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Ein Blick zurück: Vor drei Jahrzehnten wurde die ökumenischen Dekade „Kirchen in Solidarität mit den Frauen“ ausgerufen

Ein Blick zurück: Vor drei Jahrzehnten wurde die ökumenischen Dekade „Kirchen in Solidarität mit den Frauen“ ausgerufen

„Der Respekt vor der Würde der Frauen und vor der Würde der Erde gehören zusammen“, sagt Hammar. Foto: Albin Hillert/ÖRK

02. Oktober 2018

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 03. Oktober 2018

Vor dreißig Jahren haben die Mütter und Väter der ökumenischen Dekade „Kirchen in Solidarität mit Frauen“ nach Wegen gesucht, nicht nur Frauen auf der ganzen Welt bei der Suche nach Gerechtigkeit zu helfen, sondern auch ihre Rolle innerhalb der Kirchen und in der  Welt zu verdeutlichen.

Als Anna Karin Hammar 1986 beim Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) arbeitete, gehörte sie einem Team an, das die ökumenische Dekade zwei Jahre später, im Jahre 1988, aus der Taufe heben sollte. Hammar erinnert sich an die ersten Gespräche in jenen Tagen, als sie und das Team nach Möglichkeiten suchten, die Probleme von Frauen zu einem Prioritätsthema der Kirchenagenda weltweit zu machen.

Für Hammar war der Aufruf zu dieser Dekade immer auch eine Möglichkeit, der Mission des ÖRK Geltung zu verschaffen. „Meine Beziehungen zur ökumenischen Bewegung lassen sich als passioniertes Engagement beschreiben für alles, was die Menschen vereint“, sagte sie.

Bereits 11 Jahre vor dem Beginn der Dekade, im Jahre 1975, war der Bericht der ÖRK-Vollversammlung in Nairobi als einer der bedeutendsten Versuche anzusehen, eine sichtbare Einheit der Kirchen zu definieren. Dieser Bericht war maßgebend für die sich bildende Überzeugung, dass Gerechtigkeit eine wichtige Manifestation der Einheit sei, und thematisierte u. a. auch das Thema Geschlechtergerechtigkeit. Ein Jahr später, 1976, begann die von den Vereinten Nationen proklamierte Frauendekade, gleiche Rechte und Chancengleichheit für Frauen überall auf der Welt zu fordern.

Angesichts der UN-Frauendekade wünschten sich zahlreiche Vertreter/innen der ÖRK-Mitgliedskirchen ein Jahrzehnt, das sich mit kirchentypischen Fragen beschäftigen sollte: Theologie, Tradition, Kultur. „Durch eine weltweite Initiative wollten wir den Kirchen zu der Einsicht verhelfen, dass sie eine wesentlich bessere Tradition hatten, als sie es selbst gedacht hatten“, erklärte sie.

Als die ökumenische Dekade proklamiert war, wurden durch Konsultationen ihre Ziele festgelegt: Gerechtigkeit, Frieden, die Bewahrung der Schöpfung, die Beendigung der Gewalt gegen Frauen und die Anerkennung der Beiträge von Frauen zur Theologie.

Für Hammar war die Dekade eine Anerkennung der Art von Gerechtigkeit, die Kirchen schon die ganze Zeit hätten erkennen müssen: „Natürlich war es in der Tauftradition der Kirche, dass wir geboren und dann in eine Gemeinschaft von Gleichen hineingetauft werden“, sagte sie.

Lernetappen auf dem Weg

Anna Karin Hammar

Als die Dekade begann, gab es, wie sich Hammar erinnert, zahlreiche Lernetappen auf dem weiteren Weg. „Wir erkannten, dass wir innerhalb der Strukturen arbeiten mussten, aber gleichzeitig auch außerhalb. Wir haben ebenfalls gelernt, dass wir sowohl nur mit Frauen als auch mit Frauen und Männern gemeinsam arbeiten mussten. Am effektivsten arbeitet man, wenn man beides macht.“

Die Gründungsmitglieder der Dekade erkannten ebenfalls, dass Gewalt gegen Frauen im Wesentlichen Gewalt gegen die Schöpfung ist, das heißt gegen Mutter Erde.

Hammar sieht Parallelen: „Die MeToo-Bewegung, die – zumindestens im Westen – so wichtig geworden ist ... Ich glaube, das will Mutter Erde uns auch sagen ...   MeToo.“

Frauen und die Schöpfung, so fügte sie hinzu, gehörten zusammen. „Die Bewahrung der Schöpfung ist notwendig, und der Respekt vor der Würde der Frauen und vor der Würde der Erde gehören eindeutig zusammen. Dies ist heute wesentlich deutlicher erkennbar als damals während der Dekade der Kirchen in Solidarität mit den Frauen.“

Da die Forderung nach Gerechtigkeit für Frauen durch Kampagnen wie MeToo und Donnerstag in Schwarz viel präsenter und zu einer globalen Bewegung für eine Welt frei von Vergewaltigung und Gewalt geworden ist, glaubt Hammar, dass der nächste Schritt eine stärkere interreligiöse Kommunikation sein müsse.

„Als wir die ökumenische Dekade ins Leben riefen, haben wir in erster Linie mit christlichen Frauen zusammengearbeitet, danach kamen Frauen anderer Glaubensrichtungen hinzu. Heute denke ich, dass wir ein Bündnis christlicher und muslimischer Frauen gründen müssen und dabei ganz neue Wege gehen müssen.“

Was die Dekade uns gezeigt hat

Welche Erkenntnisse hat uns die Dekade gebracht? Sie habe nicht nur die Forderung nach Gerechtigkeit für Frauen publik gemacht, sondern auch die Leistungen und Erfolge von Frauen, so Hammar. „Die Dekade hat den immensen Beitrag der Frauen zu Gerechtigkeit, Frieden und Integrität innerhalb der Nation verdeutlicht“, sagte sie. „Dazu hat die Dekade gezeigt, dass die Kultur der Kirche nicht patriarchalisch ist: Die Kultur der Kirche beruht auf Gleichheit.“

Während der Dekade hätten die Kirchen, so Hammar, Maßnahmen ergriffen, um mehr Gleichheit durchzusetzen.

„Die Kirchen konnten Frauen ernster nehmen und haben dies auch getan. Sie konnten es Frauen erlauben, das Evangelium während der Liturgie zu lesen, und sie konnten sowohl die weiblichen als auch die männlichen Kinder nach der Taufe segnen. Sie konnten unterscheiden zwischen dem, was patriarchalisch war, und dem eigentlichen Evangelium, und auf diese Weise konnten viele Kirchen eine Kirche sowohl für Frauen als auch für Männer sein.  Viele Kirchen erkannten während der Dekade auch, dass Kirchen ohne Frauen nicht auskommen, dass sie der feste Halt der Kirchen sind, und dass eine Kirche ohne die Mitarbeit von Frauen keine Kirche ist.“

Das Wort „Solidarität sei gewählt worden, weil Solidarität der Kern des Evangeliums sei, so Hammar. „Gottes Solidarität mit der Welt durch Jesus Christus, die den Hintergrund für alle Solidarität in der Welt bildet.“

Im Rückblick auf die 20 Jahre, die seither vergangen sind, ist der beunruhigendste Trend heute nach Einschätzung von Hammar die Verachtung für die Schwächsten.  „Wir sind gefordert, inklusive Gesellschaften und Gemeinschaften aufzubauen, in denen unsere Hilfsbedürftigkeit nicht ignoriert und geleugnet wird. Es ist wichtig, dass wir uns umeinander kümmern und auch die Verletzlichkeit und die Grenzen der Erde respektieren.“

Auf der Jubiläumsfeier der Dekade werden Fortschritte für eine „gerechte Gemeinschaft“ beurteilt (ÖRK-Pressemitteilung vom 26. September 2018)

20 Jahre nach der Dekade der Kirchen in Solidarität mit den Frauen

Gerechte Gemeinschaft für Frauen und Männer

Donnerstag in Schwarz