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Weihnachten 2015

Grußbotschaft vom Ökumenischen Rat der Kirchen

30 November 2015

Grußbotschaft vom Ökumenischen Rat der Kirchen

Auch erhältlich in englischer, französischerspanischer und russischer Sprache (pdf, 400 KB).

Koptische Ikone: Flucht nach Ägypten

„Da stand Josef auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten.“
Matthäus 2,14

„…so dass die Mutter mit dem Kind in eine fremde Gegend vertrieben wird.“
Johannes Chrysostomos zu Mt 2,14 wie durch Thomas von Aquin zitiert

 

Das Weihnachtswunder erstrahlt in der Herrlichkeit Gottes und hallt im Klang fröhlicher Gesänge wider. Das Matthäus-Evangelium erzählt von den Weisen, die einem Stern folgen, von der biblischen Prophezeiung erfahren und mit Schätzen beladen nach dem zum Heiland geborenen Kind suchen. Ihr Pilgerweg führt sie schließlich zu „dem Ort, wo das Kindlein war“: Ein friedlicher Ort, an dem sie voll Ehrfurcht innehalten. Dann ziehen sie auf einem neuen, anderen Weg wieder in ihr Land und erzählen unterwegs ihre Geschichte.

Bei all dem Guten und der Herrlichkeit dieser Frohen Botschaft erinnert uns der Evangelist aber daran, dass die Geburtsszene Jesu vor dem Hintergrund einer brutalen Realität stattfindet, die wir nur allzu gut kennen. Wie es im Matthäus-Evangelium (2,13-14) heißt, nahmen die Weisen aus dem Morgenland von der Heiligen Familie Abschied und dann:

„… erschien der Engel des Herrn dem Josef im Traum und sprach: Steh auf, nimm das Kindlein und seine Mutter mit dir und flieh nach Ägypten und bleib dort, bis ich dir’s sage; denn Herodes hat vor, das Kindlein zu suchen, um es umzubringen. Da stand er auf und nahm das Kindlein und seine Mutter mit sich bei Nacht und entwich nach Ägypten...“.

Bereits kurz nachdem der Stern den Weg zum Geburtsort Christi gewiesen hatte, kommt es zur Flucht nach Ägypten. Die Weihnachtsgeschichte und der Dreikönigstag bleiben unvollständig, wenn wir es versäumen, an die Flüchtlinge zu denken... Flüchtlinge, denen der Engel seinen Segen zuflüstert und Gottes treue Fürsorge zusichert, als sie sich auf den Weg machen.

In diesem Jahre des Herrn 2015 sind in der Welt mehr Menschen auf der Flucht als jemals zuvor. Gemäß dem Jahresbericht der Flüchtlingsorganisation der Vereinten Nationen (UNHCR) ist die Zahl der Menschen, die aus ihrer Heimat fliehen mussten, von 51,2 Millionen Mitte 2014 und 37,5 Millionen vor knapp zehn Jahren auf mindestens 59,5 Millionen gestiegen. Diese bedrückenden Zahlen stehen für Abermillionen von Frauen wie Maria, Männer wie Josef und Kinder wie das Jesuskind.

Gründe für die Flucht gibt es viele, jeder für sich allein ist schlimm genug: Krieg, Ungerechtigkeit, Verfolgung, Krankheit und Naturkatastrophen oder die Folgen des Klimawandels sind nur einige der Ursachen für menschliche Not und Verzweiflung weltweit. Die Übel müssen an der Wurzel gepackt werden, auch während wir in unserem Dienst der Fürsorge und der Heilung einander zu helfen versuchen.

Im Laufe des vergangenen Jahres hatte ich die Gelegenheit, Flüchtlinge und Menschen in Kirchen und Hilfswerken zu begegnen, die die Flüchtlinge in ihrer schweren Prüfung begleiten. Der Großmut und die Achtung der Menschenwürde auf allen Seiten haben mich sehr beeindruckt. Wir haben einander vieles zu bieten. Dazu gehören Eigenschaften wie Würde, Mitgefühl, Hoffnung und Liebe. Dies ist ein kritischer Moment im Leben der Kirchen und der Gesellschaften auf allen Kontinenten und in allen Regionen.

In einer Mitteilung zur Flüchtlingskrise machten Kirchenleitende unlängst folgende Aussage:

Als Christen teilen wir den Glauben, dass wir im Anderen das Bild von Christus selber sehen (Mt 25,31-26)… Die Erfahrung der Migration und der Überquerung von Grenzen sind der Kirche Christi bekannt. Die Heilige Familie selber war auf der Flucht; auch die Menschwerdung unseres Herrn ist eine Überquerung einer Grenze, nämlich diejenige, zwischen dem Menschlichen und dem Göttlichen.“

Ferner kamen sie unter anderem zu folgendem Schluss:

„Für uns als Kirchen bietet sich die Gelegenheit, umfassend Erfahrungen und Wissen weiterzugeben und spirituelle und seelsorgerische Unterstützung anzubieten, ökumenisch und konfessionsübergreifend zusammenzuarbeiten und Brücken zwischen unterschiedlichen Gemeinschaften zu bauen“.

Zu diesem Zeitpunkt im christlichen Kalenderjahr gedenken wir Gott, der in seiner unermesslichen Liebe für die Welt ihr seinen Sohn Jesus Christus schenkte. Einmal mehr lesen wir die Geschichte seiner Familie, die aus ihrer Heimat fliehen musste, um einen sicheren Ort zu suchen. Dabei erinnern wir uns auch an spätere Lehren unseres Herrn, wie in Matthäus 25,40 geschrieben steht:

„Wahrlich, ich sage euch: Was ihr getan habt einem von diesen meinen geringsten Brüdern, das habt ihr mir getan”.

Lasset uns in dieser festlichen Jahreszeit, zu der wir die Menschwerdung in unserem Herrn und Heiland Jesus Christus feiern, allen Gaben Gottes in der Schöpfung Ehre erweisen und allen Brüdern und Schwestern in der Familie der Menschen mit Achtung begegnen!

Möge Gottes guter Weihnachtssegen mit euch sein und mögt ihr Seinen Segen weitergeben!

Pastor Dr. Olav Fykse Tveit
ÖRK-Generalsekretär

Audio-Aufnahme der Botschaft, gelesen von Pastorin Dr. Dagmar Heller, Dozentin am Ökumenischen Institut Bossey und Programmreferentin im Sekretariat der ÖRK-Kommission für Glauben und Kirchenverfassung.

ÖRK-Weihnachtsvideo 2015:

Text und Noten des Lieds Uhibbuka Rabbi Yasu' stehen zum Download bereit auf: http://www.oikoumene.org/en/resources/documents/wcc-programmes/spiritual-life/uhibbuka-rabbi-yasu/