Es scheint zurzeit zahlreiche Konferenzen und Gipfeltreffen zum Thema künstliche Intelligenz zu geben. Inwiefern hat hier der Globale Dialog über KI-Governance einen besonderen Stellenwert?
Speicher: Der Globale Dialog ist die erste Veranstaltung dieser Art, bei der alle Länder am Tisch sitzen und über die Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz und Möglichkeiten für eine internationale Zusammenarbeit sprechen können. Der Dialog wurde durch den UN Global Digital Compact ins Leben gerufen, der 2024 auf dem Zukunftsgipfel der Vereinten Nationen angenommen wurde. Dieser Pakt weist den Weg in eine offene, sichere und inklusive digitale Zukunft, und der Dialog ist ein Diskussionsraum innerhalb der Vereinten Nationen für Regierungen und Anspruchsgruppen, um gemeinsam über Governance-Themen zu sprechen. Wo sich der Dialog verortet und wie sich die Beziehungen zu anderen internationalen Plattformen gestalten werden, muss noch entwickelt werden. So fand zum Beispiel in derselben Woche in Genf und weitgehend am gleichen Veranstaltungsort das Forum des Weltgipfels zur Informationsgesellschaft (WSIS-Forum) statt, das sich seit über 20 Jahren für eine am Menschen ausgerichtete, inklusive und entwicklungsorientierte Informationsgesellschaft einsetzt, sowie der zunehmend populäre Globale Gipfel „KI für das Gemeinwohl“, der wie eine Weltausstellung für die überwiegend guten Seiten der AI-Technologie gesehen wird. Das Forum für Internet Governance findet Ende des Jahres in Nairobi statt. Wie alle diese auf die Vereinten Nationen zurückgehenden Veranstaltungen ineinandergreifen und welche die größte Wirkung haben, wird sich zeigen.
Können Sie einige Höhepunkte beschreiben?
Speicher: Das wichtigste Dokument ist der vorläufige Bericht des Internationalen Wissenschaftlichen Gremiums für Künstliche Intelligenz. Es ist dies das erste umfassende und evidenzbasierte unabhängige Dokument, das die KI als Technologie bewertet und ebenfalls ihre Auswirkungen auf die Gesellschaft. Es ist ein Konsensdokument, erstellt von einem Gremium aus 40 Expertinnen und Experten, und, wie die Ko-Vorsitzende Maria Ressa feststellte, „dies beschreibt das Mindestmaß unserer Besorgnis – nicht das Höchstmaß. Und das ist schon alarmierend genug.“ Der Bericht beschreibt wichtige Fortschritte in den Bereichen Wissenschaft, Gesundheit und Bildung, aber auch erhebliche Risiken im Zusammenhang mit Datenintegrität sowie zunehmender Vulnerabilität und Übergriffe gegen Frauen, Mädchen, Journalisten und Journalistinnen und marginalisierte Bevölkerungsgruppen.
UN-Generalsekretär António Guterres hielt ebenfalls eine beeindruckende Eröffnungsrede, deren Lektüre sehr empfehlenswert ist und über die wir alle nachdenken sollten. Von besonderer Bedeutung für den ÖRK ist seine eindeutige Stellungnahme gegen autonome Waffensysteme, auch als „Killer-Roboter“ bezeichnet. Der ÖRK ist ein prominentes Mitglied der Kampagne für das Verbot von Killer-Robotern.
Sind diese Governance-Prozesse angesichts des Tempos der Entwicklung von KI nicht zu langsam, um Wirkung zu zeigen?
Speicher: Die Menschen haben definitiv das Gefühl, dass der KI-Geist aus der Flasche befreit wurde und es keinen Weg mehr zurück gibt. Die Regierungen möchten natürlich den potenziellen wirtschaftlichen Nutzen und auf keinen Fall abgehängt werden, aber sie sind sich auch der realen und potenziellen Gefahren bewusst. Es gibt ebenfalls verstärkte Bedenken, dass diese Technologie in nur wenigen, außerordentlich mächtigen Unternehmen entwickelt wird, die sich überwiegend in den USA befinden. Guterres formulierte es so: „Wenn eine ungleiche Machtverteilung zu einer fest verdrahteten Technologie wird, dann wird Ungleichheit ein Teil des Codes.“
Aber es gibt Hoffnung, und die beruht in erster Linie auf uns allen – was wir unserer politischen Führung mitteilen, und welche wirtschaftlichen Entscheidungen wir treffen. In den USA wehren sich zum Beispiel in einzelnen Städten Bürger und Bürgerinnen gegen neue Rechenzentren und zwingen auf diese Weise die Politik, auf unterschiedlichen lokalen Ebenen Planungsgrenzen zu akzeptieren. In vielen unterschiedlichen Sektoren werden die Forderungen lauter, die Entwicklung immer leistungsfähigerer KI-System zu stoppen und stattdessen dafür zu sorgen, dass alle Menschen von den vorhandenen Werkzeugen profitieren können und dass Schutzvorrichtungen existieren. Auf unserem Symposium über digitale Rechte und KI-Verantwortlichkeit im April haben wir drei Fragen definiert, die grundsätzlich gestellt werden sollten: Wer profitiert? Wer kontrolliert? Wer verfügt über Wissen?
Das Fazit lautet, dass der Weg, für den wir uns entscheiden, zu wichtig ist, um ihn nur mächtigen Tech-Unternehmen oder einzelnen Regierungen zu überlassen. Wir müssen alle beteiligt werden – angefangen mit den Entscheidungen, die wir täglich treffen, bis hin zu unserer Mitsprache auf internationalen Foren. Alle diese Foren werden weiterhin einberufen. Ob sie der Gerechtigkeit dienen, hängt davon ab, wie wir uns in der Zeit zwischen diesen Veranstaltungen verhalten.
AI accountability: Before or after the fact? (WCC blog, 15 July 2026)
KI-Verantwortlichkeit: vor oder nach dem Einsatz eines KI-Systems? (ÖRK-Blog, 15. Juli 2026)