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Studienbereiche

Glauben und Kirchenverfassung setzte sich im Verlauf des gesamten 20. Jahrhunderts mit Fragen auseinander, die die Kirchen als von zentraler Bedeutung für ihre Identität erkannt hatten und die sie von anderen Gemeinschaften unterschieden. Zu diesen Fragen gehörten: das Wesen der Gnade, das Verständnis der Sakramente, Taufe, Eucharistie und Amt, das Wesen der Kirche sowie Fragen der Interkommunion.

All diese und manch andere Themen entwickelten sich zu Fragen, die die Funktion von Grenzsteinen erhielten. Sie dienten dazu, Gemeinschaften in Abgrenzung voneinander zu definieren und verhinderten den Impuls, über eben jene Grenzen zu verhandeln und über die gegebenen Parameter des kirchlichen Lebens hinauszublicken, die jede Gemeinschaft kannte. Gegenwärtig setzt Glauben und Kirchenverfassung die Behandlung von Themen, die eine grenzmarkierende Funktion haben, fort:

Ekklesiologie

Sonntagabendgottesdienst der Kirche von Bangladesch in der St. Andrews-Kapelle in Dhaka (2002)

Seit der Vollversammlung in Harare hat Glauben und Kirchenverfassung eine Reihe von Fragen untersucht, die sich aus seiner vorherigen Arbeit ergeben haben und die aus der Sicht der Kirchen geklärt werden müssen, bevor sie Gemeinschaft miteinander eingehen können - d.h. bevor sie über ihre eigenen Grenzen hinausgehen können.

Aus den 180 Stellungnahmen, die die Kirchen zu dem Lima-Dokument "Taufe, Eucharistie und Amt" abgegeben haben, ging ganz klar hervor, dass diesem Dokument nach Meinung der Kirchen ein ekklesiologisches Verständnis vom Wesen der Kirche zugrunde liegt. Daher wurde Glauben und Kirchenverfassung nachdrücklich empfohlen, sich im Anschluss an "Taufe, Eucharistie und Amt" und nach der Fünften Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung in Santiago de Compostela (1993) mit dem Wesen und der Bestimmung der Kirche zu befassen. 

Die Kommission setzte sich mit der Frage der Ekklesiologie auseinander und arbeitete einen Textentwurf aus. Methodisch ging sie so vor, dass sie versuchte, Wesen und Bestimmung der Kirche theologisch zu definieren und die Themen zu identifizieren, mit denen die Kirchen sich voneinander abgrenzen und die einem gewissen Schubladendenken entsprechen. Solange diese Themen als unverhandelbar bzw. schwer zu verhandeln angesehen werden, können die Kirchen keine Beziehungen der vollen Gemeinschaft oder Einheit eingehen.

Die verwendete Arbeitsmethode, die darin besteht, immer wieder zu den biblischen und theologischen Quellen zurückzukehren, aus denen die unterschiedlichen späteren Positionen erwachsen sind, stützt sich auf die bereits im Lima-Dokument verwendete Methode. Auch hier wurden durch die Rückbesinnung auf die biblischen Wurzeln Unterscheidungen getroffen, die es den Kirchen ermöglichten, über ihre Wahrnehmungen voneinander hinauszugehen und über die Grenzen zu verhandeln. Solche Unterscheidungen wurden z.B. zwischen episkopé und Episkopat getroffen, zwischen apostolischer Sukzession und apostolischer Tradition oder durch die Betonung der Anamnese und die Rückbesinnung auf jene Tradition der Bibelauslegung - dies eröffnete Möglichkeiten größerer Übereinstimmung bei Themen wie das Opfer Christi und die Gegenwart Christi in der Eucharistie.

Als der erste Entwurf des Dokuments "Das Wesen und die Bestimmung der Kirche" (Studiendokument von Glauben und Kirchenverfassung, Verlag O. Lembeck, 2000) fertig gestellt war, wurde er an Kirchen, theologische Kommissionen, Kirchenräte und andere interessierte Einrichtungen mit der Bitte um eine erste Stellungnahme gesandt. Rund 40 Stellungnahmen wurden dazu abgegeben; der Text wird gegenwärtig überarbeitet. Die Kommentare waren inhaltlich interessant und hilfreich und der Prozess der Überarbeitung macht gute Fortschritte. Da sich bei den Kommentaren ein deutliches geographisches und konfessionelles Ungleichgewicht ergab, haben wir Schritte unternommen, um eine gewisse Ausgewogenheit zu erreichen. Wir konzentrieren einen Großteil unserer Aufmerksamkeit darauf, Vorschläge für eine Überwindung der als unlösbar angesehenen Probleme auszuarbeiten.

Bei der Überarbeitung des Textes entstand der Eindruck, dass bestimmte Fragen noch untersucht werden müssten, die in dem früheren Dokument vielleicht unzureichend behandelt worden sind und die als eigenständige Fragen angesehen werden müssen. Daher wurde für den Zeitraum von 1999-2004 eine Reihe von vier Konsultationen vorgesehen:

  • eine Konsultation zum Thema "Ekklesiologie und Mission" in Zusammenarbeit mit Kollegen/innen aus der Kommission für Weltmission und Evangelisation
  • eine zweite Konsultation zur Frage "Hat die Kirche sakramentalen Charakter?"
  • eine dritte zum Thema "Autorität und verbindliche Lehre"
  • und eine vierte zu "Amt und Ordination in der Gemeinschaft von Frauen und Männern in der Kirche".

Taufe

Eine Taufe in der Mar-Thoma-Kirche von Jabel Ali in Dubai.

Die zweite Frage mit grenzmarkierender Relevanz betrifft die Taufe. Die Taufe in den Tod und in die Auferstehung Christi ist eine Taufe in eine Wirklichkeit hinein, die eine sowohl partikulare als auch universale Gestalt hat. Und doch haben die Kirchen Schwierigkeiten, sich voll zur gegenseitigen Anerkennung der Taufe zu bekennen. Die alten Spannungen zwischen den Kirchen, die auf der Grundlage eines persönlichen Glaubensbekenntnisses taufen, und denen, die die Kindertaufe praktizieren, zwischen den Kirchen, die die Taufe als einmaliges Ereignis verstehen, und denen, die sie als typisches Merkmal für das ganze christliche Leben ansehen, bestehen fort.

In jüngeren Untersuchungen wurde es als nützlich erachtet, sich nicht nur mit der Theologie der Taufe auseinander zu setzen, sondern auch die liturgischen Gottesdienste der verschiedenen Kirchen zu erforschen, um herauszufinden, was jede Kirche in der Praxis tut, welche Bedeutung sie ihren Praktiken gibt und inwieweit die Taufe zur Grundlage für das Amt, für das Miteinanderteilen des Gemeinschaftsmahls und für die Anerkennung ekklesialer Gemeinschaften wird.

Die frühere Arbeit zu "Taufe, Eucharistie und Amt" führte dazu, dass eine Reihe von Kirchen neue Beziehungen einging, wie z.B. in Porvoo, Meissen, Waterloo, durch die "Formula of Agreement" usw. Aus diesen Beziehungen geht sehr deutlich hervor, dass das Kapitel über die Taufe im Lima-Dokument als Grundlage für die gegenseitige Anerkennung der Mitglieder und die gegenseitige Anerkennung als Kirchen diente. Einige vereinigte/sich vereinigende Kirchen verwenden genau wie einige Lokale Ökumenische Partnerschaften (LEPs) in den Gemeinden vielfältige Taufpraktiken.

Zudem haben mehrere Faktoren dazu geführt, dass die Zahl der Ersttaufen von Erwachsenen zunimmt - auch in Kirchen, die die Kindertaufe praktizieren. Dies hat zu einer neuen Situation geführt, in der die Erwachsenentaufe in allen Kirchen immer mehr an der Tagesordnung ist.

Wie weit wird es uns gelingen, auf dieser Arbeit aufzubauen und über diese Impulse hinaus bis zur gegenseitigen Anerkennung weiterzugehen - und so die Grenzen zu überwinden?

Hermeneutik

Alle Kirchen akzeptieren, dass ihre Theologie und ihr Verständnis in der Heiligen Schrift und im fortlaufenden Bemühen christlicher Gemeinschaften um Auslegung der Heiligen Schrift wurzeln. Eine wichtige Vereinbarung über Schrift und Tradition wurde auf der Vierten Weltkonferenz für Glauben und Kirchenverfassung in Montreal (1963) erreicht. Und doch ist es gerade der Auslegung der Schrift zuzuschreiben und der Unfähigkeit, zu einer gemeinsamen Auslegung zu gelangen, dass die Abgrenzungen voneinander bestehen bleiben und sich die Gemeinschaften gegeneinander definieren. Deshalb ist vor einiger Zeit eine Untersuchung zur Hermeneutik durchgeführt worden, die unter dem Titel "Treasure in Earthen Vessels" (Faith and Order Paper Nr. 182) veröffentlicht worden ist.

Diese Arbeit wird gegenwärtig fortgeführt mit dem Ziel, die Themen Schrift und Tradition und konfessionsgebundene Hermeneutik zu vertiefen und die Frage der mündlichen Überlieferung und Symbole zu untersuchen. Die Auslegung der Schrift durch die Kirchen ist nicht nur eine verbale Auslegung oder eine Auslegung mit den Worten des Evangeliums. Es ist auch eine Auslegung, die in Symbolen, Gesten, Worten, in Gottesdienst und Musik zum Ausdruck kommt. Inwieweit wird es uns dadurch ermöglicht, auf eine Hermeneutik der Gemeinschaft zuzugehen? Und inwieweit werden dadurch Abgrenzungen voneinander vorgenommen?

 

Theologische Anthropologie

Auf der ÖRK-Vollversammlung 1998 in Harare wurde die Kommission für Glauben und Kirchenverfassung gebeten, Fragen theologischer Anthropologie zu untersuchen in der Hoffnung, theologische Grundlagen für die Auseinandersetzung mit Fragen im Blick auf die Identität von Gemeinschaften, menschliche Sexualität, Menschen mit Behinderungen und Bioethik zu schaffen.

Eine Reihe von Konsultationen ist geplant, die sich mit der Natur des Menschen, der nach dem Bilde Gottes geschaffen ist, befassen werden. Dies ist heute angesichts der Schwierigkeiten, die die gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungen für das Verständnis der menschlichen Identität mit sich bringen, dringend notwendig geworden.

Mit der Untersuchung der Imago Dei soll versucht werden, zu einem gemeinsamen theologischen Verständnis des Menschseins zu gelangen, damit die Kirchen sich in ihrem Ringen um ethische und andere theologische Fragen auf theologische Grundlagen stützen können, die den Menschen nicht als Objekt, sondern als Subjekt verstehen.

 

Ethnische Identität, nationale Identität und die Suche nach Einheit

Flüchtlingsfamilie in Burundi

Auf der Tagung der Ständigen Kommission in Budapest (1989) beschloss Glauben und Kirchenverfassung, sich mit den Fragen ethnischer Identität, nationaler Identität und der Einheit der Kirche zu befassen. Es war klar, dass Konflikte in aller Welt häufiger mit internen ethnischen Auseinandersetzungen zu tun haben als mit internationalen Konflikten zwischen Ländern.

Die Kirchen gehören insbesondere bei ethnischen Konflikten verschiedenen Lagern an. Dies mag ein Ergebnis der Comity-Vereinbarungen sein, die zu Beginn des letzten Jahrhunderts getroffen wurden und mit denen den Kirchen bestimmte Territorien für ihre missionarische Arbeit zugewiesen wurden. Die Kirchen "teilten" speziell die Landkarte von Asien und Afrika "unter sich auf" und vereinbarten, nicht in Wettbewerb miteinander zu treten, sondern im Geist der Zusammenarbeit Beziehungen zu bestimmten Völkern aufzubauen.

Heute greifen die Kirchen auf verschiedene Typologien zurück, um die unterschiedlichen Erfahrungen ihrer Gemeinschaften zu deuten - z.B. die Typologie des Exils gegenüber der des Bundes, die des Opfers gegenüber der des Meisters, die Frage des Landes. Gehört das Land einem bestimmten Volk? Oder wird es in die Obhut eines Volkes gegeben und was bedeutet das für die Beziehungen zwischen Menschen?

Eine Studie über ethnische Identität wird in Zusammenarbeit mit Kirchenräten, die in Konfliktsituationen leben - insbesondere in Fidschi, Sri Lanka und dem Sudan -, und mit einem ökumenischen Institut in Irland durchgeführt.

Der eigentliche Skandal der Bindung von Kirchen an Gemeinschaften, die in Konflikt miteinander stehen, liegt darin, dass das Evangelium gefangen gehalten wird. Die Abgrenzung erfolgt mit Hilfe von Paradigmen des Evangeliums. Wie können die Kirchen diese Abgrenzungen überwinden? Im Rahmen des Projekts sind zwei Konsultationen mit Bibelwissenschaftlern/innen, Theologen/innen und Sozialwissenschaftlern/innen geplant, die sich mit Fragen des Nationalismus, der ethnischen Zugehörigkeit und der Einheit aus ihrer jeweils eigenen Sicht befassen werden, aber auch in Interaktion mit den lokalen Kirchen, die diesen Fragen vor Ort nachgehen.

 

Gottesdienst

Eine der zentralen Aufgaben von Glauben und Kirchenverfassung besteht darin, die Wesensmerkmale des Gottesdienstes zu untersuchen. Der Schwerpunkt dieser Arbeit verlagert sich augenblicklich von der Taufe auf die Eucharistie und auf das Wesen des Gottesdienstes. Dadurch, dass im Team für Glauben und Kirchenverfassung seit Mitte der 1990er Jahre eine für Gottesdienstfragen zuständige Person mitarbeitet, konnte zunehmend auch Informationsarbeit geleistet und Raum für den Austausch von Gottesdienstmaterialien zwischen Kirchen in aller Welt angeboten werden. Das bedeutet, dass die Kommission Gottesdienstmaterialien heute nicht nur für ökumenische Veranstaltungen, sondern auch für Kirchen bereitstellt, die über die Grenzen und Horizonte ihrer eigenen Gottesdiensttraditionen hinausgehen wollen. In den letzten zehn Jahren ist eine Reihe von Gottesdienst-Workshops organisiert worden, während sich ein Zentrum für Gottesdienstmaterialien einen Überblick darüber verschafft, wie Kirchen Traditionen gemeinsamer ökumenischer Gottesdienste und der Verwendung von Gottesdienstmaterialien anderer Kirchen entwickeln.

In Zusammenarbeit mit dem Päpstlichen Rat zur Förderung der Einheit der Christen stellt Glauben und Kirchenverfassung Materialien für die Gebetswoche für die Einheit der Christen bereit. Dies ist zusammen mit der Bereitstellung anderer Gottesdienstmaterialien vielleicht der Bereich, wo die Präsenz und die Bedeutung des ÖRK im Leben der Gemeinden am deutlichsten spürbar werden. Jedes Jahr wird eine Gruppe auf Ortsebene eingeladen, einen Entwurf für die Acht-Tage-Texte vorzubereiten, die in den gottesdienstlichen Veranstaltungen und -feiern der Gebetswoche verwendet werden. Dieser Ausgangsentwurf wird dann gemeinsam von Vertretern und Vertreterinnen von Glauben und Kirchenverfassung und des Päpstlichen Rates diskutiert. Anschließend wird der endgültige Text ausgearbeitet und an Kirchen in aller Welt gesandt, die ihn dann an ihre eigene Situation anpassen.

Nach der Vollversammlung in Harare war eine Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK tätig. Eine Reihe von Anliegen, die die Sonderkommission herausgearbeitet hat, hat mit Fragen zu tun, die Glauben und Kirchenverfassung gegenwärtig untersucht - Ekklesiologie, Taufe, gemeinsame Andacht. Nach Vorlage des Berichts der Sonderkommission (2002) ersuchte der Zentralausschuss Glauben und Kirchenverfassung, die Untersuchung dieser zentralen Fragen, die sowohl Auswirkungen auf die zwischenkirchlichen Beziehungen als auch das Leben des ÖRK selbst haben, fortzusetzen.