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50 Jahre nach der Theologie der Hoffnung inspiriert Jürgen Moltmanns Vision noch immer

50 Jahre nach der Theologie der Hoffnung inspiriert Jürgen Moltmanns Vision noch immer

Der deutsche Theologe Jürgen Moltmann. © ÖRK/Marianne Ejdersten

03. Februar 2016

Deutsche Fassung veröffentlicht am: 15. Februar 2016

Von Stephen Brown*

Fünf Jahrzehnte nach der Veröffentlichung seines bahnbrechenden Werks Theologie der Hoffnung ist der deutsche Theologe Jürgen Moltmann nach wie vor davon überzeugt, dass die Kraft der Hoffnung auf das „Kommen Gottes“ entscheidend ist für die Transformation der Welt.

„Die gesamte theologische Arbeit meines Lebens habe ich einer ökumenischen christlichen Theologie des Kommen Gottes gewidmet“, sagte Moltmann im Januar während eines Vortrags am Ökumenischen Zentrum in Genf anlässlich der von WCC Publications veröffentlichten englischen Übersetzung seines neuen Buchs Der lebendige Gott und die Fülle des Lebens.

Das Buch enthält eine Reihe von Meditationen darüber, was es bedeutet,  in der Gegenwart von Gottes Liebe zu leben, zu denken und zu hoffen. Moltmann, der im April 90 Jahre alt wird, befasst sich darin rückblickend mit den Themen seiner Werke, die er während seiner langen theologischen Laufbahn verfasst hat.

„Die Kunde von dem lebendigen Gott erweckt im Menschen Lebensdurst und Lebenshunger“, schreibt Moltmann in seinem Buch. „Sie macht sie unzufrieden mit ihrem Zustand und lässt sie eine Zukunft suchen, in der mehr Leben in ihr Leben hineinkommt.“[1]

Das Beharren auf einer solchen zukunftsorientierten, göttlich inspirierten Unzufriedenheit ist in Moltmanns Theologie seit der Veröffentlichung seines Werks Theologie der Hoffnung 1964 ein fester Bestandteil.

„Wer auf Christus hofft", so schrieb Moltmann damals, „kann sich nicht mehr abfinden mit der gegebenen Wirklichkeit, sondern beginnt an ihr zu leiden, ihr zu widersprechen. Frieden mit Gott bedeutet Unfrieden mit der Welt, denn der Stachel der verheißenen Zukunft wühlt unerbittlich im Fleisch jeder unerfüllten Gegenwart.“

Eine solche Hoffnung, so fährt er fort, „macht die christliche Gemeinde zum Quellort immer neuer Impulse für die Verwirklichung von Recht, Freiheit und Humanität hier im Licht der angesagten Zukunft, die kommen soll."[2]

Es war eine Botschaft, die im Einklang stand mit den turbulenten 1960er Jahren und ihren Studentenunruhen in Europa, der Bürgerrechtsbewegung und den Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg in den Vereinigten Staaten und den Forderungen aus Afrika, Asien und Lateinamerika nach wirtschaftlicher und politischer Befreiung. Auch jetzt, nach mehr als 50 Jahren, vermag Moltmanns Botschaft immer noch zu inspirieren.

„Der Diskurs der Hoffnung, was wir uns erhoffen können und wie wir realistisch über Hoffnung reden können, ist heutzutage so wichtig. Es kommt nicht oft vor, dass man auch heute noch ohne Einschränkungen Aussagen zitieren kann, die vor 50 Jahren geschrieben wurden“, sagt Erzbischöfin Antje Jackelén von der Kirche von Schweden, die in den 1970er Jahren an der Universität von Tübingen bei Moltmann studiert hat.

„Die Frage der Hoffnung ist für die Menschen von größter Bedeutung“, sagt Jackelén, deren Buch Zeit und Ewigkeit eine kritische Würdigung der Beiträge Moltmanns enthält. „Die Herausforderungen des Klimawandels, die Krisen in der Welt, die Lage der Flüchtlinge – all diese Probleme führen dazu, dass der Mensch Hoffnung sucht.“

Moltmanns Arbeit umfasst einen weiten Themenkreis und beschäftigt sich mit Fragen wie Schöpfung und Ökologie, den Erkenntnissen der Befreiungstheologie und der feministischen Theologie und dem Wirken des Heiligen Geistes, woraus sich Berührungspunkte mit der orthodoxen Theologie und der Pfingstbewegung ergaben.

Aus ihrer Studienzeit bei Moltmann ist Jackelén besonders ein Seminar über die Theologie mystischer Erfahrungen in Erinnerung. Damals nahm er die Studierenden mit zu einem Benediktinerkloster, damit sie dort Erfahrungen mit Meditation sammeln und sich in spirituelle Übungen vertiefen konnten.

„Für uns stellte es sich wie eine Abkehr von der politischen Theologie hin zur mystischen Theologie dar, aber letztlich gewann ich die Erkenntnis, dass es sich dabei um zwei Seiten einer Medaille handelt, die Ethik und Mystizismus, Aktion und Kontemplation miteinander  verbinden“, sagt sie.

Moltmann wurde 1926 in Hamburg geboren und wuchs in einer säkular orientierten Familie auf. Sein Interesse an der Theologie wurde nach dem Zweiten Weltkrieg in britischer Kriegsgefangenschaft geweckt. Eines der Gefangenenlager, in denen er sich befand, organisierte Bildungsprogramme und konnte dafür auch Persönlichkeiten wie  Willem Visser 't Hooft gewinnen, der damals Generalsekretär des soeben gegründeten Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) war.

„Moltmanns Erfahrungen mit der Kirche begannen im Ausland und waren von Beginn an ökumenisch geprägt“, schreibt sein Biograph Geiko Müller-Fahrenholz. „So war diese Ökumenizität von Anfang an kennzeichnend für seine Theologie."[3]

Moltmann selbst war immer ein entschiedener Verfechter der ökumenischen Bewegung und hat 20 Jahre lang von 1963 bis 1983 der Kommission für Glauben und Kirchenverfassung des ÖRK angehört.

Die Theologie der Hoffnung entstand aus Moltmanns intensiver Beschäftigung mit den Werken Ernst Blochs , eines deutschen Philosophen, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg in der kommunistischen Deutschen Demokratischen Republik niederließ, dort jedoch aufgrund seiner unorthodoxen Einstellung zum Marxismus in Ungnade fiel. Nach dem Bau der Berliner Mauer 1961 kehrte Bloch von einer Reise in den Westen nicht mehr in die DDR zurück und lebte fortan in Tübingen, wo Moltmann später als Professor lehrte.

Blochs Hauptwerk mit dem Titel Das Prinzip Hoffnung besteht aus drei Bänden und  stützt sich als Motiv auf den Exodus des Alten Testaments, der dieses Prinzip Hoffnung zum Rahmen menschlichen Handelns macht.

Moltmann erinnert sich, dass er sich während der Arbeit an Der lebendige Gott gefragt hat: „Warum hat sich die christliche Theologie dieses Thema der Hoffnung entgehen lassen?   Sind nicht Gottes Verheißungen und die Hoffnungen des Menschen der rote Faden der  Propheten des Alten und der Apostel des Neuen Testaments?"

Die Theologie der Hoffnung, schreibt Moltmann, sollte „einen Akt der Theologie in Gang setzen vergleichbar mit [Blochs] Prinzip der Hoffnung, aber auf einer biblischen Grundlage."[4] Das Motiv des Exodus im Alten Testament ergänzte Moltmann durch das Thema der Wiedererweckung des gekreuzigten Jesus Christus im Lichte der Verheißung des zukünftigen Reich Gottes.

„Mit der Theologie der Hoffnung habe ich 1964 an einer allgemeinen, an der Zukunft ausgerichteten  Neuorientierung teilgenommen“, erzählte Moltmann auf seinem Vortrag in Genf. Wie andere Theologen und Theologinnen seiner Generation wollte er eine nach innen, auf die Kirche gerichtete Theologie überwinden und stattdessen eine politische, „der Welt zugewandte“ Theologie entwickeln.

Ein Beispiel einer solchen Theologie, so Moltmann, war die politische Friedenstheologie im geteilten Deutschland, die die massiven Proteste in der DDR im Jahre 1989 ankündigte und schließlich zum Fall der Berliner Mauer und zur Wiedervereinigung des Landes führte. Dies war auch eine Bewegung, zu deren Entstehung  Moltmanns eigene Schriften einen Beitrag geleistet haben.

„Für mich und meine Freunde in der DDR war Moltmanns Theologie gerade in ihrer Kontextualität und ihrer zeitgeschichtlichen Sensibilität im Wortsinn aufschlussreich“, schreibt Heino Falcke, ein ostdeutscher Theologe, der sich seit langem für einen Wandel in der DDR eingesetzt hatte. „In den 60er Jahren, nach dem Bau der Berliner Mauer, ermutigte sie uns, dennoch für einen geschichtsoffenen, wandlungsfähigen und humanisierbaren Sozialismus einzutreten."[5]

Seit den fundmentalen Veränderungen des Jahres 1989 hat sich die Theologie wieder auf die akademische Gemeinschaft konzentriert, stellte Moltmann in seinem Genfer Vortrag mit Bedauern fest. Die christliche Theologie müsse aber, so argumentierte er, die christliche, die öffentliche und die akademische Gemeinschaft als eine „allumfassende Funktion des Reichs Gottes“ zusammenhalten.

Moltmann hat sich mit der Veröffentlichung von Gott in der Schöpfung. Ökologische Schöpfungslehre 1985 kritisch mit den Auswirkungen ökologischer Probleme auf die Theologie befasst. In den vergangenen Jahren hat die ökologische Herausforderung noch eine zusätzliche Dringlichkeit erfahren.

„Wir befinden uns heute am Ende der Moderne und am Beginn der ökologischen Zukunft unserer Erde, wenn unsere Erde überleben soll“, warnte Moltmann in Genf. „Wir brauchen ein neues Konzept der Natur der Welt und ein neues Bild des Menschen und seines Schicksals und damit auch eine neue Erfahrung Gottes in unserer Kultur.“

Dies erfordere, so sagte er, eine Abkehr von der „Weltpolitik“ und eine Hinwendung zur „Erdpolitik“. Die Weltreligionen müssten sich als „Erdreligionen“ begreifen und damit einen neuen Beitrag zum Verständnis des Lebens und der Erde auf Grundlage einer „sakramentalen Spiritualität der Erde leisten, wie sie orthodoxe Kirchen bereits vor Jahrzehnten im ÖRK vorgeschlagen haben.“

Fünfzig Jahre nach der Theologie der Hoffnung bleibt die Zukunft der Theologie für Moltmann eine Theologie des „Kommen Gottes“, in der die Hoffnung - durch Visionen, Träume und Projekte - die Vorstellungskraft weckt, die Grenzen der Wirklichkeit in den Bereich des Möglichen zu transzendieren.

„Die theologische Kraft der Vorstellung sieht dieses sterbliche Leben in der Zukunft des kommenden ewigen Lebens", insistierte Moltmann in Genf, „und diese Menschheitsgeschichte in der Zukunft des kommenden Gottesgerichtes und Gottes Reich."

Jürgen Moltmanns Buch Der lebendige Gott und die Fülle des Lebens erscheint im Gütersloher Verlagshaus (ISBN 978-3-579-08173-1) und kann im Buchhandel oder im Internet z.B. bei Amazon bestellt werden.

Jürgen Moltmanns Artikel „A Common Earth Religion: World Religions from an Ecological Perspective", veröffentlicht in der Ecumenical Review 2011, steht unter dem Link zur Verfügung (freier Zugang)

Videoaufzeichnung: Professor Moltmann beim ÖRK: Vortrag über die Zukunft der Theologie

*Stephen Brown ist freiberuflicher Autor und der Verfasser einer Studie über die Rolle der Kirchen in Ostdeutschlands „friedlicher Revolution“ von 1989; er hat ebenfalls Beiträge zur Encyclopedia of Contemporary German Culture (Abingdon/New York: Routledge,1999) geschrieben, darunter einen Eintrag über Jürgen Moltmann.


[1] Jürgen Moltmann, Der lebendige Gott und die Fülle des Lebens (Gütersloher Verlagshaus, 24. März 2014)

[2] Jürgen Moltmann, Theologie der Hoffnung: Untersuchungen zur Begründung und zu den Konsequenzen einer christlichen Eschatologie (Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus 2005 (Erstausgabe 1964), S. 17.

[3] Geiko Müller-Fahrenholz, Phantasie für das Reich Gottes. Die Theologie Jürgen Moltmanns. Eine Einführung (Kaiser, Gütersloher Verlag-Haus, 2000).

[4] Der lebendige Gott, 177-8

[5] Heino Falcke, 'Phantasie für das Reich Gottes: Der theologische Weg Jürgen Moltmanns', Evangelische Theologie, Band. 61, Nr. 2, 2001, 159.