Die Rebellion des Geistes: Interview mit Leonardo Boff
von Henrike Müller (*)
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"Kann man ruhig und glücklich leben, wenn man weiss, dass zwei Drittel der Menschen leiden, verhungern, verarmt sind?" Für den brasilianischen Theologen Leonardo Boff, einen der Gründungsväter der Befreiungstheologie, liegt im Aufschrei der Armen, im Aufschrei der Erde der Anstoss für eine Theologie, die für mehr Gerechtigkeit kämpft. Zu Gast beim Weltforum für Theologie und Befreiung (21.-25. Januar, Porto Alegre, Brasilien), spricht er im folgenden Interview, das er auf Deutsch gegeben hat, überdie Voraussetzungen engagierter Theologie und über seine Zuversicht, dass Veränderung möglich ist.
>>> Das Weltforum für Theologie und Befreiung zielt mit seinen theologischen Reflexionen nicht auf eine bestimmte Region, sondern auf die ganze Welt. Die Befreiungstheologie dagegen nahm in der konkreten Situation Lateinamerikas ihren Anfang. Wird der Ruf nach Befreiung tatsächlich weltweit laut?
Die Befreiungstheologie als Protest gegen das Leiden ist nicht regional begrenzt. Jede Form von Unterdrückung, jeder Schrei der Armen, Unterdrückten, Ausgeschlossenen überall in der Welt ist ein Appell an die Theologie. Allerdings ist es eine Grundvoraussetzung, dass die Schreie gehört werden. Doch kann man wirklich ruhig und glücklich leben, wenn man weiss, dass zwei Drittel der Menschen leiden, verhungern, verarmt sind? Wer menschlich ist, muss mitleiden. Diese Solidarität, eigentlich eine Grundbestimmung des Menschen, verliert sich jedoch nach und nach in einer Kultur der materiellen Werte. Und nicht nur den Schrei der Armen müssen wir hören, sondern auch den unserer Erde. Beide, Erde und Menschen, sind bedroht. Wir müssen etwas tun, um die Situation zu verändern - es wird keine Arche Noah geben, die einige von uns rettet.
>>> Ist Veränderung möglich?
Veränderung entspricht dem Grundanliegen der Menschen. Die Welt, so wie sie ist, dient dem Grossteil der Menschen nicht zum Leben, sondern zur Verdammnis. Ich glaube, dass Veränderung möglich ist, weil ich keinen Gott annehmen kann, der sich dieser Welt gegenüber indifferent verhält, sondern nur einen, der sich den Armen, den Leidenden zuwendet. Seine Gnade gibt Kraft zum Widerstand, Kraft zur Befreiung, eröffnet neue Wege. Gnade zeigt sich in unserer Welt ganz konkret: Überall dort, wo Leben bewahrt und verteidigt wird, ist der lebendige Gott in seiner Gnade am Werk.
>>> Auch wenn die Sehnsucht nach Befreiung nicht regional begrenzt ist - die klassische Befreiungstheologie ist zumindest in Ländern wie Deutschland wieder in den Hintergrund getreten, auch wenn sich die Situation in der Welt nicht zum Guten verändert hat. Wie erklären Sie sich das?
Die Theologie der Befreiung hat nur einen Sinn, wenn die Frage nach Gerechtigkeit, nach dem Schicksal der Armen und Unterdrückten eine wirkliche Herausforderung für den Glauben bedeutet. Sie setzt eine Sensibilität für die Relevanz der Fragen der heutigen Welt voraus. Wenn eine Theologie kein Gespür für die Wirklichkeit hat, dann mag sie vielleicht einen Nutzen für die Kirche haben, für die akademischen Kurse interessant sein und für eine gewisse Illustration des Geistes sorgen. Doch sie hat wenig mit dem lebendigen Gott und seinem Wirken in der Geschichte zu tun, und sie wird wenig zur Veränderung unserer Welt beitragen können.
>>> Lässt sich diese Sensibilität neu erwecken?
Dazu muss man den Gang der Welt beobachten: Wer, beispielsweise durch das Fernsehen, mit der Armut der Welt konfrontiert wird, mit Kriegen, Katastrophen und wirtschaftlichen Krisen, der wird spüren, dass unsere Welt zutiefst in Unordnung geraten ist und dass wir dagegen protestieren müssen. Die Befreiungstheologie und jede engagierte Theologie setzt diese Rebellion des Geistes voraus.
>>> Ist es denkbar, dass eine solch engagierte Theologie wie die Befreiungstheologie auch in Europa nachhaltige Wurzeln schlägt?
Die Befreiungstheologie geht von ganz konkreter Unterdrückung aus. Diese lässt sich auch jeweils im eigenen Kontext entdecken: Wie steht es in Deutschland beispielsweise um die neuen Immigranten? Welche Sicherheiten haben sie? Wie steht es um die Menschen, die arm und sozial benachteiligt sind? Wie werden sie von der Bevölkerung, von sozialen Institutionen behandelt? Hier liegt die unmittelbare Herausforderung für jede engagierte Theologie.
>>> Sie haben deutlich die Bewahrung der Schöpfung herausgestellt als eine der entscheidenden Aufgaben, auf die eine engagierte Theologie heute zielen muss. Kommt dadurch nicht die Option für diejenigen, die ursprünglich im Zentrum der Befreiungstheologie standen, zu kurz?
Beides ist untrennbar miteinander verbunden. Der Weltkirchenrat hat mit der Trias "Gerechtigkeit, Frieden, Bewahrung der Schöpfung" eine Metapher gefunden, die die grossen Utopien der Welt aufgreift. Diese drei Dimensionen sind nicht zu trennen: Ohne Gerechtigkeit ist gemeinsames Leben nicht möglich. Frieden meint die adäquate, gerechte Beziehung zu den anderen Menschen, anderen Kulturen, zur Natur, zu Gott. Und die Bewahrung der Schöpfung ist die Basis: Wenn wir die Schöpfung zerstören, sind alle anderen Projekte unmöglich. Für mich ist diese Trias eine kleine Zusammenfassung der frohen Botschaft des Evangeliums. Und auch wenn es im Wesen der Utopie liegt, nie ganz erfüllt zu werden, so zeigt sie uns dennoch wie ein Kompass den Weg und motiviert uns, nicht aufzugeben.
>>> In einem Jahr wird sich der Ökumenische Rat der Kirchen hier in Porto Alegre zu seiner 9. Vollversammlung treffen. Sie steht unter dem Thema "In deiner Gnade, Gott, verwandle die Welt". Was geben Sie der weltweit grössten ökumenischen Gemeinschaft für ihre Arbeit mit auf den Weg?
Mir ist wichtig, dass die Religion die Spiritualität der Menschen weckt und nährt. Die spirituelle Dimension ist Ausdruck einer tiefen Erfahrung des Geistes, die Erfahrung des Seins, die Erfahrung Gottes in der Welt. Diese Spiritualität ist eine Qualität jedes Menschen, kein Monopol der Religionen. Die Aufgabe der Religion besteht für mich darin, Räume für die Spiritualität der Menschen zu eröffnen. Wenn dies erreicht wird, wird die Menschheit sensibler, humaner, solidarischer.
(*) Henrike Müller arbeitet als Sondervikarin der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Hannovers im Büro für Medienbeziehungen des Ökumenischen Rates der Kirchen in Genf.
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Das Weltforum für Theologie und Befreiung (21.-25. Januar, Porto Alegre, Brasilien) wird von ökumenischen Organisationen in Lateinamerika veranstaltet und von weltweiten ökumenischen Organisation, unter anderem vom Ökumenischen Rat der Kirchen, unterstützt. 180 Theologinnen und Theologen aus aller Welt diskutieren über "Theologie für eine andere mögliche Welt". Das Forum greift damit das Thema des Weltsozialforums auf, das vom 26.-31. Januar unter dem Motto "Eine andere Welt ist möglich" in Porto Alegre stattfindet. Das theologische Forum zielt darauf ab, befreiendes und reflektierendes theologisches Denken mit den Prinzipien des Weltsozialforums zu verbinden, welches Wege zu mehr Gerechtigkeit und Solidarität in einer globalisierten Welt verfolgt.
Fotos von Leonardo Boff sind zum kostenlosen Download verfügbar unter:
www.wcc-coe.org/wcc/photo-galleries/meetings/possibleworldtheology.html
Medienkontakt in Porto Alegre:
Susanne Buchweitz, subuc@terra.com.br, +55 (0) 51 3342 2627; +55 (0) 51 3225 90 66
Henrike Mueller hem@wcc-coe.org+55(0)51 8114 7833


