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25.09.06 15:25

"Meine wichtigste Aufgabe ist es, das Evangelium zu verkünden" Interview mit ÖRK-Präsident Pfr. Dr. Soritua Nababan

 

Pfr. Dr. Soritua Nababan

Pfr. Dr. Soritua Nababan

 

Von Stephen Webb(*)

 

 

Pfr. Dr. Soritua Nababan ist schon seit langem in der ökumenischen Bewegung aktiv. Mit seiner Wahl zum ÖRK-Präsidenten auf der ÖRK-Vollversammlung in Porto Alegre ist seine Begeisterung für die Ökumene und dafür, diese Begeisterung mit anderen zu teilen, nur noch gewachsen.

 

Pfr. Dr. Soritua Nababan, geboren 1933, schloss sein Theologiestudium 1956 am theologischen Seminar in Djakarta ab, erlangte 1963 an der Universität Heidelberg seinen Doktortitel in Theologie und war von 1987 bis 1998 Ephorus (Bischof) der Protestantisch-Christlichen Batak-Kirche (HKBP), die mit drei Millionen Mitgliedern die größte evangelische Kirche in Indonesien und die größte lutherische Kirche in Asien ist.

 

Im Rahmen seines internationalen ökumenischen Engagements war Nababan Mitglied und später stellvertretender Vorsitzender des ÖRK-Zentralausschusses (1983-1998) sowie Präsident der Asiatischen Christlichen Konferenz von 1990-1995. Ferner war er von 1984-1987 Hauptvorsitzender der Gemeinschaft der Kirchen in Indonesien und von 1967-1984 deren Generalsekretär.

 

Er war Vizepräsident des Lutherischen Weltbundes und Mitglied des LWB-Exekutivkomitees. Ferner war er der erste Moderator der Vereinten Evangelischen Mission, einer Gemeinschaft von Kirchen in drei Erdteilen, der gegenwärtig 34 Kirchen in Afrika, Asien und Deutschland angehören.

 

Dr. Nababan ist verheiratet und hat zwei Söhne und eine Tochter sowie zwei Enkelkinder.

 

 

Sie arbeiten seit vielen Jahren in der ökumenischen Bewegung mit und haben die unterschiedlichsten Aufgaben wahrgenommen. Was hoffen Sie, jetzt als ÖRK-Präsident zu erreichen?

 

Als Präsidenten und Präsidentinnen tragen wir Mitverantwortung dafür, den Mitgliedskirchen zu erklären, was die ökumenische Bewegung ist. Wir haben auch die Aufgabe, die Rolle des Ökumenischen Rates der Kirchen zu erläutern - für die Ökumene als konkrete Aufgabe zu werben. Ökumene geschieht auf lokaler Ebene, sie geschieht auf nationaler und regionaler Ebene und sie geschieht auf internationaler Ebene. Wo immer wir Gelegenheit haben, erläutern wir die Arbeit des Rates - die Arbeit, die er bereits geleistet hat und die gerade in Angriff genommen wird. Das sehe ich als Aufgabe eines ÖRK-Präsidenten an.

 

Sie sind Präsident für Asien. Welche speziell asiatischen oder indonesischen Anliegen bringen Sie in den ÖRK ein?

 

Ich glaube nicht, dass die Bezeichnung "Präsident für Asien" korrekt ist. Es gibt nämlich keinen "asiatischen Präsidenten". Es gibt Präsidenten des Ökumenischen Rates der Kirchen. Jede Region hat eine Person vorgeschlagen, aber das heißt nicht, dass diese Person nur Präsident oder Präsidentin für ihre jeweilige Region ist. Diese Klarstellung ist sehr wichtig.

 

Dennoch werde ich mich mit meinem indonesischen und asiatischen Hintergrund stärker dafür verantwortlich fühlen, der ökumenischen Bewegung zu helfen, ein umfassenderes Bild von den asiatischen Problemen zu bekommen und die Probleme Indonesiens objektiver zu sehen.

 

Wir wissen genau, dass die Medien in der Welt von den Mächtigen beherrscht werden, die nur das veröffentlichen, was sie selbst hören wollen und was die Menschen ihres Erachtens hören sollten. Es ist daher die Aufgabe der Kirche und der ökumenischen Bewegung, genau das zu tun, was die Mächtigen sich weigern zu tun, nämlich auch über die andere Seite der Geschichte zu berichten.

 

Ich glaube, dass ich viele Aufgaben zu erledigen habe. So wird im 21. Jahrhundert z.B. die Frage des interreligiösen Dialogs sehr wichtig sein. Sie wird stärker im Brennpunkt des Interesses stehen als in der Vergangenheit. Ich schlage z.B. vor, das Paradigma der christlich-muslimischen Beziehungen zu erweitern. Wir dürfen nicht in dem jahrhundertealten Paradigma Kreuzzug versus islamischen Sabil oder Dschihad, Kreuzzug versus heiligen Krieg, gefangen bleiben. Dieses Paradigma sollte auf eine breitere Grundlage gestellt werden und berücksichtigen, dass die Mehrheit der Muslime in Asien lebt und dass das Land mit den meisten Muslimen Indonesien ist. Hinzu kommt, dass die Muslime in meinem Land gemäßigt sind.

 

Ich glaube, dass es unsere Aufgabe im interreligiösen Dialog und in der interreligiösen Zusammenarbeit ist, die Rolle der gemäßigten Muslime in ihren eigenen Gemeinschaften zu stärken, statt den Extremisten das Feld zu überlassen.

 

Wir müssen das aktuelle Islam-Paradigma auch neu überdenken, damit der Islam nicht nur mit Öl oder Terror in Verbindung gebracht wird. Das ist der falsche Ansatz.

 

Was werden Sie von hier mit nach Hause nehmen, das für die Kirchen in Asien hilfreich sein oder ihnen neue Perspektiven eröffnen könnte?

 

Wir können die Arbeit des ÖRK in unserer Region erläutern. Und es wird eine neue Diskussion darüber in Gang gesetzt werden, wie die regionalen Organisationen in Zukunft mit dem ÖRK zusammenarbeiten werden. Darüber wird intensiv diskutiert werden, denn ich glaube, dass wir Überschneidungen jeglicher Art vermeiden müssen. Wir können uns weder in finanzieller noch in zeitlicher und personeller Hinsicht Überschneidungen leisten, umso mehr als uns bewusst ist, dass die Zahl der in Asien lebenden Christen nicht groß ist. Deshalb glaube ich, dass ernsthafter darüber diskutiert werden muss, wie wir als Kirchenräte in Zukunft zusammenarbeiten können.

 

Wo steht die ökumenische Bewegung Ihres Erachtens heute? Welche Rolle spielt sie und hat sich diese Rolle in irgendeiner Weise verändert?

 

Wir befinden uns überall, auf nationaler und regionaler Ebene, in einer sehr kritischen Situation. Kritisch in dem Sinne, dass viele Christen, wie Charismatiker und Fundamentalisten, von den Kirchen erwarten, dass sie konkretere Schritte unternehmen. Ich glaube, dass das für die ökumenische Bewegung eine Herausforderung darstellt. Das war von Anfang so und das ist auch heute noch so. Alles hängt jetzt davon ab, dass wir integer, ehrlich und für alle da sind.

 

Eine Krise stellt für mich immer auch eine Chance dar. Wenn ich von Krise spreche, dann meine ich damit auch die Chance, eine Wahl zu treffen. Entweder ich verändere mich, damit ich mit den neuen Herausforderungen fertig werde, oder aber ich mache weiter wie bisher, bis ich feststelle, dass ich mich in einer Sackgasse befinde.

 

Ich glaube, dass der ÖRK in dieser Situation immer noch eine Rolle zu spielen hat, trotz der Kritik all derer, die nicht mit uns einverstanden sind. Ich glaube z.B., dass unsere Zusammenarbeit mit Muslimen, Hindus, Buddhisten und anderen für die Bewahrung des Weltfriedens heute durchaus funktioniert, und das ist ein Bereich, der alle Kirchen angeht. Auch wenn sie das heute vielleicht noch nicht verstehen, so glaube ich doch, dass sie es zu einem späteren Zeitpunkt verstehen werden. Christen in Indonesien, die sich für eine sektiererische Gruppe oder Initiative interessieren, sage ich immer: "Wo gibt es ein besonderes christliches Interesse, das nicht zugleich auch ein Interesse von Andersgläubigen wäre? Ihr wollt zu essen haben, sie wollen auch zu essen haben. Ihr wollt Gerechtigkeit, sie wollen auch Gerechtigkeit."

 

Das Beste, was wir jetzt tun können, ist, dieses Vorurteil, diese Angst zu überwinden und ihnen zu zeigen, dass sie uns vertrauen können. Ich glaube, Vertrauen ist der Begriff, der hier am wichtigsten ist. Und ich kann Ihnen sagen, dass ich das Vertrauen fast aller muslimischer Führungspersönlichkeiten in Indonesien genieße. Wir vertrauen uns gegenseitig.

 

Nehmen Sie am gottesdienstlichen Leben einer Ortsgemeinde teil? Was gefällt Ihnen daran?

 

Ja, natürlich tue ich das, aber ich bin heute doch mehr ein "Wanderprediger". Ich werde von Gemeinden eingeladen und schlage immer vor, dass die Veranstaltung oder der Gottesdienst ökumenisch sein sollte. So habe ich z.B. seit Porto Alegre an drei großen ökumenischen Veranstaltungen mit mindestens 7000 Menschen teilgenommen, auf denen ich jeweils in ganz einfachen Worten über eine Stunde lang zu einem ökumenischen Thema gepredigt habe. Ich versuche, ganz normalen Menschen unsere tiefen Anliegen zu vermitteln. Und ich bin sicher, dass es sie berührt.

 

Egal, wo ich hingehe, ich stelle immer dieselbe Frage: "Warum betrifft die Ökumene uns alle? Egal, ob Sie der charismatischen Bewegung angehören, ob sie baptistisch oder katholisch sind, es gibt eine Sache, die Sie nicht abstreiten können - dass wir uns auf dem Weg zur Vollendung der einen Kirche befinden. Denn genau das sagt Jesus in seinem Gebet, genau das bekennen Sie jeden Sonntag. Trotz aller Unterschiede, die es zwischen uns gibt, kommen Sie und machen Sie sich mit uns auf den Weg."

 

Nach all diesen Jahren in der ökumenischen Bewegung komme ich erst jetzt dazu, so viel mit normalen Menschen über die Ökumene zu sprechen. Früher kam ich von ÖRK-Tagungen zurück, berief meine Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen ein und informierte sie über alle wichtigen Beschlüsse, die umgesetzt werden mussten. Jetzt tue ich das selbst und finde es sehr schön. Ja, ich wünschte, ich wäre jünger und könnte genau das tun - mit den Menschen über den Krieg im Nahen Osten sprechen und ihnen sagen, dass wir für den Frieden eintreten.

 

Was ich heute tue, ist sehr konkret. Ich bin ein freier Mensch. Meine wichtigste Aufgabe ist es, das Evangelium zu verkünden. Und wenn ein Muslim mich zum Dialog einlädt, dann bin ich immer bereit.

 

(*) Stephen Webb ist Medienbeauftragter der New South Wales Synod der Unionskirche in Australien

 

Biographische Informationen und ein kostenloses, hochauflösendes Foto von Pfr. Dr. Nababan sind verfügbar unter:

wcc-coe.org/wcc/press_corner/nababan-bio-g.html