Bangladesch im Januar 2002 im Rahmen einer Tagung des Netzes weltweiter KommunikatorInnen und traf mit Vertretern und Vertreterinnen aus den Kirchen und ökumenischen Organisationen des Landes zusammen.

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