Im vergangenen Jahr haben Sie den Ökumenischen Rat der Kirchen besucht. Welche Erkenntnisse haben Sie davon mit nach Hause genommen?
Süld: Das Treffen mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen hat mich wieder daran erinnert, wie wichtig es ist, dass wir als Kirchen zusammenarbeiten, dass wir eins sind. Denn der Heilige Paulus hat schon geschrieben: „Ein Leib und ein Geist“ (Epheser 4,4).
Abgesehen davon, können Kirchen ihre eigenen Meinungen äußern, und viele Kirchen machen das und sollten es auch machen. Mehr Wirkung erzielen wir aber, wenn wir uns zusammenfinden, uns auf gemeinsame Standpunkte einigen und diese der Welt mitteilen. Ich sage immer, dass die Glaubwürdigkeit des Christentums und der Menschen christlichen Glaubens von unserer gemeinsamen Stimme abhängt. Wir wertschätzen natürlich Vielfalt und die zahlreichen Ausdrucksformen christlicher Gottesdienste, aber in wichtigen Angelegenheiten müssen wir – wenn wir ernst genommen werden wollen – die gleiche Sprache sprechen. Das gilt besonders für Menschenrechte, die Bewahrung der Schöpfung und die Einheit der Kirche. Es gibt diejenigen, die uns gerne als gespalten darstellen wollen, aber für mich ist das nur ein Ansporn, mich noch stärker für unsere Einheit einzusetzen.
Ein sehr wichtiger Teil meines Besuchs beim ÖRK bestand darin, mehr über die vom ÖRK veröffentlichten Erklärungen zu erfahren, und genau das ist ökumenische Arbeit in ihrer besten Form – Mitgefühl und Fürsorge zu zeigen und auf wichtige Themen aufmerksam zu machen. Es war interessant zu erfahren, dass diese oft als politische Standpunkte interpretierten Erklärungen das Ergebnis von Konsultationen mit den Mitgliedskirchen vor Ort sind, wobei die Informationen überprüft und die Erklärungen sorgfältig formuliert, überarbeitet und gemeinsam abgestimmt werden. Ich habe daraus diese Lehre gezogen: Wenn eine Aussage zu rigoros klingt, dann ist die Situation, die sie beschreibt, wahrscheinlich in Wirklichkeit noch dramatischer, und wir als Christinnen und Christen aus anderen Regionen können auf diese Veröffentlichungen vertrauen, weil der ÖRK Kontakte zu lokalen Mitgliedskirchen hat und mit ihnen zusammenarbeitet.
Der ÖK hilft mir dabei, Informationen über andere Kirchen zu bekommen. Ich halte sehr viel von den Nachrichten und Erklärungen des ÖRK – auf diese Weise erhalte ich Informationen, die die Sichtweise unserer Geschwister in Christus darstellen.
Als ich noch hauptberuflich als Journalist gearbeitet habe, habe ich mich oft gefragt, welchen Nutzen diese Erklärungen haben, wenn danach oft genug keine Taten folgen. Ich glaube aber, dass es wichtig ist zu wissen, dass die Kirche nicht schweigt, dass Menschen christlichen Glaubens nicht gleichgültig sind, dass wir eine Meinung haben, und dass einige Kirchen genug Einfluss haben, um etwas zu bewegen.
Wie gelingt es Ihnen, als ehemaliger Journalist, der über religiöse Themen berichtet hat, die Ökumene zu einem Teil ihrer dreifachen Berufung zu machen?
Süld: Es sieht so aus, dass ich mein ganzes Leben lang einer dreifachen Berufung gefolgt bin. Zurzeit arbeite ich noch freiberuflich und produziere „Thought for the Day“ für den öffentlichen estländischen Rundfunk und lade hierzu Geistliche ein, die sich in einer Radiosendung zu Wort melden können. Außerdem gebe ich den estnischen Zuhörerinnen und Zuhörern auf dem Hauptsender des öffentlich-rechtlichen Rundfunks einen Überblick über die britischen Medien. Bei der Auswahl der christlichen Geistlichen, die ihre Gedanken den Zuhörerinnen und Zuhörern mitteilen wollen, versuche ich ebenfalls, ein ökumenisches Gleichgewicht zu wahren, damit alle Glaubensrichtungen vertreten sind.
Ich bin gerne Pastor, denn das ist die Berufung, die mich in das Vereinigte Königreich geführt hat, und ich bin gerne sowohl in der Lutherischen Kirche, in der ich ordiniert wurde, als auch in der Kirche von England, wo ich gelegentlich seelsorgerisch diene und wo unsere Priesterinnen und Priester die Erlaubnis erhalten können, Gottesdienste zu leiten – das ist auch eine Art ökumenischer Ansatz.
Den größten Teil meiner Energie und Zeit setzte ich für die Leitung des Rates der Lutherischen Kirchen ein, dem neun Mitgliedskirchen und mehrere andere lutherische Gruppen angehören, die mit uns verbunden sind. Wir selbst sehen uns als einen Chor mit unterschiedlichen Stimmen, und zu meiner Aufgabe gehört es, als nationaler ökumenischer Beauftragter der Lutheranerinnen und Lutheraner im Vereinigten Königreich zu fungieren.
Im VK, wo das Luthertum eine christliche Minderheitskonfession ist, gehört die Ökumene zu unserer Identität. Es gibt so viele Aspekte, die wir mit anderen Bekenntnissen wie der Methodistischen Kirche und der Vereinigten Reformierten Kirche gemeinsam haben und wo wir an der Seite einer größeren etablierten Kirche arbeiten, und gleichzeitig ist das Abkommen von Porvoo für uns ein Segen, weil damit die volle Kirchengemeinschaft mit der Kirche von England hergestellt wurde. Ich sehe die Kirchen immer als eine Kirche an – wir sind eins, mit unterschiedlichen Ausdrucksformen des Leibs Christi, und alle haben ihre sehr besondere und wertvolle Rolle.
In welcher Weise hilft Ihnen die globale Ökumene, örtliche Gemeindethemen anzusprechen?
Süld: Es gibt mehrere ökumenische Ressourcen, die helfen, besondere Gottesdienste vorzubereiten. Im VK verwenden wir viel Material von Churches Together in Britain and Ireland, ein großer Teil davon sind aber Adaptionen globaler Ressourcen. Die Gebetswoche für die Einheit der Christen ist ein Beispiel dafür. Ich kann mich erinnern, auch den ökumenischen Gedenk- und Aktionstag CTBI Racial Justice Sunday verwendet zu haben – vielleicht kann das auch über den ÖRK weitergegeben werden.
Wie ich bereits erklärt habe, profitiert der gesamte VK-Kontext erheblich von ökumenischen Beziehungen und der ökumenischen Arbeit. Die Lutherische Kirche in Großbritannien und unsere anderen örtlichen lutherischen nationalen Gemeinden haben einen großen Nutzen davon, dass der Lutherische Weltbund großen Wert auf den ökumenischen Dialog mit anderen Kirchen legt. Das hilft uns, sichtbarer zu sein und Vertrauen aufzubauen. Natürlich hat der Dialog der Kirche von England mit anderen europäischen Lutherischen Kirchen schon vor einem ganzen Jahrhundert begonnen, dazu zählte damals auch die enge Verbindung zur Schwedischen Kirche unter der Leitung von Erzbischof Nathan Söderblom.
Und in den zahlreichen Diskussionen über Fragen, die die Menschen in den Gemeinden oder in Führungspositionen haben können, ist es überaus hilfreich, sich auf Studien und Leitlinien beziehen zu können, die von unseren ökumenischen Partnern entwickelt worden sind. Ich erinnere mich an eine Diskussion über Migration auf Grundlage einer internationalen Erklärung, und erst vor kurzem haben wir viel über Nizäa gelernt dank der ökumenischen Jubiläumsfeiern. Ich bin der Meinung, dass wir die ökumenische Bibliothek einfach öfter öffnen müssen.