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13.07.06 15:02

"Wir müssen Angst und Verzweiflung überwinden" Seminar in Bossey über Gerechtigkeit und Gewaltüberwindung

 

"Handschlag über einem geteilten Derry", ein Denkmal im Stadtzentrum von Londonderry, Nordirland, Mai 1998. © Peter Williams/ÖRK

 

von Manuel Quintero *

 

 

Das Verständnis, das die Kirchen von zwei kritischen Problemen unserer Zeit - Gerechtigkeit und Gewalt - sowie von ihrem komplexen Zusammenhang haben, ist häufig begrenzt. Genauso, wie ihre Reaktion darauf. Gerechtigkeit kann in einer Engführung in rechtlichen oder traditionellen Begriffen der Vergeltung verstanden und Gewalt als bloßes Ergebnis persönlicher Sünde aufgefasst werden. Da sich die Kirchen aber zunehmend ihrer Rolle als Friedensstifter in einer von Konflikten zerrissenen Welt - in der die Religion selbst als Mittel der Gewaltförderung eingesetzt und missbraucht wird - bewusst werden, sind umfassendere theologische und politische Unterscheidungen und Überlegungen notwendig, um die Friedensbemühungen zu untermauern und zu inspirieren.

 

Hierzu sollte das internationale Seminar zum Thema "Für Gerechtigkeit arbeiten - Gewalt überwinden" beitragen, das vom 3.-7. Juli 2006 im Ökumenischen Institut des ÖRK in Bossey stattfand. Das Seminar wurde gemeinsam vom Evangelischen Missionswerk in Südwestdeutschland (EMS) und vom Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) veranstaltet.

 

Die Veranstaltung konnte von den Erfahrungen einer Reihe von Rednern/innen profitieren. Pfr. Hansueli Gerber, Koordinator der ÖRK-Dekade zur Überwindung von Gewalt (DOV), berichtete der Gruppe über die Diskussionen, Erfahrungen und Ergebnisse der vergangenen ÖRK-Vollversammlung in Porto Alegre im Blick auf DOV und über die Pläne für eine stärkere Impulsgebung in der zweiten Hälfte der Dekade.

 

Jean Blaylock vom Globalen Ökumenischen Aktionsbündnis sprach über die internationale Kampagne "Handel für den Menschen - nicht Menschen für den Handel", die Christen und Kirchen helfen soll, sich für gerechten Handel und für eine Anerkennung des Primats der Menschenrechte über Handelsvereinbarungen einzusetzen.

 

Dr. Aruna Gnanadason, Koordinatorin der ÖRK-Arbeit zu Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, und Pfrin. Ulrike Schmidt-Hesse, Leiterin der Abteilung "Mission und Partnerschaft" des EMS, referierten über die Möglichkeit einer alternativen Globalisierung. Sie unterstrichen die Notwendigkeit gemeinsamer theologischer Analysen und Handlungsstrategien, um die Verbindungen zwischen Gerechtigkeit und Gewalt herauszustellen. "Es ist höchste Zeit, dass sich die Kirchen gemeinsam mit den Folgen der Globalisierung befassen", sagte Gnanadason.

 

"Wir müssen sowohl die Angst als auch die Verzweiflung überwinden. Dabei hilft uns die ökumenische Vision vom Leben in Fülle, vom Schalom der Bibel. Es ist von zentraler Bedeutung, dass wir die Überwindung von struktureller Gewalt und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit in unsere Friedensarbeit mit hineinnehmen", erklärte Pfrin. Schmidt-Hesse, die Initiatorin des Seminars.

 

Dr. Guillermo Kerber, ÖRK-Referent für Straffreiheit, Gerechtigkeit und Versöhnung, sprach über den biblischen und ethischen Hintergrund des Themas. Er hob hervor, dass das "Streben nach Gerechtigkeit in der Bibel eng mit den Rechten der Unterdrückten und Schwachen verbunden ist", was in internationalen Rechtsbegriffen als "Rechte der Opfer" beschrieben werden könnte.

 

In diesem Zusammenhang war die Erörterung von Fallstudien besonders wichtig, da sie, so Pfrin. Schmidt-Hesse, "eine Diskussion über konkrete Formen unserer Arbeit für Gerechtigkeit und zur Überwindung von Gewalt in verschiedenen Kontexten erlaubte und damit Einstiegsmöglichkeiten für die Analyse einer sehr komplexen Problematik bot". Die Teilnehmenden stellten mehrere Fallbeispiele vor.

 

Fischen versöhnt

 

Ein Beispiel aus Indonesien wurde vorgestellt. Nach 32 Jahren autoritärer Herrschaft wurde das Suharto-Regime im Mai 1998 gestürzt. In den darauf folgenden Monaten explodierten die ethnischen, religiösen und politischen Spannungen, die unter Suharto in Schach gehalten worden waren. Halmahera, die größte der Molukken-Inseln, war 1999 und 2000 der Hauptschauplatz ethnischer und religiöser Auseinandersetzungen, die mehr als 5000 Menschen das Leben kosteten.

 

"Fischen versöhnt" hieß eine der Initiativen, mit der die Evangelisch-Christliche Kirche auf Halmahera Christen und Muslimen helfen wollte, den Hass zu überwinden und die in der Auseinandersetzunge gerissenen Wunden zu heilen. Im Juni 2004 ging eine Mannschaft aus Muslimen und Christen aus dem Dorf Gamhoku in einem neuen Boot zum ersten Mal gemeinsam auf Fischfang. Später am Tag verkauften die Fischersfrauen den Fang auf dem Markt und teilten das Geld unter sich auf. Seitdem werfen zwanzig muslimische und christliche Fischer ihre Netze gemeinsam aus. In Bukubualawa, einem anderen Dorf auf Halmahera, ist eine ähnliche Kooperative entstanden.

 

Für die Finanzierung der beiden Fischerboote sorgte das EMS im Rahmen seines Zweijahresprogramms "Frieden gestalten - Zukunft gewinnen"(2004-2006). Bei dieser Kampagne sind die 27 Kirchen und Missionen in Afrika, Asien, Europa und dem Nahen Osten, welche die weltweite EMS-Gemeinschaft bilden, an einer Reihe von lokalen Initiativen zu Konfliktlösung und Versöhnung beteiligt.

 

Wunden und Bitterkeit sind noch immer zu spüren, doch hat die Zusammenarbeit in einem konkreten wirtschaftlichen Projekt zum Wohl ihrer Familien und der Gemeinschaft dazu beigetragen, dass keine neuen Konflikte ausgebrochen sind, sagt Monika Lude, Soziologin und Referentin für ökumenisch-missionarisches Lernen im EMS.

 

Unterstützung für Wehrdienstverweigerer in Eritrea

 

Ein weiteres Beispiel hat mit Afrika zu tun. Nach 30-jährigem Unabhängigkeitskrieg wurde Eritrea in der Folge in militärische Auseinandersetzungen verwickelt, zuerst mit dem Jemen (1995-96) und danach mit seinem alten Feind Äthiopien (1998-2000), bevor ein prekärer Frieden erreicht wurde. Beobachter werfen den Behörden Einsatz von Folter, willkürliche Festnahmen und Misshandlung von politischen Gefangenen vor.

 

In einem Land, das auf eine derartige Geschichte militärischer Auseinandersetzungen zurückblickt, ist der Wehrdienst Pflicht und wird das Recht auf Verweigerung aus Gewissengründen nicht anerkannt. Es gibt aber Tausende von Wehrdienstverweigerern und Deserteuren in Eritrea, die, wenn sie gefasst werden, keinen Anspruch auf ein ordentliches Gerichtsverfahren haben und vom Militär erniedrigenden Strafen unterzogen werden. Viele Eritreer, die den Wehrdienst ablehnen, flüchten ins Ausland und beantragen dort politisches Asyl.

 

Pfrin. Mechthild Gunkel, Beauftragte für Friedensarbeit im Zentrum Ökumene der Evangelischen Kirchen in Hessen und Nassau (EKHN), erläuterte die Zielsetzung der so genannten "Eritreischen Antimilitaristischen Initiativen", die von dieser Kirche gefördert wird. "Unser unmittelbares Ziel ist es, eritreische Kriegsdienstverweigerer zu schützen und dafür zu sorgen, dass sie Asyl in Europa finden. Langfristig wollen wir erreichen, dass das Recht auf Kriegsdienstverweigerung in der ganzen Welt anerkannt wird." Die Kirchen haben dieses Thema auch auf internationaler und UN-Ebene angesprochen.

 

DOV in den Mittelpunkt des kirchlichen Lebens rücken

 

Die Teilnehmenden waren sich einig darin, dass es nicht ausreicht, individuelle Verhaltensweisen zu ändern, sondern dass Kirchen und Christen die Ursachen verstehen müssen, die persönlicher und kollektiver Gewalt zugrunde liegen.

 

Dass es sich dabei um ein komplexes Thema handelt, fand allgemeine Zustimmung. Eine Teilnehmerin drückte das so aus: "In menschlichen Konflikten steckt eine Menge Geschichte", und tief sitzende Wunden heilen nicht im Laufe einer einzigen Generation. Frieden dagegen "kann sehr prekär sein" und persönliche und strukturelle Veränderung zur Verwirklichung von Gerechtigkeit kann sich als schwierig erweisen. Es gab aber Konsensus darüber, dass der Anfang des Weges in eine friedlichere Welt die Auseinandersetzung mit den strukturellen und systemimmanenten Ungleichheiten sein muss, die Gewalt auslösen. Zwar ist absolute Versöhnung ein eschatologischer Prozess, der innerhalb der Menschheitsgeschichte nicht erfüllt werden kann, doch ist Versöhnung gleichzeitig ein Grundauftrag an alle friedliebenden Christen und Christinnen.

 

Bei der Auswertung des Seminars sagte eine Teilnehmerin, es habe "viele Denkanstöße gegeben", während ein anderer den allgemeinen Eindruck zusammenfasste, das Seminar habe neue Wege erkennen lassen, wie die Vision der Dekade zur Überwindung von Gewalt "in das Zentrum des kirchlichen Lebens" gerückt werden kann.

 

 

 

*Manuel Quintero (aus Kuba) ist Direktor von Frontier Internship in Mission, einem internationalen Programm zur Unterstützung von Missionsinitiativen, die in Partnerschaft mit religiösen Gemeinschaften und gemeinschaftsbasierten Organisationen in aller Welt Gerechtigkeit und Veränderung fördern.