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Priester Dr. Ioan Sauca, geschäftsführender Generalsekretär des Ökumenischen Rates der Kirchen.

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Was haben Sie persönlich aus Friedensgesprächen auf der ganzen Welt gelernt, und welche Erkenntnisse möchten Sie an uns weitergeben?
Dr. Sauca:
Von zentraler Bedeutung sind Dialog, Zusammenarbeit und der Aufbau persönlicher Beziehungen. Zwar ist der Frieden Christi für alle Menschen gedacht, aber Frieden muss besonders zwischen Feinden angebahnt werden. Der erste Schritt auf dem Weg zum Frieden ist nur möglich, wenn die verfeindeten Parteien bereit sind, vor und während des Konfliktes erlebtes Elend und Leid und die erlittenen Verluste auszuklammern, um sich zu begegnen und miteinander zu sprechen. Weiterhin kann ein dauerhafter Frieden nicht durch Einsatz von Gewalt oder andere Zwangsmaßnahmen erreicht werden. Bestenfalls können solche Maßnahmen in einem aktiven Konflikt eine Unterbrechung bewirken, aber sie führen nicht zum Frieden, und manchmal haben sie sogar zur Folge, dass ein dauerhafter Frieden noch schwerer zu erreichen ist.

Wie können wir Ihrer Meinung nach der zunehmenden Intoleranz gegenüber anderen Religionen und ihrer Diskriminierung Einhalt gebieten? Welchen positiven Beitrag können wir alle gemeinsam leisten?
Dr. Sauca:
Der alarmierenden Zunahme von Intoleranz gegenüber anderen Religionen und ihrer Diskriminierung, die wir heute erleben, müssen wir durch eine andere Einstellung begegnen, die das Feindesdenken durch Freundesdenken ersetzt. In globalen Kontexten, in denen Religionen oft als Anstifter von Gewalt angeklagt werden, kann diese Abkehr vom Feindesdenken schwierig sein. Es ist ein Weg, der von religiösen Führungspersonen Mut und Engagement verlangt, um den Hass hinter sich zu lassen und dem Prinzip Hoffnung zu folgen. Anstatt einer globalisierten Feindseligkeit brauchen wir eine globalisierte Solidarität. Das Gebot der Stunde ist interreligiöse Solidarität oder das, was allgemein „Dialog der Hände“ genannt wird. Interreligiöse Solidarität durch die Kultivierung von Mitgefühl kann ein effektiver Impfstoff gegen die aktuelle Pandemie der Intoleranz und Diskriminierung sein. Durch die Diapraxis der interreligiösen Solidarität können wir den Dialog in eine kreative und mitfühlende Aktion zur Heilung der Welt überführen. 

Wie können wir Ihrer Meinung nach mehr Brücken bauen und damit einen Beitrag zum Frieden auf der Welt leisten? Welche Rollen können religiöse Führungspersönlichkeiten spielen?
Dr. Sauca:
Die religiöse Identität ist eine der grundlegenden Eigenschaften des Menschen, an der sich Konflikte entzündet und auch aufgeschaukelt haben. Es gibt zu viele historische und aktuelle Beispiele dafür, wie religiöse Unterschiede zum Ausgangspunkt von Diskriminierung, Verfolgung und Angriffen wurden und dazu genutzt wurden, Spaltung und Konflikte zu fördern. Allgemein gilt jedoch, dass alle Religionen den Wert des menschlichen Lebens hochschätzen, das seinen Ursprung in Gott, unserem gemeinsamen Schöpfer hat. Als menschliche Wesen und Gemeinschaften leiden wir alle unter der Neigung, uns selbst durch Abgrenzung besonders dann gegenüber anderen zu definieren, wenn wir uns durch sie bedroht fühlen. Religiöse Führungspersonen haben aber die besondere Verantwortung, an die grundlegenden und universellen Werte zu erinnern, aus denen wir unseren Glauben ableiten, und diese zu fördern. Diese Werte transzendieren im Grunde genommen politische und sonstige Grenzen zwischen Menschen und müssen insbesondere durch den interreligiösen Dialog und interreligiöse Zusammenarbeit dazu verwendet werden, die Anerkennung der gleichwertigen Menschenwürde „des anderen“ zu fördern und eine Grundlage für das friedliche Zusammenleben und nicht für Feindseligkeit und Konflikt zu liefern.

Sie und der ÖRK sind für viele Menschen Vorbild und Inspiration. Können Sie uns einige der Geheimnisse für den Erfolg des ÖRK nennen?
Dr. Sauca:
Es ist unmöglich, von „Erfolg“ in einer Welt zu sprechen, in der Konflikte, absichtliche Zerstörung, Spaltung und Diskriminierung so allgegenwärtig sind und in vielerlei Hinsicht sogar noch zunehmen. Schauen wir uns die Welt in all den Kontexten an, in denen wir für Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung von Gottes Schöpfung arbeiten und beten, fällt es schwer, etwas anderes zu sehen als menschliches Versagen bei der Umsetzung der Werte, denen wir uns verschrieben haben, und bei der Bewältigung der Herausforderungen, die sich uns als menschliche Gemeinschaft stellen.  Doch obwohl es alle diese Spaltungen und all das Versagen gibt, ist doch die Tatsache, dass sich so viele Mitgliedskirchen aus so vielen Traditionen, Kulturen und Kontexten in der ökumenischen Gemeinschaft des ÖRK zusammenfinden, in sich selbst ein Zeichen der Hoffnung und eine Grundlage, auf der wir bauen können. Und schließlich wissen wir als Christenmenschen, dass wir trotz der unvermeidlichen Fehlschläge unserer eigenen Bemühungen einer weitaus größeren Macht folgen als unserer eigenen und die die Quelle unserer Hoffnung und Inspiration ist. Und so führen wir unseren Kampf weiter.
Für uns ist der Dialog nicht nur eine intellektuelle Übung. Er verbindet vielmehr die intellektuelle, die spirituelle und die kooperative Dimension miteinander. Mit anderen Worten, es ist eine Übung des Kopfes, des Herzens und der Hände.  Im Laufe der Jahre haben wir gelernt, mit unseren interreligiösen Partnern, mit denen wir gemeinsam auf dem Pilgerweg der Gerechtigkeit und des Friedens unterwegs sind, nicht nur den Geist der gegenseitigen Wegbegleitung zu kultivieren.  Wir haben dies vielmehr auch mit dem Geist der gegenseitigen Rechenschaftspflicht verbunden, mit der wir uns im Geist der Aufrichtigkeit und Demut begegnen. Es ist diese Investition in gegenseitige Wegbegleitung und gegenseitige Rechenschaftspflicht, die dafür gesorgt hat, dass unsere Arbeit zeitgemäß und transformativ ist. 

Welche wichtigen Aspekte werden Sie in Ihrer Rede zur Entgegennahme der Auszeichnung ansprechen?
Dr. Sauca:
Der ÖRK ist eine weltweite Gemeinschaft von Kirchen mit der Fähigkeit, durch ihre Mitglieder mehr als eine halbe Milliarde Christen und Christinnen in jeder Gemeinschaft überall auf der Welt zu mobilisieren, um für Gerechtigkeit, Friede und gerechtere Gesellschaften einzustehen. Der ÖRK bringt Menschen christlichen Glaubens und anderer Glaubensrichtungen und nicht-religiöser Gemeinschaften zusammen und fordert die Regierungen auf, Rechenschaft gegenüber denjenigen abzulegen, die leiden und von den Segnungen einer friedlichen und gerechten Welt ausgeschlossen sind.

ÖRK mit „Bridge Builder Award 2021“ ausgezeichnet (ÖRK-Pressemitteilung vom 02. Juli 2021)
Nobel Peace Center: Bridge Builder Award für religiöse Führungspersönlichkeiten