Nach der Veröffentlichung eines Berichts der Weltgesundheitsorganisation (WHO), in dem die Hungersnot eines großen Teils der Bevölkerung Gazas beschrieben wird, schließen sich immer mehr Stimmen dem Appell an.
Über 400 Rabbinerinnen und Rabbiner unterzeichneten einen offenen Brief, in dem sie die israelische Regierung drängen, Hilfsgüter nach Gaza zu lassen, Gewalt durch Siedler zu unterbinden und den Frieden zu suchen.
Jüdische Führungspersonen der ganzen Welt rufen Israel auf, jedes unschuldige Leben zu respektieren. Im Brief wird die israelische Regierung aufgefordert, „unter internationaler Aufsicht und mit Sicherung gegen die Kontrolle oder den Diebstahl durch die Hamas die Lieferung umfänglicher Hilfsgüter nach Gaza“ zu erlauben.
Anfang März blockierte Israel nach einem zweimonatigen Waffenstillstand die Hilfslieferungen nach Gaza und führte dabei unter anderem als Grund an, dass die Hamas Hilfsgüter stehlen würde.
Im Brief werden die „Unantastbarkeit des Lebens“ und Grundwerte der Torah angeführt, etwa der Glaube, dass „jeder Mensch nach Gottes Bildnis geschaffen wurde“, sowie das Gebot, „jeden Mensch gerecht zu behandeln“.
Im Brief wird auch auf die Gewalt im Westjordanland eingegangen. Die Rabbinerinnen und Rabbiner fordern die israelischen Behörden auf, „Ordnungskräfte einzusetzen, um die Siedlergewalt im Westjordanland ein Ende zu bereiten, und eingehende Ermittlungs- und Strafverfahren gegen Siedlerinnen und Siedler, die Palästinenserinnen und Palästinenser belästigen und angreifen, einzuleiten“.
Laut dem Brief lassen sich die „extreme Einschränkung der humanitären Hilfe in Gaza“ sowie die Maßnahme, „einer leidenden Zivilbevölkerung Nahrungsmittel, Wasser und medizinische Güter zu vorenthalten“, nicht mit jüdischen Werten vereinbaren.
„Mehrfache Absichtsäußerungen und Handlungen durch Minister der israelischen Regierung und manche Offiziere der israelischen Armee sowie das Verhalten kriminell gewalttätiger Siedlergruppen im Westjordanland, die oft polizeiliche und militärische Unterstützung genießen, gehören zu den Hauptgründen, die uns in diese Krise gestürzt haben“, heißt es im Brief.
Im Brief wird politischer Dialog gefordert sowie „offene Dialogwege mit internationalen Partnern, um eine gerechte Beendigung des Konflikts unter Berücksichtigung der Sicherheit für Israel, der Würde und Hoffnung für Palästinenserinnen und Palästinenser und einer tragfähigen friedlichen Zukunft für die ganze Region zu erreichen“.
Ein Land voller Kriegsverletzungen
Nach dem Angelusgebet am 27. Juli sagte Papst Leo XIV., dass er die ernste humanitäre Lage in Gaza, wo die Zivilbevölkerung ausgehungert und weiterhin Gewalt und Tod ausgesetzt sei, mit tiefer Sorge verfolge. „Jeder Mensch hat eine ihm innewohnende Würde, die ihm von Gott selbst verliehen wurde: Ich fordere die Parteien in allen Konflikten auf, diese Würde anzuerkennen und alle Handlungen zu unterbinden, die gegen sie verstoßen.“
In einer gemeinsamen Pressekonferenz vom 22. Juli in Jerusalem sprachen Seine Seligkeit Theophilos III., Patriarch von Jerusalem, und Seine Seligkeit Kardinal Pierbattista Pizzaballa, Lateinischer Patriarch in Jerusalem, aus seelsorgerischer und persönlicher Warte über ihren Besuch nach Gaza, wo sie Zeugen des unermesslichen Leidens der Bevölkerung durch Bombardierung, Belagerung und Entbehrung wurden.
In seiner Ansprache beschrieb Patriarch Theophilos III. Gaza als „ein Land voller Kriegsverletzungen, in dem die Unschuldigen unter der Last eines gnadenlosen Angriffs verbluten“.
Die Patriarchen Theophilos III. und Pizzaballa betonten, dass die anhaltende Zerstörung in Gaza eine humanitäre und moralische Katastrophe sei, die nicht ignoriert werden dürfe.
Pastor Prof. Michel Abs, Generalsekretär des Rates der Kirchen im Nahen Osten, drückte seine Gefühle mit einem Gedicht aus, das unter anderem lautete:
Unter den Trümmern rufen wir laut.
Aus dem Brennpunkt der Tragödie schreien wir.
Wir sind die Kinder von Palästina, das Volk von Gaza, von allen Staaten der Welt im Stich gelassen,
verraten durch die Regierungen, die sich über den Willen ihres eigenen Volkes hinwegsetzten – ihres Volkes, das seine Solidarität mit uns zeigte.
Am 19. Juli verurteilte der Muslimische Ältestenrat unter der Leitung Seiner Eminenz Dr. Ahmed Al-Tayeb, Großimam von Al-Azhar, israelische Angriffe, die gegen das Völkerrecht verstoßen, und warnte vor einer Verschlimmerung der humanitären Krise in Gaza.
Der Generalsekretär der ACT Alliance, Rudelmar Bueno de Faria, beschrieb die Hungersnot in Gaza als eine Wunde im Gewissen der Menschheit. „Der Missbrauch humanitärer Hilfe als Kriegswaffe ist ein schwerer Verstoß gegen das Völkerrecht und gegen die menschliche Würde“, sagte er. „Gläubige Menschen dürfen angesichts dieser Not nicht stumm bleiben. Wir fordern einen sofortigen Waffenstillstand, einen umfassenden und anhaltenden Zugang für humanitäre Hilfe und ein Ende der Blockade, die Millionen unschuldiger Menschenleben ungeheuerlich einschränkt.“
Die Generalsekretärin des Lutherischen Weltbundes, Pfarrerin Dr. Anne Burghardt, drückte ihre tiefe Sorge aus. „Wir dürfen nicht wegsehen, wenn Kinder hungern müssen und Menschen sich in Gefahr bringen, wenn sie an Ausgabestellen Wasser holen“, sagte sie. „Unsere humanitären Kolleginnen und Kollegen leiden wie der Rest der Bevölkerung.“
Viele von ihnen seien hungrig, erschöpft und kaum in der Lage, ihre Hilfe für andere zu leisten, erklärte Burghardt. „Einer von ihnen erzählte uns: ‚Wir sehen im Gesicht der anderen, was es uns kostet – wir sind seit dem Scheitern des Waffenstillstandes Tag für Tag dünner. Der Hunger ist nicht mehr unsichtbar‘“, sagte Burghardt. „Wir fordern mit Nachdruck ein Ende des Konflikts sowie ungehinderten Zugang für jene, die die Not in Gaza lindern wollen.“
Gesundheitsberater Dr. Bassam Abu Hamad, der in Gaza mit den von der Abteilung für Soziale Dienste für Palästinensische Geflüchtete des Rates der Kirchen im Nahen Osten betriebenen Gesundheitsteams zusammengearbeitet hat, schilderte die täglichen Bilder in den Straßen von Gaza.
„Ich sehe in den Straßen von Gaza Menschen, die dünn aussehen“, sagte er. „Die meisten Menschen haben abgenommen.“
Nach seinen Schätzungen haben 40 % der Menschen in Gaza maßgeblich an Körpergewicht abgenommen.
„Ich sehe Menschen auf Nahrungssuche, die sich fragen, wann diese schreckliche Situation ein Ende nimmt“, sagte er. „Laut Berichten vor Ort haben wir ein beispielloses Maß an akuter Unterernährung erreicht.“
Man leide schon seit Monaten unter anhaltender Unterernährung, sagte Hamad. „Unzählige hungernde Menschen sind auf Nahrungssuche und begeben sich in gefährliche und unmenschliche Zentren –die vier Verteilungszentren, die über eine amerikanisch-israelische Firma von der israelischen Armee kontrolliert werden – und diese Zentren sind Zentren des Todes“, sagte er. „Die Chance, Essen zu bekommen, ist viel, viel geringer, als die Chance, eine tödliche Kugel zu bekommen.“
Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht
In einer Erklärung verdeutlichte der Erzbischof von York, Stephen Cottrell, dass die Gewalt, das Aushungern und die Entmenschlichung, die der Zivilbevölkerung in Gaza von der Regierung Israels zugefügt werde, Tag für Tag schlimmer und skrupelloser werde. „Im Namen Gottes verurteile ich mit lauter Stimme diesen barbarischen Angriff auf Menschenleben und Menschenwürde“, heißt es in der Erklärung. „Er ist ein Makel auf dem Gewissen der internationalen Gemeinschaft und ein eklatanter Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht.“
Erzbischof Thabo Magoba, der südafrikanische anglikanische Erzbischof von Kapstadt, bemerkte die überwältigende Zahl der Todesopfer, die die israelische Armee unter den Palästinenserinnen und Palästinensern auf Nahrungssuche zu verschulden haben. „Angesichts der Hungersnot der Menschen von Gaza muss ich weinen“, sagte er. „Angesichts der Beweise über ethnische Säuberung in Gaza muss ich weinen“, sagte er.
Bischof Dr. Sani Ibrahim Azar, Bischof der Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land, drückte sein Entsetzen über die Bilder, Videos und Berichte über die grassierende Hungersnot in Gaza aus. „Im Namen der Evangelisch-Lutherische Kirche in Jordanien und dem Heiligen Land und der lutherischen Gemeinschaft weltweit verurteile ich diese Methode der Vernichtung durch Aushungern aufs Schärfste“, sagte Azar. „Die israelische Regierung setzt das Aushungern als Waffe ein, um die ethnische Säuberung an Palästinenserinnen und Palästinensern in Gaza voranzutreiben.“
Pfarrerin Dr. Dagmar Pruin, Präsidentin der evangelischen Hilfswerke Brot für die Welt und Diakonie Katastrophenhilfe, verlangte von der deutschen Regierung, dass sich diese tatkräftig für die Freilassung der Geiseln, für ein sofortiges Ende der Gewalt und für den ungehinderten Zugang humanitärer Hilfe gemäß den humanitären Prinzipien der Menschlichkeit, Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit einsetze.
„Dieser Krieg muss beendet werden“, sagte Pruin. „Die Menschen in Gaza und Israel haben das Recht auf ein Leben in Sicherheit, Würde und Hoffnung.“
Der Südafrikanische Kirchenrat äußerte seine Bestürzung über die zunehmenden Berichte und Beweise, dass die Regierung Israels in Gaza Aushungern als Kriegswaffe einsetze. „Einer Zivilbevölkerung vorsätzlich Nahrung, Trinkwasser und humanitäre Hilfe zu vorenthalten, ist nicht nur moralisch verwerflich; es ist ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit“, heißt es in einer Erklärung. „Der Entzug von Nahrung und Wasser ist insbesondere bei Kindern ein Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht, etwa Artikel 54 des Zusatzprotokolls von 1977 der Genfer Abkommen, der das Aushungern von Zivilpersonen als Mittel der Kriegsführung verbietet.“
Wochenlang keine Hilfe
In einer Erklärung von mehr als 100 anderen Organisationen heißt es, dass die Menschen in Gaza hungern – wie nun auch die Mitarbeitenden der Hilfsorganisationen.
„Da die Vorräte nun vollständig aufgebraucht sind, müssen humanitäre Organisationen mitansehen, wie ihre eigenen Kolleginnen und Kollegen sowie Partnerinnen und Partner vor ihren Augen dahinsiechen“, heißt es in der Erklärung.
In einem Appell von Caritas International wird die Lage als jenseits jeglicher legaler und moralischer Grenzen beschrieben. „Wir wollen Frieden“, heißt es in der Botschaft. „Wir müssen verhindern, dass in den Herzen junger palästinensischer und israelischer Menschen sowie junger Menschen der ganzen Region Hass gesät wird.“
Denn dieser sei der Antrieb für weitere Kriege in den kommenden Jahrzehnten im Nahen Osten, heißt es weiter in der Erklärung. „Wer angesichts dieser Lage stumm bleibt, macht sich mitschuldig“, heißt es im Text.
Gemeinsame Erklärung: In Gaza breitet sich eine Massenhungersnot aus und unsere Kolleginnen und Kollegen sowie die Menschen, denen wir helfen, siechen dahin (Pressemitteilung von ACT Alliance, 23. Juli 2025; in englischer Sprache)
Humanitäre Hilfe muss in Gaza mehr bieten als das blanke Überleben (ÖRK-Interview, 23. Juli 2025; in englischer Sprache)